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Dieses Thema hat 19 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

14.01.2018 20:45
#16 RE: Das blaue Palais (1974-76, TV) Zitat · antworten

BEWERTET: "Das blaue Palais" - Folge 2 "Der Verräter" (Deutschland 1974)
mit: Werner Rundshagen, Luomi Iacobesco, Silvano Tranquilli, Andras Fricsay, Dieter Laser, Peter Fricke, Herbert Steinmetz, Lyne Chardonnet, Georg Marischka, Tsai Lien Wang u.a. | Buch und Regie: Rainer Erler

Dr. Klöpfer arbeitet an einer Versuchsreihe mit Laserstrahlen und fordert vom "Blauen Palais" nicht nur einen großen Teil des Forschungsetats, sondern verschanzt sich auch im Obergeschoss und zelebriert eine Geheimniskrämerei, die seine Kollegen misstrauisch macht. Als es in seinem Labor zu einer Explosion kommt und immer noch keine nennenswerten Ergebnisse vorliegen, weist Professor Palm seinen Mitarbeiter darauf hin, dass keine weiteren Gelder in das Projekt fließen werden. Daraufhin sucht sich Klöpfer private Unterstützer und ebnet sich damit den Weg in ein risikoreiches Unterfangen, aus dem er nicht mehr herauskommt....



"Nur wirtschaftlich sinnvolle Methoden haben eine Chance auf dem Markt." Die Argumente Für oder Wider stehen immer im Raum, wenn über neue Forschungen abgestimmt wird, die nicht nur Zeit und Energie, sondern auch Unsummen von Geld benötigen. Erneut ist es ein Querkopf, der seine Ideen gegen alle Anfeindungen seiner skeptischen Umgebung durchsetzen will. Werner Rundshagen gibt dem Physiker ein kantiges Gesicht und stattet ihn mit Eigensinn, Renitenz und List aus. Wenn er in eine Dampfwolke gehüllt mit Herbert Steinmetz seine Versuche durchführt, schaut die Entschlossenheit aus seinem unruhigen Blick. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich zu sein, wird durch die Ablehnung seiner Kollegen noch befeuert. "In diesem Haus gab es noch nie Geheimversuche." Die Einwände aus den Reihen der "Palais"-Angestellten werden immer heftiger und steigern die anfangs eintönige Atmosphäre zum spannenden Kampf eines Einzelgängers gegen den Rest der Welt. Die peitschenden Argumente seines Kollegen Dieter Laser treiben die Handlung voran und lassen den Showdown im Innenhof des Gebäudes zu einem stimmigen Ereignis werden. Während der Schnee kontinuierlich und leise herabfällt, lauern Georg Marischka und sein Gehilfe am Eisentor. Der schwerfällige Österreicher mit der Bauernschläue verheißt nichts Gutes, da seine Aktionen eiskalt und berechnend ablaufen. Er fängt seine Opfer mit charmanten Komplimenten und real erscheinenden Versprechungen ein und überlässt die Schmutzarbeit seinen gekauften Gefolgsleuten. Wieder wird Luomi Iacobesco als Sibilla auf die Fährte des abtrünnigen Wissenschaftlers angesetzt und muss sich in der fremden Kultur ebenso behaupten, wie sie abwägen muss, ob sie dem freundlichen Herrn aus dem selben Sprachkreis vertrauen kann oder nicht.

Das Potential der Wissenserweiterung stellt einen wichtigen Faktor der fünfteiligen Reihe dar, wird man doch in die "Aufgabe, der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen" ebenso eingeweiht wie in die internen Querelen und Zweifel der Forscher, die unterschiedlich emotional in die einzelnen Fälle hineingezogen werden. Peter Fricke bleibt diesmal im Hintergrund, er ist der Beobachter und überlässt es seinem sanguinischen Kollegen Polazzo lautstark vor den Gefahren und Risiken der Stickstoffoxidation zu warnen. Der Weg führt wieder nach Asien, diesmal nach Hongkong, wo selbst ein architektonisch offen gestaltetes Gebäude zur Falle werden kann. Die subtile Bedrohung lässt den Bewegungsradius von Werner Rundshagen immer kleiner werden und macht ihn zum Gefangenen seiner eigenen Aufmüpfigkeit. Wo er Freiheit erwartete und offene Karten, präsentiert man ihm strikte Kontrolle und Einengung seiner Tätigkeit. Der Zuseher beobachtet ihn durch die Augen von Luomi Iacobesco, die dem Strudel der Ereignisse knapp entgehen kann, weil sie diesmal weniger aus menschlichen Gründen, denn aus wissenschaftlichen Motiven handelt. Die Überraschung spiegelt sich seltener auf ihrem Gesicht und sie nimmt viele Wendungen mit Fassung, während ein Lächeln ihre Lippen umspielt und sie über den Lauf der Dinge ironisch zu staunen scheint. Der abschließende Exkurs nach Alaska als Antwort auf alle Fragen wirkt hier fast schon philosophisch und unterstreicht den Fatalismus, der zu Beginn jeder Folge anklingt, gesprochen von Professor Palm. Zweifellos bleibt der Zuschauer erneut nachdenklich zurück, weil das Institut um einen klugen Kopf ärmer, dafür jedoch um eine kuriose Erfahrung reicher geworden ist.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

21.01.2018 20:40
#17 RE: Das blaue Palais (1974-76, TV) Zitat · antworten

BEWERTET: "Das blaue Palais" - Folge 3 "Das Medium" (Deutschland 1974)
mit: Angelika Bender, Edward Meeks, Luomi Iacobesco, Peter Fricke, Silvano Tranquilli, Henning Gissel, Dieter Laser, Andras Fricsay, Lyne Chardonnet, Herbert Steinmetz, Günther Kaufmann, Conny Palme, Ronald G. Nitschke u.a. | Buch und Regie: Rainer Erler

Der Atomphysiker Professor Cavington kommt aus England, um mit den Kollegen vom "Blauen Palais" den Fall der achtzehnjährigen Petra Rossak zu untersuchen. Das Mädchen hatte an zwei Wochenenden hintereinander die richtigen Lottozahlen genannt und ihren Freunden damit je eine halbe Million beschert. Zudem wusste es, wer beim Pferderennen als Erster durch die Ziellinie laufen würde und sah voraus, dass seine Lieblingskneipe abbrennen würde. Allerdings sind Petra in letzter Zeit einige Schnitzer unterlaufen. Ihre Vorhersagen sind nicht mehr präzise und ihre Freunde - die das große Geld wittern - setzen sie unter Druck. Professor Cavington bringt Petra ins "Blaue Palais", wo sie sich zunächst sperrt und Widerstände gegen die wissenschaftlichen Tests entwickelt. Doch dann erzielt sie ganz erstaunliche Ergebnisse und setzt durch die Kraft ihrer Gedanken sogar einen Filmprojektor in Flammen....



Die Parapsychologie ist ein Bereich, für den sich viele Menschen interessieren. In Freiburg gibt es seit 1950 das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, in dem Psychologen, Physiker, Soziologen und Mathematiker versuchen, Erklärungen für angebliche Phänomene zu finden und dabei wissenschaftliche Methoden anwenden. Als Referenz an die Parapsychologische Beratungsstelle wird der Fall der Rosenheimer Rechtsanwaltskanzlei Adam aus dem Jahr 1967 erwähnt, bei dem die psychokinetische Energie der Anwaltsgehilfin Phänomene ausgelöst haben soll. Entsprechend gespannt wartet man auf unerklärliche, auch unheimliche Vorgänge und vergisst für einen Moment, dass es sich bei "Das blaue Palais" um eine preisgekrönte Science-Fiction-Produktion handelt und nicht um ein Horrormovie von James Wan ("The Conjuring"). Angelika Bender wirkt ebenfalls ganz normal und trägt weder ätherische, noch sinistere Züge. So ertappt sich der auf gepflegten Grusel eingestellte Zuschauer dabei, auf den großen Knall zu warten; auf den Ausbruch des Chaos', das die Ordnung im "Blauen Palais" außer Kraft setzt. Entgegen ihrer Maxime "Kluge Tiere lassen sich nicht dressieren" arbeitet Petra bald fleißig mit und löst die an sie gestellten Aufgaben. Ihre Präkognition beeindruckt jedoch vor allem im Alltag, wenn das siegreiche Pferd nach dem Rennen disqualifiziert wird oder sie voraussieht, dass die Motorradrocker nach Sonnenaufgang vorfahren werden. Edward Meeks zeigt einen hartnäckigen Forscher, der auf Ergebnisse drängt, ist dabei aber weniger exzentrisch als sein Kollege Werner Rundshagen in Folge 2. Luomi Iacobesco obliegt wieder das Verdienst, einen behutsamen Zugang zum "Forschungssubjekt" zu finden, indem sie dem Mädchen Zeit lässt und empathisch auf ihre Bedürfnisse nach Pausen eingeht. Ihre Anwesenheit sorgt stets für einen Ausgleich unter den manchmal hitzigen Männern, die mit dem Kopf durch die Wand wollen oder sich persönlich gekränkt fühlen, wenn etwas nicht klappt.

Erneut dreht die Handlung in den letzten zwanzig Minuten nach Asien, diesmal nach Thailand. Buddhistische Mönche scheinen den richtigen Ton zu treffen, um zu dem Mädchen durchzudringen, erstmals sieht man sie lächeln und sich entspannen. Ihre Natürlichkeit macht sie zu einem Studienobjekt ohne doppelten Boden und Hintertür. Mehrmals zweifelt sie an sich selbst und stellt die Forscher vor eine Geduldsprobe. Auch innerhalb der Mauern des Instituts ist man sich nicht einig, wieder einmal wird es Peter Fricke sein, der in Opposition geht und offen Kritik anbringt. Günther Kaufmann ist der Anführer der gefährlich wirkenden Motorradclique, die rabiat und selbstgerecht zuschlägt, wenn ihre Interessen verletzt werden. Die Jugendlichen bilden dabei eine seltsame Mischung aus Pragmatismus, Abschottung und Parasitentum. Sie profitieren von Petras Fähigkeiten wie von einer Gans, die goldene Eier legt, wertschätzen sie deshalb jedoch keineswegs, sondern versuchen, immer mehr aus ihrer Sehergabe herauszuholen. Dieser Mangel an Sympathie und Loyalität bewirkt schließlich, dass das Mädchen bis zur Erschöpfung beweisen will, dass sie kann, was man von ihr erwartet. Sie erbringt dabei immer nur Erfolge für die anderen und steht am Ende mit leeren Händen (und gebrochenen Knochen) da. Ihre "Kunst" erweist sich als ebenso wenig berechenbar wie die Zukunft und obwohl sie einiges voraussieht, kann sie die Konsequenzen doch nicht verhindern, was das Talent unbrauchbar werden lässt. Angelika Bender gelingt es, einen Charakter zu zeigen, der wegen seiner Passivität zum Spielball der Brutalen wird, dem aber ein starker Wille innewohnt, der aus der Reserve gelockt werden kann. Leider erkennt sie zu spät die Gefahr, die ihr droht.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

28.01.2018 14:05
#18 RE: Das blaue Palais (1974-76, TV) Zitat · antworten

BEWERTET: "Das blaue Palais" - Folge 4 "Unsterblichkeit" (Deutschland 1976)
mit: Evelyn Opela, Eva Renzi, Peter Fricke, Silvano Tranquilli, Udo Vioff, Dieter Laser, Eric P. Caspar, Helga Anders, Frederick Jaeger, Herbert Steinmetz, Jean Henri Chambois u.a. | Buch und Regie: Rainer Erler

Jeroen de Groot und Sibilla Jacopescu reisen nach Cambridge, um sich am King's College mit Ian McKenzie zu treffen, der mit Taufliegen experimentiert, um den Beweis für die Unsterblichkeit zu erbringen. Doch der Wissenschaftler arbeitet nicht mehr dort. Nach einem Streit mit dem Kollegium hat er sich auf das Stammschloss seiner Vorfahren nach Schottland zurückgezogen. Die beiden Mitarbeiter des "Blauen Palais" reisen in den rauen Norden, wo sie McKenzies Frau Eva kennenlernen, die sie einlädt, auf dem Felsenansitz zu übernachten. Der Wissenschaftler ist schwer krank und sieht seinem Tod entgegen. Schroff weist er de Groots Bemühungen um seine Forschungsergebnisse ab. Monate vergehen, da erscheint plötzlich Eva McKenzie im "Blauen Palais" und bietet dem Team nach dem inzwischen erfolgten Tod ihres Mannes an, die Suche nach dem Unsterblichkeitsserum wieder aufzunehmen....



Seit der dritten Episode sind zwei Jahre vergangen und zwei neue Schauspielerinnen zogen im "Blauen Palais" ein: Evelyn Opela und Helga Anders. Während Opela die exponierte Rolle der engagierten Sibilla von Luomi Iacobesco übernommen hat, ersetzt Anders ihre Kollegin Lyne Chardonnet, die nur am Rande zu sehen war. Bereits in den ersten Minuten zeichnet sich ab, dass Opela ihre Figur mit einem kontroversen Geist, unbändigem Ehrgeiz und aufgeschlossener Tatkraft ausgestattet hat. Anfangs sieht sie der Suche nach dem Genforscher McKenzie noch gleichmütig entgegen und schätzt an der Reise nach Schottland vor allem die Möglichkeit, aus den grauen Mauern des Instituts herauszukommen. Doch ihre Figur durchläuft eine faszinierende Wandlung, die bald für ein Duell der Superlative sorgen wird. Gebannt verfolgt man mit pochendem Herzen und gespitzten Ohren dem verbalen Schlagabtausch zwischen Evelyn Opela und Peter Fricke, der in dieser Folge wieder zentral zum Zug kommt und seiner Figur breiten Raum geben kann. Leidenschaftlich wettert Sibilla gegen den knappen Forschungsetat, der ihrem Projekt zur Verfügung steht. Während sie Pro Menschenversuche argumentiert, leiht Jeroen dem Contra sein Wort, während die übrigen Mitglieder des "Blauen Palais" zu Randfiguren verblassen. Der bemerkenswerte Wandel, den Sibilla von der Reisebegleiterin de Groots bis zur engagierten Verfechterin einer ergebnisorientierten Versuchsreihe durchläuft, gestattet Opela, ihr Potential voll auszuspielen. Ihre Reaktionen reichen von Begeisterungsfähigkeit über Trotz bis zum Starrsinn, der alle Konsequenzen in Kauf zu nehmen bereit ist - bis zur eigenen Vernichtung, falls dies nötig sein sollte. Der Konsens des Forschungsteams steht dabei auf einem anderen Blatt Papier.

Udo Vioff hat einen kurzen Auftritt als Wissenschaftler wider Willen; seine Fähigkeiten haben einen Geist aus der Flasche befreit, welcher der Welt Unheil und Zerstörung bringen wird. Resigniert lugt er als kapitulierender "Lord of the Flies" hinter einem Waldschratbart hervor und muss von Eva Renzi die Wendeltreppe hinaufgetragen werden. Seine Ängste haben ihn sich zurückziehen lassen in den Felsenhort seiner Vorfahren, die sich bereits in der Kunst der gegenseitigen Vernichtung übten. Die einführenden Worte der Schlossführung durch Eva McKenzie wirken nachträglich wie ein böses Omen. Beschäftigten sich schon die ersten drei Folgen mit der Frage, inwieweit ein Eingriff der Wissenschaft in die menschliche Natur mit den Prinzipien von Ethik und Moral zu verantworten ist, so kulminiert dieser Punkt in Episode 4 in erschütternder Weise im Spiel von Evelyn Opela und Peter Fricke. Das Paar entfremdet sich über den ungelösten Aspekten ihrer brisanten Arbeit: Verantwortung für sich und die anderen, persönlicher Ehrgeiz, Ausreizen von Grenzen und Überwindung von Urängsten und Zweifeln. Die Fragen, die in den Gesprächen aufgeworfen werden, eignen sich nach wie vor für kontroverse Diskussionen. "Ist denn Ratlosigkeit bereits eine Niederlage?" fragt Sibilla ihren Kollegen Jeroen, der wie alle Mitarbeiter des "Blauen Palais" vom Forscherdrang, Widerstände zu überwinden und das Unmögliche zu Ende zu denken angetrieben wird, gleichzeitig aber die Last der Verantwortung spürt, wenn Tabus gebrochen und Schranken geöffnet werden. Bewegung kommt ins Spiel, als "ein Engel nach Babylon kommt", wie jemand bei der Ankunft von Eva McKenzie süffisant bemerkt. Und in der Tat löst das Eintreffen der Witwe mit dem Koffer voller Geheimpapiere einen Hebel, der das Austesten der letzten Konsequenz bisher blockiert hatte.

Das Zusammenspiel zwischen Opela und Renzi erweist sich in mehrerer Hinsicht als reizvoll. Sibilla sieht in dem Forschungsprojekt nicht nur die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen und eine bahnbrechende Entdeckung in der Praxis zu testen, sondern möchte sich gern als Wissenschaftlerin profilieren. Auf der Überfahrt nach Schottland sieht man ihre sentimentale Seite, die sich im rumänischen Erbe ausdrückt, das sie sonst verdrängt, weil ihr Beruf Emotionen weitgehend ausklammern muss. Ein Moment, an den man sich später erinnert, wenn ihre Beziehung mit Jeroen in die Krise rutscht, ist das innige Bild der beiden an der Reling. Eva McKenzie ist der willkommene Schlüssel zum verrosteten Schloss, das Sibilla nun energisch aufschließt. Der Verbund der beiden Frauen wird zur stärksten Waffe im "Blauen Palais" und überwindet scheinbar mühelos alle Hindernisse. Eva und Sibilla ziehen an einem Strang und scheinen sich zunächst vollkommen einig zu sein. Doch während Sibilla der Wissenschaft ihr eigenes Leben zur Verfügung stellt, bleibt Eva empfänglich für andere Meinungen und setzt sich konstruktiv mit ihren Kollegen auseinander. Hier liegt der Unterschied zwischen der begeisterungsfähigen Sibilla und ihrer charakterstarken Kollegin Eva. Ein sehr schönes Beispiel bietet hier die Interaktion mit Peter Fricke, der mit Fragen und Thesen immer wieder nach der Sinnhaftigkeit der letzten Konsequenz in der Forschung sucht und sich aktiv einbringt. Professor Palm goutiert das Verhalten seines Mitarbeiter, doch es liegt ihm fern, seine engagierte Forscherin zu behindern. Wie schon bei den anderen Projekten beschäftigt ihn auch die Finanzierung der Abteilung, die begründet und abgesegnet werden muss.

Für Eva Renzi war das Engagement im "Blauen Palais" 1976 ein Gastspiel, das ihrer kritischen Haltung Rechnung trug und sie einmal mehr als oppositionelle und unabhängige Beobachterin zeigte. Sie taucht immer auf, wenn man es nicht erwartet und beschleunigt Entwicklungen, die von anderen herbeigewünscht wurden. Skeptisch nähert sie sich jenen an, deren Absichten sie noch nicht einschätzen kann. Sie wahrt eine gesunde Distanz, die verhindert, dass sie von Ereignissen mitgerissen wird, die sie nicht billigt bzw. deren Tragweite sie zum jeweiligen Zeitpunkt nicht abschätzen kann. Auf dem Territorium ihres Einflussbereiches bewegt sie sich mit lakonischem Pragmatismus. Sie hält sich mit ihrer Meinung nicht zurück, allerdings zügelt sie ihren freien Geist aus taktischen Gründen, was sie zu einer Figur werden lässt, die einen Trumpf in der Hinterhalt hält, der bei Bedarf ausgespielt werden kann. Als die Versuchsreihe an einem sensiblen Punkt angelangt ist, bricht Eva aus dem starren Schema aus und überlässt Sibilla sich selbst. Eva Renzi zeigt hier den Mut, sich alle Optionen offen zu lassen, obwohl sie vorher konzentriert und diszipliniert bei der Sache war. Anflüge von bitterem Humor und Sarkasmus unterdrückt sie ebenso wenig wie sie beweist, dass ihr emanzipierte Rollen passgenau stehen und ihrem Selbstverständnis entsprechen. Gerade in dieser Hinsicht bietet "Das blaue Palais" eine geeignete Plattform, wo weder Geschlecht, noch Alter im Wettbewerb um ertragreiches Arbeiten entscheidend sind. Allein in diesem Punkt stellt die Reihe einmal mehr unter Beweis, dass sie innovativ und zukunftsweisend ist. Eva Renzi ist die Repräsentantin dieses Modells und meistert ihre Aufgabe mit Leichtigkeit und Nachdruck.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

11.02.2018 14:10
#19 RE: Das blaue Palais (1974-76, TV) Zitat · antworten

BEWERTET: "Das blaue Palais" - Folge 5 "Der Gigant" (Deutschland 1976)
mit: Dieter Laser, Silvano Tranquilli, Jean Pierre Zola, Helga Anders, Ben Zeller, Eva Renzi, Peter Fricke, Eric P. Caspar, Franz Rudnick, Alexis von Hagemeister, Jean Henri Chambois, Herbert Steinmetz u.a. | Buch und Regie: Rainer Erler

Der Chemiker Enrico Polazzo forscht an einem belastbaren Ersatzstoff für Stahl und stellt seine bisherigen Erkenntnisse Interessenten vor, die Professor Manzini ins "Blaue Palais" eingeladen hat. Man macht ihm das Angebot, innerhalb eines hochtechnisierten Fachteams in New Mexico zu arbeiten, um seine Erfindung zu perfektionieren. Bald stellt er fest, dass die Arbeitsbedingungen nur auf den ersten Blick verlockend sind. Die Ergebnisse seiner Arbeit gehen in das Nutzungsrecht des Konzerns IMT über, während Polazzo glaubte, er könne das Patent für den synthetischen Werkstoff unter seinem Namen anmelden. Doch dies ist nicht seine einzige Enttäuschung: Weitaus schlimmer sind die Folgen, welche die Verwertung seiner Erfindung für die Umwelt nach sich ziehen werden....



Enrico Polazzo, dessen Engagement bisher von seinen Kollegen ein wenig in den Hintergrund gedrängt worden war, erhält in der letzten Folge der Science-Thriller-Reihe eine große Bühne. Zunächst geht es ihm darum, unter besten Bedingungen arbeiten zu können. Als der Durchbruch gelingt und man ihm eröffnet, sein geistiges Eigentum gehe in den Besitz der Firma über, die ihm die Möglichkeit gegeben hat, weitere Tests und Untersuchungen anzustellen, sucht er am Anfang nur nach Wegen, seine Erfindung außer Landes zu schmuggeln, bis ihn sein ehemaliger Vorgesetzter, Professor Palm auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Polazzos Ehrgeiz gilt dabei weniger dem Streben nach Profit, sondern der Anerkennung seiner Leistung. Bald muss er jedoch erkennen, dass das menschliche Bedürfnis nach Profilierung, Gewinnstreben und Vormachtstellung ins Unermessliche wächst, wenn es sich bei dem Betreffenden um einen multinationalen Konzern handelt. Polazzo geht es ab sofort nur mehr um Schadensbegrenzung und wie bereits einige seiner Kollegen zuvor, muss auch er nun erfahren, dass jede Innovation auch ihre Schattenseiten mit sich bringt, wenn sie dazu benutzt wird, kurzfristige Profite auf Kosten langfristiger Schäden zu generieren. Die Chancen, diesen Konglomeraten beizukommen, sind dabei geradezu null, weil "Verflechtungen, Verfilzungen und Interessen" so ausgeprägt sind, dass sich niemand mit den finanzstarken und einflussreichen Firmen anlegen will. Selbst die meinungsbildende Presse, die ihrerseits von Sponsoren, Werbeeinnahmen und dem Wohlwollen von Politikern und Wirtschaftsmagnaten abhängig ist, kapituliert oder wird mundtot gemacht. Idealisten werden diffamiert, ignoriert, bedroht oder gekauft; die Strategen der Konzerne wissen anscheinend genau, auf welchen Knopf sie bei ihren Widersachern drücken müssen. Wie sich am Ende herausstellt, ist selbst "Das blaue Palais" - bisher ein Hort für Freidenker - nicht gefeit gegen die Konsequenzen, welche demjenigen drohen, der sich eine abweichende Meinung erlaubt und die Unantastbarkeit der Giganten anzweifelt. Die Kreidezeichnung an der Wand kommt zu einem unausweichlichen Fazit.

Die letzte Folge der Reihe begibt sich in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man für den europäischen Sozialstaat nur ein müdes Lächeln übrig hat. Gefühle, Gewissensbisse und Bedenken muss man sich leisten können und der Wettbewerb mit den aufstrebenden Schwellenländern erhöht den Druck um ein Vielfaches. Enrico Polazzo tut sich schwer, diese Lektion zu lernen, was der Episode einen bitteren Realismus verleiht. Als "Man on the run" beweist Dieter Laser echte Hauptdarstellerqualitäten und nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die Weiten Mexikos und zwischen die Wolkenkratzerschluchten New Yorks. Die Diskrepanz zwischen den bescheidenen, freundlichen Menschen auf dem Lande, wo ein klappriger Bus den Staub der Straße aufwirbelt und den Konferenzen des Großkonzerns, wo Wortmeldungen zwar erlaubt, jedoch als unerwünschte, obsolete Verzögerungen gesehen werden. Neben Dieter Laser profilieren sich erneut Peter Fricke und Silvano Tranquilli als wichtige Stützen im Kampf um unumstößliche wissenschaftliche Fakten. Helga Anders bekommt als Verlobte des Chemikers Gelegenheit, die niederdrückende Stimmung im "Blauen Palais" kurzfristig ein wenig zu mildern, wobei man ihre Figur in die Nähe des unkritischen Konsumenten rückt, der vordergründig auf eigene Vorteile achtet und die negativen Konsequenzen seiner Bequemlichkeit auf die Umwelt verdrängt. Eva Renzi bleibt die stille Beobachterin, die am Bildrand oder im Bildhintergrund Zeugin der Gespräche wird, sich aber selbst nicht (mehr) einbringt. Die Herbststimmung untermalt den Niedergang des "Blauen Palais", in dessen Räumen lebhafte Diskussionen, Unangepasstheit und Kreativität großgeschrieben wurden. Die Bastion gegen die Beschränkung des Geistes fällt und es schmerzt, die prosaischen Worte aus dem Mund von Professor Palm zu hören. Wiederum hält sich die Serie jedoch nicht mit Sentimentalitäten auf, sondern akzeptiert den Lauf der Dinge in einer Welt, die ihren eigenen Gesetzen folgt und sich dabei selten als gerecht erweist. In diesem Sinn lehrt uns die Reihe, dass Würde und Anstand nicht automatisch auf Seiten der Gewinner zu finden sind.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

07.05.2018 12:47
#20 RE: Das blaue Palais (1974-76, TV) Zitat · antworten

Ich muss noch meine Gesamtwertung nachreichen, wobei ich feststellen möchte, dass die Serie für mich ein wunderbares, intellektuell anregendes Fernsehvergnügen war, wie man es selten erlebt.

"Das Genie" - 4 von 5 Punkten
"Der Verräter" - 3,5 von 5 Punkten
"Das Medium" - 3 von 5 Punkten
"Unsterblichkeit" - 5 von 5 Punkten
"Der Gigant" - 4,5 von 5 Punkten

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