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Dieses Thema hat 21 Antworten
und wurde 2.084 mal aufgerufen
 Filmbewertungen
Seiten 1 | 2
Jan Offline




Beiträge: 1.217

09.02.2016 23:44
#16 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

Nur tote Zeugen schweigen (Hipnosis)
BRD/Italien/Spanien 1962
Eine Produktion der International Germania Film, Köln
in Coproduktion mit Domiziana Internazionale Cinematografica, Rom und Procusa Film, Madrid
im Verleih der Constantin Film (deutsche Kinoauswertung)

Darsteller:
Namen der handelnden Personen aus der deutschen Fassung inkl. der deutschen Synchronstimmen in Klammern
Erik - Jean Sorel (Michael Chevalier)
Inspektor Kaufmann - Heinz Drache (Heinz Drache)
Chris - Götz George (Götz George)
Karin - Mara Cruz (Ursula Herwig oder Karin Baal)
Magda Berger - Eleonora Rossi Drago (Gisela Reißmann)
Georg - Massimo Serato (Addi Furler)
Katharina - Margot Trooger (Margot Trooger)
Polizeichef - Werner Peters (Werner Peters)
uvm.

Stab:
Kamera - Francisco Sempere
Musik - Francesco de Masi / Roman Vlad / Angelo Francesco Lavagnino
Drehbuch - Guiseppe Mangione / Eugenio Martin / Gabriel Moreno Burgos / Francis Niewal / Gerhard Schmidt nach einer Story von Gabriel Moreno Burgos
Schnitt - Antonio Gimeno (für die deutsche Version Edith von Seydewitz
Bauten - Ramiro Gomez
Produktionsleitung - Primitivo Alvaro / Michele Scaglione / Franz Thiery (wird zumindest in den Credits genannt)
Gesamtleitung - Dr. Alfons Carcasona
Regie - Eugenio Martin

Ex-Boxer Chris jobbt als Aushilfsfahrer bei einem Blumengeschäft und gibt in der Garderobe eines Theaters einen Strauß Blumen ab. Der Verlockung nicht widerstehen könnend, greift Chris in die nur allzu parat stehende Kiste mit einem Haufen Bargeld, die sich ihm in der menschenleeren Garderobe geradezu aufdrängt. Ehe er mit seiner Beute auf und davon kommt, wird er von dem Magier Georg überrascht. Kurze Zeit später ist Magier Georg tot. Doch nicht Chris erschlägt ihn, sondern Georgs Nebenbuhler Erik, der in dieser speziellen Situation ebenso seine Chance gekommen sieht, einen lästigen Gefährten beseitigen und den Mord Chris in die Schuhe schieben zu können. Mit den Ermittlungen ist Inspektor Kaufmann betraut. Dessen Überzeugung, dass der flüchtige Chris als Mörder dingfest zu machen ist, schwindet mit der Zeit mindestens ebenso wie Eriks Aussicht darauf, ungeschoren aus dieser heiklen Situation entkommen zu können.

Dr. Carcasona, interessierten Fans des deutschen Sixties-Krimis wohl vor allem aufgrund seiner in nicht unähnlichem Produktionsverbund realisierten Weinert-Wilton-Adaptionen bekannt, ließ für diesen durchaus ambitionierten Film nicht weniger als fünf Drehbuchautoren arbeiten. Nun sagt ein Sprichwort, dass zu viele Köche den Brei recht gut verderben können. Letztendlich kommt es nicht zu einem völligen Desaster, jedoch kann man dem Buch nicht absprechen, einige Fehltritte aufzuweisen. Mag die Rolle Margot Troogers und die ihr anhängende Unerklärlichkeit noch als Resultat einiger nachträglich gesetzter Schnitte erklärt werden, so sind einige dramaturgische Fragwürdigkeiten des Films doch unweigerlich dem Autorenteam anzulasten. Dankenswerterweise verstecken sich die Schreiber einmal nicht hinter dem allgegenwärtigen Whodunit-Prinzip. Vielmehr versuchen sie sich an einer Geschichte, die ihre Spannung daraus bezieht, dass der zu Unrecht gejagte Chris jederzeit entdeckt und von der Polizei festgenommen werden kann. Dieses Spannungsmoment ist aus zahlreichen Hitchcock-Filmen wohlbekannt und, wird es sauber umgesetzt, ein wahrer Spannungsmacher. Leider jedoch vermisst es "Nur tote Zeugen schweigen" an diesem Punkt eben, sauber zu bleiben. Viel zu früh bekennt sich Kaufmann zu Chris, der ihm gleich zu Beginn der Verfolgungsjagd das Leben rettete. Dieses Bekenntnis nimmt dem Moment des unschuldig Verfolgten einen Großteil an Bedrohung und damit leider auch an Spannung. Darüber hinaus legen die Autoren den Charakter des Chris viel zu selbstsicher an. Der Verfolgte agiert reichlich früh selbst als Jäger, stellt Erik eine clevere Falle und bewegt sich nahezu unbehelligt durch das Geschehen. Zu keinem Zeitpunkt kommt hierbei der Eindruck auf, der Verfolgte könne ernsthaft in Gefahr sein, denn einerseits scheint selbst Kaufmann frühzeitig nicht mehr an die Schuld des Flüchtenden zu glauben und andererseits wird dieser stets inmitten einer überaus sicheren Umgebung gezeigt (z.B. im Boxclub). Insofern zündet das Drehbuch an dieser Stelle kaum und es scheint den Autoren dann als Ausweg gerade recht gekommen zu sein, den Handlungsstrang mit der offenbar ein Eigenleben führenden Puppe weiterzuverfolgen. Dieser Strang ist in der Tat durchaus sehenswert, jedoch hätte er besser zu einem klassischen Whodunit gepasst, und er wirkt schlussendlich, als sei er ersatzweise hinzugekommen.

Eugenio Martin inszeniert das Buch, an dem er selbst beteiligt war, durchaus flott und mit schnellem Schnitt. Leider scheint das Ausdrucksvermögen, das er seinen Darstellern ganz offensichtlich nahe zu bringen versuchte, begrenzt. Ob Entsetzen oder Erschöpfung, ob Freude oder Empörung: Die Darsteller wischen sich stets mit beiden Händen durch das Gesicht. Dieser Akt der Verbildlichung zieht sich konsequent durch den Film, dessen Darsteller en gros zu den seinerzeit im europäischen Film gefragten Gesichtern zählen. Heinz Drache, der hier am Beginn seiner Edgar-Wallace-Karriere stand, gelingt ein süffisant angelegter Inspektor, dessen "Gegockel" in seiner leicht blasierten Steifheit zwar durchaus an einen Inspektor Martin erinnert, der jedoch auch latent ironisch einige Wesenszüge offenbart, die er bei Wallace eher weniger - und wenn, dann nur im "Hexer" - anbringen konnte. Der eigentliche Star des Films indes heißt Jean Sorel. Ein Franzose mit viel Spielerfahrung in allerlei europäischen Coproduktionen. Auf ihn ist der Film letztlich zugeschnitten und von den deutschen Darstellern, mit denen auch die vorliegende DVD-Auswertung ordentlich wirbt, ist abgesehen von Heinz Drache eigentlich weder Margot Trooger noch Werner Peters erwähnenswert. Beide sind prinzipiell entbehrlich und sehr wahrscheinlich nur ihrer Namen in Verbindung mit entsprechenden Vermarktungsmöglichkeiten in Deutschland wegen in den Film gekommen.

Wenig berauschend an dieser Carcasona-Produktion bleibt die Optik. Bemüht locker verwackelt Kameramann Sempre nicht wenige Einstellungen oder er beleuchtet zu dunkel bzw. zu hell. Das ruiniert zwar nichts, jedoch fällt auf, dass andere Produktionen jener Jahre, auch solche von Carcasona (z.B. "Das Geheimnis der schwarzen Witwe"), hochwertiger sind. Ebenso sieht es an der Musikfront aus. Sie untermalt nichts, schadet aber auch niemandem. Recht sicher entstand der Film in einem spanischen Atelier. Zumindest scheidet Italien aufgrund der im Film enthaltenen Außenaufnahmen als Drehort aus, und auch der für die Bauten verantwortlich zeichnende Spanier Ramiro Gomez lässt diese Vermutung zu. Gomez entwarf auch die Bauten zu den Carcasona-Produktionen der "Schwarzen Witwe" und des "Teppich des Grauens". Da es ganz offenbar die Absicht des Produzenten war, zumindest der deutschen Version auch deutsche Namen zu verpassen, wirken die Aufnahmen aus Spanien natürlich recht befremdlich. Die notwendige Synchronisation (deutsche Variante: Internationale Film-Union) tut ihr Übriges.

Fazit: Ein Film, der mehr hätte werden können als er wurde. 3 von 5 Punkte lassen sich aber sicher rechtfertigen.

Gruß
Jan

Giacco Offline



Beiträge: 1.450

12.02.2016 13:30
#17 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

Das "Film Echo" meldete 1962, dass zwar die Atelier-Aufnahmen in Madrid stattfanden, die Außenaufnahmen aber in Hamburg gedreht wurden.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.397

27.03.2016 15:04
#18 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

BEWERTET: "Nur tote Zeugen schweigen" (Original: "Hipnosis") (Deutschland / Spanien / Italien 1962)
mit: Jean Sorel, Eleonora Rossi Drago, Götz George, Heinz Drache, Mara Cruz, Margot Trooger, Werner Peters, Massimo Serato u.a. | Drehbuch: Gerhard Schmidt, Francis Niewal, Giuseppe Mangione, Gabriel Moreno Burgos | Regie: Eugenio Martin



Der Hypnotiseur Georg von Cramer liebt das Medium Magda Berger. Gemeinsam mit der Puppe Grog verblüffen sie Abend für Abend ihr Publikum. Erik Stein, der Assistent des Bauchredners, ist sowohl auf den Erfolg, als auch auf die Beziehung der beiden eifersüchtig und nutzt deshalb die Anwesenheit des Blumenboten Chris Kronberger aus, um Georg zu töten. Der Verdacht fällt auf Kronberger, da dieser am Tatort war und Geld aus dem Besitz des Opfers entwendet hat. Er flieht, will aber gleichzeitig seine Unschuld beweisen, indem er den Mörder in die Enge treibt. Dies löst eine gefährliche Kettenreaktion aus....

Das Varieté mit seinen skurrilen Absonderlichkeiten ist der Nährboden für die düstere Geschichte, deren Abgründe nach und nach enthüllt werden. Das Psychogramm des Täters dominiert neben der Jagd nach dem Hauptverdächtigen das Geschehen, woraus sich ein Kräftemessen ergibt, das für ein hohes Tempo und viel Action sorgt. Die Motivation des Täters steht ebenso wie seine Identität von Beginn an fest, was den Spannungsgrad jedoch erhöht. Die Gefährlichkeit eines in die Enge Getriebenen und dessen Überlegungen überschatten die Routinearbeit der Polizei. Der Wunsch, auf den Scherben des Lebens Neues aufzubauen, fungiert als Triebkraft für rücksichtsloses Voranpreschen auf der Straße des Verbrechens. Subtile Elemente aus der Welt der Parapsychologie untermalen Momente der höchsten nervlichen Anspannung und verleihen der Mörderjagd einen tieferen Sinn. Die Unheimlichkeit der Puppe Grog verläuft zwar in rationalen Bahnen, erhält aber durch Inszenierung und Ausleutung ihrer Szenen eine unheilvolle Note.



Das romanisch dominierte Ensemble punktet in den schwermütigen, tragischen Szenen, deren verhängnisvolle Konsequenzen daraus resultieren, dass Vertrauen missbraucht oder enttäuscht wird. Wie bei der anfangs gezeigten Hypnosesequenz ist es lebensnotwendig, sich in Ausnahmesituationen auf einen integren Charakter verlassen zu können. So kreist der Film immer wieder um die Frage, welche (tödliche) Gefahr aus Situationen erwächst, in denen sich Einzelpersonen auf Hilfsbereitschaft und Wohlwollen verlassen. Die beengte Atmosphäre des Privaten, in dem Taten verschleiert und vertuscht werden, findet ihre Fortsetzung in den Räumen des Theaters, das mit seinen Verstecken und Hinterzimmern zur Falle werden kann. Das introvertierte Verhalten des Täters korreliert mit jenem des offiziell Gejagten; eines Mannes, der kein Blatt vor den Mund nimmt und lieber offen kämpft als aus dem Hinterhalt zu schießen. Mutiges und aktives Handeln bestimmt den Ablauf der Geschichte, deren Protagonisten bis ans Ende ihrer Kräfte gehen, um das anvisierte Ziel zu erreichen.

Jean Sorel, Eleonora Rossi Drago und Götz George prägen den Film mit ihrer Dynamik, wobei es gerade George ist, der sich im Team behaupten kann. Der dunkle, gutaussehende Jean Sorel; die reife, tiefgründige Eleonora Rossi Drago und die empathisch kämpfende Mara Cruz harmonieren in ihrem Spiel und sorgen für bemerkenswerte Akzente. Die nordische Margot Trooger fördert den Rätselfaktor und kostet ihre Rolle als provokante Stichwortgeberin voll aus. Werner Peters verschwindet ebenso schnell wie er sich unauffällig ins Geschehen mischen konnte. In einem Film, der von den Überlegungen eines Täters bestimmt wird, bleibt wenig Raum für Beamtentum. Der größte Störfaktor der Co-Produktion ist jedoch Heinz Drache, der wie ein Fremdkörper zwischen der feurigen Rossi Drago und dem geschmeidigen Sorel wirkt. Seine biedere Ausstrahlung, die er in den Edgar-Wallace-Filmen so überzeugend kaschiert, fällt neben seinen europäischen Kollegen sofort ins Auge und lässt ihn blass wirken. Die Rolle des Inspektors ist deshalb für die Auflösung nicht signifikant und lässt das rasch zusammengezimmerte Happyend mit Karin Kronberger aufgesetzt wirken.

Unkonventioneller Kriminalfilm, der an Themen rührt, deren Bedeutung für den Fall ein wenig zu kurz kommt. Dies zeigt sich in der Diskrepanz, die zwischen dem westdeutschen und dem italienischen bzw. spanischen Filmtitel besteht. Starke weibliche Figuren und zwei junge Heißsporne verleihen der Produktion Esprit und Tempo. 4 von 5 Punkten

patrick Offline




Beiträge: 2.763

07.09.2017 13:23
#19 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

Gestern erst entdeckt und ich muss sagen ich bin sehr positiv überrascht. Der Film ist zwar nicht übermäßig logisch, dafür aber umso mehr spannend und unheimlich. Eine sehr schöne Perle mit guten Schauspielern, auch wenn Drache diesen Film nicht unbedingt trägt.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

13.09.2017 05:32
#20 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

„Nur tote Zeugen schweigen“ belegt im Edgar-Wallace-Epigonen-Grandprix 2017 Platz 28 von 48. Der Film erhielt von den Teilnehmern im Durchschnitt eine Bewertung von 3,63 von 5 Punkten.

zugrundeliegende Wertungen: 13 von 17 (12x „gut bekannt“, 1x „länger her“)
Top-10-Tipps: 0 von 8
Auswahlrunde: Platz 17 von 28 (7,3 Punkte)


mit 3,98 Pkt. Platz 26 in der Kategorie Schauspieler (+ 2)
mit 3,84 Pkt. Platz 22 in der Kategorie Inszenierung / Spannung (+ 6)
mit 3,52 Pkt. Platz 24 in der Kategorie Drehbuch / Logik (+ 4)
mit 3,72 Pkt. Platz 26 in der Kategorie Ausstattung / Wertigkeit (+ 2)
mit 3,28 Pkt. Platz 36 in der Kategorie Musik (– 8)
mit 3,38 Pkt. Platz 30 in der Kategorie Epigonenfaktor (– 2)
mit 3,72 Pkt. Platz 24 in der Kategorie freie Wertung (+ 4)

Edgar-Wallace-Epigonen-Grandprix 2017: Ergebnisse (#181) (13)

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

12.10.2017 22:00
#21 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

Vielfach sehr positiv bewertet, wirkte „Nur tote Zeugen schweigen“ auf mich stellenweise eher befremdlich. Eigentlich kann ich die kritische Besprechung von @Jan nur unterstreichen; ich stimme ihm in jeder Hinsicht zu.



Nur tote Zeugen schweigen (Ipnosi / Hipnosis)

Thriller, IT / ES / BRD 1962. Regie: Eugenio Martín. Drehbuch: Giuseppe Mangione, Eugenio Martín, Francis Niewal, Gabriel Moreno Burgos, Gerhard Schmidt (Vorlage: Gabriel Moreno Burgos). Mit: Jean Sorel (Erik Stein), Eleonora Rossi-Drago (Magda Berger), Heinz Drache (Inspektor Kaufmann), Götz George (Chris Kronberger), Mara Cruz (Karin Kronberger), Margot Trooger (Katharina), Werner Peters (Inspektor), Massimo Serato (Georg von Cramer), Guido Celano (Tony), Michael Cramer (Pablo). Uraufführung (IT): 19. Dezember 1962. Uraufführung (BRD): 31. Januar 1963. Uraufführung (ES): 20. Mai 1963. Eine Produktion von Domiziana Internazionale Cinematografica Rom, Procusa Film Madrid und International Germania Film Bonn im Constantin-Filmverleih München.

Zitat von Nur tote Zeugen schweigen
Georg von Cramer, der als Hypnotiseur mit einer Theatergruppe auf Tournee geht, wird in seiner Garderobe von Chris Kronberger überrascht, der seine Gage stiehlt und von Cramer niederschlägt. Erik Stein, der technische Leiter der Theateraufführung, der ebenso wie von Cramer in das Medium Magda verliebt ist, nutzt die Gunst der Stunde, erschlägt seinen Rivalen und schiebt Chris die Tat in die Schuhe. Der sieht sich in einer derartigen Klemme, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als vor der Polizei zu fliehen. Obwohl Kommissar Kaufmann ihn eifrig verfolgt, kann er auch Chris Kronbergers Tod nicht verhindern. Der einzige Zeuge beider Taten: von Cramers Handpuppe Grog ...


Die Produktionsverwandtschaft dieses Films mit „Der Teppich des Grauens“ und „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ ist offenkundig und lässt ihn ebenso wie die beiden Louis-Weinert-Wilton-Krimis etwas billig und unausgegoren wirken. Das ist insofern bedauerlich, als die Anlage des Films, die eben nicht dem typischen Krimi der frühen 1960er Jahre entspricht, durchaus ambitioniert wirkt, was sich allerdings nur in einzelnen Szenen im fertigen Film widerspiegelt. Inspirationen für den eher psychothriller-artigen Stoff lassen sich in den Erfolgen der britischen Hammer-Film finden, deren Gruselatmosphäre hier mit spanischem Handwerk und internationaler Besetzung kombiniert wurde. Als besonders effektiv erweist sich die düstere Einstiegsszene, die die Bühnennummer der Hypnose-Theatertruppe zeigt. Im Halbdunkel werden hier diverse Schauermomente eingeführt (Bewusstseinsverlust, Fremdbestimmung mittels Stimme aus dem Dunkel, garstige Bauchrednerpuppe), die im übrigen Film – wenn überhaupt – leider nur sehr inkonsistent auftauchen, was der wahren Armada an Drehbuchautoren und der eher schlampigen Continuity anzulasten sein dürfte.

Die stattdessen anschließende Mordgeschichte ist nicht uninteressant, bringt den geschickt gelockten Zuschauer aber mehrfach mit ihrer prosaischen Alltäglichkeit aus dem Konzept. Die Flucht des unschuldig Verdächtigten, die Schuldlast auf den Schultern des wahren Mörders und die Kombinationen des ermittelnden Inspektors werden mit naiven Pinselstrichen gezeichnet, ohne die geringste Form von Tiefgang zu erzeugen. Dementsprechend zweidimensional bleiben alle Darstellungen, auch wenn die Castliste des Films sich sehr beeindruckend liest. Jean Sorel gibt den kaltblütigen Mörder mit eleganter Zurückhaltung, während Götz George als man on the run fast schon unfreiwillig komisch wirkt. Bei keiner der beiden Figuren macht sich eine charakterliche Weiterentwicklung im Laufe des Films bemerkbar, was in klassischen Krimis verschmerzbar ist, aber eigentlich Kernmerkmal guter Thriller sein sollte.



Auch Heinz Drache gewinnt als Inspektor kaum an Profil – an seinem eher blassen Auftritt zeigt sich, wie wichtig für ihn die höherwertigen Drehbücher der Rialto-Wallace-Reihe waren. Als Ermittler ist er mit Werner Peters doppelt gesteckt; diese filmische Redundanz fällt vor allem deshalb so deutlich ins Auge, weil es sich bei Peters’ Auftritt um eine völlig überflüssige Ein-Szenen-Rolle handelt. Noch schwächer gestalten sich allerdings die Frauenfiguren des Films. Ob es sich um eine ähnlich unnütz in manche Szenen geschriebene Margot Trooger, eine sich in vager Vamp-Manier ergehende Eleonora Rossi-Drago oder eine hausbackene Mara Cruz handelt – wer „Nur tote Zeugen schweigen“ dieser Damen wegen sehen will, kann sich die Mühe, die DVD in den Player zu legen, gleich sparen.

Zwischenzeitlich sorgen einige süffisante Tricks (das Versteck des Gesuchten in der Telefonkabine, die Lebensrettung des Inspektors an der Hochhausfassade oder der überraschende Mord mit dem Messer im Rücken) für Kurzweil. Auch die Ausnutzung der Gruselpuppe kann als solide bezeichnet werden, wenngleich sie vom logischen Standpunkt her natürlich nicht zu genau untersucht werden sollte. Gleichzeitig macht die Unfähigkeit des Regisseurs, Wichtiges zu akzentuieren und Belangloses zu kürzen, den Film zu einer 83-minütigen Hangelpartie, die zudem durch den unsauberen Schnitt der deutschen Verleihfassung auffällt. Insgesamt stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass hier ein interessantes Vorhaben durch handwerkliche Inkompetenz gegen die Wand gefahren und eine internationale Besetzung in platten Rollen verheizt wurde. Ganz übel ist, dass die Synchronisation vorgaukelt, der offenkundig in Spanien gedrehte Film spiele in Deutschland.

Wem einige sporadische Gruselelemente genug für einen gelungenen Thriller sind, der mag an „Nur tote Zeugen schweigen“ seine Freude haben. Der Film beweist Eigenständigkeit gegenüber den typischen Wallace-Lookalike-Rezepten, wurde aber viel zu einfach gestrickt, um selbst aufgebaute Erwartungen zu erfüllen. Das Endergebnis schrammt knapp am wenig schmeichelhaften Prädikat Eurotrash vorbei. 3 von 5 Punkten.

patrick Offline




Beiträge: 2.763

12.10.2017 22:02
#22 RE: Bewertet: "Nur tote Zeugen schweigen" (1962, Stilverwandte) Zitat · antworten

Nur tote Zeugen schweigen (1962)



Regie: Eugenio Martin

Produktion: Alfons Carcasona, Deutschland/Spanien 1962


Mit: Götz George, Heinz Drache, Jean Sorel, Mara Cruz, Werner Peters, Margot Trooger, Massimo Serato, Eleonora Rossi-Drago, Michael Cramer, Guido Celano, José María Caffarel




Handlung:

Der junge Boxer Chris Kronberger ist ein Underdog mit finanziellen Problemen und dadurch gezwungen, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Er stellt daher regelmäßig Blumen zu, die für Magda, der Verlobten des Bauchredners Georg von Kramer, bestimmt sind. Das Pärchen arbeitet in einem Variete. Chris betritt Kramers Garderobe und entdeckt dessen Gage in einer Box. Er kann nicht widerstehen und entwendet das Geld, wird aber, nachdem er sich im Schrank versteckt, von Kramer entdeckt. Chris schlägt den Bauchredner kurzerhand k.o. und flüchtet, wird dabei aber von dessen Assistenten Erik Stein entdeckt, der unter seiner unerwiderten Liebe zu Magda leidet. Stein nutzt die Gelegenheit, den zu sich kommenden Kramer aus Eifersucht mit einem Stock zu erschlagen und die Tat Chris in die Schuhe zu schieben, der nun untertauchen und von der Polizei flüchten muss...

Anmerkungen:

"Nur Tote Zeugen Schweigen" ist eine völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Perle des deutschen Films. Obwohl man den Täter von Beginn an kennt, wird ein Spannungsbogen aufgebaut, der bis zum Schluss hin fesselt. Es entfaltet sich ein bemerkenswerter Psychothriller, der erfreulicherweise mit Gruselelementen und einem Hauch Parapsychologie angereichert ist. Der Film hat fast schon eine Verwandschaft zu den relativ zeitgleich entstandenen schwarzweißen Hammer-Thrillern. Nun ja, er ist vielleicht nicht ganz in deren Liga, aber auf jeden Fall im grünen Bereich. Eigentlich hätte man den Deutschen einen Film auf dieser Schiene gar nicht wirklich zugetraut.

Heinz Drache mimt den Ermittler recht steif und farblos und ist wohl sicher auch nicht der Star des Streifens, sondern steht eindeutig im Schatten seiner Kollegen. Die auffallend hübsche Eleonora Rossi-Drago (1925-2007) macht als Verlobte des Mordopfers einen gleichzeitig niedergedrückten und gefassten Eindruck. Man weis irgendwie nicht so recht, was in ihr vorgeht. Jean Sorel (geb.1934) ist als Mörder ein charakterschwacher Schönling mit wenig Charisma, der es mehr dem Glück und der Skrupellosigkeit als seiner Gerissenheit zu verdanken hat, dass er erst nach 82 Filmminuten entlarvt wird. Er treibt unaufhaltsam sein schmutziges Spiel und muss mehr und mehr erkennen, dass er selbst zum Opfer eines noch ausgekochteren Spiels wird. Das Ende ist durchaus stimmig und doch so angelegt, dass man nicht zwangsläufig die Auflösung errät. Ein bisschen enttäuscht darf man über Margot Troogers Part sein. Als etwas unheimliche Katharina macht sie geheimnisvolle Andeutungen, die sich dann aber in Luft auflösen, genauso wie sie selber auch. Da hätte ruhig noch was kommen dürfen, den in Erscheinung tritt sie ja recht vielversprechend. Äußerst erfreulich finde ich die Mitwirkung von Götz George. Als sehr athletischer und ehrgeiziger Jung-Darsteller waren die meisten seiner Auftritte in den 60ern sehr agil und lebendig und mit vollem (Körper)Einsatz. Man erkennt, dass schon damals einiges in ihm steckte, auch wenn es noch bis in die 80er dauern sollte, bis er wirklich seinen Weg in's Bewusstsein der breiten Masse fand. Auf jeden Fall liefert er sich mit dem ebenfalls noch recht jungen Jean Sorel eine sehr sehenswerte Konfrontation, in der sich die beiden wirklich nichts schenken. Etwas farblos erscheint Mara Cruz (geb.1941). Werner Peters hat nur einen recht kurzen Auftritt.

Das musikalische Titelthema ist wenig eindrucksvoll, dafür darf man sich umso mehr auf die Untermalung der düsteren Szenen mit einigermassen stimmigen Klängen freuen.

Die Bauchrednerpuppe wirke ein bisschen wie ein Vorläufer von Chucky. Allerdings wird Ihre Bedeutung zur Steigerung der Dramaturgie etwas hochgespielt, denn obwohl der Film mit dem Übersinnlichen liebäugelt, bleibt er schlussendlich am Boden des Rationalen.

Fazit:


Als kurzweiliger und spannender Psychothriller mit passend eingesetzten Gruselelementen lässt der Streifen die Zeit wie im Flug vergehen. 4 von 5.

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