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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 682 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker international
Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

11.08.2012 23:20
Britische Kriminalfilme Zitat · Antworten

... abseits von Sherlock Holmes, Miss Marple & Co



DER SÜNDENBOCK (GB 1959)
(Original: The Scapegoat)

Ein skrupelloser, wenn auch charmanter französischer Graf trifft auf einen Doppelgänger, einen sich auf Urlaub befindenden introvertierten britischen Lehrer, kontaktscheu und resigniert, und zwingt ihn mehr oder weniger, für einige Zeit in seine Rolle zu schlüpfen, verfolgt damit einen bösen Plan … Durch die leichtfüßige, der Handlung eine märchenhafte Abgehobenheit verleihende Erzählweise und die große Darstellungskunst eines Alec Guinness, dessen Allerweltsgesicht und dessen feine, verhaltene Spielweise ihn für diese Doppelrolle prädestinieren, akzeptiert man den ausgesprochen hanebüchenen, konstruierten Plot (nach einer Vorlage von Daphne du Maurier) fast anstandslos, lässt man sich von der Handlung fesseln, rätselt man bis zum Verbrechen, das weit in der zweiten Hälfte des Films geschieht, sogar, ob man sich wirklich in einem Kriminalfilm befindet oder doch in einer leicht mysteriös angehauchten, schwarzen Komödie bester englischer Tradition. Diese Akzeptanz des trotz mancher Drehbuchkniffe sehr unglaubwürdigen Handlungsgerüsts resultiert vielleicht auch ein wenig aus der Sehnsucht des Zuschauers, selber mal in die Haut eines anderen, eines Bösen oder Guten, je nachdem, schlüpfen zu können. Britischen Produktionen, die in Frankreich spielen, wohnt meist ein ganz spezielles Flair inne, eine faszinierende Mischung aus beiden Kulturen und Lebensweisen, die sich in einer interessanten Atmosphäre ausdrückt - eine ganz ähnliche Stimmung hab ich auch bei den „Maigret“-Filmen mit Rupert Davies erlebt. Die Trickaufnahmen mit den beiden Alec Guinness’ gelingen verblüffend realistisch, während der restliche Film keine besonderen visuellen Reize ausstrahlt, vielleicht mit Ausnahme der verhältnismäßig kurzen Szenen zum Ende, einmal mehr die einer nächtlichen Konfrontation. Und noch einen speziellen Pluspunkt hat der Film: in einer kleinen Nebenrolle trifft man auf die fabelhafte Bette Davis, die – obwohl nur sechs Jahre älter - Guinness’ morphiumsüchtige Mutter mit scharfer Zunge spielt und dabei einen denkwürdigen Auftritt hinlegt, allerdings insgesamt etwas zu wenig Spielraum bekommt.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

17.08.2012 15:24
#2 RE: Britische Kriminalfilme Zitat · Antworten

MORD NACH MASS (GB 1971)
(Original: Endless Night)

Der gleichnamige Roman von Agatha Christie bildet die literarische Vorlage für diesen sorgfältig und aufwändig gestalteten Psychothriller um eine junge Ehe, die durch verschiedene Begleitumstände bedroht scheint und bitter endet, der jedoch – wie viele späteren Werke der Christie - an einer etwas langatmigen und behäbigen Erzählweise leidet, allerdings mit einem richtig knalligen, überraschenden Höhepunkt aufwartet. Während sich besonders das erste Drittel – das Vorstellen der Protagonisten, ihre Lebensumstände, das Kennenlernen – dahinzieht, entwickelt sich nach der Eheschließung ein interessanter Sog, man rätselt, wohin die Handlung führt, nach dem das glückliche Paar in das elegante, neu erbaute, einsam gelegene Haus gezogen ist, die sich häufenden mysteriösen Begleitumstände – die immer wieder auftauchende rätselhafte Alte, der todkranke Architekt mit seinen kryptischen Prophezeiungen, ein Stein, der ins Fenster fliegt, die dauernd herumschleichende hochnäsige Verwandtschaft, die Freundin der Ehfrau, die sich im Haus einnistet – sorgen für eine unterschwellige psychologische Spannung und kulminieren schließlich in einem seltsamen Todesfall und einer wirklich unerwarteten Entwicklung bzw. Auflösung. Danach verfällt man in eine etwas übertriebene Hektik, schnelle Schnitte, eine verwirrende Abfolge von Traumsequenzen, Rückblenden, zeitlichen Sprüngen, reizvoll eingesetzte Ausdrucksmöglichkeiten, derer sich Regisseur Sidney Gilliat schon während des ganzen Films bediente, die jedoch zum Ende überhand nehmen. Man hätte vielleicht besser daran getan, die Laufzeit der Handlungsteile umzugewichten, den Anfangsteil zugunsten des Endes zu straffen. Und gerade während des mittleren Filmteils vermisst man den einen oder anderen Suspense- oder Schockmoment, da wirken die wunderbar stimmungsvollen Vorspannbilder der stürmischen See, die den Strand umtobt, fast wie ein uneingelöstes Versprechen.

Insgesamt besticht „Mord nach Maß“ durch eine sehr detailgenaue, atmosphärische, glaubwürdige Inszenierung, führt uns in das elegante, ländliche England zu Beginn der 70er-Jahre (gelegentlich fühlt man sich an "Das Messer" erinnert), wo die modischen Extremitäten des beginnenden Jahrzehnts erst zu erahnen sind, zeigt sich in den extra angefertigten Außenaufnahmen für eine kurze Italienszene und am Hauptschauplatz, der modernen, weitläufigen, idyllisch gelegenen Villa mit Ausblick, die mit ihren doppelten Böden und verglasten Fenstern fast als Synonym für die Abgründe der dort lebenden Menschen gelten könnte. Hywel Bennett als junger Mann in verkrachten Umständen und Hayley Mills als filigrane Schönheit und Millionenerbin bilden ein glaubwürdiges Gespann, lassen ihr Glück über Standesunterschiede hinweg spürbar werden, ohne kitschig oder übertrieben zu wirken, Britt Ekland punktet ebenfalls mit Attraktivität, darf ihrer Rolle aber auch einen geheimnisvolleren Touch untermischen, George Sanders nonchalante Darstellung wird durch Siegfried Schürenbergs Synchronisation auf angenehme Weise intensiviert, erwähnenswert Per Oscarsson als vom Tode gezeichneter Architekt, der seine Lebenslust nicht verloren hat – so sorgfältig wie die künstlerische Gestaltung präsentiert sich auch Auswahl und Führung des darstellerischen Ensembles.

Georg Offline




Beiträge: 3.224

17.08.2012 16:12
#3 RE: Britische Kriminalfilme Zitat · Antworten

Danke für Deine tolle Besprechung zu "Mord nach Maß"! Ein wirklich hervorragender Film, unheimlich spannend und so untypisch für Agatha Christie. Gebe Dir auch recht, dass der Film an manchen stellen gestrafft werden hätte müssen. Insgesamt aber eine interessante Alternative zu den üblichen Miss-Marple- und Hercule-Poirot-Geschichten.

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