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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 798 mal aufgerufen
 Francis Durbridge
Georg Offline




Beiträge: 3.049

29.02.2012 16:06
Bewertet TV: "Lungo il fiume e sull'acqua" (= Der Andere) (1973, IT) Zitat · Antworten

Lungo il fiume e sull'acqua
wörtliche Übersetzung: Entlang des Flusses und auf dem Wasser
Italien 1973, s/w, 5 Folgen, entspricht "Der Andere"

Buch: Francis Durbridge
Bearbeitung: Biagio Proietti
Regie: Alberto Negrin

Darsteller
Sergio Fantoni: David Henderson
Nicoletta Machiavelli: Billie Reynolds
Laura Belli: Katherine Sheldon
Renato De Carmine: Bob Marshall
Giampiero Albertini: Mike Ford
Daniele Formica: Roger Ford
Franco Graziosi: Ralph Merson
Elena Cotta: Doroty Merson
Luisa Aluigi: la signora Williams
Giampiero Fortebraccio: James Cooper
Francesco Carnelutti: Robin Craven
Graziano Giusti: Richard Sheldon

Die Geschichte von "Der Andere" ist ja bekannt. Die Italiener haben 1973 eine fünfteilige Fernsehversion des Durbridge-Stoffes produziert, der von Biago Proietti adaptiert wurde. Die 30-minütigen Originalfolgen sind dabei auf rund 55minütige-Folgen aufgeblasen worden, was der Spannung und dem Fortgang der Handlung nicht immer ganz gut tut.
Die Handlung ist im Großen und Ganzen die gleiche geblieben:

Teil 1: Auf dem Hausboot Happy Time wird die Leiche eines Italieners namens Paolo Morani gefunden. Die Nichte des Arztes von Hampton, Katherine Sheldon beobachtet, wie ein Mann namens Henderson zur Tatzeit aus dem Boot kommt. Inspektor Ford ermittelt, kann sich aber schwer vorstellen, dass dieser sympathische Mann, der seinem Sohn nach dem Tod der Mutter extrem geholfen hat, ein Bösewicht ist...

Abgesehen davon, dass einige Personennamen verändert wurden (aus Miss Walters wurde Miss Sheldon, aus Broderick Bob Marshall etc.), beginnt der 1. Teil in Venedig. Man sieht, wie Katherine durch die Gassen der Lagunenstadt eilt und dabei - von ihr unbemerkt - von einem Fotografen verfolgt wird. Schließlich geht sie in ein Gebäude, auf dessen Türpfeiler der Spruch "Suaviter in modo, fortiter in re" steht. Dann folgen Szenen, die 1:1 in der deutschen Version vorhanden sind. Zwischendurch wird aber immer viel Wert darauf gelegt, zu zeigen, dass in England gefilmt wurde. Und so gibt es einige "Jump and Run"-Szenen, wo die Personen nur im britischen Ambiente herumgehen. Dem Titel entsprechend, der zu Deutsch etwa "Entlang des Flusses und auf dem Wasser" lauten würde, spielen sich einige Szenen auch auf dem Fluss - der hier die Themse ist - ab. Inspektor Ford hat seinen Schwager Bob Marshall auf Besuch, der früher beim FBI arbeitete, jetzt aber in der Werbung tätig ist und in England auf Urlaub weilt. Aus Sergeant Broderick hat man also einen Verwandten des Inspektors gemacht. Die beiden fahren auf dem Polizeiboot die Themse entlang, wobei der Inspektor auch erklärt wer wo wohnt. So fährt man auch am Ufer der Villa Merson vorbei etc. Zwischendurch werden einige Szenen eingestreut, in denen der neugierige Journalist Robin Craven den Sohn des Inspektor befragt oder auch Billie Reynolds.
Die Charaktere der Figuren unterscheiden sich durch die Besetzung völlig von der dt. Version. Henderson ist wesentlich jünger, aber bei weitem nicht so ein Sympathieträger wie Albert Lieven. Katherine Sheldon und Billie Reynolds sind zwei rassige, junge und bildhübsche Frauen. Der Inspektor ist zwielichtiger und Bob Marshall ein typischer Ami.
Zur Inszenierung ist zu sagen, dass Alberto Negrin, der hierzulande wohl nur durch seinen Thriller "Das Phantom im Mädcheninternat" (aka: "Orgie des Todes") bekannt ist, sehr häufig die Handkamera einsetzt und teilweise recht störende Großaufnahmen der Darsteller zeigt. Insgesamt gerät die Inszenierung etwas zu langatmig.
Positiv ist aber auch hier wieder der Soundtrack hervorzuheben. Bob McLean hat ihn beigesteuert, ein ruhiges, langsames Lied, das eigentlich gar nicht zum Krimi passen will. Es trägt den beziehungsreichen Titel "Vincent".
Schließlich endet die erste Folge nicht mit dem Originalcliffhanger. Als Cooper Henderson Fotos auf den Tisch knallt, die Katherine in Venedig zeigen, sieht man dieselbe durch dunkle Straßen heimkommen und ihre Wohnung verwüstet vorfinden. Dann sieht sie aus dem Fenster und ein ihr unbekannter Mann steht davor.

Hier einige beliebige Screenshots aus dem 1. Teil:

Vorspann

Vorspann



David Henderson


Inspektor Ford


Katherine Sheldon

Ford junior


Inspektor Ford und Bob Marshall


Billie Reynolds

Mr. Cooper

Georg Offline




Beiträge: 3.049

01.03.2012 19:39
#2 RE: Bewertet TV: "Lungo il fiume e sull'acqua" (= Der Andere) (1973, IT) Zitat · Antworten

Auch Teil 2 hält sich im Großen und Ganzen an die Durbridge-Vorlage. Eingestreut werden einige kurze Szenen, die nicht im Originaldrehbuch von Durbridge standen und belanglos sind. Teil 2 dauert aber über 50 Minuten. Das heisst die Dialoge, die zum Großteil 1:1 wie bei Durbridge im Original sind, werden extrem in die Länge gezogen und die Folge ist dementsprechend langatmig. Henderson und Billie Reynolds duzen sich in der ital. Version und die letzte Szene ist jene, in der Henderson auf dem Hausboot ist, um Billie Schach beizubringen. Er vergiftet ihren Champagner. Dann wird er aber - anders als im Original - niedergeschlagen! Das ist der Cliffhanger.
Ich weiß nicht, ob es an der merkwürdig-langweiligen Inszenierung von Alberto Negrin liegt, der wirklich exzessiv Handkamera und nervende Großaufnahmen einsetzt, oder an der Story, dass dieser Film nicht in die Gänge kommt. Da helfen auch die Außenaufnahmen in England nichts, wenn nichts passiert, sondern diese nur für irgendwelche wortlosen Spaziergänge verwendet werden. Auch die dt. Version rangiert in meinen Augen übrigens eher im Schlusslicht der Durbridge-Filme (trotz der vorzüglichen Leistung von Albert Lieven, der Film immer sehenswert macht!). Den Roman hingegen fand ich sehr spannend. Mal sehen, welche Eindrücke ich nach Wiedersehen mit Teil 3 habe...

Georg Offline




Beiträge: 3.049

03.03.2012 15:27
#3 RE: Bewertet TV: "Lungo il fiume e sull'acqua" (= Der Andere) (1973, IT) Zitat · Antworten

Teil 3: Inhaltsmäßig gibt auch der dritte Teil des Fernsehspiels den dritten Teil der entsprechenden dt. Fassung wieder. Zwischendurch werden leider wieder allzu viele Szenen in England eingestreut, in denen nichts passiert, sondern nur gegangen oder gefahren wird. Wichtigste dramaturgische Änderung in dieser Folge ist die Tatsache, dass der tote Italiener Paolo Morani nicht wie Rocello im Original ein Froschmann war, sondern ein Wissenschafter, der bis 1965 (der Film spielt ja 1973) in England studiert und sogar am College war, an dem Henderson unterrichtet. Morani war in der Forschungsgruppe des Prof. Simmons tätig, die sich mit chemischen Angelegenheiten beschäftigte und besonders den Schutz des Wassers, einer immer knapper werdenden Kostbarkeit, für die Menschheit zu garantieren versuchte. So gesehen kriegt der Titel der ital. Version von „Der Andere“ eine ganz neue Bedeutung denn „… sull’acqua“ kann nämlich nicht nur „auf dem Wasser“, sondern auch „über das Wasser“ bedeuten. Auf dem Wasser spielt sich auch die dramatische Schlusssequenz der Folge ab, in der Billie Reynolds tot aus dem Fluss in der Nähe eines großen Staudamms gezogen wird. Die Folge endet allerdings nicht wie in der deutschen Fassung mit dem Herausziehen der Leiche, sondern mit dem Hinrennen von Billie Reynolds‘ Bruder und einem großen Schwenk über den Fluss hinweg, der bei Roger Ford, dem Sohn des Inspektors, stehen bleibt. Da dieser im Film bereits an die 18, 19 Jahre alt ist, ist auch er potentieller Verdächtiger und wird auch entsprechend verdächtig gemacht. Hatte er etwa gar mit Billie Reynolds ein Verhältnis? Als zusätzliche Figuren werden in dieser Folge die Frau von Ralph Merson, eine attraktive Blondine um die 30, und der Direktor des Colleges eingeführt. Während Mr. Merson ja offensichtlich mit Billie Reynolds öfters „Canasta“ spielte, deutet Regisseur Negrin auch an, dass Mrs. Merson ein Verhältnis mit Robin Craven haben könnte. Immerhin empfängt sie ihn in ihrem Haus am Fluss, als ihr Mann nicht da ist. Interessant ist auch die Gestalt des Bruders von Billie Reynolds: dieser ist um die 25 und sieht aus wie ein Hippie. Lange Haare, Vollbart.
In der dritten Episode kam etwas Schwung in die Inszenierung, wenngleich immer noch allzu viele Längen da sind. In Italien galt der Fünfteiler damals als absoluter Straßenfeger, bei dem rund 20 Millionen Italiener (das war damals fast jeder zweite), vor dem Bildschirm saßen. Das Titellied „Vincent“ avancierte zum Kassenschlager. Hier der Link zum Titelsong: http://www.youtube.com/watch?v=DCzXAsVI85I

Georg Offline




Beiträge: 3.049

04.03.2012 11:03
#4 RE: Bewertet TV: "Lungo il fiume e sull'acqua" (= Der Andere) (1973, IT) Zitat · Antworten

Teil 4: Die Handlung des vierten Teils entspricht jener der dt. Version. Das bedeutet also, dass für den 5. und letzten Teil der ital. Variante Teil 5+6 des Originals herangezogen wurden. Auch Teil 4 wurde mit unnötigen Szenen vollgestopft, um eine Lauflänge von rund 55 Minuten zu erreichen. Alle Zusatzszenen könnte man locker entfernen, was der Spannung auch gut tun würde. Wichtigste dramaturgische Änderung in dieser Folge ist, dass Roger Ford mit dem Bruder der ermordeten Billie Reynolds spricht, ihm erklärt, dass er ein – freundschaftliches – Verhältnis zu ihr hatte und ihm helfen könnte, den Täter zu überführen. Mit seinem Vater, dem Inspektor, könne er nämlich nicht darüber sprechen. Wenn man von Verhältnissen spricht, dann ist auch unbedingt anzumerken, dass es eine Szene zwischen Mrs. Merson (die ja im Durbridgeschen Original nur erwähnt wird) und Robin Craven gibt, aus der eindeutig hervorgeht, dass die beiden eine Beziehung haben. Katherine Sheldon (im Original: Walters) und David Henderson duzen sich ebenfalls bereits. Aus der Shangrila wurde in der ital. Version das Boot „Xanadoo“. In Teil 4 taucht auch die Schwester des ermordeten Italieners auf. Sie heißt Claudia Morani und ist blond. Das mutet ziemlich seltsam an, da sie ja eine Italienerin spielt und diese bekanntlich dunkelhaarig sind. Im Gegensatz dazu sind Katherine Sheldon und Billie Reynolds zwei schwarzhaarige – eindeutig südländische – Schönheiten. Wie auch schon in den anderen Teilen hat Mr. Cooper eine wesentlich größere Rolle als im Original. Mit ihm bespricht sich Henderson ständig. Außerdem versteckt er von Anfang an zwei Männer in einem alleinstehenden Gebäude im Hafen. Diese dürften mit dem geheimen wissenschaftlichen Projekt, das in Folge 3 angesprochen wurde, zu tun haben. Die Folge endet schließlich anders als bei Durbridge. Zwar ist die Szenerie die gleiche – die Schwester des ermordeten Italieners besucht Mr. Henderson – doch der ital. Drehbuchautor Biagio Proietti hat zwei wesentliche Faktoren hinzuerfunden: 1.) bedroht Signora Morani David Henderson mit einer Waffe, als dieser ihr etwas zu trinken anbieten will und 2.) in einem Nebengebäude des Colleges ertönt plötzlich Orgelmusik, der Inspektor und Bob Marshall (=im Original Broderick) stürmen das Gebäude und finden unter der Orgel den ermordeten Bruder von Billie Reynolds. Damit endet die Folge.
Schließlich muss ich auch in Teil 4 die furchtbare Kameraführung kritisieren, die Handkamera bewegt sich nicht nur wackelig, sondern macht auch – teilweise verzerrende – extreme Großaufnahmen der Schauspieler. Ein großes „Nicht genügend“ für den damals erst 33jährigen Regisseur Alberto Negrin, der wahrscheinlich innovativ sein wollte, aber durch diese Bildgestaltung die optische Qualität des Mehrteilers extrem mindert.

Georg Offline




Beiträge: 3.049

04.03.2012 15:21
#5 RE: Bewertet TV: "Lungo il fiume e sull'acqua" (= Der Andere) (1973, IT) Zitat · Antworten

Teil 5: Der fünfte Teil der italienischen Version ist ein Konglomerat der Teil 5+6 des Originals von Francis Durbridge. Allerdings sind hier die Originalszenen stark gekürzt und die Handlung weicht vor allem dem Ende zu immer stärker von der Vorlage ab, bietet sogar einen anderen Täter. Im Hintergrund agiert eine Gruppe von Industriespionen, die an die Ergebnisse der Forschung von Paolo Morani (=im Original Rocello) kommen wollen. Henderson arbeitet beim MI5. In einer Szene sieht man, wie die Industriespione den versteckten Paolo Morani, der ja wie im Original lebt, aus seinem Versteck im Hafen zu entführen versuchen und es zu einer Schießerei kommt.
SPOILER: Zunächst ist es Roger Ford, der im Tagebuch von Billie Reynolds, das er von Robin Craven erhalten hat, den Namen "Bob Marshall" findet. Er konfrontiert diesen, der ja in der ital. Fassung auch sein Onkel ist, damit. Bob gesteht, doch als Inspektor Ford die Bühne betritt, zieht er eine Waffe. Henderson ist ebenfalls anwesend und erschießt Bob Marshall. In der finalen Szene schließlich taucht Paolo Morani in Hendersons Wohnung auf und erklärt, irgend jemand aus der Gruppe des MI5 - zu der Harry Vincent, Mr. Cooper und Henderson zählen - muss ihn verraten haben. Und dieser jemand ist: David Henderson! Auf diese Art und Weise wird Henderson, der Bob Marshall nur deshalb erschossen hat, damit dieser nicht redet, zum Bösewicht. Ob man mit dieser Auflösung glücklich ist oder nicht, muss man für sich selbst entscheiden. Ob es Durbridge selbst war, bezweifle ich jedoch...

Abschließend muss man eigentlich noch den Titel kritisieren, denn die Geschehnisse „Entlang des Flusses und auf dem Wasser“ sind nur minimal handlungsrelevant. Ebenso hätte man den Film „Auf der Straße und im Haus“ nennen können, wo sich genauso viele – wenn nicht mehr – Szenen abspielen und auch die Schlüsselsequenzen angesiedelt sind.

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