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Dieses Thema hat 8 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

10.02.2012 17:15
"Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

In den 60er-Jahren erlebten einige in Vergessenheit geratene und in die Jahre gekommene Stars des klassischen Hollywoodkinos ein einprägsames Comeback in drastisch-makaberen Psychothrillern, von denen „Baby Jane“ der erste und unterm Strich auch gelungenste ist. Es folgten bis in die 70er-Jahr eine Reihe ähnlicher gestalteter Filme, meist mit einem oder mehreren der Altstars in einer tragenden Rolle, wie etwa:

- Wiegenlied für eine Leiche
- Die Zwangsjacke
- Der schwarze Kreis
- War es wirklich Mord?
- Die Giftspritze
- Das Haus der blutigen Hände
- Wer hat Tante Ruth angezündet



WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JANE? (USA 1962)
(Original: What Ever Happened to Baby Jane?)

Enthält Spoiler!
Zwei alternde, in Hassliebe und Eifersucht aneinander gekettete Schwestern leben in einer Hollywood-Villa der 20er-Jahre, erbaut im Neureichenstil jener vergangenen Epoche, einer Zeit, von der sich die beiden ehemaligen Stars nicht lösen können und die sie - aus unterschiedlichen Motiven – zurückholen möchten. Seit einem mysteriösen Unfall auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist die eine, Blanche, an den Rollstuhl gefesselt und auf die Pflege der anderen, des ehemaligen Kinderstars „Baby Jane“, angewiesen. Doch die alkoholkranke Jane verfällt geistig immer mehr und beginnt, ihre Schwester zu quälen … Die Handlung – eingeleitet durch zwei Prologe, die die Vorgeschichte in den 10er- bzw. 30er-Jahren schildern – fokussiert sich auf ein paar heiße Augusttage 1962, dass im Film auf Jahre, Jahreszeiten und vergangene Ereignisse Bezug genommen wird, reißt die düstere, fast unwirkliche Gruselkabinett-Geschichte und ihre Handlungsträger immer wieder in eine erschreckende Alltäglichkeit und Realitätsnähe zurück. Der Kontrast zwischen der klaustrophobischen Atmosphäre des alten Hauses, hinter dessen Mauern schleichender Wahnsinn und psychische und physische Gewalt brodeln und der fröhlich-frischen Geschäftigkeit des Amerikas im Sommer 1962 tut ein Übriges, um diese faszinierende Wechselwirkung zu intensivieren – nicht zu Unrecht sprach die Werbung von einer „schwarzen Komödie“, wenn einem das Lachen auch im Halse stecken bleibt. Das Finale am Strand, als sich in gleißender Sonne und zwischen halbnackten Badegästen Wahnsinn und das lang ersehnte und inzwischen überflüssig gewordene Geständnis endgültig Bahn brechen, ist der erschreckende Schlusspunkt dieser auch für den Zuschauer emotionalen Achterbahnfahrt.

Bette Davis ist mit einer schier überbordernden Spielfreude bei der Sache, macht sich dabei genussvoll über ihr Image lustig, zeigt in diesem späten Highlight ihrer Karriere eine beängstigend eindringliche Darstellung. Es läuft einem fast eine Gänsehaut über den Rücken, wenn sie grell geschminkt und in albernen Sommerkleidchen durch das Haus tänzelt oder in den immer öfter auftretenden Phasen des Wahnsinns die brutalen Angriffe gegen ihre hilflose Schwester verstärkt. Um sich ihren Herzenswunsch, ein Comeback, erfüllen zu können, agiert sie trotz allem Realitätsverlust erstaunlich gerissen und verschlagen, zeigt bei ihrer Verwandlung in die junge „Baby Jane“ eine fast grauenhafte Verletzlichkeit, wenn sie das weiße Kleidchen anzieht, die Masche ins Haar bindet und mit brüchiger Stimme die alten Liedchen krächzt. Davis’ Gegenpart wird von Joan Crawford verkörpert, ihre Blanche Hudson strahlt Güte und Verständnis, Eleganz und Ruhe aus, Eigenschaften, die die schlampige Schwester erst recht zu reizen scheinen. Blanches verzweifelte Versuche, aus ihrem Gefängnis zu entkommen, jemanden auf ihr Schicksal und den Zustand Janes aufmerksam zu machen, sind zum Scheitern verurteilt. Durch ihre Dulderrolle kann sich die Crawford nicht richtig profilieren, man mag eigentlich nicht von einem wirklichen schauspielerischen Duell der beiden Altstars – die, wenn man den Geschichten glauben will, sich nie recht grün waren und auch bei den Dreharbeiten aneinander gerieten – sprechen, weil so ein Vergleich immer zu Gunsten der Davis ausfallen müsste. Mit einer Mitleid erregenden Performance fügt sich Victor Buono in das Ensemble ein, ein fettleibiges, vaterloses Muttersöhnchen, das von Baby Jane als musikalischer Begleiter für ihr Comeback engagiert wird, nicht damit rechnend, mit den Abgründen des Wahnsinns konfrontiert zu werden. Vater- bzw. ehemannslos sind scheinbar auch die beiden eleganten Nachbarinnen der Hudson-Schwestern, Mutter und Tochter, die gelegentlich zur Handlungserklärung bzw. für kurze Suspense-Momente eingesetzt werden. Robert Aldrichs Regie schlägt eine Brücke zwischen der klassischen Hollywoodära und dem modernen Amerika, lässt immer wieder beider hässliche Fratze aufblitzen, wechselt geschickt zwischen subtilem Horror und plakativen Schreckensmomenten, unterstreicht das Geschehen mit einer fantasievoll und lebendig eingesetzten Kamera.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

15.02.2012 10:08
#2 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

WIEGENLIED FÜR EINE LEICHE (USA 1964)
Original: Hush … Hush, Sweet Charlotte

Enthält Spoiler!
Zwei Jahre nach „Baby Jane“, der ein unerwartet großer Erfolg wurde, kam dieser ganz ähnlich gelagerte Thriller in die Kinos, wieder mit Bette Davis in einer Hauptrolle (Joan Crawford, die für die zweite Hauptrolle vorgesehen war, musste wegen Krankheit aus der Produktion ausscheiden) und wieder von Robert Aldrich inszeniert. Wenn man beide Filme kurz hintereinander konsumiert, fallen hier Mängel auf, die „Wiegenlied“ wie ein etwas zu hastig hinterher geschobenes Produkt wirken lassen und seine Qualitäten in den Hintergrund drängen. Eine der Ursachen für diesen leicht unbefriedigenden Eindruck ist – so seltsam das klingen mag – Bette Davis, die sich in der Opferrolle bei weitem nicht so profilieren kann wie in ihrer vielschichtigeren, beängstigenden Baby Jane-Interpretation. Mit einer seltsamen Pudelfrisur gestraft bleibt ihr eigentlich nur, wie eine hysterische, kreischende, augenrollende Furie durch die Szenerie zu hetzen bzw. zu kriechen, wobei diese Auftritte häufig die Grenze zu unfreiwilliger Komik und Schmierentheater überschreiten und einem gelegentlich sogar auf die Nerven gehen. Ein weiterer Grund mag sein, dass man eine ähnliche Geschichte wie in „Baby Jane“ erzählen wollte, dabei aber die kritische Schärfe und den makaber-verstörenden Grundton des Vorgängerfilms missen ließ, sodass eine relativ konventionelle, mit Schockmomenten angereicherte „In den Wahnsinn treiben“-Handlung übrig blieb, die zudem ihre zwei Stunden Laufzeit nicht ganz auszufüllen vermag. Aber genug kritisiert, auch wenn sich der Eindruck des etwas überstürzt produzierten Nachfolgestücks nicht ganz abschütteln lässt, bleibt immer noch ein handfester, unterhaltsamer Thriller übrig, der in vielen Komponenten überzeugt. Schauplatz ist ein altes Südstaaten-Herrenhaus, das ein blutiges Geheimnis birgt (im Prolog werden wir Zeuge, wie Bette Davis’ verheirateter Geliebter siebenunddreißig Jahre zuvor während einer typischen „Big Daddy“-Plantagenfeier abgeschlachtet wird, ein Verbrechen, das unaufgeklärt blieb) und das nun einer Brücke weichen soll. Doch Bette will das Haus nicht räumen und holt sich eine entfernte Kusine zur Verstärkung, nicht ahnend, wen sie da um Hilfe bittet … Beeindruckend die stimmungsvolle, sehr lebendige Schwarzweiß-Fotografie, die den Gegensatz zwischen dem ungefährlich sommerlichen Ambiente einer verschlafenen Kleinstadt und der sich im Herrenhaus bündelnden dunklen Aura von Gefahr, Gewalt, Grauen und Wahnsinn kombiniert – beispielhaft seien der nächtliche tobende Sturm, die hart realistische Szene der Beiseiteschaffung des vermeintlich toten Doktors und seine Rückkehr sowie der Mord an der Wirtschafterin genannt. Ein weiterer Pluspunkt des Films ist für mich Olivia de Havilland, die – unterstützt von der hart-kraftvollen Synchronstimme von Marianne Wischmann – als ungeliebte Kusine gekommen ist, um einen perfiden Plan zu verwirklichen und die trotz aller Kaltblütigkeit und bösen Absicht bis zum Schluss eine ausgesprochen elegante, damenhafte Note in das wüste Spiel bringt. Ähnlich wirkt Mary Astor, der als an der Vergangenheit leidenden, sterbenskranken Frau der eher passive Part zukam, Agnes Moorehead liefert als schlampige, unfrisierte, wortkarge Haushälterin ein amüsantes, fast selbstironisches Kabinettstückerl. Leicht fehlbesetzt schien mir „Doktor“ Joseph Cotten, der sowohl als Geliebter, weniger als Komplize der de Havilland als auch als arg getrietztes „Opfer“ einfach zu alt wirkt, um wirklich glaubwürdig zu erscheinen. Im Prolog begegnet uns zudem ein alter Bekannter aus „Baby Jane“, Victor Buono, der eine beeindruckende Wandlung vom tollpatschig-fettleibigen Jungen im Vorgängerfilm zum nun knallharten, machtbewussten, manipulierenden Südstaaten-Patron zeigt.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

19.02.2012 11:39
#3 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

WAR ES WIRKLICH MORD? (GB 1965)
Original: The Nanny

Enthält Spoiler!
1965 war Bette Davis Star dieses von den britischen Hammerstudios produzierten Psychothrillers, der auf plakative Schockeffekte verzichtet und mit subtilem Horror die Geschichte einer traumatisierten Familie, die am Tod des einen und an der vermeintlichen Schuld des anderen Kindes fast zerbrochen ist, und ihrer alten Nanny – Mädchen für alles, Haushälterin, Kinderfrau, Köchin – schildert. Nach der Rückkehr des zehnjährigen Sohnes aus einem Heim brechen die alten Ängste und Konflikte von neuem auf, nur die titelgebende Nanny wirkt wie ein ruhender Pol und als Fels in der Brandung in all den familiären Unsicherheiten und Verdächtigungen. Leider braucht der Film zu lange, um in Schwung zu kommen und die vorgestellte Familie – die neurotische, heulende Mutter, der steife, vorzeitig gealterte Vater, ein höherer Beamter auf Abruf im Dienste Ihrer Majestät, die egoistische Schwester – ist so sympathisch nicht, dass es diese behäbige Erzählweise der ersten Hälfte vergessen ließe. Einzig das Psychoduell zwischen der Davis und dem von William Dix glaubwürdig verkörperten Jungen hält einen bei der Stange. Leider war ich so unvorsichtig, die geschwätzige Filmbeschreibung auf der DVD-Veröffentlichung vor Sichtung zu lesen, sodass ich auch um die durchaus interessante und diesen ersten Teil beherrschende Frage, ob nämlich der Junge oder die alte Nanny (oder gar ein Dritter) ein falsches Spiel treiben, betrogen wurde. Dass der Junge unschuldig und in Gefahr ist (nicht ganz nachvollziehbar, warum er trotzdem zwei Jahre in einem Art Heim für schwer erziehbare Kinder verbringen musste und dort niemand gemerkt haben will, dass er gesund ist) und sich hinter der Maske der gütigen, hilfsbereiten, unentbehrlichen Nanny eine kranke Frau verbirgt, wird nämlich recht geschickt verschleiert. Bette Davis’ sehr zurückgenommener Darstellung in Kombination mit der scheinbaren Widerspenstigkeit des Buben ist es zu verdanken, dass dieser Zweifel glaubhaft transportiert wird, macht die Enthüllungen, die folgen, umso erschreckender, wobei die klaustrophobisch-britische Noblesse der Wohnung einen adäquat alltäglichen Hintergrund liefert. Der Wahnsinn, den Bette Davis umnebelt, kommt auf leisen Sohlen, bricht sich durch ein bitteres, unerwartetes Ereignis Bahn, kleidet sich in die gestärkte, trügerische Sicherheit vorgaukelnde Tracht einer Haushälterin, hat in den schrecklichen, endgültigen Zufällen, die ihn auslösen, etwas sehr Reales. Man hätte ruhig mehr Augenmerk auf den psychologischen Unterbau, den Grund für den Anstoß legen können, in der präsentierten Form wirkt es etwas dem Klischee folgend und bemüht, hat allerdings einen Überraschungseffekt inne. Der Film (Regie: Seth Holt) überzeugt mit einer sorgfältigen Machart, im zweiten Teil wird man mit schön fotografiertem und ausgeleuchtetem Schrecken belohnt, der durch die naturalistische Präsentation sehr intensiv wirkt - das langsame Sterben der Tante, begleitet vom Geständnis der „Nanny“ und die Rückblende, die den tragischen Tod des kleinen Mädchens in der Badewanne enthüllt. Leider ist der deutsche Filmtitel nur nichtssagend und reißerisch und wird dem Werk nicht gerecht.

Jack_the_Ripper Offline




Beiträge: 388

29.04.2012 11:18
#4 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

ES GESCHAH UM 8 UHR 30
(Original: I saw what you did, USA 1965)

William Castle war ab 1959 einige Jahre Spezialist für schnell heruntergekurbelte, z.T. bei großen Vorbildern schamlos abgekupferte, trashig-charmante Grusel- und Psychothriller, von denen „8 Uhr 30“ zu den eher schwächeren Vertretern zählt. Der Geschichte um drei Mädchen, zwei Teenagern im Backfischalter und der jüngeren Schwester der einen, die sich an einem sturmfreien Abend mit Telefonscherzen die Zeit vertreiben und dabei einem psychopathischen Mörder in die Quere kommen, fehlt trotz der kurzen Laufzeit von 78 Minuten Tempo und Spannung, dazu überwiegt die unfreiwillige Komik vor dem Trash. Alles steuert ziemlich vorhersehbar auf ein Ende zu, das trotz inflationär eingebautem Kunstnebel fahrig, hektisch und unstrukturiert, wenig nervenzerfetzend oder gar atmosphärisch daherkommt. Dass die während der Handlung zweimal so auffällig unauffällig eingebaute Szene mit der sich verklemmenden Stalltür im Finale nicht mehr die erwartete Bedeutung bekommt, kann man entweder als filmische Schlamperei oder Instinktlosigkeit sehen, möglicherweise aber auch als witziges Spiel des für seine z.T. mit dem Publikum betriebenen makaberen Scherze bekannten Regisseurs und Produzenten mit der Erwartungshaltung der Zuschauer. Ähnlich könnte man auch die gar nicht mal so einfallslose Kopie der Hitchcock’schen Duschmord-Szene aus „Psycho“ beurteilen (den Castle schon 1961 mit "Mörderisch" variierte oder vielleicht sogar ein bissl parodierte). Darstellerisch muss man den jungen Damen viel Natürlichkeit und Talent bescheinigen, sie spielen die Altstars fast mühelos an die Wand, machen die Wandlung von unbeschwert über besorgt und verunsichert bis zu von Angst gepeinigt glaubwürdig durch, als Beispiel möchte ich die sehr berührende Szene erwähnen, in der die beiden älteren Mädchen über ihre Sehnsucht nach einem Freund, einem „Helden“ sprechen. Dagegen neigen die gestandenen Schauspieler zu Outrage und Eindimensionalität, besonders John Ireland als Mörder kompensiert Unlust mit stierem Blick und eckigen Bewegungen, Joan Crawford wirkt in ihrer größeren Nebenrolle elegant und ladylike wie immer, kann eine gewisse Theatralik jedoch auch nicht ablegen.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

18.06.2020 17:00
#5 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten



Was geschah wirklich mit Baby Jane? (What Ever Happened to Baby Jane?)

Thriller, USA 1962. Regie: Robert Aldrich. Drehbuch: Lukas Heller (Romanvorlage, 1960: Henry Farrell). Mit: Bette Davis (Baby Jane Hudson), Joan Crawford (Blanche Hudson), Victor Buono (Edwin Flagg), Maidie Norman (Elvira Stitt), Anna Lee (Mrs. Bates), Wesley Addy (Marty McDonald), Marjorie Bennett (Dehlia Flagg), Julie Allred (Baby Jane Hudson im Jahr 1917), Gina Gillespie (Blanche Hudson im Jahr 1917), Dave Willock (Ray Hudson im Jahr 1917) u.a. Uraufführung (USA): 31. Oktober 1962. Uraufführung (BRD): 22. Juli 1963. Eine Produktion von The Associates & Aldrich Company für Warner Bros.

Zitat von Was geschah wirklich mit Baby Jane?
Im jungen Kindesalter ist Baby Jane Hudson ein gefragter Revuestar. Als Erwachsene reichen ihre Talente jedoch nicht aus, um gegen ihre Schwester Blanche zu bestehen, die dann als Schauspielerin große Erfolge feiert. Dieser hält an, bis Blanche durch einen von ihrer Schwester verursachten Unfall an den Rollstuhl gefesselt wird. Trotzdem leben die rivalisierenden Schwestern bis ins hohe Alter zusammen. Sie spielen sich gegenseitig die Bälle zu, bis Baby Jane – mittlerweile gezeichnet vom Alkohol – in geistiger Umnachtung völlig austickt und Blanche in den Tod treiben will. Langsam und sadistisch beraubt sie Blanche jeder Möglichkeit, sich gegen ihr zermürbendes Tun zur Wehr zu setzen ...


Stärker noch als heute, wo Hollywood zumindest vereinzelt mit milden Altersgaben die Karrieren etablierter Stars am Leben erhält, war es in den 1960er Jahren für Darstellerinnen, die eine bestimmte Grenze an Jahren überschritten hatten, kaum mehr möglich, eine tragende Hauptrolle zu ergattern. Als ein umso außergewöhnlicherer Erfolg erwies sich 1962 „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, der zwei große Diven alter Vorkriegstage – Bette Davis und Joan Crawford – noch einmal eine ausführliche Demonstration ihrer Künste erlaubte. Außergewöhnlich jedoch nicht nur, weil Davis und Crawford in ihren Fünfzigern standern, sondern auch weil wohl kein Zuschauer zuvor erwartet hätte, den beiden Grandes Dames in einem derart scharf gewürzten Thriller zu begegnen, in dem sie gegenseitigen Hass und Mut zur Hässlichkeit (also das genaue Gegenteil des würdigen Alterns) demonstrieren. Wenn man feststellt, dass die Triebfeder ihres Tuns verblichener Ruhm ist, so mag diese Aussage sowohl auf Davis und Crawford als auch auf deren Rollen als Hudson-Schwestern anzuwenden sein, wobei sich in den Filmparts noch eine besondere Zuspitzung bemerkbar macht. Insbesondere Baby Jane ist eine total gescheiterte Persönlichkeit, die ihre Vereinsamung nach frühen Kindererfolgen mit Alkoholsucht und blanker Bösartigkeit kompensiert. Ihre Schwester Blanche nimmt, im Rollstuhl sitzend, die Opferrolle ein, die von der Egoistin zunehmend nicht nur beleidigt, sondern massiv bedroht und psychisch wie körperlich misshandelt wird.

Wahrlich kein Sonnenscheinstoff, obwohl es gewisse Quellen gibt, die „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ als schwarze Komödie bezeichnen. Dass es zu so unterschiedlichen Wahrnehmungen kommt – vom bitterbösen und sadistischen Schwesternmord bis zur Einordnung ins Humoristische –, dürfte an den absolut hemmungslosen Auftritten der beteiligten Darsteller liegen. Vor allem Bette Davis agiert so exaltiert, dass es schwerfällt, ihre Gratwanderung zwischen den beiden Genres einzuordnen. Ihre bad sister-Momente stehen in großem Gegensatz zu ihrer äußerlichen Jämmerlichkeit, ihrer anhaltenden Kindlichkeit und ihrem (unfreiwillig?) komischen Wahnsinn. Man begeht sicher keinen Fehler, wenn man urteilt, dass Davis alle erdenklichen Register zog; die Frage, die jedoch im Raum steht, ist, ob sie noch kunstvoll oder schon hoffnungslos übertrieben sind. Von Anfang an ist Baby Janes Verhalten ihrer Schwester Blanche gegenüber so mies, dass es eigentlich keiner Steigerung bedarf und alles sich im Laufe des Films Ereignende einfach nur wie immer wieder in die Wunde gestreutes Salz wirkt.

Dafür ist das Endprodukt mit über zwei Stunden Laufzeit allzu zäh und ereignislos. Man beobachtet nur, wie Blanche, die sich zunächst mit dem Gedanken trägt, sich endlich von ihrer Schwester loszueisen, immer weiter in die Falle gelockt wird. Das ist zwar prinzipiell ein guter Thrillerstoff, aber füllt nicht die Zeit und wirkt vor allem deshalb ärgerlich, weil so viele Chancen, die Blanche zu ihrer eigenen Rettung gehabt hätte, unnötig verstrichen gelassen werden. Der Film spielt im Gegensatz zu seinem Nachfolger „Wiegenlied für eine Leiche“ nicht in einem isolierten Landhaus, sondern in einer gehobenen, aber letztlich sehr profanen und engen kalifornischen Vorstadtsiedlung, deren Bewohner sich vom oberen Stockwerk aus praktisch gegenseitig in die Gärten spucken können. Für Blanche hätte es hunderte Wege gegeben, die Aufmerksamkeit der neugierigen Nachbarin zu erwecken oder am Telefon nicht die Nummer des Arztes, sondern der Polizei zu wählen. Die gleiche artifizielle Hilflosigkeit gilt für Nebenfiguren, die ewig keinen Verdacht schöpfen – eine ermüdende Übung, die der unsympathischen Baby Jane unfair in die Hände spielt. Aber klar: Der Film wäre ja sonst nach einer Viertelstunde zu Ende gewesen ...

Während die Kamera immer wieder reizvolle Einstellungen findet und die Spirale der Gewalt zumindest für vermehrte Schocks sorgt, hält „Was geschah wirklich mit Baby Jane“ in anderen Aspekten nicht mit seinem Nachfolger mit. Das Setting und das plumpe Drehbuch wurden bereits erwähnt. Hinzu kommt, dass das Hintergrundthema mit dem gealterten Kinderstar nicht annähernd so reizvoll ist wie der saftige Vergangenheitsmord, der im Zentrum von „Wiegenlied für eine Leiche“ steht. Es provozierte Komponisten Frank DeVol vielmehr dazu, dem Zuschauer mit einem schmalzigen Varietésong im Walzertakt auf die Nerven zu fallen, und bedingte auch zahlreiche überzeichnete Nebencharaktere, die im Fall von Victor Buono und Marjorie Bennett sogar regelrecht klamaukhaft ausgestaltet sind.

Großer Höhepunkt des Films ist sicher die einnehmende Darstellung von Joan Crawford, die ungleich mehr Raffinement demonstriert als die „abgehalfterte Hexe“ Davis und die vermutlich genau aus diesem Grunde auch persönlich hinter der Kamera deren absolute Abneigung provozierte. Crawford schafft es einerseits durch die Behandlung ihrer Schwester wie eine Dienstbotin oder durch das Festhalten an ihren größeren Filmerfolgen, selbst (gemäßigt!) Öl ins Feuer der Schwesternbeziehung zu gießen, aber dennoch wie eine runde Person zu wirken, die Hoffnung und Angst, Ärger und Verzweiflung sowie in erster Linie Mitleid spüren lässt. Dass der unvorbereitete Twist am Ende des Films trotz Crawfords überzeugender Leistung unglaubwürdig bleibt, liegt eher am unsauberen Script. Für den Zuschauer bleibt nicht nur offen, ob Blanche Hudson den Film knapp überlebt oder stirbt, sondern auch, ob sie am Ende aus Reue die Wahrheit erzählt oder nur einen letzten Versuch unternimmt, ihre irre Schwester einzulullen.

Sicher kann man „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ einen gewissen stilprägenden Thriller-Faktor und einen hohen Anspruch in Produktion und Darstellung nicht absprechen. Zu ereignis- und letztlich harmlos lässt sich das Geschehen aber an, das bei ordentlichem Durchgreifen jederzeit vorher hätte beendet werden können, sich aber stattdessen über zwei Stunden in die Länge zieht, um Bette Davis eine Bühne der teilweise übertriebenen Selbstdarstellung zu bieten. 2,5 von 5 Punkten.

[ Der Trailer zum Film kann hier gesehen werden. ]

[ Eine weitere Besprechung des Films findet sich hier. ]

Count Villain Offline




Beiträge: 4.288

18.06.2020 17:58
#6 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #5
Sicher kann man „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ einen gewissen stilprägenden Thriller-Faktor und einen hohen Anspruch in Produktion und Darstellung nicht absprechen. Zu ereignis- und letztlich harmlos lässt sich das Geschehen aber an, das bei ordentlichem Durchgreifen jederzeit vorher hätte beendet werden können, sich aber stattdessen über zwei Stunden in die Länge zieht, um Bette Davis eine Bühne der teilweise übertriebenen Selbstdarstellung zu bieten. 2,5 von 5 Punkten.


Das unterschreibe ich so. Ich habe kürzlich auch beide Filme angeschaut und auch mich hat "Wiegenlied für eine Leiche" mehr für sich eingenommen. Kommt dazu auch noch eine Rezension?

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

19.06.2020 21:15
#7 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

"Wiegenlied" kommt am Sonntag. Ist viel eher "classy gothic crime" und dementsprechend bei mir auch besser weggekommen.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.370

21.06.2020 09:30
#8 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten



Wiegenlied für eine Leiche (Hush ... Hush, Sweet Charlotte)

Thriller, USA 1964. Regie: Robert Aldrich. Drehbuch: Henry Farrell, Lukas Heller (Vorlage „What Ever Happened to Cousin Charlotte?“: Henry Farrell). Mit: Bette Davis (Charlotte Hollis), Olivia de Havilland (Miriam Deering), Joseph Cotten (Dr. Drew Bayliss), Agnes Moorehead (Velma Cruther), Cecil Kellaway (Harry Willis), Victor Buono (Big Sam Hollis), Mary Astor (Jewel Mayhew), Wesley Addy (Sheriff Luke Standish), William Campbell (Paul Marchand), Bruce Dern (John Mayhew) u.a. Uraufführung (USA): 16. Dezember 1964. Uraufführung (BRD): 30. April 1965. Eine Produktion von The Associates & Aldrich Company für Twentieth Century Fox.

Zitat von Wiegenlied für eine Leiche
Die Affäre des verheirateten John Mayhew mit der Magnatentochter Charlotte Hollis endet im Sommer 1927 abrupt mit dessen brutaler Ermordung. Alle Welt hält Charlotte für die Mörderin, doch ihr kann nichts nachgewiesen werden. Jahrelang lebt sie in aller Einsamkeit auf dem väterlichen Landsitz. Im Jahr 1964 soll dieser abgerissen werden. Um Charlotte in dieser schwierigen Lage zu helfen, bestellt ihr Arzt Dr. Drew Bayliss ihre Cousine Miriam nach Hollisport. Sie findet Charlotte verwirrt und ängstlich vor, was von einigen gruseligen Vorkommnissen nach Miriams Ankunft noch verstärkt wird. Bewahrt Charlotte noch irgendwo den abgehackten Kopf ihres Liebhabers auf? Hütet sie ein Geheimnis, das beim Abriss des Hauses enthüllt würde? Oder droht die Gefahr aus einer ganz anderen Richtung?


Zwei Jahre nach „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ sah Robert Aldrich die Zeit für ein Follow-up zu seinem großen Erfolg gekommen. Mit Bette Davis und Joan Crawford begann der Dreh im Sommer 1964, doch die Spannungen am Set waren so groß, dass das Projekt am 4. August abgebrochen werden musste. Erst 36 Tage später konnte das Projekt nach Änderung der Hauptrollenbesetzung wieder von vorn aufgenommen werden. Weiß man um diesen schwierigen Stern, unter dem die Produktion stand, erscheint es umso erstaunlicher, dass der Film mehr überzeugt als sein Vorgänger. Und das, obwohl es diverse Parallelen zu beobachten gibt:

Zitat von „Hush … Hush, Sweet Charlotte“ bei ItsJustAwesome.com. 31 Days of Horror, Quelle
[T]he two movies both revolve around a horrific accident that took place years earlier, leaving the title character (played by Bette Davis in both films) isolated and insane in her father’s house. They both involve a housekeeper who learns too much and eventually pays the price for it. They both play out as sort of a whodunit with a twist ending that changes our perception of said title character.


Hinzuzufügen ist, dass beide Filme auf Stoffen von Henry Farrell beruhen. Doch im Gegensatz zu „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, wo sich die Spannung aus der blanken und offenen Gewalt der einen Schwester gegen die andere ergab, präsentiert sich „Wiegenlied für eine Leiche“ nicht nur inhaltlich rätselhafter, sondern auch stilistisch vielfältiger. Man bekommt keinen reinen Psychothriller geboten, sondern ein exquisites Gemisch aus Mordrätsel in der Vergangenheit, Old Dark House Mystery und Komplott um ein Familienerbe. Das sorgt ganz automatisch dafür, dass hier die reiz- und geheimnisvollere sowie wendungsreichere Handlung vorliegt, zumal man als Schauplatz ein stattliches US-Südstaatenanwesen wählte, das weitab von der Zivilisation und dafür mitten in der nächtlichen Sturmschneise zu liegen scheint. Die dadurch verbreitete unheimliche Stimmung und der Plotpoint, eine missliebige Verwandte mit hinterhältigen Kniffen in den Wahnsinn zu treiben, erinnert dann tatsächlich auch eher an die Thriller der britischen Hammer-Studios.

Der wahrscheinlich größte Unterschied zu „Baby Jane“ besteht darin, dass Bette Davis’ Rolle diesmal weniger offensichtlich angelegt ist, sodass sie zwar als halbumnachtete Konföderierte ebenso eifrig „vom Leder ziehen“, wild umherbeleidigen und mit dem Gewehr herumfuchteln darf, aber aufgrund interessanter Brüche in ihrem Charakter nicht unangenehm, sondern sogar eher bereichernd ins Gewicht fällt. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass es die Davis war, die schon als junges Mädchen einen brutalen Axtmord an ihrem Geliebten auf sich lud, und die seitdem schuldzerfressen ein einsames Dasein fristete. Mit diesem Klischee, das spätestens seit „Baby Jane“ absolut naheliegend erschien, spielt der Film, wenn er dann mit Cousine Miriam eine zwar wesentlich freundlichere, aber ebenso mysteriöse Figur auf den Plan treten lässt. Die beiden Damen ergänzen sich hervorragend und man merkt, dass das Spiel zwischen Davis und Olivia de Havilland von gegenseitigem Respekt geprägt war. Hier gibt es zwar auch genug schmutziges Nachtreten, aber es wird ganz klipp und klar auf einen teuflischen Plan hingearbeitet, an dem beide Damen einen veritablen Anteil haben ...

Olivia de Havilland verströmt neben Bette Davis eine frische, damenhafte Brise auf dem alten Anwesen und wird durch ihre Rollenanlage nicht so stark in die Passivität gedrängt wie ihre Vorgängerin Joan Crawford. Zudem kommt dem „Wiegenlied“ zugute, dass sich Davis das Scheinwerferlicht mit weiteren hochkarätigen Darstellern teilen muss, während bei „Baby Jane“ die Nebenfiguren kaum signifikante Rollen spielten. Hier gibt es ein Wiedersehen mit Joseph Cotten als Familienarzt und der Charakterschauspielerin Agnes Moorehead, die besser als Victor Buono im Vorgängerfilm versteht, eine Rolle kauzig, aber nicht albern anzulegen. Ihre messerscharf kombinierende, schlampige Haushälterin im Redneck-Stil ist ein Kabinettstückchen, das den Film ebenso bereichert wie die Verbitterung von Mary Astor und die Liebenswürdigkeit von Cecil Kellaway. Auch Buono selbst ist wieder mit von der Partie und bekleidet seine ungewöhnliche Rolle als Vater von Bette Davis (er war zum Drehzeitpunkt 26 Jahre alt!) überraschend glaubhaft.

Noch stärker als im Vorgängerfilm gelang Regisseur Robert Aldrich die Atmosphäre des Grusels und der Ausweglosigkeit. Immer wieder fing er via Kameramann Joseph Biroc angstverzerrte Gesichter und reizende Nachtaufnahmen ein. Besonders im Gedächtnis bleiben die deftigen Horroreffekte – insbesondere die Ermordung von John Mayhew und das erneute Auftauchen des totgeglaubten Drew inklusive Charlottes völlig entgeisterter Reaktion darauf. Diese Szenen werden mit feineren Gruselmomenten und sogar einer schaurig-romantischen Traumsequenz in Charlottes jugendlichem Ballsaal abgeschmeckt, sodass die Mischung aus An- und Entspannung angenehmer als in „Baby Jane“ ist. Gleiches gilt für den Soundtrack, für den DeVol diesmal im besten Agatha-Christie-Stil einen musikalischen Kinderreim erfand, der die größten Schrecken effektiv kompensiert, aber auch Thrill-Potenzial beinhaltet und dem Film letztlich sogar seinen Titel verlieh.

Hin und wieder ist ein Sequel besser als das Original: „Wiegenlied für eine Leiche“ ist ein Bilderbuch-Schocker, der zwar weniger makaber als „Baby Jane“ ausfällt, aber dafür auch keinen Zuschauer zu der Fehlannahme verleitet haben dürfte, eine Komödie zu sehen. Bette Davis spielt ebenso charakterstark, lässt diesmal aber Platz für andere Götter neben sich, sodass man ein insgesamt runderes, ausgewogeneres und auch düstereres Gustostück geboten bekommt. 5 von 5 Punkten.

[ Der Trailer zum Film kann hier gesehen werden. ]

[ Eine weitere Besprechung des Films findet sich hier. ]

[ Zwei Besprechungen des weiteren „Baby Jane“-Nachfolgefilms „War es wirklich Mord?“ finden sich hier und hier. ]

patrick Offline




Beiträge: 3.189

21.06.2020 13:45
#9 RE: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" und dessen Nachfolgefilme Zitat · Antworten

Für mich sind die beiden Filme qualitativ gleichwertig. Jetzt fehlt noch "Lady in a Cage".

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