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Dieses Thema hat 32 Antworten
und wurde 5.329 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.118

10.12.2011 22:03
#16 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Abschließendes Fazit nach dem Trimmel-Marathon am verlängerten Wochenende:

Die Paul-Trimmel-Fälle lassen sich durch mehrere Punkte charakterisieren.

• Erstens durch einen beinahe autoritären, stets im Alleingang handelnden und sturen Ermittler, der immer wieder Grenzen (im wahrsten Sinne des Wortes, siehe Fall 1 Taxi nach Leipzig!) überschreitet und der einen absoluten Gerechtigkeitssinn hat. Er verabscheut alle, die unrecht handeln. Seine Arbeit zieht er sogar seiner eigenen Gesundheit vor, was nicht selten dazu führt, dass er diese mehr als aufs Spiel setzt. In Rechnen Sie mit dem Schlimmsten stirbt er beinahe an einem Hämatom im Kopf und kann nur durch eine Notoperation gerettet werden. In einem Gastauftritt im Wiener Tatort und ersten österreichischen Beitrag Mordverdacht (Folge 12 der Reihe) wird er von einem Killer beinahe ermordet. Trimmel bleibt durch alle Filme hinweg gleich stur und trägt in allen Fällen einen dunkelgrauen Anzug, ein dunkelblaues Hemd und die obligatorische, charakteristische schwarz-weiß-gestreifte Krawatte.

• Zweitens zieht sich durch die meisten Fälle (aber nicht durch alle) eine gewisse gesellschaftskritische Note. Autor Friedrich Werremeier griff vor allem in den Anfangsjahren Themen auf, die so noch nicht im Fernsehen oder in einem Krimi zu sehen waren: die deutsch-deutsche Teilung, Organhandel, den Wert medizinischer Gutachten, Flugzeugentführungen, Umweltverschmutzung, bestechliche Justiz – um nur einige zu nennen. Werremeier wollte bewusst kritisieren, anecken und provozieren. Seine Bücher sind daher von gesellschaftskritischer Relevanz.

• Drittens zieht sich durch alle Fälle ein gewisser depressiver Unterton, der die Filme etwas schwermütig macht.

Gerade aus letztem Grund hat man auch nicht das Bedürfnis, die Filme schnell wiederzusehen. Im Gegensatz etwa zum NDR-Kollegen Finke (Klaus Schwarzkopf), der durch seine ruhige, menschliche, positive Art immer wieder rasch erneut sehenswert ist.

Cora Ann Milton Offline



Beiträge: 5.110

10.03.2012 16:45
#17 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Ich habe heute nach langer Zeit wieder einmal die Folge "AE 612 ohne Landeerlaubnis" angsehen. Ich halte die Episode für äußerst gelungen.

Als ein ganz besonderes Kabinettstück empfinde ich den Gastauftritt von Günter Gaus als Herr Jochims, Leiter der Flugsicherung in Frankfurt.
Bei seinem ersten Auftritt bekommt man von ihm zunächst nur den Hinterkopf präsentiert - eine schöne Reverenz an die Kameraführung seiner berühmten, inzwischen zu Klassikern avancierten und überaus niveauvollen Interviews, für die ich ihn sehr verehre.

Ich hätte jedoch nie gedacht, dass man ihm eine Fernsehrolle anvertrauen würde, die er dann auch noch durchaus achtbar meistert. Respekt!

Jan Offline




Beiträge: 1.514

29.12.2014 19:21
#18 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Tatort - Gift
Darsteller: Walter Richter (Hauptkommissar Paul Trimmel), Klaus Schwarzkopf (Kommissar Finke), Edgar Hoppe (Hauptmeister Höffgen), Ulrich von Bock (Obermeister Petersen), Joachim Richert (Kriminalmeister Laumen), Renate Grosser (Susanne Knabe), Peter Schiff (Dr. Stephan), Werner Cartano (Walter Knabe), Hans Kahlert (Binder), Peter Maertens (Heimsoth), Franz Mosthav (Erwin Scholz), Ursela Monn (Annika Boll), uvm.
Buch: Friedhelm Werremeier und Peter Schulze-Rohr
Kamera: Nils-Peter Mahlau
Musik: Friedrich Scholz
Bauten: Ellen Schmidt (Atelier Studio Hamburg)
Produktionsleitung: Wolfgang Kühnlenz
Produktion: Dieter Meichsner (Studio Hamburg Filmproduktion)
Regie:
Peter Schulze-Rohr
© Norddeutsche Rundfunk 1973

Inhalt:
Die Hamburger Entsorgungsfirma Toxex der toughen Susanne Knabe (Grosser) hat sich auf das Entsorgen giftiger Chemieüberreste spezialisiert. Aufgrund der schnellen Mark nebenher und nicht zuletzt wegen eines ausgefallenen Hochofens verschwinden seit einiger Zeit einige dieser Chemieüberreste in blauen Fässern auf einer Hamburger Mülldeponie. Unglücklicherweise finden sich dort nicht nur die besagten Fässer, sondern auch die sterblichen Überreste eines jungen Mannes. Dies ruft Hamburgs Hauptkommissar und Berlinimport Paul Trimmel auf den Plan und führt ihn im weiteren Verlauf nahezu unweigerlich zu seinem Kollegen Finke in Kiel, der parallel zu Trimmels Leiche eine bereits seit längerer Zeit abgängige junge Frau sucht. Es handelt sich dabei um genau jene Frau, deren Name auf einem Zettel in der Jackentaschen des Toten von der Mülldeponie gefunden wurde. Aber der Fall entwickelt sich noch arbeitsreicher für die beiden Staatsdiener Trimmel und Finke: Inmitten des Niemandslandes irgendwo zwischen Hamburg und Kiel findet sich die Leiche des Lkw-Fahrers Erwin Scholz (Mosthav, "Die Gentlemen bitten zur Kasse"). Scholz hängt tot über dem Volant seines blauen Lasters, der die Fässer mit den Chemieüberresten von Kiel nach Hamburg brachte...

Bewertung:
"Gift" hatte ich zuletzt vor Jahren gesehen, als die ARD anlässlich des 25-jährigen "Tatort"-Jubiläums ausgewählte Episoden der Reihe wiederholte. Mein seinerzeit schon über die Maßen positiver Eindruck erneuerte sich mit dem Wiedersehen vollauf.

Das Buch der beiden mittlerweile altgedienten "Tatort"-Macher Schulze-Rohr und Werremeier - es war dies ihr siebter Fall - zeichnet sich wieder mehr durch die Hinwendung zum Kriminalistischen aus als es beispielsweise bei der Episode "Der Richter in Weiß" der Fall war. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Aufklärung dreier Verbrechen und da die beiden dies offenbar für einen Ermittler alleine als zu drastisch ansahen, wurde die Figur des Kommissar Finke beinahe gleichwertig zu der des eigentlichen Hauptermittlers Trimmel hinzugefügt. Zwar tappst Finke bisweilen ungekannt unsicher durch die Geschichte. Allerdings verleiht dies dem Ganzen ebenso wie einige Fehlannahmen des gewohnt barschen und mürrischen Trimmel etwas Realistisches, ohne dabei jedoch in der Einöde langwieriger und unspektakulärer Ermittlertätigkeit zu verenden. Das Thema Gift als solches gab den Autoren zudem die Gelegenheit, die aufkommende Ökobewegung zu thematisieren und ihr doch eine gewisse Gleichgültigkeit der Handelnden gegenüber zu stellen.

Das eigentliche Hauptargument meiner positiven Bewertung jedoch stellt die Musik des leider viel zu selten in Erscheinung getretenen Friedrich Scholz dar. Scholz komponierte u.a. auch bereits den Sound der ersten "Tatort"-Episode "Taxi nach Leipzig" und lief in "Gift", offenbar ausgestattet mit den entsprechenden finanziellen (und damit orchestralen) Möglichkeiten, zur Höchstform auf. Sein hier verwendeter Score präsentiert sich in gleich zahlreichen unterschiedlichen Stücken. Von der für die 1970er Jahre so typischen, rhytmischen und vom Schlagzeug dominierten Einspielung bis hin zu Abschnitten, die ganz offensichtlich von gleich mehreren Streichern begleitet wurden. Zwar war es in der damaligen Zeit nicht unüblich, derart aufwändige Musikbeteiligung einzusetzen. In heutigen Zeiten jedoch, in denen die Musikbegleitung in TV-Filmen hinsichtlich der Budgetplanung offenbar noch hinter der Gehaltsabrechnung des Atelier-Pförtners auftaucht, fällt dies besonders auf. Zumal die Kompositionen als solche darüber hinaus im Falle "Gift" als besonders gelungen gelten dürfen.

Und so gelingt Regisseur Peter Schulze-Rohr, ein weiteres Highlight der noch jungen Reihe "Tatort" zu setzen. Und genau genommen handelt es sich nicht nur um ein Highlight unter den frühen Folgen, sondern um ein generelles Vorzeigestück. Beiträge wie "Gift" rechtfertig(t)en den guten Ruf des "Tatorts".

Punkte: 5/5

Gruß
Jan

Jan Offline




Beiträge: 1.514

30.12.2014 12:08
#19 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Tatort - Exklusiv!
Darsteller: Heinz Bennent (Ed), Walter Richter (Hauptkommissar Paul Trimmel), Wolfgang Reichmann (Armand Bleeker), Marika Mindzenthy (Utta), Heinz Schubert (Rechtsanwalt Dr. Gottschling), Konrad Mayerhoff (Portier Malinke), uvm.
Buch: Friedhelm Werremeier und Peter Schulze-Rohr nach dem Roman von Friedhelm Werremeier
Kamera: Nils-Peter Mahlau
Musik: Konserve (u.a. die Erkennungsmelodie aus dem US-Spielfilm "Bullit" von Lalo Schiffrin)
Schnitt: Karin Baumhöfner
Bauten: Beatrice Dahlke (Atelier Studio Hamburg)
Produktionsleitung: Wolfgang Theile
Produktion: Dieter Meichsner (Studio Hamburg Filmproduktion)
Regie:
Peter Schulze-Rohr
© Norddeutsche Rundfunk 1969 / 1971

Inhalt:
Edmund "Ed" Frank hat sein Leben als Ehemann und biederer Leiter einer mittelgroßen Bankfiliale satt. Und so entwickelt er einen - zumindest seiner Ansicht nach - wasserdichten Plan, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, in dem er seine eigene Bankfiliale um eine Million DM erleichtert. Ed ist sich dabei bewusst, dass solcherlei Gaunereien sowieso immer auffliegen, und daher beschließt er, sich der Million mit seinem eigenen Schlüssel zum Banktresor zu bemächtigen - anstatt den Schweißbrenner zu verwenden. Nachdem er sich die Taschen mit den Geldbündeln randvoll gestopft hat, legt er eine Spur so breit wie eine Flugschneise nach Paris, wohlwissentlich, das Geld bei einem auf seiner Reise nach Paris vorgenommenen und verschleierten Abstecher gut vergraben zu haben. In Paris tischt Ed sodann eine deprimierende Geschichte auf: Böse Pariser Nutten wollen ihm den Geldkoffer geklaut haben, er würde aufgeben, sich stellen. Doch Eds Kalkül, den vom Geld verführten Mann zu geben, dadurch ein paar Jährchen Knast abzusitzen, um danach die Million auszugraben, scheitert an vor allem zwei Dingen: an Hauptkommissar Paul Trimmel und an Eds blondem aber nicht ausreichend blödem Betthäschen Utta. Letztere ist ihrem Ed auf die Schliche gekommen, reist ihm nach Paris nach und fällt dort dummerweise so unglücklich, dass sie sich das Genick bricht und Ed dazu zwingt, nach der Million nun auch noch Utta zu vergraben. Und so läuft Eds Plan mehr und mehr komplett aus dem Ruder, und er findet sich schlussendlich in einer Hamburger Zelle wieder, jedoch bedauerlicherweise nicht wegen Raubes, sondern aufgrund des vermeintlichen Mordes an seiner vermeintlichen Komplizin Utta. Und selbst Eds letzter Coup, seine Geschichte aus dem Knast heraus "exklusiv" an den schmierigen Zeitungsmann Armand Bleeker zu verhökern, läuft nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte.

Bewertung:
"Exklusiv!" ist gleich in mehrerlei Hinsicht ein interessanter Fall. Es handelt sich weniger um einen Kriminalfilm im Stile des typisch deutschen Ermittlerfilms, wie man ihn gemeinhin aus der Reihe "Tatort" kennt. Vielmehr ist "Exklusiv!" eine Mischung aus Gaunerkomödie und Heist-Movie, in der der ermittelnde Paul Trimmel lediglich eine Randerscheinung darstellt. Im Zentrum des Geschehens steht der von Heinz Bennent wunderbar dargestellte Ed Frank, dem der wandlungsfähige Bennent alle Nuancen eines mehrschichtigen Charakters verleiht. Ed ist zu schwach, den Mädels zu widerstehen aber mutig genug, seine eigene Bank auszurauben. Ed ist so clever, einen findigen Plan auszutüfteln, jedoch eben auch nicht clever genug zu wissen, dass ihm diese Geschichte kaum jemand abnehmen wird. Ed ist prinzipiell ein Mann wie Du und Ich und das macht ihn schlussendlich auch so glaubwürdig und zu einem würdigen Antihelden, an dessen Schicksal der Zuschauer gebannte 98 Minuten gefesselt teilnimmt.

Ob es der Auslegung Schulze-Rohrs entstammt oder bereits Bestandteil der Romanvorlage Werremeiers ist, kann ich nicht beurteilen, jedoch sind die Parallelen zu den Steve-McQueen-Filmen "Bullit" und vor allem "Thomas Crown ist nicht zu fassen" unübersehbar. Vor allem in Gestalt Heinz Bennents, der in einer ganzen Reihe von Szenen eine verblüffende Ähnlichkeit zu McQueen aufweist. Dies nicht nur, weil sein Ed den exakt gleichen grauen Anzug trägt, den auch Thomas Crown trug. Setzt dazu noch der "Bullit"-Soundtrack Lalo Schiffrins ein, muss man schon zweimal hinschauen, um Heinz Bennent von Steve McQueen unterscheiden zu können. Da diese Anspielungen jedoch nie kopierend oder nachäffend gestaltet sind, bleibt der Eindruck eines ironischen Seitenhiebes. Evtl. hat Ed "Thomas Crown ist nicht zu fassen" im Kino gesehen und so sein Vorbild gefunden? Dies lässt der Film jedoch offen.

Die Aufnahmen zu "Exklusiv" sind in weiten Teilen an Originalschauplätzen in Frankreich entstanden und Peter Schulze-Rohr ist sichtlich bemüht, dem Geschehen Tempo und Action zu geben. Dies gelingt ihm ebenso wie es ihm gelingt, den satirischen Unterton der Geschichte zu transportieren. So verhandelt Ed noch aus dem Knast heraus mit Zeitungsmann Bleeker und knöpft diesem 500.000 DM für seine Geschichte ab. getreu dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Werremeier wäre nicht Werremeier, wenn er nicht auch die Fragwürdigkeit solcher Deals zum Thema machen würde.

Fazit: "Exklusiv!" bietet knappe 100 Minuten lang feine Unterhaltung im Stile des Heist-Movies. Einen "Tatort" sollte man nicht erwarten.

Punkte: 4/5

Gruß
Jan

Jan Offline




Beiträge: 1.514

30.12.2014 15:23
#20 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Tatort - Taxi nach Leipzig
Darsteller: Walter Richter (Hauptkommissar Paul Trimmel), Paul Albert Krumm (Landsberg), Renate Schroeter (Eva), Hans-Peter Hallwachs (VoPo Peter Klaus), Edgar Hoppe (Hauptmeister Höffgen), Erwin Klietsch (Karl Lincke, Trimmels Freund in der DDR), Günther Lamprecht (DDR-Grenzer), uvm.
Buch: Friedhelm Werremeier und Peter Schulze-Rohr nach dem gleichnamigen Roman von Friedhelm Werremeier (rororo thriller, Reinbek 1970)
Kamera: Nils-Peter Mahlau
Musik: Friedrich Scholz
Schnitt: Inge Drestler
Bauten: Hans-Ulrich Thormann (Atelier Studio Hamburg)
Produktionsleitung: Karl-Heinz Knippenberg
Produktion: Dieter Meichsner (Studio Hamburg Filmproduktion)
Regie:
Peter Schulze-Rohr
© Norddeutsche Rundfunk 1970

Inhalt:
In der DDR wird ein toter Junge aufgefunden, der offenbar westdeutsche Turnschuhe trug. Ein rasch zurückgezogenes Amtshilfeersuchen der DDR-Behörden bei ihren westdeutschen Kollegen hält Paul Trimmel nicht davon ab, dem Fall nachzugehen. Nach einem Gespräch mit dem auf unerklärliche Weise zeitgleich zum Tod des Kindes von Hamburg nach Frankfurt verzogenen Herrn Landsberg - dem westdeutschen Kindsvater - begibt sich Trimmel auf eigene Kosten und ohne Information an den Vorgesetzten in die DDR, pirscht sich abseits der für westdeutsche Passanten vorgeschriebenen Transitstrecke an Eva heran - die bei Leipzig lebende Mutter des toten Jungen. Rasch geht Trimmel das Licht auf, dass Landsberg, der nur wenige Wochen vor Trimmel in die DDR gereist war, seinen aus einer früheren Ehe stammenden todkranken Sohn in die DDR brachte, um diesen mit seinem und Evas Sohn auszutauschen und mit sich in die BRD zu nehmen. Eva hatte Landsberg zuvor versprochen, über Ungarn aus der DDR zu fliehen, um mit ihm und ihrem gemeinsamen Sohn in der BRD zu leben. Doch der VoPo Peter Klaus, in den sich Eva unterdessen verliebt, steht diesem Vorhaben im Wege und so kommt es in der DDR, am Schkeuditzer Kreuz, zum Showdown zwischen Landsberg, Eva, Trimmel und Klaus.

Bewertung:
In diesem "Tatort", dem offiziell ersten der Serie, kommt es zu keinem Verbrechen, sodass Trimmel nach seiner Reise in die DDR auch keinen Täter stellen kann. Es bleibt zwar halboffen, ob Trimmel die Geschichte um Landsberg an die Öffentlichkeit bringt, jedoch erscheint dies als überaus unwahrscheinlich. Zum Einen hat Landsberg keine in der BRD strafbare Handlung unternommen und zum Anderen hängt Trimmel selbst dank seiner immerhin amtswidrigen Handlungen bis zum Hals mit drin. Und so liegen die Motive Trimmels Handeln, der Sache auf den Grund gehen zu müssen, auch in allererster Linie in seinem Charakter begründet, den der Zuschauer in seinem ersten - wenngleich eigentlich zweiten - Fall studieren kann. Trimmel, ein Pfundskerl mit rauen Manieren und einer gepflegten Portion Selbst- und Rechtsbewusstsein, steht im Mittelpunkt der Geschichte und "managed" diese, wie er im Film selbst sagt. Interessanterweise - und das kommt im fertigen Film nicht recht heraus, mag aber im Roman deutlicher sein - gewinnt der Zuschauer den Eindruck, dass der in Hamburg lebende und tätige Trimmel mit seinem unverborgenen Berliner Dialekt ein Ostflüchtling ist, der vor langen Jahren in den Westen kam. In einem der Telefonate mit seinem ostdeutschen Freund und Kollegen bei der Polizei stellt ebendieser Freund scherzhaft die Frage, ob Trimmel aufgrund seiner ganzen Anrufe im Osten nun fliehen wolle. Wikipedia hingegen will es wie folgt wissen: "Trimmels Ost-Berliner „Kollege“ Karl Lincke vom Staatssicherheitsdienst – er kennt ihn von einer Tätigkeit im früheren Reichskriminalpolizeiamt her [...]"

Wie bereits die 1969 erstausgestrahlte und 1971 als zweiter Trimmel-Fall in die Reihe "Tatort" integrierte Episode "Exklusiv!" ist auch "Taxi nach Leipzig" kein typischer "Tatort"-Krimi. Vielmehr handelt es sich um ein wirklich solide gespieltes Kammerspiel um deutsch-deutsche Beziehungen, das seine Spannung vor allem aus der seinerzeit gegebenen westdeutschen Furcht vor den Begebenheiten hinter dem eisernen Vorhang bezieht. Das Abweichen von der Transitstrecke wird für Trimmel zur dauerhaften Gefahr. Er muss eine Panne vortäuschen, mit der unbekannten Ostmark bezahlen und sich mühen, nicht als Westdeutscher entlarvt zu werden, da ihm sonst Sanktionen drohen, die der Zuschauer gar nicht recht erfassen kann. Dass diese Methode zur Spannungserzeugung heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, nicht mehr genau so funktioniert wie seinerzeit, kann dem Film nicht angelastet werden. Und insofern ist der Spannungsaufbau zu erkennen und es ist klar, wie die Geschichte vorangetrieben wird.

Das von Werremeier und Schulze-Rohr verfasste Buch ist gut und hält nebenbei auch kleine Seitenhiebe parat (siehe YouTube-Clip sowie weiteren Hinweis unten). Jedoch kann die Vorlage nicht an die locker-leichte Geschichte aus "Exklusiv!" heranreichen und erst recht nicht dem handfesten Krimi "Gift" das Wasser reichen. Dafür ist die Story zu dünn und eindimensional. "Taxi nach Leipzig" muss de facto als kammerspielartiges Filmdrama begriffen werden, um gut zu funktionieren. Handwerklich ist dieses gewohnt solide von Peter Schulze-Rohr umgesetzt und die Set-Scouts leisteten bis auf wenige Ausnahmen ganze Arbeit. Im Übrigen dürfte es sich bei der vermeintlichen Transitautobahn durch die DDR um eine mit sog. Panzerplatten ausgelegte Teststrecke von Bundeswehr und Britischen Armee in der Nähe des niedersächsischen Städtchens Celle handeln. Die gleiche Strecke nutzte Regisseur Günter Gräwert auch für seinen "Tatort"-Episode "Transit ins Jenseits".

Fazit: Der Einstand für Trimmel dürfte vor allem etwas für Freunde des solide gespielten Kammerspiels sein.

Punkte: 4/5

Neben dem Einfall, Trimmel eine ältere Frau anstatt mit den Worten "Guten Tag!" mit dem Ausspruch "Freundschaft!" begrüßen zu lassen, erfährt der Zuschauer auch gleich, wie man in der Nähe von Leipzig den Ort Löbau buchstabiert:



Gruß
Jan

Georg Offline




Beiträge: 3.118

30.12.2014 19:17
#21 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Die Trimmel-Tatorte sind immer einer Sichtung würdig, auch wenn der Wiederholungsbedarf nicht so hoch ist, wie bei anderen Tatorten. Das mag mit der tristen, teils leicht depressiven Stimmung zu tun haben.
Bei "Taxi nach Leipzig" ist es übrigens erstaunlich, wie gut die DDR nachgestellt wurde. Sieht aus, als ob es dort gedreht wurde!

Ray Offline



Beiträge: 1.534

21.03.2020 12:44
#22 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Taxi nach Leipzig (Tatort-Folge 1, BRD 1970)


In Ostdeutschlnd wird ein totes Kind gefunden. Weil die Schuhe des Kindes aus Hamburg stammen, wird die westdeutsche Polizei um Mithilfe gebeten. Obwohl der Antrag schon kurze Zeit später zurückgezogen wird, reist Kommissar Trimmel auf eigene Faust nach Leipzig, um Ermittlungen anzustellen...

Da ist er, der offiziell erste „Tatort“, inszeniert von Peter Schulze-Rohr. Der Fall, mit dem es Walter Richter als Kommissar Trimmel zu tun bekommt, ist sehr ungewöhnlich. Kein klassischer Mordfall, sondern eher ein Familiendrama, noch dazu mit einem grenzüberschreitenden Sachverhalt. Der DDR-Bezug gibt der Folge eine besondere Note, auch wenn nicht in Ostdeutschland gedreht werden konnte. Richter wird als draufgängerischer Ermittler vorgestellt, der um der Erreichung seines Zieles willen auch mal Verdächtige beleidigt (Paul-Albert Krumm „adelt“ er nach wenigen Minuten als „Kotzbrocken“) oder sich mit ihnen prügelt. Von Renate Schroeter als (vermeintlicher) Mutter des toten Kindes geht eine ungemein sinnliche Ausstrahlung aus. Der markante Hans-Peter Hallwachs überzeugt ebenfalls in der Rolle eines Volkspolizisten und Geliebten Schroeters. Indes ist der Fall im Grunde nach einer Stunde aufgeklärt. Trotzdem plätschert er noch etwa eine halbe Stunde vor sich hin und wird zu einer Art Roadmovie, was ein wenig gewönungsbedürftig ist. Summa summarum bleibt noch Luft nach oben.


Ein ungewöhnlicher Kommissar ermittelt zum Start in einem ungewöhnlichen Fall, der Luft nach oben lässt. 3,5 von 5 Punkten.

schwarzseher Offline



Beiträge: 613

21.03.2020 16:09
#23 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Die Trimmel Tatorte sind ja im Grunde immer als sehr positiv hinterlegt ( jedenfalls bei mir ) und W. Richter ein Garant für gute Krimi Unterhaltung . Jetzt nach den vielen Jahren und vielen Krimis/Tatorten stellt man aber doch einige Überlegungen an.War nicht schon ( evtl. unbewusst ? ) dieser erste Tatort ( wurde er nicht erst später zum Tatort ?)schon ein bischen der Einstieg in die Ermittlergarde der "besonders Aussergewöhnlichen " hier -ich mache was ich will /mit einem Schlag über den Kopf gehe ich noch lange nicht nach Hause ? usw.
Meine Favoriten Haferkamp/Konrad/Finke/Lutz/Brinkmann sind ja alles "Langweiler" aber durchaus gute Ermittler und der Fall steht im Vordergrund ( Ok. Haferkamp nervt mit seiner geschiedenen ....)
Dann kam Schimanski ......für mich durchaus eine Modeerscheinung ,die ich mir heute nicht mehr ansehen kann ( dieses Rebellengetue ....puh....damals was neues ,heute teilweise nur noch peinlich .Da hofft man nur das Tanner dem Idioten einfach mal auf die F....haut und der Film dann zu ende ist )
Dann kam schon fast die Ära der politsch korrekten Tatorte mit den sich überbietenden Problemermittler ( jeder MUSS eine Macke haben /suspendiert werden /Probleme in der Familie/Alkohol /usw . usw. usw. )
Das die Drehbücher ausser dieser "Mussvorgaben" anscheinend immer dilettantischer /vorhersehbarer ( erziehender ? ) wurden hat der Serie für mich leider den Todesstoß gegeben ( schaue nur noch Münster weil die sich selber nicht so wichtig sehen )

OK ....wenn es nicht so richtig passt ...entschuldigt ,aber das waren meine spontanen Gedanken zum 1. Tatort und die Entwicklung der Reihe.

Jan Offline




Beiträge: 1.514

22.03.2020 22:31
#24 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Zitat von schwarzseher im Beitrag #23
War nicht schon ( evtl. unbewusst ? ) dieser erste Tatort ( wurde er nicht erst später zum Tatort ?)schon ein bischen der Einstieg in die Ermittlergarde der "besonders Aussergewöhnlichen " hier -ich mache was ich will /mit einem Schlag über den Kopf gehe ich noch lange nicht nach Hause ? usw.

Eigentlich waren alle Tatort-Ermittler von Bedeutung mehr oder weniger Produkte ihrer Zeit. Oder andersrum formuliert: Waren sie es nicht, gelten sie zumindest in der Rückschau als eher bedeutungslos. Besonders sticht hier natürlich Heinz Drache heraus, dessen Figur - auch noch im anarchischen West-Berlin angesiedelt - so abwegig zu ihrer Zeit war, dass heute kaum noch einer abseits der Wallace-Fangemeinde davon Notiz nehmen dürfte. Trimmel war, nicht ganz unähnlich zu Haferkamp, nach außen ein typisch deutscher Beamter mit Bier und Korn, respektive im Falle Haferkamp mit Frikadelle. Beide waren Relikte der bereits beendeten Adenauer-Ära, gehüllt in eben jene grau-brünlichen Anzüge, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatten. Insgeheim schlummerte aber sowohl in Trimmel als auch in Haferkamp bereits so etwas wie Rebellion, Aufbegehren gegen eingefahrene Vorgehensweisen. Besonders bei Haferkamp wurde das im Laufe der ausgehenden 1970er Jahre immer deutlicher; nicht eben zum Gefallen von Hansjörg Felmy. Tatsächlich wurde auch der Konkurrenz-Ermittler Erwin Köster vom ZDF zunächst ähnlich angelegt, wobei sich das in seinem Fall eher abschliff mit den Jahren (typische Ringelmann-Entwicklung).

Gruß
Jan

Havi17 Offline




Beiträge: 3.300

23.03.2020 13:32
#25 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Sind Menschen die einen Beruf ausüben Produkte Ihrer Zeit, eine spannende Frage.

In den frühen 70ern wurden einzelne Tatort-Folgen tlw. in Diskussionssendungen mit Zuschauern kritisch auf ihre Realaität hin bewertet. Unlängst schaute ich mir eine
Folge (Nachspiel) davon an, es ging um den Tatort "Das fehlende Gewicht". Ich halte die Menschen damals aus heutiger Sicht ganz und garnicht nicht für weltfremd.
Auch die Art und Weise wie die Polizei arbeitet, sei es damals oder heute. Ich persönlich kenne aus meinem Umfeld Polizeibeamte und die haben so garnichts mit Nick Tschiller
oder den Münsteranern zu tun. Diese sind Produkte unserer Zeit, aber eben nur Produkte, die nichts mit der Realität zu tun haben. Die Kommissare damals sind Produkte
der damaligen und unserer heutigen Zeit, auch wenn das Zuschauer langweilig finden. Der Tatort war damals ein Spiegel seiner Zeit, das ist er mit diesen Kunstfiguren
heute schon lange nicht mehr. Mit meinen Kindern schaue ich schon einige Jahre auch alte Tatort-Folgen an, solche die nicht brutal und blutig sind. Die Kinder finden,
als wäre es damals als ich klein war, die Sympathie in den Ermittlern also den Menschen und finden diese Tatorts deshalb auch nicht langweilig, im Gegenteil.
So manchen mußte ich diesen schon mehrmals einlegen.Warum, es sind wenn man es "gelernt hat" die Menschen, die interessieren, als wäre man selbst einer davon. Mit einem
Nick Tschiller wollen und können diese sich noch nicht identifizieren. Einer der mit Abstand authentischsten Tatorts ist "Wer andern eine Grube gräbt". Auch dieser
wird sicher von vielen als langweilg empfunden, geht es doch auch um die Probleme des Kommissars den Fall zu lösen. Ich kann verstehen, daß das für viele Menschen
langweilig ist, da ist kein Interesse an anderen Menschen und besonders an solchen die eben nur normal sind und einen ganz tollen Job machen und dabei Rücksicht
auf andere Menschen nehmen. Wenn der heutige Tatort solche Individuen als Spiegel der Zeit agieren läßt, dann passt das in der Tat zu vielen Personen der heutigen Zeit.
Haferkamp hat sich nicht abgeschliffen, er aß weiterhin seine Frikadelle, solche Normalos verhalten sich eben normal und schleifen sich nicht ab.
Warum sollen sich Menschen immer wieder in ihrer Art verändern, um immer wieder interessant für Zuschauer zu sein. Irgendwann sind diese hohl und uninteressant.
Dann doch lieber sich selbst treu bleiben wie ein Fels in der Brandung, denn irgendwann setzen diese dann damit eigene Maßstäbe. Wer den Tatort damals, der sich sehr
stark bemüht hat an der Realität zu bleiben nicht als solchen erkennt und solche Menschen langweilig findet, der sollte nachholen was er verpasst hat.

Gruss
Havi17

schwarzseher Offline



Beiträge: 613

23.03.2020 14:24
#26 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Deine Ausführungen sind schon sehr nachdenkenswert ,ich frage mich dann wer oder was hat das Pendel in die "Nick Tschiller"/ immer besonderer/immer aktuelle Strömungen / Richtung ausschlagen lassen ? ( im Grunde ja schon seit Schimanski ) die Quote ? die Verantwortlichen in den Sendern ? Seit wann und warum muss immer eine "Botschaft" mit im Spiel sein ?
Man hat den Eindruck das die Ermittler früher viel pragmatischer ausgerichtet waren. Mord /Verdächtige /Ermittlungsarbeit ....fertig ....war das wirklich zu langweilig ? mir nicht ! Ich könnte zB einem Kommissar Finke auch heute noch stundenlang zuschauen.

Wahrscheinlich ist die Antwort ganz einfach ......die gesellschaftliche Entwicklung hat uns "alte" Langweiler mit den dazugehörigen Ermittlern einfach überrollt ?????

Havi17 Offline




Beiträge: 3.300

23.03.2020 15:29
#27 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Ich als Langeweiler möchte es etwas drastischer formulieren. Ich verbringe leider sehr viel Zeit damit Menschen zu finden,
die etwas für Andere tun, ein wichtiges Ehrenamt zu begleiten. Es wird immer schwieriger solche "Langweiler" zu finden,
die das nicht für ihr Ego, sondern für Menschen unentgeldlich tun. Da hat mich die Zeit einfach überrollt ...

Zum Thema Quote und den Redakteuerinnen, welche Erfolgsfiguren wie Tschiller & Co aussuchen möchte ich mich nicht
weiter äußern, das Thema ist abgewetzt. Früher gab es Redakteursfernsehen, da hatten Redakteure das Wort was läuft
und Drehbuchautoren konnten ihre Bücher Personen zuschreiben, die dafür auch besetzt wurden, Ausnahme "Kressin".

Gruss
Havi17

Ray Offline



Beiträge: 1.534

24.03.2020 12:34
#28 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Exklusiv! (Tatort-Folge 9, BRD 1969)


Ein Bankangestellter namens Edmund Frank bestielt seine eigene Bank und setzt sich nach Paris ab. Dort wird er von einer Frau überrascht, mit der er zuvor in Deutschland eine flüchtige Affäre hatte. Bei einer Auseinandersetzung tötet Frank die Frau fahrlässig, wird jedoch anschließend wegen Mordes verurteilt...

„Exklusiv“, in der „Tatort“-Chronologie der zweite Fall für Ermittler Trimmel, war schon zwei Jahre zuvor als eigenständiger Fernsehfilm ausgestrahlt worden und wurde anschließend in die neue Reihe „integriert“. Walter Richter spielt eine absolute Nebenrolle – sein erster Auftritt ist nach knapp 70 Minuten. Im Mittelunkt steht vielmehr Heinz Bennent, aus dessen Sicht die Story erzählt wird. Er hat mit einem Journalisten und seinem Verteidiger einen Deal ausgehandelt: Frank gibt dem Reporter eine Exklusiv-Story, dafür soll Frank nach seiner Entlassung den Löwenanteil der vergrabenen Beute erhalten. Die Inszenierung des Films fällt durch die Erzählung in Rückblenden und die wechselnden Schauplätze sehr reizvoll aus. Heinz Bennent ist spielerisch in der Lage, diese Art von Kriminalfilm mit seinem Charisma zu tragen. So bleibt der Film über weite Strecken sehr unterhaltsam, hätte die „Überlänge“ von ca. zehn Minuten allerdings nicht zwingend gebraucht. Aufgewertet wird die Episode dagegen wiederum durch den wie immer stark agierenden Wolfgang Reichmann in der Rolle des profitgierigen Journalisten. Im Vergleich zur ersten Folge definitiv eine Steigerung!


Clever konstruiertes, in Rückblenden inszeniertes Heist-Movie mit einem charismatischen Heinz Bennent in der Hauptrolle. 4,5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.534

07.05.2020 14:35
#29 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

AE 612 ohne Landeerlaubnis (Tatort-Folge 10, BRD 1971)


Eine Maschine, die planmäßig von Mailand in den Libanon fliegen soll, ist auf dem Weg in Richtung Hamburg. Der Grund: Max Berguson, einer der Passagiere, hat das Flugzeug entführt, um einen anderen Passagier nach Hanburg auszuliefern, der der Mörder seiner Frau ist. Als dieser davon erfährt, nimmt er ebenfalls eine Geisel und fordert den Flugkapitän auf, umzudrehen...

Auch der dritte Fall für Kommissar Trimmel ist inhaltlich alles andere als TV-Krimi-Standardware. Eine doppelte Flugzeugentführung sorgt hier tatsächlich für doppelte Spannung und rechtfertigt eine Lauflänge von etwas über 100 Minuten allemal. Dies liegt zum einen natürlich an der an sich packenden Story, zum anderen an der sehr guten Inszenierung von Peter Schulze-Rohr, der zwischendrin auch mal atmosphärische Szenen in Diskos einstreut, welche den Zeitgeist exzellent einfangen. Obendrein machen die Darsteller einen sehr guten Job. Wie schon in der (Quasi-)Vorgängerepisode ist Heinz Bennent in einer zentralen Rolle zu sehen, nämlich in der Rolle des Piloten, der vor eine Reihe schwieriger Entscheidungen gestellt wird und sich nicht nur mit zwei Entführern, sondern auch mit dem mitunter etwas impulsiven Kommissar herumschlagen muss, der im Tower des Flughafens plötzlich zum Mikrofon greift und sich in die Gemengenlage einmischt. Mit einem actionreichen Showdown zum Abschluss ist den Verantwortlichen ein lupenreiner Thriller gelungen, der losgelöst von Tatort-Erwartungshaltungen bestens zu unterhalten weiß!


Spannender, erstklassig inszenierter Entführungs-Thriller. 5 von 5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 1.534

09.05.2020 17:07
#30 RE: Die 1970er-"Tatort"-Kommissare: Trimmel (Walter Richter) Zitat · Antworten

Der Richter in Weiß (Tatort-Folge 11, BRD 1971)


Herr Dr. Beerenberg, ein renommierter Arzt, wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Verdächigt wird seine Frau, die übermäßig aufgebracht erscheint und zur Untersuchung in eine psychiatrische Klinik übergeben wird. War sie die Täterin? Und ist ihr ein strafrechtlicher Vorwurf zu machen?

Rekordverdächtige 122 Minuten geht diese Tatort-Folge, die ein weiteres Besispiel dafür ist, wie wenig festgefahren man in dieser frühen Phase der Reihe noch war. Auch im vierten Einsatz von Kommissar Trimmel bekommt man alles andere als einen üblichen TV-Krimi vorgesetzt, sondern vielmehr ein leicht verkopftes Psychodrama, in dem Erika Pluhar als (möglicherweise) psychisch Kranke und Helmut Käutner in der Rolle des Frau Beerenberg zu begutachtenden Psychiaters die Hauptrollen spielen. Beide Figuren sind äußerst ambivalent angelegt. Während sich dies bei der von Erika Pluhar gespielten Frau Beerenberg schon aufgrund der in Rede stehenden Geisteskrankheit von selbst versteht, gibt auch Dr. Kemm ein fragwürdiges Bild ab, zeigt er doch entgegen erster Beteuerungen auf die Nachfrage Beerenbergs, ob er schon mal ein Verhältnis zu einer Patientin gehabt habe, ernsthaftes Interesse an der Mordverdächtigen. Eine Beziehung steht im Raum. Während der Betrachter auf der einen Seite das Geschehen in der psychiatrischen Klinik verfolgt, versucht Trimmel auf der anderen Seite, „handfeste Beweise“ für ein planmäßiges Vorgehen zu sammeln. Im halbstündigen Finale prallen dann die zwei Welten von Dr. Kemm und Trimmel aufeinander. Die Szenen vor dem Schwurgericht sind hervorragend inszeniert und entschädigen für die ein oder andere Länge. Das Ende lässt das Publikum ein wenig im Unklaren, was jedoch durchaus zum Film passt. Schließlich schwanken sowohl der Betrachter als auch offenbar Dr. Kemm ganz offensichtlich permanent zwischen der Überzeugung, mit Frau Beerenberg eine psychisch Kranke oder eine mit Kalkül handelnde Mörderin vor sich zu haben. Die Wahrheit liegt möglicherweise in der Mitte.


Überlange Tatort-Episode, die mehr als Psychodrama denn als handfester Kriminalfilm funktioniert. Ambivalente Figuren, eine düstere Grundstimmung und eine ausgefeilte Inszenierung sorgen für anspruchsvolle Unterhaltung. Trotzdem dürfte „Der Richter in Weiß“ nicht in die Kategorie Film fallen, die man sich mit Genuss noch viele weitere Male ansieht. Summa summarum 4 von 5 Punkten.

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