Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Forum Edgar Wallace ,...



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 769 mal aufgerufen
 Giallo Forum
Georg Offline




Beiträge: 2.863

28.09.2011 15:43
The Girl Who Knew too Much (1963) Zitat · antworten

La ragazza che sapeva troppo
wörtlich: Das Mädchen, das zuviel wusste
Italien 1963

Die Amerikanerin Nora Davis kommt erstmals nach Rom. Bereits auf dem Flughafen hat sie ein seltsames Erlebnis, denn ihr Nebensitzer wird wegen Drogenhandels verhaftet. Doch nicht genug der Aufregungen: Die Frau, bei der sie wohnen soll, stirbt noch in der gleichen Nacht an einer Krankheit. Aufgeregt, weil das Telefon nicht funktioniert, rennt sie auf die Straße, um Hilfe zu holen. Dabei wird sie auf der Spanischen Treppe von einem Taschendieb überfallen und niedergeschlagen. Als sie aufwacht, sieht sie, wie eine Frau mit einem Messer niedergestochen wird und liegen bleibt. Nora wird ohnmächtig, erwacht im Krankenhaus. Dort will ihr die Geschichte niemand glauben, zumal auch keine Leiche gefunden wird. Bei der Beerdigung der alten Dame, bei der sie wohnen sollte, macht sie die Bekanntschaft Lauras, einer Bekannten der Toten, die ihr erzählt, dass vor zehn Jahren ein unheimlicher Serienmörder in Rom umging, der ebenso an der Spanischen Treppe seine Opfer suchte und nie gefasst wurde. Bei den Ermordeten handelte es sich immer um Frauen, die sich der Mörder in alphabetischer Reihenfolge nach deren Nachnamen ausgesucht hat. Nora bekommt Angst, denn die Frauen mit Namen A., B. und C. wurden bereits getötet - sie hat einen Nachnamen mit D! Auf eigene Faust versucht sie, der Sache auf den Grund zu gehen.

Giallo - Stunde Null

In der einschlägigen (Fach-)Literatur wird "La ragazza che sapeva troppo" (offensichtlich ohne deutsche Synchronisation) als der erste Giallo beschrieben. Nicht ohne Grund, denn Mario Bava, der später mit "Blutige Seide" einen weiteren Meilenstein setzte, hat hier schon einige Faktoren des Genres versammelt: ein Mädchen in Angst, einen unheimlichen Serienkiller (der hier allerdings noch nicht mit Handschuhen oder Mantel, sondern nur in Erzählungen in Erscheinung tritt) und sogar ein Locked-Room-Mystery. Der in Schwarzweiß gedrehte Film ist unter dem Aspekt der Bildgestaltung äußerst gelungen und interessant, selten habe ich die Spanische Treppe und das nächtliche Rom so unheimlich gesehen. Kein Wunder, denn Perfektionist Mario Bava war nicht nur Regisseur, sondern richtete laut Vorspann, wo er zusätzlich als "direttore delle luci" ("Lichtchef") aufgeführt wird, auch jede Szene lichttechnisch ein. Die unheimlichen Schwarz-Weiß-Bilder übertreffen jene der meisten Edgar-Wallace-Filme. Gelungen auch der Soundtrack; den Titelsong "Furore" singt übrigens kein Geringerer als Adriano Celentano!

Etwas störend wirkt der Off-Erzähler, der Noras Gedanken dem Zuschauer näherbringt und in einer Szene, in der Nora die Zügel in die Hand nimmt, dem Publikum sinngemäß erklärt: "Jetzt suchte sie Rat bei ihren Freunden, den Krimis, bei Edgar Wallace und Agatha Christie".

Bava führt den Zuschauer drei Mal an der Nase herum, um am Ende, nachdem alles aufgeklärt ist, noch eine schöne Schlusspointe zu setzen. Insgesamt ein sehr interessanter Film, der mir besser als "Blutige Seide" gefallen hat und der eigentlich für Genre-Fans als Mutterfilm nicht vernachlässigt werden dürfte (auch wenn er noch nicht ganz dem gängigen Giallo-Muster entspricht!).

Regie: Mario Bava, Drehbuch und Idee: Ennio de' Concini, Enzo Corbucci, Eliana de Sabata, Drehbuchmitarbeit: Franco Prosperi, Mino Guerrini, Mario Bava, Musik: Roberto Nicolosi, Titelsong "Furore" gesungen von Adriano Celentano, Produzent: Massimo De Rita, Mit Letícia Román, John Saxon, Valentina Cortese, Dante di Paolo, Titti Tomaino, Luigi Bonos, Milo Quesada, Robert Buchanan u.a.

kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

26.11.2014 23:03
#2 RE: The Girl Who Knew too Much (1963) Zitat · antworten

La ragazza che sapeva troppo

Der Film, mit dem alles begann ... Habe mit Schrecken festgestellt, dass zu Bavas Ur-Giallo hier noch gar nichts geschrieben wurde - ein Fakt, der ganz dringend geändert werden muss.

Nora Davis beobachtet einen Mord - doch niemand will ihr glauben. Also beginnt sie, auf eigene Faust nachzuforschen, und stößt dabei auf Erstaunliches ...

Ja, das klingt nach einem typischen 08/15-Giallo-Plot - doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Denn zuerst handelt es sich bei "The Girl Who Knew too Much" um seinen Schwarzweiß-Film. Doch das ist in diesem Fall durchaus von Vorteil - nicht weil Bava Farben nicht beherrschen würde (es gab wohl kaum einen anderen Regiseur, der, was Farben und Ausleuchtung angeht, Eindrücklicheres inszeniert hat), aber der Schwarzweiß-Look macht die Schatten dunkler, rückt den Film noch ein Stück näher in Richtung "Psycho" oder "Peeping Tom". Hinzu kommt Bavas Humor, der seinen Film mit Anspielungen auf Hitchcock und Christie (ABC-Morde!) spickt, dass es eine wahre Freude ist.

Auf viele mag der Film ein wenig geschwätzig wirken, doch funktionieren die Dialoge. Zwar agieren die Darsteller minimal zu überzogen, um real zu erscheinen, aber sie passen genau aus diesem Grund perfekt in die leicht augenzwinkernde Produktion. Die Story ist dabei durchaus vergleichbar mit den etwa gleichzeitig entstandenen Hammer-Thrillern, die Umsetzung allerdings ist einfach Bava. John Saxons verzweifelte Annäherungsversuche und Leticia Romans Ignorieren derselben sind eine Schau - da verzeiht man Roman auch, dass sie in den dramatischen Szenen etwas zu dick aufträgt. Dabei wird der Film aber nie albern - die geschickt konstruierte Handlung hält die Spannung konstant hoch und liefert eine Auflösung, die so mehrere andere Gialli danach inspiriert haben dürfte. Auch erzeugen die Bilder eine unruhige, bedrohliche Atmosphäre in den Spannungssequenzen und es werden genügend falsche Fährten ausgelegt.

Dank Arrow Films gibt es diese vergessene Perle in Top-Qualität im Originalton mit englichen Untertiteln auf Blu-Ray und DVD - als Bonus erhält man zusätzlich die englisch synchronisierte und umgeschnittene US-Fassung des Films - viel mehr kann der Fan sich nicht wünschen!

Ich habe absichtlich die Inhaltsangabe auf ein absolutes Minimum begrenzt und hoffe, den einen oder anderen neugierig auf den Film zu machen - es lohnt sich wirklich. Der Psychothriller wird zum Giallo - genau an diesem Punkt in der Filmgeschichte. 4,5 von 5 Punkten von mir.

Peter

Happiness IS the road! (Marillion)

Editiert von Gubanov am 27.11.2014, 10:50 Uhr - Beitrag in vorhandenes Thema integriert

Georg Offline




Beiträge: 2.863

27.11.2014 10:24
#3 RE: The Girl Who Knew too Much (1963) Zitat · antworten

Zitat von kaeuflin im Beitrag #2
Der Film, mit dem alles begann ... Habe mit Schrecken festgestellt, dass zu Bavas Ur-Giallo hier noch gar nichts geschrieben wurde - ein Fakt, der ganz dringend geändert werden muss.

Du hast Dich umsonst erschrocken ... Ich habe den Film schon vor drei Jahren hier besprochen ...

patrick Offline




Beiträge: 2.900

27.11.2014 11:35
#4 RE: The Girl Who Knew too Much (1963) Zitat · antworten

Ich wollte mir den Film schon länger mal vornehmen, da er ja auf YouTube zu finden ist. Mich hat nur die ausschließlich italienische Tonspur abgeschreckt. Da es jetzt ja eine Synchronfassung gibt, kommt er natürlich auf meine Wunschliste. Danke für die Info.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.213

27.11.2014 14:16
#5 RE: The Girl Who Knew too Much (1963) Zitat · antworten

Würde mich auch durchaus interessieren, aber wieder einmal liegt hier eine Giallo-Veröffentlichung als unpraktische DVD-Bluray-Combo vor. Eine andere anglophile Einzelveröffentlichung rein auf DVD scheint es aber laut OFDb nicht zu geben ...

kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

27.11.2014 22:35
#6 RE: The Girl Who Knew too Much (1963) Zitat · antworten

Da habe ich mich beim Suchen wohl vertippt - danke fürs Zusammenführen.

@Gubanov: Ja, das ist richtig. Allerdings bekommt man, wenn man ein wenig Glück hat, das Pack zu einem Preis, der dem einer Einzelveröffentlichung entspricht - und dicker ist es auch nicht. Von daher ... - Und bis auf eine kleine Beschädigung - einige Streifen während der Flugzeugszene - sieht das Bild einfach toll aus. Arrow hat viel vermurkst, hier hat man aber saubere Arbeit geleistet.

@patrick: Bei der US-Fassung handelt es sich nicht um eine synchronisierte Form der italienischen Fassung, sondern um eine Filmversion mit Alternativmaterial, die auch anders geschnitten ist. Als Vergleich durchaus interessant, aber danach Bavas Film beurteilen dürfte eher gefährlich sein.

Peter

Happiness IS the road! (Marillion)

Gubanov Offline




Beiträge: 15.213

11.02.2018 20:50
#7 RE: La ragazza che sapeva troppo (1963) Zitat · antworten



The Girl Who Knew too Much (La ragazza che sapeva troppo)

Kriminalfilm, IT 1962/63. Regie: Mario Bava. Drehbuch: Ennio de’ Concini, Enzo Corbucci (d.i. Sergio Corbucci), Eliana de Sabata. Mit: Letícia Román (Nora Davis), John Saxon (Dr. Marcello Bassi), Valentina Cortese (Laura Torrani), Dante di Paolo (Andrea Landini), Titti Tomaino (Inspektor), Giovanni di Benedetto (Professor Torrani), Marta Melocco (Mordopfer), Luigi Bonos (Pensionsportier), Chana Coubert (Ethel Windell Batocci), Virginia Doro (Reinemachfrau) u.a. Uraufführung (IT): 14. Februar 1963.

Zitat von The Girl Who Knew too Much
Ihren Urlaub in Rom hat sich die eifrige Kriminalromanleserin Nora Davis wohl anders vorgestellt. Die mütterliche Freundin, bei der sie wohnen sollte, stirbt schon in der ersten Nacht an einem Herzanfall, woraufhin Nora panisch die Wohnung verlässt, auf der Spanischen Treppe von einem Taschendieb niedergeschlagen wird und anschließend einen Mord beobachtet. Die Polizei will nicht glauben, was sie gesehen hat – also muss sie selbst tätig werden. Sie findet heraus, dass vor zehn Jahren bereits Frauenmorde an der Spanischen Treppe verübt wurden. Damals ging der Mörder alphabetisch vor und tötete bis zum Buchstaben C. Soll Nora etwa sein nächstes Opfer werden?


Den konkreten Ausgangspunkt eines Genres zu definieren, das sich über die Jahre sukzessiv aus stilverwandten Filmen herausprägt, ist immer ein Drahtseilakt. Ab wann verfügt ein Film über genug Merkmale der fraglichen Gattung, um als „erster seiner Art“ durchzugehen? Für den Giallo wird „The Girl Who Knew too Much“ diese Ehre zugesprochen, wofür verschiedene Gründe genannt werden können. Einerseits inhaltliche: Die Handlung begleitet die bedrohte, unfreiwillig in eine Mordserie hineingeratene Ausländerin, die als Hobbydetektivin dem Rätsel auf die Spur zu kommen versucht. Dreht man die Geschlechterrollen um, hat man es bei „The Girl“ mit der exakt gleichen Ausgangslage zu tun wie in Dario Argentos Meilenstein „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“. Andererseits sprechen auch formelle Gründe für eine Zugehörigkeit dieses frühen Streifens zum Giallo-Kanon: Inszenierung und Ausleuchtung schlagen eine Brücke zwischen Film Noir, englischem Thriller und späteren italienischen Konventionen. Der Regisseur Mario Bava machte sich zudem auch in den Folgejahren um eine weitere Herausarbeitung des Genres verdient, sodass es nur recht und billig ist, einen seiner Filme als Ur-Giallo zu klassifizieren. Und schließlich sprechen auch die Schauplätze eine deutliche Sprache: „The Girl Who Knew too Much“ siedelt seine Verbrechen und Ermittlungen vor den schönsten Touristenzielen der ewigen Stadt an, so als wolle er seine zentrale Rolle für die Entstehung einer typisch italienischen Art Krimi selbst unterstreichen. Die Spanische Treppe spielt eine wesentliche Rolle und wird mehrfach hinreißend ins Bild gerückt; ebenfalls zu sehen sind u.a. Kolosseum, Foro Romano, Foro Italico, Engelsburg und Piazza del Popolo. Dabei gelingt es Bava, selbst diesen harmlosen und stark frequentierten Orten einsame und bedrohliche Nuancen zu entlocken.

Zitat von Antonio Bruschini, Stefano Piselli: Giallo & Thrilling all’italiana, Glittering Images, Florenz 2010, S. 20f
This seminal movie marks the debut of all the peculiarities characterizing Italian thrillers. The film’s producers had originally envisioned a Hitchcock-styled mystery-comedy, however the director turned it into a macbre thriller. [...] Despite some minor comedy bits, Bava shows all his ability in creating fear-filled atmospheres, with [a] protagonist that often finds herself in dark places from which there seems to be no way out.




Tempo und der offene Einsatz von Schockeffekten und Brutalität als spannungssteigernde Mittel sind freilich noch nicht so ausgeprägt wie in späteren Genrevertretern, die eine deutlich härtere Schiene fahren. Bava nutzt hier eine subtilere Variante, Grusel hervorzurufen. Viele Einzelszenen wirken weniger gialloesk im international gebräuchlichen Sinne als vielmehr wie einem klassischen Krimi oder Thriller entnommen, die in Italien ja ebenfalls als gialli bezeichnet werden. Agatha Christies „Morde des Herrn ABC“ standen ganz offensichtlich Pate für die thematisierte Mordserie. Dennoch zittert man so manches Mal aufrichtig um Letícia Román, was vor allem an deren ausdrucksvollem Spiel sowie dem stimmigen Zusammenwirken von Licht, Kamera und Musik liegt. Román, die tatsächlich in Rom geboren wurde und sich nicht die geringste Mühe gibt, einen Akzent vorzutäuschen, nimmt man die amerikanische Touristin zwar nicht wirklich ab; die Gefahr, in die sie sich begibt, bleibt aber ständig so präsent, dass sie allein darauf eine sehr überzeugende Interpretation aufbauen kann. Bava versuchte, vor allem in den Szenen mit ihr und John Saxon (der umgekehrt einen Italiener spielt, aber Amerikaner ist) Humor einzubauen; dieser wirkt manchmal etwas ungeschickt, wird aber durch den nächsten Twist meist schon wieder vergessen gemacht.

Dadurch dass es für Nora Davis’ Erlebnisse keine Beweise gibt bzw. diese verdächtig schnell wieder verschwinden, glaubt lange Zeit niemand ihre Geschichte. Vorhaltungen von Halluzinationen oder Wahnsinn sowie die Isolation in einer fremden Umgebung ohne Vertraute sind Motive, die dem Film zusätzlichen Wiedererkennungswert verleihen. Der Reporter, der sein Wissen über die früheren Morde mit Nora und Marcello teilt, ist eine tragische Figur, die auch über ihren Tod hinaus recht rätselhaft bleibt. Dante di Paolo wertet mit seinem vergleichsweise kurzen Auftritt den Film sehr auf; ähnliches kann von der überzeugenden Valentina Cortese behauptet werden. Beiden Schauspielern hätte man mehr Szenen gewünscht, obwohl es sicher die richtige Entscheidung war, die Konzentration auf die verfolgte Heldin so konsequent durchzuhalten. Am Ende soll an deren Glaubwürdigkeit mithilfe einer etwas wackeligen Rahmenhandlung dann noch einmal gezweifelt werden; eher als Gag für ein unbeschwertes Entlassen des Publikums aus dem Kino als für eine wirkliche Last Minute-Überraschung geeignet, fügt diese Wendung dem Film immerhin noch eine zusätzliche Ebene der Unsicherheit hinzu. Und welches Gefühl könnte schon bezeichnender für den Giallo sein als Unsicherheit ...?

Auch in Bavas bestechendem Schwarzweißfilm blitzen die gelben Krimimerkmale in frappierender Deutlichkeit durch. Ein interessantes Bindeglied zwischen Sixties-Thriller und Giallo mit einer engagierten Hauptdarstellerin, um deren angstvoll aufgerissene Augen der gesamte Film zirkelt. 4,5 von 5 Punkten.

 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen