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Dieses Thema hat 34 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

17.07.2011 14:35
Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an (enthält Spoiler) Zitat · antworten

Woher kommt es, dass eine unverändert populäre literarische Figur noch heute mit dem Gesicht assoziiert wird, das ihr vor über 70 Jahren gegeben worden ist, wenngleich sich Film- und Fernsehproduzenten bis zum heutigen Tage bemühen, neue und immer bessere und spektakulärere Abenteuer dieses Mannes unter die Leute zu bringen? Dass die Rede von Sherlock Holmes ist, ist eindeutig, denn kein anderer Charakter hat es geschafft, eine so große Zahl an Anhängern über Jahrzehnte und unterdessen gar Jahrhunderte hinweg zu behalten, ja gar hinzuzugewinnen. Und dass man bei dem Pfeife rauchenden Meisterdetektiv aus der Baker Street zuerst Basil Rathbone vor Augen hat, darin stimmt nicht nur der renommierte Filmforscher David Stuart Davies, Autor des Buches „Starring Sherlock Holmes“, mit mir überein. Rathbone, hier liegt vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs, demonstrierte einerseits unmittelbare Nähe zu der von Sir Arthur Conan Doyle erfundenen Figur – Auffassungsgabe, Scharfsinn, die verschmitzte Interaktion mit Watson und Lestrade und nicht zuletzt sein Äußeres –, bot andererseits aber mehr als sein Ebenbild aus Papier. Er fügte dem Charakter eine besondere Würde, eine Unfehlbarkeit und idealisierte Verlässlichkeit hinzu, die vor allem dem brisanten Entstehungshintergrund seiner Filme zuzuschreiben ist. In eigenen Worten blickte Basil Rathbone zwiespältig auf seine Karriere als Holmes zurück:

Zitat von Basil Rathbone: In and Out of Character, Limelight Editions, 2007, S. 181
Of all the „adventures“ „The Hound“ is my favourite story, and it was in this picture that I had the stimulating experience of creating, within my own limited framework, a character that has intrigued me as much as any character I have ever played. [...] The stories varied but I was always the same character merely repeating myself in different situations.


Für den Schauspieler, der für 14 Filme und mehrere hundert Radiohörspiele in der Rolle auftrat, wandelten sich Holmes’ große Tugenden von Beständig- und Beharrlichkeit in eine für ihn unüberwindbare Rollenschublade, die für Rathbone zu einem Karrierehemmnis, für den Liebhaber seiner Filme aber zu umso größerer Authentizität führt:

Zitat von Amanda J. Field: England’s Secret Weapon, Middlesex UP, 2009, S. 17
Holmes may move in a modern world and use cars instead of hansom cabs, but would perhaps still be regarded as the „true“ Holmes if he were shown to have retained the Victorian moral values he exhibited in the Doyle stories. [...] He and Watson, as Sally Sugarman contends, are „fixed points in a changing age“ and [...] this is the reason for their continuing appeal and longevity.


In diesem Sinne wird es Percy Lister und mir auch heute und auch nach zig Sichtungen noch immer eine Freude sein, die Sherlock-Holmes-Filme mit Basil Rathbone und seinem Dr. Watson Nigel Bruce wiederzuentdecken und in chronologischer Reihenfolge zu analysieren. „Here, though the world explode, these two survive, and it is always eighteen ninety-five.“

  1. Teil 1 / Teil 2 - Der Hund von Baskerville
  2. Teil 1 / Teil 2 - Die Abenteuer des Sherlock Holmes
  3. Teil 1 / Teil 2 - Die Stimme des Terrors
  4. Teil 1 / Teil 2 - Die Geheimwaffe
  5. Teil 1 / Teil 2 - Verhängnisvolle Reise
  6. Teil 1 / Teil 2 - Gespenster im Schloss
  7. Teil 1 / Teil 2 - Das Spinnennest
  8. Teil 1 / Teil 2 - Die Kralle
  9. Teil 1 / Teil 2 - Die Perle der Borgia
  10. Teil 1 / Teil 2 - Das Haus des Schreckens
  11. Teil 1 / Teil 2 - Die Frau in Grün
  12. Teil 1 / Teil 2 - Gefährliche Mission
  13. Teil 1 / Teil 2 - Juwelenraub
  14. Teil 1 / Teil 2 - Jagd auf Spieldosen

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.508

17.07.2011 14:44
#2 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sir Arthur Conan Doyle’s The Hound of the Baskervilles (Der Hund von Baskerville)

Mit: Richard Greene (Sir Henry Baskerville), Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Wendy Barrie (Beryl Stapleton), Nigel Bruce (Dr. Watson), Lionel Atwill (James Mortimer, M.D.), John Carradine (Barryman), Barlowe Borland (Frankland), Beryl Mercer (Mrs. Jenifer Mortimer), Morton Lowry (John Stapleton), Ralph Forbes (Sir Hugo Baskerville). Regie: Sidney Lanfield. Drehbuch: Ernest Pascal. Produzent: Darryl F. Zanuck (20th Century Fox).


Erster Satz: „Hello there! Hello there, is something wrong?“

Inhalt: Seit Jahrhunderten finden alle männlichen Mitglieder der Familie Baskerville ein gewaltsames Ende. Sir Hugo Baskerville, ein Trunkenbold und Wüstling, wurde von einem großen schwarzen Hund getötet, als er seine Seele dem Teufel verschrieb, um eines flüchtigen Mädchens habhaft zu werden. Als Sir Charles, der momentane Besitzer des Anwesens, ebenfalls unter mysteriösen Umständen stirbt, wendet sich dessen Freund, der Arzt Dr. James Mortimer, an den Londoner Detektiv Sherlock Holmes und bittet ihn, auf den bald aus Kanada eintreffenden Henry Baskerville ein schützendes Auge zu werfen. Bald schon erhält der junge Mann einen Drohbrief und ein Anschlag auf sein Leben wird verübt. Wird Sherlock Holmes hinter das Geheimnis kommen und eine weitere Tragödie verhindern können?

Besprechung:

Zitat von The Reichenbach Journal Nr. 5 / Jahrgang 1993, Die Kolumne von Matthias H. Schäublin
London – öliger Nebel behindert die Sicht der Droschkenkutscher, die nasskalte Witterung zwingt zu einer schnelleren Gangart und der feine Nieselregen durchdringt selbst die dicksten Mäntel der Passanten.


Die atmosphärische Dichte der britischen Hauptstadt wird ebenso gelungen eingefangen, wie die unendlichen Weiten des Dartmoors, das in seinem Zentrum das berüchtigte Gefängnis bei Princetown beherbergt, von wo Selden, der Mörder von Notting Hill, entflohen ist. Sanft geschwungene Hügellandschaften mit den violetten Flechten der Erika und den gelben Tupfen des Ginsters kontrastieren mit rauheren Ecken der Hochmoorebene, der viele kleine Flüßchen entspringen.

Vor allem lebt die filmische Umsetzung jedoch von den handelnden Personen, die vergessen lassen, dass es sich um eine Produktion aus dem Jahr 1939 handelt. Die Frische und Ungezwungenheit, mit der sich Beryl Stapleton und Sir Henry Baskerville begegnen; das gastfreundliche Ambiente in Merripit House und das ungetrübte Verhältnis zwischen Jack Stapleton und seiner Stiefschwester vermitteln eine Behaglichkeit, die darüber hinwegtäuscht, dass hinter allem „Mord, ein höchst raffinierter, kaltblütiger, sorgfältig geplanter Mord“ steckt. Einige Änderungen der Originalvorlage tragen selbstverständlich dazu bei.

Dr. Watson kann sich in Abwesenheit seines Freundes als klug planender Mann profilieren und stellt für den jungen Erben einen wahren Freund dar. Sherlock Holmes darf seine Vielseitigkeit in der Rolle eines Wanderhändlers unter Beweis stellen. Szenen fein dosierten Humors wechseln sich mit Momenten des Grusels ab. Die spiritistische Séance sei hier ebenso genannt, wie die gerichtliche Untersuchung zu Beginn, die dunkle Schatten vorauswirft. Das ausführliche Finale im nächtlichen Moor gibt Sherlock Holmes Gelegenheit, jede Spur zu analysieren und den Schrecken, den der Hund verbreitet, ein letztes Mal aufleben zu lassen.
Die Kriminalhistorikerin und Universitätsdozentin E. J. Wagner schreibt folgendes:

Zitat von Die Wissenschaft bei Sherlock Holmes und die Anfänge der Gerichtsmedizin, Wiley- VCH Verlag, 2008
Der in Großbritannien verbreitete Volksglaube, dass der Teufel den Hexen Tiere (schwarze Katzen, Hunde, Hasen) als Gefährten zur Seite stellt, die ihnen bei ihren Übeltaten zur Hand gehen, erinnert an ägyptisch-römisches Sagengut. [...] Tote Körper wurden gefürchtet; dass man im Umkreis von Galgen oder flachen Grabstätten häufig Raubtiere wie Hunde fand, die von dem Geruch angelockt worden waren, nährte die Legende von der unheilverkündenden Schwarzen Bestie und verlieh ihr enorme Kraft.


Wie bei den meisten Verfilmungen des Stoffes, wurden auch hier diverse Punkte des Romans abgeändert. Um den Weg für ein Happyend zu ebnen, machte man aus Beryl Garcia – einer der Schönheiten von Costa Rica, die Rodger Baskerville unter dem Namen Vandeleur heiratete und mit nach England nahm – die blonde Beryl Stapleton, die Sir Henry am Ende bedenkenlos ehelichen darf. Die Figur der Laura Lyons, Tochter von Mr. Frankland, dem Querulanten, der laufend Prozesse gegen seine Nachbarn anstrengt, fehlt. So bleiben die Motive, weshalb Sir Charles mitten in der Nacht am Gartentor, das ins gefürchtete Moor führt, wartet, unklar. Oftmals wird auch bemängelt, dass es unlogisch sei, Sir Henry bereits in London mit dem Tod zu bedrohen. Dies erkläre ich einerseits mit dem Wunsch des Täters, in der Anonymität der Großstadt unerkannt zu bleiben und andererseits, die Flucht aufs Land zu forcieren. Dort wartet der Höllenhund, der dem Erben den Garaus machen soll. Seine Ansprüche auf den Besitz der Baskervilles hätte Stapleton vermutlich von Südamerika aus gestellt; in England hätte er sich einige unangenehme Fragen gefallen lassen müssen (z.B. Weshalb hat er so lange in der Nachbarschaft gelebt, ohne sich zu erkennen zu geben?).

Letzter Satz: „Oh, Watson, the needle!“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

17.07.2011 14:46
#3 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sir Arthur Conan Doyle’s The Hound of the Baskervilles (Der Hund von Baskerville)

Uraufführung USA: 31. März 1939. Erstsendung 1. Synchronisation: 27. April 1984, DDR II (DEFA Studio für Synchronisation). Erstsendung 2. Synchronisation: 29. Juli 1992, ZDF (Studio Hamburg). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Hinrich Köhn.


Mordopfer und Mordmethoden: 4+1 – Sir Charles Baskerville (Herzversagen), entführtes Mädchen, Sir Hugo Baskerville (vom Hund zerfleischt), der Sträfling (Sturz vom Felsen), evtl. Stapleton (Tod im Moor)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 1 Minute, 47 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 4 Minuten, 16 Sekunden

Besonderheiten:

  • Der einzige Film der Reihe, der eine Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle originalgetreu unter dem Titel ihrer Vorlage umsetzt.
  • Der einzige Film der Reihe, bei dem Rathbone und Bruce nicht an den Top-Positionen der Darstellerliste genannt werden.
  • Die Mooraufnahmen für den Film wurden in einer mehr als 5500 Quadratmeter großen Studioinstallation gedreht.
Kanonbezüge: Der Hund der Baskervilles, Das Zeichen der Vier / Ein Skandal in Böhmen

Zitate:
  • „Jeder kann Geister rufen aus großer Tiefe, aber werden sie antworten?“
  • „Meine größte Sorge ist, dass der Mörder zuschlägt, bevor wir bereit sind.“
  • „Ein Ermittler braucht etwas mehr als Legenden und Gerüchte.“
Besprechung:
Ebenso wie Basil Rathbone mit dem Namen Sherlock Holmes verbunden ist, so gibt es auch eine Geschichte, die als berühmteste und beliebteste von allen so viele Male wie keine andere filmisch umgesetzt wurde: „The Hound of the Baskervilles“ ist dieses Doyle’sche Wunderwerk, in dem Holmes und Watson Jagd auf einen vierbeinigen, eventuell gar übersinnlichen Mörder machen. Gerade die Verbindung aus herkömmlichen detektivischen Kombinationen wie etwa der Untersuchung des Stocks von Dr. Mortimer und mystischen Gruselelementen in Form eines schauerlichen Heulens über den Mooren von Dartmoor hat für große Verkaufserfolge in so gut wie allen Ländern der Welt gesorgt. Der Verdienst der Rathbone-Version ist es, den Kontrast zwischen London als Ort der aufgeklärten Deduktionsarbeit und dem abergläubischen Ödland rund um Baskerville Hall besonders herauszuarbeiten. Obwohl das Moor im Studio aufgebaut wurde, zählt es durch geschickte Kameraarbeit zu den unwirtlichsten seiner Art. Die Eingangssequenz, in der Sir Charles geängstigt durchs Dunkel läuft, um dann tot umzufallen und von dem entflohenen Sträfling ausgeplündert zu werden, hat wesentlich mehr Spannungspotenzial als etwa ein Beginn mit der mittelalterlichen Legende über Sir Hugos Gelüste für Weib und Wein. Eine atmosphärische Seance-Szene setzt zudem einen markanten Kontrapunkt an einer Stelle des Films, die in anderen Fassungen nur zum alleinigen großen Finale hinführt. Nicht zuletzt gebührt dem Hund – der Dänischen Dogge Blitzen, die, um weniger teutonisch zu klingen, in Chief umgetauft wurde – das Prädikat des unheimlichsten und aggressivsten Hundes, der es bislang in einen Holmes-Film geschafft hat.

Bemerkenswert an der Herangehensweise der Produktionsfirma 20th Century Fox ist die Tatsache, dass man sich zum ersten Mal überhaupt daran wagte, eine Sherlock-Holmes-Verfilmung in der viktorianischen Zeit spielen zu lassen. Bei ausnahmslos allen vorherigen Streifen, ob Stumm- oder Tonfilm, transferrierten die Drehbuchautoren die jeweiligen Geschichten in die Gegenwart des Produktionsjahres. Zwar muss eingeschränkt werden, dass 1939 die Veröffentlichung der letzten Doyle-Geschichte gerade einmal zwölf Jahre zurücklag, doch nichtsdestotrotz verdient die Rathbone-Reihe beim Abheben auf ihre Akkuratesse nicht die oft aus Unwissen verteilte Schelte, sondern vielmehr die Hervorhebung ihrer „neuen Traditionalität“.

Auch auf anderen Wegen beschritten Rathbone und Co. neues, für spätere Adaptionen stilprägendes Terrain. Während Dr. Watson in den Geschichten von Doyle vor allem durch eine passive Erzählerrolle in Erscheinung tritt, diese per se in Filmen aber nicht benötigt wird, war Holmes’ Sparringspartner bislang zur unwichtigen Nebenfigur degradiert worden. Nun, mit der Wahl eines jener Stoffe, bei denen Watson selbst eine wichtige, aktive Rolle spielt, und mit der Verpflichtung des anerkannten und namhaften Nigel Bruce (auch gern bei Hitchcock zu Hause), erfuhr der Doktor eine enorme Aufwertung. Als gleichberechtigter Teil des Ermittlerduos kam ihm zwar nach wie vor vor allem die Aufgabe zu, Holmes möglichst clever aussehen zu lassen, doch Bruce war im Stande, diesen Part äußerst liebenswürdig und vor allem im „Hund“ auch mit merklicher Ernsthaftigkeit auszufüllen. Mit Basil Rathbone verband ihn vor, während und auch nach der Filmreihe eine enge Freundschaft, sodass dieser in seiner Autobiografie vermerkte:

Zitat von Basil Rathbone: In and Out of Character, Limelight Editions, 2007, S. 181
There is no question in my mind that Nigel Bruce was the ideal Dr. Watson, not only of his time but possibly of and for all time. There was an endearing quality to his performance that to a very large extent, I believe, humanized the relationship between Dr. Watson and Mr. Holmes. It has always seemed to me to be more than possible that our „adventures“ might have met with a less kindly public acceptance had they been recorded by a less lovable companion to Holmes than was Nigel’s Dr. Watson, and a less engaging friend to me than was „Willy“ Bruce.


Was nicht jeder auf Anhieb sieht: Rathbone war fast drei Jahre älter als sein (im „Hund“ noch nicht) grauhaariger, aber erst 1895 geborener Kumpane.

Fiel am 29. Dezember 1938 die erste Klappe für die wegweisende Großproduktion, so musste diese bereits Ende März 1939 in den Kinos der Vereinigten Staaten laufen. Dieser enge Zeitplan, der neben den Aufnahmen ja auch die Post Production und verschiedene Prüfstellenanläufe umfasste, hatte zur Folge, dass das Team auf Hochtouren arbeitete. Die Schauspieler, jeder in seiner Rolle glaubhaft besetzt (vor allem der als Dr. Mortimer mit sinistrer Brille und Bart ausgestattete Lionel Atwill), spornte man zu Höchstformen an; andere Beteiligte am Set kamen jedoch unter die Räder. Neben der Erkrankung des Regisseurs ist vor allem anzumerken, dass die Musik von Cyril J. Mockridge nicht zur Vollendigung kam. Kurz nach dem Eintreffen Sir Henrys auf dem Moor bricht die musikalische Untermalung des Geschehens ab, was der einzige Faktor ist, der diesen „Hund“ in seiner Wirkung einschränkt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.508

24.07.2011 14:14
#4 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes (Die Abenteuer des Sherlock Holmes)

Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. Watson), Ida Lupino (Ann Brandon), Alan Marshal (Jerrold Hunter), Terry Kilburn (Billy), George Zucco (Professor Moriarty), Henry Stephenson (Sir Ronald Ramsgate), E.E. Clive (Inspektor Bristol), Arthur Hohl (Bassick), May Beatty (Mrs. Jameson). Regie: Alfred Werker. Drehbuch: Edwin Blum, William Drake. Produzent: Darryl F. Zanuck (20th Century Fox).


Erster Satz: „Gentlemen of the Jury, have you decided on your verdict?“

Inhalt: Professor Moriarty steht wegen Mordes vor Gericht, wird aber trotz der Intervention von Sherlock Holmes freigesprochen. Um seinen einzigen ernstzunehmenden Rivalen auszuschalten, plant er zwei verschiedene Verbrechen, wohlwissend, dass der Detektiv den interessanteren, abstrakteren Fall untersuchen wird. Ann Brandon und ihr Bruder werden mit dem Tod bedroht, während die Ankunft eines wertvollen Juwels im Tower von London vorbereitet wird. Kann Sherlock Holmes das Leben von Ann retten und die finsteren Pläne von Professor Moriarty vereiteln?

Besprechung:
In lobenswerter Weise bleibt „The Adventures of Sherlock Holmes“ dem Stil seines Vorgängers treu und lässt die Geschichte erneut in der viktorianischen Zeit spielen. Zum letzten Mal innerhalb der Reihe sehen wir Holmes mit deerstalker und inverness cape im dichten Londoner Nebel. Schon im nächsten Film bleibt die klassische Kopfbedeckung am Haken zurück.

Die Freundschaft zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson wird durch Vertrauensbeweise von Seiten des Detektivs bestärkt. Wieder einmal wird Watson in Abwesenheit von Holmes als dessen Stellvertreter zu einem wichtigen Termin abberufen. Dennoch erhält die humoristische Komponente, die Nigel Bruce in die Serie einbringt, diesmal mehr Platz. In brillanter Weise zeigt sich dies in der Rekonstruktion der Tathergänge am Schauplatz des Lloyd-Brandon-Mordes, als Watson auf der Straße liegt. Der Humor ist dabei jedoch immer dezent und liebenswert. Viele kleine Details werden zur Freude der Holmesianer eingestreut, so z.B. der persische Pantoffel, in dem der Detektiv seinen Tabak aufbewahrt, und die Anwesenheit des Knaben Billy, der bei Holmes lernen und später sein Nachfolger werden soll. Eine hübsche Idee, die aus dem Stück von William Gillette (1916) übernommen wurde und später auch in der 1922er-Verfilmung mit John Barrymore Verwendung fand. Nachdem Wendy Barrie im ersten Film der Serie zwar Ängste ausstehen muss, jedoch persönlich nicht bedroht wird, befindet sich Ida Lupino in ihrer Rolle als Ann Brandon in wirklicher Lebensgefahr. Die britische Schauspielerin schaffte nach ihrer Rolle in dem SH-Film die Wende zur dramatischen Darstellerin und führte ab 1950 selbst Regie. Später gründete sie mit drei weiteren Schauspielern eine Produktionsfirma und war eine der ersten Frauen in der Filmindustrie, die ihre vielseitigen Talente vor und hinter der Kamera in die Tat umsetzen konnten. George Zucco ist der Erste in einer Reihe von Moriarty-Darstellern und nach Meinung vieler Anhänger der Beste. Sein maliziöser Charme, der kalt arbeitende Verstand und seine Hartnäckigkeit machen ihn zu einem würdigen Gegner für Sherlock Holmes, wobei er weit distinguierter auftritt als sein Kollege Lionel Atwill, der auf animalische Weise Schrecken verbreitet.

Im Gegensatz zum ersten Film der Reihe, spielt die Musik hier eine weitaus größere Rolle, verleiht sie doch den Geheimnissen zusätzlichen Rätselfaktor. Das alte Totenlied der Inkas, das vom Mörder vor seinen Taten intoniert wird; die chromatische Tonleiter, die Holmes auf seiner Violine spielt, um die Stubenfliegen zu vertreiben und der Auftritt des Detektivs als Sänger eines Spaßliedes, das die Freuden eines englischen Badeurlaubs preist. Zudem wird die Musik immer wieder als Quelle der Inspiration gesehen, wie folgende Aussage untermauert:

Zitat von The Reichenbach Journal Nr. 6, Winter / Frühling 1994, Die Kolumne von Matthias H. Schäublin
Ein analytisch begabter Mensch sieht sich vor die Aufgabe gestellt, ein abstraktes Problem einer theoretischen Lösung zuzuführen. Papier und Schreibgerät sind angesichts der Komplexität kaum von Nutzen, einzig eine Pfeife vermag der Konzentration vielleicht förderlich sein, berücksichtigt man die beruhigende Wirkung der sachte emporsteigenden, sich ringelnden Rauchwolken. Hat es sich der vorher beschriebene Denker nun aber in seinem Lieblingssessel bequem gemacht und sucht er die dringend benötigte Energie, um seinen Gedanken die nötige Dynamik zu verleihen, so drängt sich – um zum Thema zurückzukommen – ein klassisches konzertantes Werk geradezu auf.


Logikfehler: Alan Barnes weist in seinem Buch „Sherlock Holmes on Screen“ auf mehrere Punkte hin, die der Logik des fertigen Films abträglich sind. Es handelt sich um Erklärungen für das Handeln von Personen, welche in der ursprünglichen Drehbuchfassung berücksichtigt wurden. Im Booklet zur Box der „Sherlock Holmes Collection Teil 1“ werden Auszüge daraus wiedergegeben, u.a. die Beweggründe Matteos, das seltsame Verhalten von Jerrold Hunter und die Vorgeschichte des Gerichtsprozesses gegen Moriarty.

Die Ursachen für die Morde an der Familie Brandon liegen – wie so oft – in der Vergangenheit. Mister Brandon senior hatte sich die Mine, die ihn und seine Familie reich gemacht hat, auf unrechtmäßige Weise angeeignet und dabei einen Indianer getötet. Er hat – wie viele Kolonialisten jener Tage – die Schätze des eroberten Landes erbeutet und die Einheimischen betrogen. Jerrold Hunter wusste als Familienanwalt von diesen Ereignissen und schwieg, um Ann die Erkenntnis zu ersparen, dass ihr Vater ein Schurke war. Am Ende des Films heiraten Ann Brandon und Jerrold Hunter, wobei das Alter der Braut mit 21 Jahren, das des Bräutigams mit 29 Jahren angegeben wird. Hier liegt ein weiterer Widerspruch. Laut Anns Aussage kennen sich die drei jungen Leute seit Kindesbeinen. Ist es denkbar, dass sich ein junger Mann, noch dazu Student der Rechtswissenschaften, mit einem kleinen Mädchen abgibt? Der Altersunterschied spricht gegen eine solche Freundschaft. Denkbar wäre jedoch, dass Jerrold zunächst mit Lloyd Brandon befreundet war und seit ein paar Jahren auch mit dessen Schwester näher bekannt ist.

Eine weitere Frage wirft das furiose Finale im Tower von London auf: Wie, dachte Prof. Moriarty, dem steinernen Gefängnis zu entkommen? Wollte er nach dem Diebstahl der Kronjuwelen seelenruhig mitsamt seiner Beute an den Wachmännern vorbeispazieren?

Letzter Satz: „Very effective, my dear Watson.“„Elementary, my dear Holmes, elementary.“

Gubanov Offline




Beiträge: 15.359

24.07.2011 14:17
#5 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



The Adventures of Sherlock Holmes (Die Abenteuer des Sherlock Holmes)

Uraufführung USA: 1. September 1939. Erstsendung Synchronisation: 10. Februar 1996, Schweizer Fernsehen (Studio Hamburg). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Hinrich Köhn.


Mordopfer und Mordmethoden: 2 – Lloyd Brandon (Strangulation mit Bolos), Professor Moriarty (Sturz vom Tower von London)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 32 Minuten, 20 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 2 Minuten, 40 Sekunden

Besonderheiten:

  • Der Film wurde auf Grundlage des Theaterstücks „Sherlock Holmes“ von William Gillette inszeniert.
  • Sherlock Holmes tritt hier zum ersten Mal gegen Professor Moriarty an: Insgesamt hatte Rathbone drei Begegnungen mit seinem Erzfeind, wobei der Professor jedes Mal am Ende in die Tiefe zu Tode stürzte.
  • Regisseur Alfred Werker hatte nach Lanfields Ausscheiden bereits die Dreharbeiten zum „Hund von Baskerville“ zu Ende geführt.
Kanonbezüge: Das letzte Problem / Das Tal der Angst, Der Mazarin-Stein, Das Musgrave-Ritual, Das Zeichen der Vier

Zitate:
  • „Sie haben ein bemerkenswertes Hirn, Moriarty, ohne Zweifel. Ich bewundere es so sehr, ich würde es gern in Alkohol eingelegt der Medizinischen Gesellschaft übergeben.“
  • „Mein lieber Watson, starren Sie mich nicht so an, als wäre ich ein Geist.“
  • „Aber, sind Sie denn nicht krank?“„Natürlich nicht: Ich bin tot!“
Besprechung:
Es ist Holmes’ Erzfeind Professor Moriarty, der den „Abenteuern des Sherlock Holmes“ ihren besonderen Stempel aufdrückt. Im Rahmen der Rathbone-Reihe von drei verschiedenen Darstellern verkörpert, hinterließ George Zucco gleich im ersten Versuch die nachhaltigste aller dieser Duftmarken (Rathbone selbst bevorzugte Henry Daniell, was aber wohl eher einer persönlichen Freundschaft zuzuschreiben ist). Zuccos Moriarty liefert sich geschliffene Wortgefechte mit Holmes, die nicht nur sein verbrecherisches Genie beweisen, sondern so geschickt hintersinnige Beleidigungen touchieren, dass es ein pures Vergnügen ist, den beiden großen Verfechtern der jeweiligen Gerechtigkeitsseite bei ihrer Version von Zuckerbrot und Peitsche zuzuhören. Zucco bietet über sein bösartiges Mundwerk hinaus zudem listige Augen, völlige Ruchlosigkeit und eine eigenartige Vorliebe für Pflanzen – besonders für rote Anthurien. Wer hätte gedacht, dass das von Holmes als „Napoleon des Verbrechens“ titulierte Genie nicht nur eine Frau in Grün, sondern auch einen grünen Daumen besitzt?

Durch Moriarty ist der Grundaufbau des Films mittels zweier paralleler Kriminalhandlungen gegeben. Das Problem der an sich gekonnt verwobenen Plots, dass diese nämlich in zwei Schlüsselereignisse zum Ende des Films münden und fast die komplette Spielzeit benötigen, diese vorzubereiten, ist beinah vergessen, sobald das Geschehen nach Beendigung der Gartenparty von Lady Conyngham volle Fahrt annimmt und zwei glänzende Höhepunkte direkt aufeinander folgen. Der Meisterverbrecher bedient sich dabei einerseits der Psychologie, weil er sein Gegenüber und dessen Aufmerksamkeiten genau studiert hat, andererseits schlägt er Sherlock Holmes aber auch mit eigenen Waffen: in der Verkleidung als Polizist mit dem klangvollen Namen Sergeant Bullfinch. Wichtig ist, dass schon zum zweiten Mal nach der Rohrdommel im „Hund“ ein Vogel – hier ein Albatros – Holmes vor ein schwieriges Rätsel stellen soll.

Die Fachliteratur weist darauf hin, dass verschiedene Szenen geplant waren, die Antworten auf offene Fragen, etwa über Moriartys meisterhaften Mord, für den er vor Gericht freigesprochen wird, vor allem aber bezüglich des Verhaltens Jerrold Hunters, geboten hätten. Die Erklärung, dass er Ann vor der bitteren Wahrheit über den Tod ihres Vaters schützen wollte, hätte Hunter zu einer sympathischeren Person gemacht und das eigentlich nicht verkehrte Happyend mit Ann Brandon versüßt.

Basil Rathbone beweist im Kontrast zu den Verbrechen und in Übereinklang mit den in Fox’ Studios makellos hergerichteten viktorianischen Sets wieder einmal seine exzellente Eignung für eine kultivierte, agile und höfliche Variante des Holmes-Charakters. So richtig mag man ihm fast nicht glauben, als er Ann Brandon versichert, dass er der letzte Mann sei, den man in Fragen der Etikette zu Rate ziehen solle. Sicher – Dr. Watson muss den einen oder anderen Spaß über sich ergehen lassen (Bruce zeigt sein komödiantisches Timing in der fabelhaften Lilypond-Szene), doch im Großen zeichnet sich Holmes durch sein Zuvorkommen und sein geschniegeltes Erscheinungsbild aus. Damit steht er dem zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwölfjährigen Terry Kilburn in nichts nach, denn dieser gibt als Billy einen geplanten Serieneinstand, der sich nach Wechsel der Verantwortlichkeiten von Fox zu Universal im Jahr 1942 leider in Wohlgefallen auflöste. Im Gegensatz zur treuen Mrs. Hudson wurde der Page, bekannt aus der Sherlock-Holmes-Geschichte „The Mazarin Stone“, nicht zum Teil der regulären Besetzung. Dennoch blickt Kilburn mit Freude an die Dreharbeiten und an Basil Rathbone zurück:

Zitat von Interview mit Terry Kilburn
I first met Mr. Rathbone when I worked on that film. I was what they called loaned from MGM to Fox. [...] As a child, of course, I didn’t really get to know [Rathbone], except to see that he was a great gentleman and an extremely pleasant person. Everybody liked him very much. In those days, he was more famous for playing villains and he couldn’t have been more different. He was a gentle and really very charming man.


Charme stellt Basil Rathbone nicht zuletzt unter Beweis, als er auf der Party als Sänger in Verkleidung auftritt. Allein für diesen Auftritt hat sich das Ausharren über die etwas zähe erste Dreiviertelstunde des Films gelohnt: „I Do Like to Be Beside the Seaside“ singt er und wirkt dabei so fröhlich und befreit, dass man in ihm nie den viktorianischen Superdetektiv wiedererkennen würde:

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.508

30.07.2011 21:09
#6 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes and the Voice of Terror (Die Stimme des Terrors)

Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. Watson), Evelyn Ankers (Kitty), Reginald Denny (Sir Evan Barham), Thomas Gomez (Meade), Henry Daniell (Anthony Lloyd), Montagu Love (General Jerome Lawford), Olaf Hytten (Fabian Prentiss), Leyland Hodgson (Captain Roland Shore). Regie: John Rawlins. Drehbuch: Lynn Riggs, John Bright. Produzent: Howard Benedict (Universal).


Erster Satz: „Germany broadcasting ... Germany broadcasting ... People of Britain, greetings from the Third Reich. This is the voice you have learned to fear. This is the Voice of Terror.“

Inhalt: Seit Wochen wird Großbritanniens Bevölkerung von einem deutschen Radiosender in Atem gehalten. Eine Propagandastimme kündigt Katastrophen und Unglücke an und ruft das englische Volk auf, sich dem Führer zu unterwerfen, bevor es zu spät ist. Unfähig, etwas gegen diese Panikmache tun zu können, zieht der Kriegsrat des Innenministeriums Sherlock Holmes hinzu. Kann der berühmte Detektiv die Urheber des Senders enttarnen und weitere Angriffe verhindern?

Besprechung:

Zitat von Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg, Band 2: Englands größte Stunde, 1953, Scherz-Verlag, S. 35
Das erste Ziel der Deutschen war die Vernichtung unserer Luftmacht gewesen; das zweite, den Mut der Londoner zu brechen oder doch die größte Stadt der Welt unbewohnbar zu machen.


Der „Stimme des Terrors“ geht es ebenso darum, die Engländer mürbe zu machen, ihnen die Ausweglosigkeit ihrer Situation aufzuzeigen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Auf den Gedanken, dass die Hintermänner der Aktion in England sitzen könnten, kommt Sherlock Holmes sehr bald. Er hat sich den Verhältnissen angepasst und weiterentwickelt. Der Krieg hat ihn mit den Realitäten einer neuen Verbrecherdimension vertraut gemacht und ihn wachsam gegenüber jede angeblich über jeden Verdacht erhabene Person werden lassen. Sein Misstrauen gegen die Obrigkeit („die kühlen Sphären der gehobenen Kreise“) und sein unbefangenes Verhältnis zu den unteren Schichten helfen ihm, den Standesdünkel der offiziellen Stellen zu überwinden, indem er auf eigene Faust Horcher aussendet, die Hinweise aus den dunkelsten Ecken Londons zusammentragen. Licht und Schatten spielen in dieser Produktion eine große Rolle. Der geräumige, gut ausgeleuchtete Konferenzraum des Ministeriums kontrastiert mit der Kneipe im East End, wo sich die kleinen Ganoven treffen. Bevor Meade sich in den Christopher Docks zum ersten Mal zeigt, sieht man nur seinen ausgestreckten Arm, der Holmes mit einer Pistole bedroht. Evelyn Ankers steht als Kitty entweder im hellen Licht einer Lampe (die in den meisten Szenen von unten strahlt) oder im Halbdunkel. Sie soll möglichst geheimnisvoll wirken und der Zuseher soll die Gefährlichkeit ihres Auftrags erfassen. Ankers wurde bei Universal vor allem für Horrorfilme verpflichtet, in denen sie die blonde Unschuld verkörperte. Eine anspruchsvolle Rolle erhält sie in „Die Perle der Borgia“. Hillary Brooke gibt in „Die Stimme des Terrors“ ebenfalls ihren SH-Einstand. Sie darf Holmes und Watson chauffieren und empfiehlt sich durch ihre Wachsamkeit für ausgefeiltere Rollen.

Trotz der Verlegung der Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, gelingt es der Produktion durch düstere Schauplätze, subtile Andeutungen kommender Gefahren und beeindruckende Bilder von entgleisenden Zügen und explodierenden Fabriken wohlige Schauer zu verbreiten, die ansonsten durch Nebelschwaden und unheimliche Moorlandschaften hervorgerufen werden. Der Krieg spielt sich in den Büros der Regierung ab; an ihren Kartentischen, den Funkgeräten und den Nachrichtenempfängern. Seine hässliche Fratze bekommt der Zuseher nie zu sehen, weshalb die nostalgische Atmosphäre, die von den SH-Filmen der Vierziger Jahre ausgeht, ungemindert beim Publikum ankommt. War die Bedrohung durch den sagenumwobenen Höllenhund in „The Hound of the Baskervilles“ nicht greifbar, die Bedrohung durch ein Ereignis der Vergangenheit in „The Adventures of Sherlock Holmes“ nebulös, so ist die Gefahr, die von Nazi-Deutschland ausgeht, ebenso desaströs, aber gleichfalls unberechenbar. Handfestere Verbrechen wie z.B. in „Juwelenraub“ oder „Jagd auf Spieldosen“ (die sich auf schnöden materiellen Gewinn konzentrieren) richten ihren Fokus deshalb mehr auf den Drahtzieher der Taten – einen gerissenen Kalkulierer oder eine clevere Femme Fatale.

Der Vorwurf, Sherlock Holmes passe nicht in die Welt der Automobile und Telefonapparate, kann durch den Canon selbst entkräftet werden:

Zitat von The Reichenbach Journal Nr. 6, Winter/Frühling 1994, „Pferdestärken im Canon“ von Markus Geisser
„His Last Bow“ ist unbestreitbar eine der interessanteren Geschichten des Canon. [...] Eine weitere einzigartige Besonderheit dieses Abenteuers betrachte ich in der Tatsache, dass hier das erste und zugleich letzte Mal in den Sherlock Holmes-Abenteuern, zeitgenössische Vertreter des damals kaum 30 Jahre alten Automobils auf die Bühne treten. Zunächst ist die Rede von Baron von Herlings „riesigen hundert Pferde straken Benz“. Beinahe am Schluss der Erzählung tauchen die „Lichter eines kleinen Wagens“ auf – es handelt sich dabei um einen kleinen Ford und am Steuer sitzt niemand anders als der gute Watson!


Schlussrede: Watson: „What a lovely morning, Holmes.“ – Holmes: „There’s an east wind coming, Watson.“ – Watson: „No, I don’t think so. Looks like another warm day.“ – Holmes: „Good, old Watson. The one fixed point in a changing age. There’s an east wind coming all the same. Such a wind has never blew on England yet. It will be cold and bitter, Watson, and a good many of us may wither before its blast. But it’s God’s own wind nonetheless, and a greener, better, stronger land will lie in the sunshine when the storm has cleared.“

Gubanov Offline




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30.07.2011 21:14
#7 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes and the Voice of Terror (Die Stimme des Terrors)

Uraufführung USA: 18. September 1942. Erstsendung Synchronisation: 16. August 1992, ZDF (Studio Hamburg). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Hinrich Köhn.


Mordopfer und Mordmethoden: 3 – Gavin (mit Messer erstochen), Kitty (erschossen), Meade (erschossen)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 14 Minuten, 37 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 5 Minuten, 37 Sekunden

Besonderheiten:

  • Nach dem Wechsel von 20th Century Fox zu Universal wird dieser Film als erster in der Reihe mit dem zukünftigen Standardvorspann mit Holmes und Watson im Nebel eingeleitet. Die Titelmusik von Frank Skinner ertönt zum ersten Mal.
  • Vor Sherlock Holmes waren bereits andere Serienhelden wie „The Lone Wolf“ (Warren Williams), Nick Carter (Walter Pidgeon) und Charlie Chan (Sidney Toler) in den Kinokampf gegen Nazis gezogen.
  • Der Film wurde aufgrund von Kriegszensurbedenken in Großbritannien erst mit einer Verspätung von 14 Monaten aufgeführt.
Kanonbezüge: Das Zeichen der Vier, Der illustre Klient, Seine Abschiedsvorstellung

Zitate:
  • „Hier spricht die Stimme des Terrors. Das Dritte Reich und der Führer grüßen alle wahren Patrioten Englands.“
  • „Deine Freunde werden zu einer Armee, verstehst du das? Geheim, unsichtbar und mächtig.“
  • „Ich habe gewusst, dass Ihre Neugier einmal Ihr Untergang sein würde, Mr. Holmes.“
Besprechung:
Auf den ersten Blick mag es zwar befremdlich wirken, wenn die Texttafel zu Beginn verkündet, dass sich Sherlock Holmes an „der Lösung bedeutender Probleme der Gegenwart“ (gemeint ist der Zweite Weltkrieg) versuchen wird. Der Sherlock Holmes, den man kennt, war doch eher mit persönlichen Angelegenheiten als mit international agierenden Spionen assoziiert worden. So abwegig ist die Idee allerdings bei genauem Hinsehen gar nicht: „His Last Bow“, als Grundlage von „Sherlock Holmes and the Voice of Terror“ angegeben, ist die chronologisch am spätesten und damit genau am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielende Holmes-Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle. Auch kehrte man nach der Übernahme der Filmreihe durch Universal wieder zu dem bis nur vier Jahre zuvor ununterbrochen praktizierten Prinzip zurück, die Stoffe aus Etat- und Interessensgründen zu aktualisieren.

Zitat von David Stuart Davies: Starring Sherlock Holmes, Titan Books, 2007, S. 44
Somehow it does not seem so very strange to see Rathbone’s Holmes riding in a car or using the radio. After all, Norwood, Brook and Wontner had done so before. And although it was now a world of sandbags, blackout curtains and ARP wardens, the cosy rooms at Baker Street seemed quite untouched by time. Some of the traditional props remained – the dressing gown, the pipes, and the violin for instance – but the trademark fore and aft deerstalker was dispensed with.


Den Deerstalker zu tragen, würde bedeuten, die viktorianische Gemütlichkeit der Baker-Street-Wohnung, so reinlich von der Außenwelt abgetrennt, in die Umgebung von Kriegsgeschehen und Terroranschlägen hinauszutragen, eine Welt, in der sie antiquiert und unpassend erscheint. Sherlock Holmes und Dr. Watson wandeln sich stattdessen, sobald sie von außerhalb ihrer Wohnung agieren, in Männer der Gegenwart, während sie in ihrer altmodischen Behausung dem Doyle’schen Vorbild ganz und gar gerecht werden können. Vor allem Mrs. Hudson (Mary Gordon), die gute Seele der meisten Rathbone-Filme und eines der wichtigsten Bindeglieder zwischen den Fox- und den Universal-Produktionen, wurde nie mit der aktuellen Lage konfrontiert und agierte immer im Schutz der traditionellen Hausnummer 221B.

Zitat von Amanda J. Field: England’s Secret Weapon, Middlesex UP, 2009, S. 115
Universal had discovered a powerful and arguably unique psychological weapon: in a time of uncertainty and fear, there was only one person who could provide a cast-iron guarantee that the Allies would prevail – not Winston Churchill, but Sherlock Holmes. So powerful was his association with infallibility that the studio initially called the first film in the series „Sherlock Holmes Saves London“ and the second „Sherlock Holmes Fights Back“ (with Holmes as a metonym for a beleaguered England).


Schon die erste Szene im Ministerium des Innern schlägt den Bogen zwischen Holmes’ klassischer detektivischer Begabung – seine Schlussfolgerungen über die Abdrücke im Teppichboden und über den Lehm an Sir Evans Schuhen – und den modernen Anforderungen an den Detektiv – die Bedrohung durch den Krieg und die sich hinter den Radioübertragungen verbergende technische Problemstellung. „Sherlock Holmes and the Voice of Terror“ zeigt auf beinahe unverfrorene Weise auch offen propagandistische Szenen, die in Kittys Mobilisierung der Männer und Frauen in der Bar in Limehouse im Sinne von „Du als Einzelner kannst etwas gegen die Nazis ausrichten und damit etwas für England tun“ gipfeln, sich aber auch in der Szene manifestieren, in der sie bei Meade Unterschlupf findet. Zwar könnte man zunächst auf die Idee kommen, Meade handele im Falle Kittys selbstlos, als er sie vor der Ergreifung durch die Polizei bewahrt, allerdings wird schnell klar, welche niederen Interessen ihn zu dieser Tat bewegen. Verbunden damit ist, dass Kitty für den Rest des Films in einer moralisch durchaus zweifelhaften Rolle auftritt, was verdeutlicht, zu welch unorthodoxen Methoden Sherlock Holmes bei Ermittlungen gegen den Mann greifen muss, den Alan Barnes treffend als „borderline psychotic motivated by his own power-lust“ beschreibt. Kittys Tod am Ende des Films fügt dem Triumph Holmes’ eine bittere Note hinzu und stimmt darauf ein, dass auch im Krieg Entbehrungen und Verluste hingenommen werden müssen.

Percy Lister Offline



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07.08.2011 14:30
#8 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes and the Secret Weapon (Die Geheimwaffe)

Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. Watson), Lionel Atwill (Moriarty), Kaaren Verne (Charlotte Eberli), William Post jr. (Dr. Franz Tobel), Dennis Hoey (Lestrade), Holmes Herbert (Sir Reginald), Mary Gordon (Mrs. Hudson). Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Edward T. Lowe, W. Scott Darling, Edmund L. Hartmann. Produzent: Howard Benedict (Universal).


Erster Satz: „Sshh, it’s him.“

Inhalt: Sherlock Holmes hilft dem Schweizer Wissenschaftler Dr. Franz Tobel, mitsamt seinem Bombenzielgerät nach England zu fliehen, wo er mit der britischen Regierung zusammenarbeiten möchte. Nazideutschland ist an der wichtigen Erfindung nicht weniger interessiert und setzt alle Hebel in Bewegung, um sie in die Hände zu bekommen. Nachdem Dr. Tobel seine Erfindung in vier Einzelteile zerlegt und bei vier verschiedenen Männern deponiert hat, verschwindet er. Professor Moriarty hat ihn entführt und will anhand eines Geheimcodes herausfinden, wo sich das Bombenzielgerät befindet. Wird ihm Sherlock Holmes zuvorkommen und verhindern, dass die Nazis die gefährliche Waffe in die Hände bekommen?

Besprechung:
Trotz des dominanten Kriegsthemas schafft es Roy William Neill, mehrere Elemente aus den Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle zu einem Potpourri zu vereinen. Der Geheimcode aus „Die tanzenden Männchen“, die Verkleidung Holmes' als Buchhändler aus „Das leere Haus“ und die Kiste mit dem doppelten Boden, die einen Menschen lebendig begraben soll aus „Das Verschwinden der Lady Frances Carfax“, sollen dem Krimifreund beweisen, dass man sich der Bürde der literarischen Vorlage durchaus bewusst ist. Der Meisterdetektiv soll keineswegs nur für Propagandazwecke missbraucht werden. Um dies zu unterstreichen, schlug die Universalserie ab dem fünften Film neue Pfade ein, obwohl der Weltkrieg noch immer tobte. Oder liegt die Erklärung dafür etwa ganz banal in der Unberechenbarkeit der aus den Fugen geratenen Welt des 20. Jahrhunderts begründet?

Zitat von Andreas Fischer: Nachwort zu „Sherlock Holmes-Geschichten“, Manesse Verlag, 1981, S. 426
Das Verbrechen, das am Anfang steht, mag noch so ungeheuerlich erscheinen, es lässt sich greifen, d.h. datieren und lokalisieren, und der Kreis der Verdächtigen ist beschränkt. Die Welt, in der es sich abspielt, ist letztlich noch überschaubar und klar strukturiert. Das Verbrechen selbst ist lediglich ein kleiner Fehler im System, der dieses nicht in Frage stellt und der durch das Eingreifen des Detektivs behoben werden kann. Wenn am Schluss der Schuldige gefunden wird, ist auch die Welt wieder in Ordnung.


Professor Moriarty als eigentlicher Gegner von Holmes stiehlt den Gestaposchergen die Schau und liefert sich am Ende des Films einen zeitraubenden geistigen Zweikampf mit seinem Gegenpart. Ein Kampf, der letztendlich seine Flucht verhindert und der Polizei Zeit gibt, Holmes und Dr. Tobel zu retten. Eitelkeit, Selbstüberschätzung und penible Machtkämpfe haben schon manchen Plutokraten zu Fall gebracht. In fast kindischer Weise spielen Holmes und Moriarty Katz und Maus miteinander, wobei der Zuseher einmal mehr über die schnelle Auffassungsgabe des Detektivs staunt, der seinen Tod möglichst lange hinauszögern will, damit Lestrade und Dr. Watson ihn ein zweites Mal retten können (das erste Mal befreien sie ihn aus der Werkzeugkiste eines Zimmermanns).

Lionel Atwill gibt in „Die Geheimwaffe“ den Professor Moriarty. Seine Augen wirken tatsächlich wie die einer Schlange und seine Behäbigkeit gibt ihm die Gefährlichkeit eines Mannes, der eine Krise auch einmal aussitzen kann. George Zucco ist als Moriarty viel behender und geschmitzter. Basil Rathbone darf sich in diesem Film dreimal verkleiden, wobei gesagt werden muss, dass er es auch formidabel beherrscht, seine Stimme zu verstellen. Im Gespräch mit den Nazi-Agenten spricht er mit hartem Akzent, um zu zeigen, dass ihm die englische Sprache fremd ist. Zum ersten Mal innerhalb der Serie begegnen wir Inspektor Lestrade, der hier (noch) vernünftig und kooperativ agiert, aber bereits von Dr. Watson feindselig behandelt wird. Die weibliche Hauptfigur hat hier mehr eine beobachtende Funktion und sieht den Männern bei ihren Aktivitäten über die Schulter. Dabei setzte die gebürtige Berlinerin Kaaren Verne (* 1918) bereits 1938 ein Zeichen gegen die heraufziehende Bedrohung durch Adolf Hitler, als sie ihre Heimat verließ und nach Großbritannien und zwei Jahre später in die Vereinigten Staaten übersiedelte.

Bis zum ersten Auftritt einer verbrecherischen Handlungsträgerin sollten jedoch noch zwei weitere Filme verstreichen.

Schlussrede: Watson: „Things are looking up, Holmes. This little island’s still on the map.“ – Holmes: „Yes. This fortress – built by nature for herself. This blessed plot, this earth, this realm, this England.“

Gubanov Offline




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07.08.2011 14:35
#9 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes and the Secret Weapon (Die Geheimwaffe)

Uraufführung USA: Dezember 1942. Erstsendung Synchronisation: 16. August 1992, ZDF (Studio Hamburg). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Hinrich Köhn.


Mordopfer und Mordmethoden: 4 – Jacob Durrer (?), Professor Farrell (?), Dr. Kern (?), Professor Moriarty (Sturz durch eine Falltür)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 47 Minuten, 43 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 2 Minuten, 2 Sekunden

Besonderheiten:

  • „Die Geheimwaffe“ markiert den Einstand von Dennis Hoey als Inspektor Lestrade und von Roy William Neill als Regisseur aller kommenden Teile.
  • Entgegen einiger Quellenangaben ist Henry Daniell in diesem Film nicht zu sehen.
  • Während der Dreharbeiten zum Film stand Moriarty-Darsteller Lionel Atwill wegen Meineids vor Gericht.
Kanonbezüge: Das leere Haus, Das letzte Problem / Das Tal der Angst, Die tanzenden Männchen, Das Verschwinden der Lady Frances Carfax, Das Zeichen der Vier / Ein Skandal in Böhmen

Zitate:
  • „Wenn der Führer etwas so dringend benötigt wie Tobels Bombenzielgerät, gibt es immer einen Weg.“
  • „Er hatte Augen wie eine Schlange.“
  • „Brillanter Mann, dieser Sherlock Holmes. Bedauerlich, dass er ehrlich ist.“
Besprechung:
Roy William Neill stand ab 1942 für das Gelingen der Universal-Holmes-Serie ebenso Pate wie Basil Rathbone und Nigel Bruce selbst. Als Regisseur würde er alle zukünftigen Filme inszenieren, damit solche atmosphärischen Highlights wie die wabernden und dem Okkulten Nährboden bereitenden Moore von La Morte Rouge oder den bedrohlichen Hoxton-Creeper schaffen und außerdem ab „Verhängnisvolle Reise“ auch den Produzentenposten von Kollege Howard Benedict übernehmen. Weil sein Vater Kapitän war, wurde Neill 1887 unter dem Namen Roland de Gostrie auf einem Schiff vor der irischen Küste geboren, kam für sein künstlerisches Schaffen aber nach Hollywood und nahm auch die US-Staatsbürgerschaft an. Neill ist nicht zuletzt deshalb so eng mit den Rathbone-Holmes-Filmen verbunden, weil er im Alter von nur 59 Jahren im Dezember 1946 starb und „Jagd auf Spieldosen“ damit neben dem Film-Noir „Schwarzer Engel“ zu seinen letzten Arbeiten zählt. Das Ableben des vertrauten Spielleiters mag für Rathbone eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben, nicht weiter als Holmes aufzutreten.

Schon in „Die Geheimwaffe“ merkt man, wie Neill später typische Elemente der Serie in die eigentlich in Kriegszeiten spielende Produktion einbringt. Die Eröffnungsszene spielt in einem malerischen Dorf in der Schweiz, was nicht nur für Kenner die unsichtbare Präsenz von Professor Moriarty vorwegnimmt, sondern sich auch wohltuend von der Nähe zur Kriegsmoderne, die in „Die Stimme des Terrors“ und „Verhängnisvolle Reise“ gepflegt wird, distanziert. Basil Rathbone wird in diversen Masken auf Ermittlungstouren geschickt, darunter ein alter Buchhändler und ein vorbestrafter indischer Matrose. Gerade im Deutschen ist es in diesen Rollen eine zusätzliche Freude, den brillanten Walter Niklaus mit seinem kauzigen Tonfall zu hören. Neill benutzt eine interessante Schnitttechnik in der Szene, in der Holmes die Nachricht mit den tanzenden Männchen mit wissenschaftlichen Methoden rekonstruiert und zeigt sich auch sonst, beispielsweise auf Ram Singhs Kneipentour, spielerisch und mitreißend zugleich.

Die Binsenweisheit, viele Köche verdürben den Brei, trifft auf das Drehbuch in keiner Weise zu. Wenngleich man noch länger auf den ersten Mord warten muss als in den etwas schwerfälligen „Abenteuern“, kommt durch das Duell zwischen Moriarty und Holmes, die Schauplatzwahl und nicht zuletzt den Bezug auf verschiedene Doyle-Erzählungen keine Langeweile auf. Natürlich stellt „Die tanzenden Männchen“ die am klarsten sichtbare Verbindung zum Kanon dar, doch mit Moriarty, der zweiten und letzten Anspielung auf Holmes‘ Drogenkonsum, der Leuchtfarbspur und den oben erwähnten Maskeraden wird zusätzlich zum eigentlichen Macguffin, der Geheimwaffe, bei der es sich um ein ausgeklügeltes Bombenzielgerät handelt, mehr als genug geboten, um den Zuschauer zu fesseln. Im Verhältnis zwischen der kurzen Laufzeit und den dafür ausgesprochen vielfältigen Ebenen des Kriminalfalls lässt „Die Geheimwaffe“ die später noch anwachsende Genialität der Serie zum ersten Mal erahnen und stellt deshalb im bisherigen Serienverlauf für mich das klare und unanfechtbare Highlight dar.

Mit William Post jr. und Kaaren Verne wird nach Kittys und Gavins tragischen Toden in „Sherlock Holmes and the Voice of Terror“ in „Secret Weapon“ nun wieder ein romantisches und gefahrenumwittertes Pärchen gezeichnet, das sowohl inhaltlich als auch äußerlich an Sir Henry Baskerville und Beryl Stapleton erinnert und zu einem wohlverdienten Ausgang findet. Post jr. trägt die gesunde Mischung aus Selbstvertrauen und Intelligenz mit jungenhafter Unternehmensfreude zur Schau, sodass er zu den stärksten Helden neben Holmes und Watson gehört, die bei Universal auftraten.

Durch den keinesfalls allgegenwärtigen, aber inhaltlich recht relevanten Kriegshintergrund ist es nur logisch, dass „Sherlock Holmes and the Secret Weapon“ lange Zeit nicht im deutschen und schon gar nicht im Fernsehen der DDR lief. Die Synchronisation mit Niklaus und Köhn wurde wie für „Die Stimme des Terrors“ erst 1992 durch das ZDF in Auftrag gegeben. Die Sherlock-Holmes-Serie stellt dahingehend ein Phänomen dar, als sie in fünf größeren Schüben über 27 Jahre hinweg – Gott sei es gedankt – immer den gleichen markanten und liebenswerten Sprecher für Rathbone verpflichtete.

Unbekannter ist, dass 1959 „Secret Weapon“ und „Sherlock Holmes in Washington“ allerdings bereits den Weg in BRD-Kinos fanden, als sie unter dem Titel „Sherlock Holmes in geheimer Mission“ in einem sogenannten Kompilationsfilm zusammengeschnitten wurden. Leider ohne große Aussicht auf Erfolg, wäre es überaus interessant, zu erfahren, wie in diesem Film mit der Thematik der beiden Streifen umgegangen und warum gerade diese an Stelle anderer Universal-Produktionen wie etwa „The House of Fear“ für eine Kinoauswertung im behüteten Nachkriegsdeutschland gewählt wurden.

Percy Lister Offline



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14.08.2011 21:01
#10 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes in Washington (Verhängnisvolle Reise)

Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. Watson), Marjorie Lord (Nancy Partridge), Henry Daniell (William Easter), George Zucco (Stanley), John Archer (Lt. Pete Merriam), Gavin Muir (Bart Lang), Edmund MacDonald (Detective Lt. Grogan), Don Terry (Howe), Bradley Page (Cady). Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Bertram Millhauser, Lynn Riggs. Produzent: Howard Benedict, Roy William Neill (Universal).


Erster Satz: „Your name, please?“„William Easter.“

Inhalt: Alfred Pettibone, ein englischer Privatdetektiv, reist unter dem Namen Grayson in die Vereinigten Staaten, um einen Mikrofilm mit Geheimdokumenten zu überbringen. Naziagenten sind ihm auf den Fersen und so schmuggelt er das Zündholzbriefchen, das den Mikrofilm enthält, in die Handtasche einer Mitreisenden. Sherlock Holmes und Dr. Watson reisen nach Washington, um den verschwundenen Grayson und die Dokumente zu finden, können aber nur mehr seine Leiche in Empfang nehmen. Wird es Holmes gelingen, den Mikrofilm zu bekommen, bevor die Gegenseite das Versteck entdeckt? Kann der britische Detektiv seine Erfolge in Amerika fortsetzen?

Besprechung:
Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal innerhalb der Universal-Reihe ermitteln Sherlock Holmes und Dr. Watson in Nordamerika. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag, wird durch Spekulationen um die Herkunft des Detektivs untermauert.

Zitat von The Reichenbach Journal Nr. 5, Frühling/Sommer 1993, „War Sherlock Holmes ein Amerikaner?“ von Christopher Morley
War Holmes nun amerikanischer Herkunft? Es würde vieles erklären. Die Missgunst von Scotland Yard, die Ablehnung, in den Adelsstand gehoben zu werden, der fachmännische Gebrauch von amerikanischem Jargon, das lässige Auftreten gegenüber aristokratischen Klienten, die ungezwungene Kameradschaft mit Leuten aus der Arbeiterschicht, Zugreisen in 1. Klasse.


Basil Rathbone als Sherlock Holmes sieht der Reise in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gelassen entgegen, während Nigel Bruce in seiner Rolle als treuer, aber manchmal einfältiger Kamerad des Detektivs voller kindlicher Neugier und Entdeckungsfreude Kaugummis ausprobiert und sich für die hiesigen Sportarten begeistert. Holmes genießt die Professionalität der amerikanischen Polizei, die ihm wie selbstverständlich freie Hand lässt und bei Bedarf sogar ihr Labor für Untersuchungen zur Verfügung stellt. Diese lockere Art der gegenseitigen Wertschätzung manifestiert sich auch in Holmes' legerem Kleidungsstil und den verwegenen Locken, die ihm seitwärts ins Gesicht fallen. Zurück in England, wird er im nächsten Film seine Haare wieder streng nach hinten gekämmt haben. Da sich Amerika im Krieg befindet und die Universalreihe ohnehin unter die Kategorie B-Pictures fällt, wurde das Kleid, das Hauptdarstellerin Marjorie Lord (* 1918) in ihrer Rolle als Nancy Partridge trägt, aus dem Alfred-Hitchcock-Film „Saboteure“ (1942) übernommen. Priscilla Lane trägt es dort im Haus des scheinbar respektablen Otto Krüger. Marjorie Lord und John Archer (Lt. Peter Merriam) spielten das glückliche Paar übrigens nicht nur auf der Leinwand. Sie waren von 1941 bis 1955 verheiratet und hatten zwei Kinder.

Auf den Drahtzieher des Verbrechens müssen wir diesmal lange warten. Er versteckt sich in seinem Büro hinter dem Verkaufsraum eines Antiquitätengeschäfts, das dem Publikum die Illusion von „good old England“ vermittelt und Holmes erneut Gelegenheit gibt, seiner exzentrischen Seite Ausdruck zu verleihen. George Zucco steht diesmal ein wenig im Schatten seiner Mitspieler, denn er und Basil Rathbone sind bis auf die listige Szene mit der maurischen Truhe nie allein. Hinzu kommt, dass er in „Sherlock Holmes in Washington“ nicht den gewieften Professor Moriarty gibt, sondern einen gewissen „Heinrich Hinkel, formerly one of the Kaiser‘s most valued agents and now the head of a vast spy ring“ (Alan Barnes in „Sherlock Holmes on the Screen“). Die Rundfahrt vorbei an den Sehenswürdigkeiten Washingtons wurde für die deutsche Version entfernt, dank der restaurierten DVD-Fassung ist sie für den Zuschauer nun wieder zugänglich.

Schlussrede: Watson: „It’ll be nice to get back home to Baker Street, eh Holmes?“ – Holmes: „Yes, but this is a great country, Watson.“ – Watson: „It certainly is, my dear fellow.“ – Holmes: „Look, up there ahead, the capitol, the very heart of this democracy.“ – Watson: „Democracy, the only hope for the future, eh Holmes?“ – Holmes: „It’s not given to us to peer into the mysteries of the future, but in the days to come the British and American people will, for their own safety and for the good of all, walk together in majesty, justice and in peace.“ – Watson: „That’s magnificent. I quite agree with you.“ – Holmes: „Not with me – with Mr. Winston Churchill. I was quoting from the speech he made not so long ago, in that very building.“

Gubanov Offline




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14.08.2011 21:05
#11 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes in Washington (Verhängnisvolle Reise)

Uraufführung USA: April 1943. Erstsendung Synchronisation: 28. August 1969, DFF (DEFA Studio für Synchronisation). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Alfred Bohl.


Mordopfer und Mordmethoden: 2 – Alfred Pettibone (?), Mr. Howe (erschossen)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 28 Minuten, 2 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 12 Minuten, 8 Sekunden

Besonderheiten:

  • „Verhängnisvolle Reise“ markiert den Serieneinstieg von Drehbuchautor und Holmes-Fan Bertram Millhauser.
  • Der erste Film der Reihe, der, wie alle folgenden, bereits in den 1960er Jahren fürs DDR-Fernsehen synchronisiert wurde.
  • Die Motivation der Verbrechen wurde in der DDR-Synchronisation von einem Dokument von internationalem Interesse zu einer Arzneiformel geändert.
Kanonbezüge: Die sechs Napoleons, Der adlige Junggeselle

Zitate:
  • „Wenn Gregson ’mal einen Augenblick rausgeht, dann werden wir handeln – wie es unsere Art ist ...“
  • „Das Privatleben eines Detektivs: die kindliche Liebe des unerschrockenen Mannes für sinnlosen Krimskrams.“
  • „Und das bildschöne Mädchen hat in seiner Handtasche Dynamit.“
Besprechung:
Amerika grüßt Sherlock Holmes: Was sich im ersten Moment wie eine ungesunde Mixtur anhört, funktioniert als elegante Variation Hitchcock’scher Spannungserzeugung allen Stutzens zum Trotz glänzend. Zwar muss ich einschränken, dass „Verhängnisvolle Reise“ in meinen Augen nicht zuletzt deshalb einen gewissen Bonus genießt, weil es anno 2000 meine erste Begegnung mit Basil Rathbone war; die Qualität einer fieberhaften Jagd durch die Hauptstadt der USA ersetzt dies aber nicht allein.

Im Fall der Entführung des britischen Agenten Pettibone gilt es für Holmes, eine besonders harte Nuss zu knacken, denn mehr als einen kleinen Zündholzbrief kann er im weiten Amerika nicht als Anhaltspunkt vorweisen. Sein Spürsinn führt ihn aber dennoch in die Schaltzentrale eines Meisterverbrechers, der erneut vom bissig bösen George Zucco gespielt wird, sich – wie in Kriegszeiten für Schurkenfiguren üblich und wie auch seine Pendants in den vorangegangenen Filmen – mit staatsschädigenden Absichten trägt, aber dennoch die Schrecken des Kriegs für das Publikum hinter sich zu lassen scheint. Der Ausflug nach Washington war für das Studio nicht nur eine willkommene Möglichkeit, Außenaufnahmen ohne technischen und finanziellen Aufwand oder Rückgriffe auf Archivmaterial anzufertigen und das amerikanische Zielpublikum mit heimatlichen Argumenten in die Kinos zu locken, sondern zur selben Zeit auch eine Distanzierung vom direkten Kriegsschauplatz Europa. Bei genauer Betrachtung der drei Holmes-Kriegsfilme „Voice of Terror“, „Secret Weapon“ und „Washington“ kann damit eine graduell abnehmende Fokussierung auf die Schrecken von Zerstörung und Nazismus beobachtet werden, die sich mit dem kommenden Teil „Sherlock Holmes Faces Death“ konsequent fortsetzte. Die strikte Planung vonseiten Universals wird im Buch „England’s Secret Weapon“ offengelegt:

Zitat von Amanda J. Field: England’s Secret Weapon, Middlesex UP, 2009, S. 107
„Washington“, for example, had a 150,000 dollar budget, 20,000 of which went to Rathbone, 3,666 to scriptwriter Bertram Milhauser and 8,900 on sets. The film was shot in 15 days.


Als einzigen der drei supermodernen Rathbone-Outings zeigte das DDR-Fernsehen „Verhängnisvolle Reise“ im Rahmen der fälschlicherweise als „englische Kriminalserie“ ausgezeichneten Reihe „Sherlock Holmes“. Neben der Abänderung des Mikrofilminhalts wurde in der DDR-Fassung allerdings auch bei den prächtigen, den amerikanischen Stolz illustrierenden Washington-Aufnahmen die ideologische Schere angesetzt. Dem Vergnügen tut dies nur sehr eingeschränkt Abbruch, denn die Freude, den Schlesier Alfred Bohl erstmals in seiner murmelnd-gutmütigen Art, die perfekt zu Bruces‘ Watson-Verkörperung passt, zu hören, überwiegt alle Kürzungen und Einschnitte.

Gerade im Hause Partridge baut „Sherlock Holmes in Washington“ enorme Spannung auf. Ein gefährlicher Gangster, der sich als Schatten vor der Verandatür abhebt, die bewusstlos in einem Teppich verschleppte Nancy und natürlich nicht zuletzt die elegant inszenierten, unterbewussten Irrwege des wertvollen Zündholzbriefs („Der Mann, der ihn hat, weiß nicht, dass er ihn hat“) sorgen weniger für herkömmliche Krimispannung als vielmehr für Suspense, wie man ihn von Meister Hitchcock persönlich nicht besser erwarten kann. Weder der Überfall in der nächtlichen Eisenbahn noch der Showdown im reizvoll ausstaffierten Antiquitätenladen stehen dem in irgend etwas nach. Bevor sie sich in der zweiten Jahreshälfte 43 wieder altenglischem Grusel zuwandten, ließen Autor Millhauser und Regisseur Neill nichts unversucht, die USA hier als Land voller Abenteuer und auch voller Zuversicht, heller, freundlicher und großzügiger Kulissen, wissenschaftlicher Aufgeklärtheit und Analyse in Szene zu setzen.

Der echte Sherlock Holmes hätte an „Sherlock Holmes in Washington“ sicher seine Freude gehabt, denn Sir Arthur Conan Doyle legte ihm zu besten Zeiten, nämlich in der in den „Adventures“ enthaltenen Kurzgeschichte „The Noble Bachelor“, bewundernde Worte für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den Mund:

Zitat von Sir Arthur Conan Doyle: The Adventures of Sherlock Holmes, Wordsworth Editions, 1996, S. 255
It is always a joy to me to meet an American, Mr. Moulton, for I am one of those who believe that the folly of a monarch and the blundering of a Minister in far gone years will not prevent our children from being some day citizens of the same world-wide country under a flag which shall be a quartering of the Union Jack with the Stars and Stripes.


Hätte das nicht für eine mindestens ebenso schöne Schlussrede getaugt?

Percy Lister Offline



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21.08.2011 14:32
#12 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes Faces Death (Gespenster im Schloss)

Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. Watson), Dennis Hoey (Lestrade), Arthur Margetson (Dr. Sexton), Hillary Brooke (Sally Musgrave), Halliwell Hobbes (Brunton), Minna Phillips (Mrs. Howells), Milburn Stone (Captain Vickery), Gavin Muir (Phillip Musgrave), Gerald Hamer (Langford). Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Bertram Millhauser. Produzent: Roy William Neill (Universal).


Erster Satz: „Hurry up, lads. Drink up. Five minutes to closing time.“

Inhalt: Dr. John Watson hat seine medizinischen Kenntnisse für den Kriegsdienst bereitgestellt und betreut in Musgrave Manor, Northumberland, ehemalige Soldaten in einem Heim für Rekonvaleszenten. Als sein Assistent Doktor Sexton tätlich angegriffen wird, kehrt er nach London zurück, um seinen Freund Sherlock Holmes um Hilfe zu bitten. Als dieser im Herrenhaus eintrifft, findet man die Leiche des Familienoberhaupts; kurz darauf wird dessen jüngerer Bruder ermordet. Wird es Holmes gelingen, den Täter dingfest zu machen, bevor die ganze Familie ausgelöscht wird? Liegt ein Fluch auf den Musgraves und kann der geheimnisvolle Ritus geknackt werden?

Besprechung:

Zitat von Simon Marsden: Geistersuche, Eulen-Verlag, 1998, S. 33
Fast alle großen britischen Schriftsteller, von Shakespeare bis Charles Dickens, haben in verschiedenster Art über Geister und das Übernatürliche geschrieben. Ich bezweifle außerdem, dass es irgendeine Ortschaft auf den Britischen Inseln gibt, die sich nicht mindestens eines Spukhauses rühmt; ebenso beeindruckend ist die Anzahl der Personen, die übernatürliche Phänomene beobachtet haben wollen. Geisterhafte Erscheinungen treten hauptsächlich in sehr alten Gebäuden auf, die sich schon lange im Besitz ein und derselben Familie befinden.


Bertram Millhauser beweist hier nach „Verhängnisvolle Reise“ erneut, dass der Suspense der Handlung von den elementaren Bestandteilen des Canons herrührt und die klassischen Zutaten des Kriminalfilms weitaus nachhaltigere Wirkung entfalten als die Sprengkraft jeder Superwaffe. Man kehrt dem Krieg langsam, aber sicher den Rücken zu; die handelnden Personen haben es schon getan und im nächsten Film („The Spider Woman“) werden die Schurken der Weltgeschichte bereits als Pappfiguren für Nervenkitzel sorgen. Holmes‘ Schießübungen im Arbeitszimmer der Baker Street fehlen ebensowenig wie seine berühmten Schlussfolgerungen. Der Herrensitz Musgrave Manor verströmt als Hauptschauplatz des Films eine ehrwürdige, teils schaurige Atmosphäre und es gibt viele romantische Motive, die das Herz des Zusehers erfreuen.

Zitat von Alan Barnes: Sherlock Holmes on Screen, Reynolds & Hearn, 2004, S. 194
Then there‘s that old chestnut, the clock that strikes 13 for reason inexplicable; oh, and the seemingly divine bolt of lightning which contravenes all known physical laws by breaking glass in attempt to fry the latest of the Musgrave line. [...] Even if the viewer can‘t precisely identify the Hurlstone village set with the 19th century mittel-European „Vasaria“ familiar from Universal‘s later Frankenstein films, or the Musgrave crypt with the resting-place of Bela Lugosi‘s Count Dracula, he or she won‘t miss such hokey signifiers as [...] the old dark house festooned with secret passageways.


Durch die Anwesenheit einer Reihe potenzieller Verdächtiger gibt es neben den Spekulationen über unheimliche Phänomene genügend rationale Überlegungen, die „Sherlock Holmes Faces Death“ am Laufen halten. Bedauerlicherweise fand man in Arthur Margetson nur einen durchschnittlichen Schurken ohne Charisma, dessen Pläne, die Erbin Sally zu ehelichen, von fataler Selbstüberschätzung zeugen. Dafür erleben wir in skuriller Verschrobenheit Darsteller wie Gerald Hamer und Vernon Downing, die zum Inventar der SH-Reihe zählen. Dennis Hoey als Inspektor Lestrade lässt die Polizei neben Holmes‘ Kombinationsgabe und Esprit stümperhaft und einfältig aussehen, was sich besonders in den Szenen zeigt, in denen der Privatermittler Fußabdrücke durch Streuen eines Pulvers sichtbar macht und im späteren Verlauf der Geschichte ankündigt, Chemikalien aus Newcastle besorgen zu wollen. Die Genialität des Hausmeisters wurde von Bertram Millhauser nicht aus der Vorlage übernommen, wie die unten angeführte Beschreibung belegt:

Zitat von Sir Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Gesamtausgabe der Kurzgeschichten, Edition RVG, 2000, S. 351
Von all den Dienern hatten wir Brunton, den Hausmeister, am längsten bei uns. Als er zuerst bei meinem Vater eintrat, war er eigentlich Schullehrer, aber ohne Stelle; durch große Umsicht und Tatkraft machte er sich bald in der Haushaltung vollständig unentbehrlich. Er ist ein schöner Mann von hohem Wuchs, mit prächtiger Stirne, und wird jetzt kaum vierzig Jahre alt sein, obgleich er bereits seit zwanzig Jahren in unserem Dienste steht. Bei seinen äußeren Vorzügen und seiner ungewöhnlichen Begabung – er spricht mehrere Sprachen, ist sehr musikalisch und spielt fast alle Instrumente – ist es schwer begreiflich, wie ihm die Stellung in unserem Hause so lange genügen konnte. Er muss sich wohl zu behaglich gefühlt haben, um den Gedanken an einen Wechsel überhaupt aufkommen zu lassen. Der Hausmeister von Hurlstone machte auf meine Gäste stets einen unvergesslichen Eindruck.


Der Schauspieler Halliwell Hobbes ist freilich aus einem ganz anderen Holz geschnitzt und auch kein „Don Juan, der diese Rolle in einem kleinen, stillen Landbezirk ohne Schwierigkeit durchführte“. Sein Brunton ist ein trinkfreudiger alter Mann, der gerne dichtet und sich am Abend in seinem Schaukelstuhl wiegt. Ihm zur Seite steht eine unerschrockene Matrone, die wenig mit der bedauernswerten Rachel Howells aus der Vorlage gemein hat.

Hillary Brooke, auf die ich in meiner Bewertung von „Die Frau in Grün“ noch ausführlicher eingehen werde, setzt hier optisch noch nicht die Akzente, die ihr in ihrem nächsten Sherlock-Holmes-Film unsterblichen Ruhm einbringen werden. Ihre Sally Musgrave musste sich den Erfordernissen des Krieges anpassen, der selbst die Filmindustrie zu Sparsamkeit zwang. Die Rationierung von Rohstoffen verbot weite Schnitte und überflüssige Verzierungen.

Zitat von Harriet Worsley: Fashion – 100 Jahre Mode, Könemann-Verlag, 2004, S. 342f
Die Alltagskleidung der Frauen wirkte streng und zweckmäßig: Zu maskulin geschnittenen Jacken und knielangen Röcken wurden schwere Schuhe getragen, deren Sohlen häufig aus Holz hergestellt waren, um Leder zu sparen. [...] Der verschwenderische Glamour-Look der 1930er galt schon bald als protzig, unpatriotisch und vulgär.


Abschließend noch ein Wort zu den beiden ostdeutschen Synchronfassungen: Da ich die klassische DEFA-Synchro von 1969 fast schon mitsprechen kann, habe ich mir nun erstmals die Version von 1980 angehört. Sie ist doch sehr gewöhnungsbedürftig und weist mit Phrasen wie „dein Herz mit Marmelade vollschmieren“ doch sehr fragwürdige Formulierungen auf. Jedenfalls keine Dialogzeilen, die man in einem distinguierten Film aus den Vierzigerjahren erwarten würde: zu flapsig, zu jugendlich und zu wenig aussagekräftig.

Schlussrede: Holmes: „There’s a new spirit abroad in the land. The old days of grab and greed are on their way out. We’re beginning to think of what we owe the other fellow, not just what we compel to give him. The time is coming, Watson, where we shan’t be able to fill our bellies in comfort while other folk go hungry, or sleep in warm beds while others shiver in the cold, where we shan’t be able to kneel and thank god for blessings before our shining altars while men anywhere are kneeling in either physical or spiritual subjection.“ – Watson: „You may be right, Holmes. I hope you are.“ – Holmes: „And God willing we’ll live to see that day, Watson.“

Gubanov Offline




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21.08.2011 14:35
#13 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



Sherlock Holmes Faces Death (Gespenster im Schloss)

Uraufführung USA: September 1943. Erstsendung 1. Synchronisation: 14. August 1969, DFF (DEFA Studio für Synchronisation). Erstsendung 2. Synchronisation (als „Das tödliche Ritual“): 7. Februar 1981, DDR II (DEFA Studio für Synchronisation). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Alfred Bohl (1. Fassung), Hinrich Köhn (2. Fassung).


Mordopfer und Mordmethoden: 3 – Geoffrey Musgrave (mit Nadel erstochen), Phillip Musgrave (mit Nadel erstochen), Brunton (mit Nadel erstochen)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 14 Minuten, 43 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 10 Minuten, 19 Sekunden

Besonderheiten:

  • „Gespenster im Schloss“ entstand als erster Film des zweiten jährlichen Universal-Holmes-Blocks.
  • Bertram Millhausers Drehbuch basiert auf einem ungenannten Treatment von Gerald Geraghty, das alle Doyle-Elemente, aber keinen der Kriegsbezüge enthält.
  • Schauspieler Milburn Stone war im Vergleich zu den anderen Akteuren so klein, dass er seine meisten Szenen auf einem Podest spielte.
Kanonbezüge: Das Musgrave-Ritual

Zitate:
  • „Gespenster gehen dort um: die Geister derer, die von den Musgraves ermordet worden sind.“
  • „Im Grunde meines Herzens bin ich sehr böse und ich will nicht, dass man mir nachsagen kann, ich sei ein guter Mensch.“
  • „Wo sollen sich Bruntons Füße aufhalten, wenn nicht in seinen Schuhen?“
Besprechung:
Verständlicherweise sorgt es unter denjenigen Sherlock-Holmes-Freunden, die sich mit der Auswertungsgeschichte der Rathbone-Filme in Deutschland nicht auskennen, für Verwirrung, wenn sie das originale Kinoplakat des Kompilationsfilms „Sherlock Holmes sieht dem Tod ins Gesicht“ erblicken. Über dem Titel, der eine wortwörtliche Übersetzung von „Sherlock Holmes Faces Death“ darstellt, thront ausgerechnet die bewaffnete (und auch sonst reichlich gefährliche) Hilda Courtney aus dem letzten Rathbone-Krimi „Jagd auf Spieldosen“. Noch merkwürdiger wird es, wenn man erfährt, dass „Sherlock Holmes sieht dem Tod ins Gesicht“ weder etwas mit „Gespenster im Schloss“ noch mit den „Spieldosen“ zu tun hat, sondern eigentlich einen Zusammenschnitt aus den beiden kommenden Filmen „Die Kralle“ und „Das Spinnennest“ bildet.

Nicht weniger falsche Ansichten erweckt Alan Barnes‘ Behauptung, der hier thematisierte Film akzeptiere das Übernatürliche. Bei der von ihm zur Untermauerung seiner gewagten These angeführten, 13 schlagenden Turmuhr kann es sich ebenso um eine mechanische Manipulation des Täters handeln, der passenderweise vor deren erstem Ertönen direkt aus dem Garten kommt und somit alle Möglichkeiten gehabt hätte, sie zu präparieren. Die Methode, die der Mörder anwendet, weist dämonische Züge auf und ist ebenso raffiniert und effektiv wie bösartig, eine Charakterisierung, die nur teilweise auf den Schurken selbst zutrifft: Dieser wird kurioserweise oftmals dafür kritisiert, dass er der unauffälligste Charakter des gesamten Films ist, obwohl Whodunits dieses hervorstechende Merkmal eigentlich immer zu ihrem grundlegenden Handwerkszeug zählen. Im Finale in der Gruft, die wie das Dorfset vorher schon für einen der typischen Universal-Horrorfilme herhalten musste, zeigt er schließlich sein wahres Gesicht und bringt somit durchaus einen erwähnenswerten Hauch von Gefährlichkeit und Entschlossenheit in seinen Auftritt. Warum man also mit dem Mann, der Sherlock Holmes dem Tod ins Gesicht sehen lässt, unzufrieden sein sollte, entzieht sich meinem Verständnis.

Ebenfalls als nicht völlig akkurat entpuppt sich die Behauptung, mit „Gespenster im Schloss“ würde sich Universal völlig von der in den vorigen drei Filmen gepflegten Kriegsthematik abwenden. Wahr ist, dass der Film die Entwicklung der letzten Fälle weiterverfolgt, diese deutlich abschwächt und die Handlung in das von Alan Barnes beschriebene „ahistorical neverwhere“ verlegt; berücksicht werden müssen aber auch die Generäle, die Technik, derer sich Holmes bei der Lösung des Falles bedient, sowie die Schlussrede, die an pathetischen Durchhalteparolen alles übertrifft, was Holmes bisher zum Ende seiner Ermittlungen loswerden musste.

Der Form halber erwähnenswert bleibt die falsche Rückblende ziemlich zu Beginn des Falles, die zwar insofern gerechtfertigt wird, als sie mit der irreführenden Aussage des Täters unterlegt ist, aber nach wie vor mit den goldenen Regeln des Filmschaffens in Konflikt steht. Was „Gespenster im Schloss“ darüber hinaus nicht ganz überzeugend darstellt, sind die angebliche Kaltherzigkeit und Bösheit der Musgraves, von denen der Wirt anfangs in blumigen Worten spricht. Während sich Frederick Worlock noch alle Mühe gibt, abstoßend zu wirken, verhalten sich Gavin Muir und Hillary Brooke eher harmlos, wenn nicht gar recht sympathisch. Sie stehen damit in einem angenehmen Kontrast zu der Düsternis der Schauplätze und dem eigentlich unheimlichsten Darsteller, dem perfekt trainierten Raben, der in einer subtilen Sequenz Holmes auf das überraschende Versteck einer Leiche hinweist.

Dass man aus der berühmten „Schatzsuche“ im Park der Musgraves, wie sie im Doyle’schen Original geschildert wird, eine Schachpartie machte, füllt nicht nur eine Lücke im Kanon (Holmes-Leser haben schon mehrfach bedauert, dass der Holmes der Geschichten nie beim Schachspiel gesichtet wurde), sondern verdeutlicht die Cleverness des Schurken, während für Filmzwecke eine überschaubarere und optisch reizvollere Szene entstand. Natürlich erforderte dies gleichzeitig eine Abänderung des Musgrave-Rituals, welches aber in der im Film verwendeten Form, auch dank der Inszenierung und Spezialeffekte des Gewittersturms, noch interessanter und spannender wirkt:

Zitat von Das Musgrave-Ritual in „Sherlock Holmes Faces Death“
Who first shall find it, were better dead
Who next shall find it, perils his head
The last to find it defies dark powers
And brings good fortune to Hurlstone Towers

Where was the light?
On the face of the messanger
Where did he speed?
To guard the queen’s page

What foe man advanced?
The bishop’s page, rashly
And who to repel?
The king’s cautious page

But then the destaster
Page slaughters page
Who came then to slay him?
The blood-thursty bishop

Where shall he go?
Deep down below
Away from the thunder
Let him dig under

Percy Lister Offline



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28.08.2011 14:03
#14 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



The Spider Woman (Das Spinnennest)

Mit: Basil Rathbone (Sherlock Holmes), Nigel Bruce (Dr. Watson), Gale Sondergaard (Adrea Spedding), Dennis Hoey (Lestrade), Vernon Downing (Norman Locke), Alec Craig (Radlik), Arthur Hohl (Gilflower), Mary Gordon (Mrs. Hudson). Regie: Roy William Neill. Drehbuch: Bertram Millhauser. Produzent: Roy William Neill (Universal).


Erster Satz: „Read all about the pyjama suicide!“

Inhalt: London wird von einer Reihe von mysteriösen Selbstmorden erschüttert; Todesfälle, von denen Sherlock Holmes annimmt, dass es sich um Morde handelt. Bei einem Angelausflug mit Dr. Watson täuscht der Detektiv seinen Tod vor, um ungestört nach der Urheberin dieser Taten zu fahnden und wird auch bald fündig: Adrea Spedding, eine ebenso geheimnisvolle wie gerissene Frau tötet ihre Opfer mithilfe einer Giftspinne. Kann Sherlock Holmes sie überführen oder wird ihm diesmal selbst das Lebenslicht ausgeblasen?

Besprechung:
Der Film, der im Januar 1944 Premiere feierte, scheint den Zweiten Weltkrieg hinter sich gelassen zu haben. Es gibt zwar im Finale einen Hinweis auf Englands Kriegsfeinde in Form von Schießbudenfiguren, sie dienen jedoch zur Erheiterung der Jahrmarktbesucher. Das Kinopublikum bleibt von den Schrecken der Zeitgeschichte völlig unbehelligt. Nur der Postbote trägt einen Helm geschultert, so wie die Bevölkerung ihre Gasmasken in Pappschachteln mitführte, und weist somit dezent auf die immer noch schwelende Bedrohung aus der Luft hin. Dennoch suggeriert uns „The Spider Woman“, dass die Menschen vor allem durch eines in Gefahr sind: die enorme Willenskraft und Klugheit eines entschlossenen Einzeltäters, in diesem Fall erstmals eine Frau. Adrea Spedding, die sich im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Sally Musgrave in teure Pelze und bestickte Abendroben hüllt, wird von Gale Sondergaard (* 1899) gespielt, die sich schon einmal durch ihr Alter von den jungen Heldinnen der ersten SH-Filme unterscheidet. Sie ist eine Frau mit Erfahrung, Wissen und Mut – Eigenschaften, die sie entschlossen für ihre kriminellen Pläne einsetzt. Die dänischstämmige Schauspielerin zeigte auch in Hollywood, dass mit ihr zu rechnen war. Nach einer langen Theatertournee durch die Vereinigten Staaten, gewann sie gleich für ihren ersten Film den Oscar (als beste Nebendarstellerin). Als ihr zweiter Ehemann, der Regisseur Herbert Biberman im Zuge der Hetzjagd auf Kommunisten in die schwarze Liste der „Hollywood Ten“ aufgenommen wurde und somit auch sie zur persona non grata wurde, zog sie kurzerhand nach New York um und spielte viele Jahre nur mehr Theater.

Zitat von Die Chronik des Films, Chronik-Vlg. im Weltbild-Verlag, 1996, S. 207
Symbolfigur der bis etwa 1954 anhaltenden Kommunistenjagd ist US-Senator Joseph Raymond McCarthy. Als Instrument dient ihm der „Senatsausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe“. Die dort vorgeladenen „Verdächtigen“ müssen zu ihrer eigenen politischen Vergangenheit aussagen und werden aufgefordert, ihnen suspekte Personen zu denunzieren – ein weites Feld für persönliche Abrechnungen.


Wie schon bei Sherlock Holmes‘ größtem Gegenspieler Professor James Moriarty, fußen auch Adrea Speddings Taten nicht nur auf Gier und Gewinnsucht, sondern legen nahe, dass es sich hier im Gegensatz zu den meist eindimensionalen Verbrechern anderer Kriminalfilme, um eine Persönlichkeit von Format handelt. So haben wir auch nach dem x-ten Betrachten des Films immer noch das Gefühl, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben und die unergründliche Frau nicht wirklich durchschaut zu haben. Woher kommt sie? Wohin geht sie? Was treibt sie an? Kein Wunder, dass der berühmte Detektiv von ihr fasziniert ist.

Zitat von Peter J.E. Malborn: Sherlock Holmes: Historizität von Exotik und Alltäglichkeit, Tectum Verlag, 1999, S. 101f
Sherlock Holmes hat von den Frauen seiner Zeit keine hohe Meinung. [...] Dennoch zeigt er ein gewisses, jedoch seiner Art entsprechend, unübliches, exotisches Interesse an Frauen. („I assure you that the most winning woman I ever knew was hanged for poisoning three little children for their insurance-money“, The Sign of Four) [...] Irene Adler verhält sich nicht wie eine typische, viktorianische Frau, denn sie hat sich alle Verhaltensweisen der Männerwelt erschlossen und wendet diese auch an. Irene Adler ist wohl die einzige Frau, vor der Sherlock Holmes Respekt hat, weil sie aus dem gesellschaftlichen Rahmen ausbricht. Dies legt allerdings nahe, dass seine Verachtung für Frauen auf der damaligen Frauenrolle basiert und nicht für das weibliche Geschlecht generell gilt.


Das Ambiente, in dem der Film spielt, ist ungeheuer anziehend. Schon der Auftakt mit Holmes und Watson an einem gurgelnden Gebirgsbach nimmt sich sehr idyllisch und wehmütig aus. Das leergeräumte Arbeitszimmer in der Baker Street mit den verschiedenen Pfeifen auf dem Kaminsims, der elegante Spielclub mit dem ausladenden Roulette-Tisch, die üppig indisch maskierte Wohnung der Spinnenfrau, das einsame Landhaus, die kurze Eisenbahnfahrt und der Schauplatz für das Finale bieten reichlich Abwechslung und zeigen, dass Holmes mehr ist als nur ein „Sesselhocker“, wie er sich in seiner Verkleidung als Briefträger selbst bezeichnet.

In brillanter Weise schafft es Bertram Millhauser etliche Elemente aus den Geschichten Conan Doyles zu einem Plot zu vermengen, der sehr klassisch wirkt und dessen Ausstrahlung die Jahre überdauert hat. Besonders die „Teufelsfuß im Candy-Papier“-Szene sei hier erwähnt. Wenn man Walter Niklaus‘ keuchendes Hüsteln hört, meint man für Augenblicke, Sherlock Holmes‘ letztes Stündchen habe geschlagen. Die Synchronfassung von 1981 belohnt den Zuseher mit zusätzlichen Szenen, vor allem einer erweiterten Sequenz im Haus des Entomologen Ordway, der in seinem Schrank das Skelett eines Pygmäen aufbewahrt. Warum in der westdeutschen Fassung jede Einblendung des Nomaden aus den tropischen Regenwäldern Zentralafrikas fehlt, ist mir schleierhaft. Der Zuseher bleibt somit auf der Irrmeinung sitzen, der stumme Larry habe die Spinne an die richtigen Absender geliefert. Die Cleverness Ms. Speddings wird damit ein wenig abgeschwächt.

Schlusssatz: „Miss Spedding deserves credit for picking the most logical spot in the world to commit my murder.“„Oh, where’s that?“„In the middle of a crowd.“

Gubanov Offline




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28.08.2011 14:05
#15 RE: Basil Rathbone ist Sherlock Holmes: Die Fakten von Anfang an Zitat · antworten



The Spider Woman (Das Spinnennest)

Uraufführung USA: Januar 1944. Erstsendung 1. Synchronisation: 19. Juni 1969, DFF (DEFA Studio für Synchronisation). Erstsendung 2. Synchronisation (als „Die Spinnenfrau“): 7. Juni 1981, DDR II (DEFA Studio für Synchronisation). Synchronbesetzung: Walter Niklaus, Alfred Bohl (1. Fassung), Hinrich Köhn (2. Fassung).


Mordopfer und Mordmethoden: 7 – fünf Pyjama-Tote (davon 2x aus dem Fenster gestürzt, 2x erschossen), Fred Garvin (erschossen und vom Dach gestürzt), Matthew Ordway (?)

Zeit ...
... bis zum ersten Mord: 1 Minute, 28 Sekunden
... bis zu Holmes’ erstem Auftritt: 2 Minuten, 14 Sekunden

Besonderheiten:

  • Ursprünglich sollte der Film „Sherlock Holmes in Peril“ heißen.
  • Stattdessen der erste Film der Reihe, bei dem weder Holmes noch sein Schaffer im Titel auftauchen.
  • Zwischen „Faces Death“ und „Spider Woman“ hatten Rathbone und Bruce einen Gastauftritt als Holmes und Watson in der Komödie „Crazy House“.
Kanonbezüge: Das letzte Problem, Wisteria Lodge, Der Vampir von Sussex, Das leere Haus, Der Detektiv auf dem Sterbebett, Ein Skandal in Böhmen, Das Tal der Angst, Das gefleckte Band, Das Zeichen der Vier, Der Teufelsfuß, Das gelbe Gesicht

Zitate:
  • „Das war mir entgangen.“ – „Das war mir klar.“
  • „So spitzfindig und grausam sind nur Frauen: katzenartig, das trifft es genau.“
  • „Fast erstickt wären wir beide. Eine Liebesgabe von Ihrer Mrs. Spedding.“
Besprechung:
Wie nah selbst das verrückteste Filmgeschehen beim wahren Leben liegt, zeigte sich vorgestern Abend, als ich mich keine sechs Stunden nach der gefühlt neunundneunzigsten Sichtung des „Spinnennests“ auf dem – in bescheidenen regionalen Grenzen – berühmten Görlitzer Altstadtfest vor einem Schießstand wiederfand, wie ihn Holmes und Watson im Finale dieses Films aus recht unterschiedlichen Perspektiven kennenlernen. In der Kenntnis, welche Gefahren mit einigen vergnüglichen Schüssen verbunden sein können, zog ich es vor, dem Beispiel von Watson zu folgen, Sherlock Holmes nicht zu erschießen und stattdessen mit dem Riesenrad luftige Höhen zu erklimmen, die in SH-Gefilden gern das Ende von Professor Moriarty besiegeln. Auch hier eine eindeutige Parallele, hat die „Spinnenfrau“ doch – außer ihrem Geschlecht – weniger mit Irene Adler als vielmehr mit jenem Napoleon des Verbrechens gemein, der laut Holmes ebenfalls „wie eine Spinne im Zentrum ihres Netzes“ sitzt.

Adrea Spedding ist nicht nur ihrer raffinierten, ja direkt bizarren Mordmethode wegen Sherlock Holmes‘ beeindruckendste Kontrahentin. Im Film wird sie gleichzeitig mit den bereits ausführlich beschriebenen, aufwendigen Kostümen (klauenhafte Stickelemente, phallische Hüte) und mit psychologischen Tricks als ebenbürtige Gegnerin des Detektivs etabliert. Frauen, die in Kriegszeiten so offen Luxus vorführten wie Adrea Spedding, haftete von Grund auf etwas Unanständiges, Mitleidloses an. Auch führt Amanda J. Field an, in ihrer ersten Szene, in der Spedding Zeitung lesend auf dem Sofa liegt und sich mit ihrem dienerhaften Halbbruder umgibt (sollte es übrigens wirklich ihr Halbbruder sein? Eine windige Annahme bei ihrer Verführungskunst!), spiegele sie Sherlock Holmes selbst wider, der sich von Watson assistieren und beraten lässt. Des weiteren jagt ihre scheinbare Macht über den stummen Jungen Larry dem Zuschauer Angst ein. Da er mit allen Mitteln zu der Annahme getrieben wird, das Kind sei für die Ausführung der Morde verantwortlich, sieht er Adrea Spedding als besonders teuflische, vor nichts zurückschreckende Verbrecherin.

Was das „Spinennest“ neben seiner Hauptdarstellerin insbesondere auszeichnet, ist die ungeheure Menge und Dichte an Hinweisen auf den Doyle’schen Kanon. Nicht weniger als elf Bezüge lassen sich problemlos enttarnen und bei genauerer Betrachtung könnte man der Liste sicher noch weitere Erzählungen hinzufügen. Trotz des in den ersten Filmminuten angewandten Tricks aus „Sein letzter Fall“ / „Der Detektiv auf dem Sterbebett“ gelingt es Holmes, eine all diese Elemente verbindende Präsenz zu entwickeln. Basil Rathbone zeigt deshalb eine besonders glaubwürdige und engagierte Leistung und man versteht nur allzu gut die rührenden Szenen, die Watson, Lestrade und Mrs. Hudson nach seinem Ableben in Sehnsucht und Trauer zeigen. Millhauser verdeutlicht in wenigen Sätzen, welch eine zentrale Rolle der Detektiv für das um ihn herum aufgebaute Stammpersonal der Serie spielt.

Zitat von Bret Wood: The Spider Woman – TCM Turner Classic Movies, Link
Continuing the trend that had begun with Universal‘s Sherlock Holmes and the Voice of Terror (1942), the filmmakers removed Holmes from the fog-shrouded London with which he was commonly associated. [...] The Sherlock Holmes that appears in The Spider Woman is very firmly rooted in the 1940s – not just by the fashions and styles of automobiles, but in the climactic shooting gallery scene, in which the targets are effigies of Hitler, Mussolini and Hirohito.


Oberflächlich betrachtet, heißt es oft, die Schießfiguren, hinter denen Holmes festgebunden wird und die in der Ursynchronisation ebenfalls penibel entfernt wurden, seien die einzigen Hinweise auf den nach wie vor tosenden Krieg. Dass das nicht stimmt, erkennt man, wenn hinter dem Zeitungsverkäufer in der Auftaktszene ein Hinweis auf den nächsten Luftschutzbunker oder, wie von Percy Lister bereits erwähnt, an Holmes‘ Postbotenuniform ein Stahlschutzhelm zu sehen ist. Auch markiert „Das Spinnennest“ zwischen den zwei eher im ländlichen Raum angesiedelten Filmen „Gespenster im Schloss“ und „Die Kralle“ einen Hochpunkt an Modernität und mondänem Leben, aber auch an Kompromisslosigkeit. Während in den Geisterstücken anderer, klassischer Produktionen die Verbrechen oft vage bleiben und lange auf sich warten lassen, wählte Roy William Neill hier stattdessen schockierende Bilder von erschreckend plötzlich zerberstenden Fensterscheiben und Selbstmördern im Sturz aus großer Höhe.

Erwähnung finden soll der Vollständigkeit halber abschließend auch Gale Sondergaards zweiter Auftritt als „Spinnenfrau“, der allerdings ohne Sherlock Holmes, dafür mit Rondo Hatton, dem Hoxton creeper aus „Die Perle der Borgia“, 1946 unter dem Titel „The Spider Woman Strikes Back“ in die amerikanischen Kinos kam. Konsultiert man die Fachliteratur, scheint es klar, weshalb dieser Film es nie zu einer deutschen Auswertung brachte:

Zitat von Alan Barnes: Sherlock Holmes on Screen, Reynolds & Hearn, 2004, S. 242
The Spider Woman Strikes Back [...] bore no substantial connection to the Holmes film, featuring Sondergaard not as Adrea Spedding but instead quasi-vampiric Nevadan poisoner Zenobia Dollard. With the aid of a silent assistant [...], Zenobia combines human gore and arachnoid venom in an effort to breed meat-eating plants which will then produce a sap lethal to local cattle.

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