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 Film- und Fernsehklassiker international
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

14.05.2009 12:46
#31 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

"Das Fenster zum Hof - Rear Window" (USA 1954)

Über "Das Fenster zum Hof" ist viel geschrieben worden; die Bedeutung des Films innerhalb Hitchcocks Gesamtwerk ist unumstritten. Der Film lädt sowohl zum entspannten Beobachten ein, weist aber auch eine Vielschichtigkeit auf, die mehrere Deutungsmöglichkeiten zuläßt.
Auf der ersten Blick scheint es nur darum zu gehen, dass ein vorübergehend bewegungsunfähiger Foto-Reporter aus Langeweile und tief verwurzelter Neugier seine Nachbarn beobachtet und dabei zu der Überzeugung kommt, dass im Haus gegenüber ein Mord geschehen ist.
Doch dass mehr dahintersteckt, erklärt Donald Spoto in seinem Buch "Alfred Hitchcock und seine Filme" (Heyne-Verlag): "Dass Hitchcock sich nicht für den Mörder und seine Frau interessiert, wird deutlich, wenn wir daran denken, dass wir (1) das eigentliche Verbrechen nicht sehen, dass wir (2) nichts über den Mann und seine Frau wissen, über ihre Vergangenheit, ihr Zusammenleben oder Einzelheiten ihrer "Krankheit" (sie macht einen recht gesunden und hübschen Eindruck), und dass wir (3) sie nur von weitem zu Gesicht bekommen." Der Schwerpunkt des Films liegt deshalb nicht auf dem Verbrechen, das eher als Katalysator dient, sondern beim Thema "Menschliche Beziehungen" und der Beziehung von Lisa und Jeff im besonderen. Helmut Merker schreibt in seiner Analyse des Films ("Alfred Hitchcock", Bertz-Verlag) über den nicht zu übersehenden Voyeurismus: "Das Sehen und seine Interpretation, die Neugier und die Scham, das Nichtgesehene und das Ausfüllen durch die Phantasie, die Oberfläche und die universelle Tiefe". Dieser Satz bündelt die Definition des Themas "Was ist ein Film?", denn er zeigt, dass Hitchcock gerade durch seine vornehme Distanz, die er leider in seinen späteren Filmen (z.B. "Frenzy") fallen gelassen hat, bewirkt, dass der Zuseher sich den Schrecken und das Grauen selbst ausmalt, ohne dass unangemessene Situationen auf der Leinwand gezeigt werden müssen. Georgine Darcy, die "Miss Torso", hat in einem Fernsehinterview gesagt, dass das Haus gegenüber von Jeffries` Wohnung für Hitchcock wie ein Puppenhaus war und die Menschen darin Puppen, mit denen er spielen konnte. In gewisser Hinsicht ist die Figur, die James Stewart spielt der Regisseur, der alle Abläufe koordiniert, Anweisungen gibt und durch seine Kamera kontrolliert, ob alles so läuft, wie er es sich vorgestellt hat.
Er weist alle Annäherungsversuche der weiblichen Hauptfigur zurück, da er lieber aus der Ferne beobachtet und seine Phantasie spielen läßt.
Grace Kelly kann seine Zuneigung und uneingeschränkte Bewunderung erst gewinnen, als sie eine "Mutprobe" besteht und ihm zeigt, dass sie Entschlossenheit, Abenteuerlust und Tatkraft verkörpert. Eigenschaften, die ihm mehr bedeuten als Schönheit, Wärme und Weltgewandtheit.
Robert Stam und Roberta Pearson schreiben dazu in "Hitchcock`s Rear Window: Reflexivity and the Critique of Voyeurism" ("A Hitchcock Reader", Wiley-Blackwell):
"Jeffries prefers his thrills to be vicarious. He would rather watch Miss Torso than touch the flesh-and-blood woman next to him, which is why Lisa contemplates turning herself into a distant and exotic appearance - by "moving into the apartment across the way and doing the dance of the seven veils."
Im Grunde genommen kann man sagen, dass "Das Fenster zum Hof" (1) ein Film übers Filmemachen, (2) ein komödiantischer Thriller und (3) die Geschichte einer Beziehung ist. Hitchcock und Francois Truffaut stellen in ihrem berühmten Gespräch ("Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" Heyne-Verlag) fest:
T: "Ich glaube, wenn Ihr Interesse an dem Film zunächst auch ein ausgesprochen technisches war, so ist im Verlauf Ihrer Arbeit am Drehbuch die Geschichte immer wichtiger geworden. Schließlich ist aus dem, was man auf der anderen Seite des Hofes sieht, bewusst oder nicht, ein Bild von der Welt geworden."
H: "Auf der anderen Seite des Hofes haben Sie alle Arten menschlichen Verhaltens, einen kleinen Verhaltenskatalog. Das musste man unbedingt so machen, sonst wäre der Film ohne Interesse gewesen. Was man auf der Hofmauer sieht, ist eine Fülle kleiner Geschichten, es ist der Spiegel, wie Sie sagen, einer kleinen Welt."

Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

14.05.2009 14:43
#32 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Das Fenster zum Hof (Rear Window) – #40

Mit: James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey, Thelma Ritter, Raymond Burr, Judith Evelyn, Ross Bagdasarian, Georgine Darcy, Sara Berner, Frank Cady u.v.a. Regie: Alfred Hitchcock. Drehbuch: John Michael Hayes. USA 1954.

Zitat von Cornell Woolrich: Das Fenster zum Hof
Das Erkerfenster war bei dem heißen Wetter so ziemlich das Beste an meinem Schlafzimmer. Es hatte kein Fliegengitter davor, deshalb saß ich immer im Dunkeln da, weil sonst sämtliche Insekten aus der ganzen Umgebung auf mich eingestürzt wären. Ich konnte nicht schlafen, weil ich es gewohnt war, mich viel zu bewegen. Die Gewohnheit, zur Bekämpfung der Langeweile Bücher zu lesen, hatte ich nie angenommen. Diese Möglichkeit entfiel also. Was hätte ich also tun sollen? Einfach nur dasitzen, die Augen fest geschlossen?

Mit diesen Worten beginnt die dem Film „Rear Window“ zugrundeliegende Geschichte „It Had to Be Murder“ aus der Feder von Cornell Woolrich, die 1942 erstmals im Dime Detective Magazine veröffentlicht wurde. Zwölf Jahre später griff Alfred Hitchcock den Plot für einen Film auf, der zwei große Handlungskomplexe zeigt und auf meisterhafte Art und Weise in seiner homogenen Machart verbindet.
Zunächst wäre da der gesamte Themenkomplex um das Ausspionieren von Nachbarn, um den Einblick in ihre Privatsphäre, um die Mordgeschichte, die sich um Lars Thorwald aufbaut. Sie erscheint perfekt für einen Krimi und ist mithin das zentrale Element der Geschichte Woolrichs, doch genügte es Hitchcock nicht, die einfache Kriminalhandlung aufzuzeigen: Hinzu kommt die ebenso wichtige Romanze zwischen Beobachter Jeff und Lisa, die sich klugerweise in jedem möglichen Entwicklungsaspekt in den „überwachten“ Apartments des Hauses gegenüber widerspiegelt – bis hin zu der Tatsache, dass das Mordopfer, Mrs. Thorwald, das gleiche Nachtgewand trägt wie Lisa. Verbunden werden die beiden Stränge schließlich am Ende durch Lisas Annäherung an die Vorstellungen Jeffs, indem sie, die bislang zu perfekt weibliche Liebhaberin, mit ihrem Einbruch in Thorwalds Wohnung nicht nur den wichtigen Beweis gegen Thorwald zutage bringt, sondern auch endlich auch ihren Willen zum Bestehen von Abenteuern zeigt.
Im Drehbuch wird die Einbruchsszene wie folgt beschrieben:
Zitat von Script for „Rear Window“
Lisa glances up to Thorwald’s apartment. She turns and gestures some instructions to Stella. Then she looks up at Jeff and gestures her intention to enter Thorwald’s apartment. She turns and dashes toward Thorwald’s fire escape as Stella makes a fruitless grab to restrain her. Jeff, shocked and alarmed, calls out: Lisa—no!
He looks quickly toward the intersection and then right back to Lisa. Apparently no sight of Thorwald.

Verkörpert werden die Hauptakteure alle auf makellose Art und Weise, einerseits durch Hitchcocks perfekte Schauspielerführung, andererseits durch die Qualität der Darsteller an sich. James Stewart, Profi und absoluter Held zur damaligen Zeit in den USA, gibt den an den Rollstuhl gefesselten Fotografen zugleich sympathisch und rüde, und auch die wunderbare Grace Kelly als Lisa vermag es, die beiden soeben beschriebenen Seiten ihres Charakters glaubhaft unter einen Hut zu bringen und dabei fast schon göttlich zu agieren. Ähnlich voll Lobs ist Hitchcocks Regieassistent Herbert Coleman:
Zitat von Herbert Coleman
I fell in love with her the moment I saw her on that set of „Dial M for Murder“. Everybody fell in love with her. Everybody fell in love with Grace Kelly who were fortunate enough to work with her. And she was actually, I think, the most beautiful woman I ever saw in my life on film. There is a close-up of her in „Rear Window“, when she comes to see Jimmy, it’s her introductory shot in the picture, and it’s really the most beautiful shot of a woman I’ve ever seen in my life.

Als Frau geht Hitchcocks Tochter Pat Hitchcock O’Connell nüchterner an die Beurteilung der Leistungen Grace Kellys:
Zitat von Pat Hitchcock O’Connell
She was a brilliant actress. He could just tell her in a few words, you know, what he wanted, and she was able to give it to him. She was very, very talented.

Raymond Burr zeigt in „Rear Window“ wie erwartet eine ganz andere Seite seiner Schauspielkunst. Auch wenn er genau wie in „Perry Mason“ eine sehr glaubhafte, in gewissen Zügen menschliche Figur kreiert, so tritt er in „Rear Window“ doch wesentlich stärker von einer rohen und einfachen Seite auf. Schon die anfängliche Bemerkung gegenüber der Künstlerin, als sie ihn am Blumenbeet anspricht zeugt von seiner Brutalität. Von dem eleganten und wortgewandten, luxuriös lebenden Anwalt mit seiner bescheidenen Ferienblockhütte und dem Motorboot ist kaum mehr etwas übrig. Abermals jedoch überzeugt er voll und ganz. Bliebe als vierte im Bunde der großen Rollen die Krankenschwester Stella mit dem Gesicht, dem Mundwerk und der verblüffenden Menschenkenntnis von Thelma Ritter.

Die Beschränkung auf einen einzigen Drehort, der noch dazu komplett im Studio entstand (der Aufwand, mit dem das große Set aufgebaut wurde, ist beträchtlich – man ließ sogar ganze Studiodecken herausreißen), schränkt Hitchcock zwar in seinen Möglichkeiten ein, allerdings verspürt man als Zuschauer nie den Willen, den Hof zu verlassen. Die Handlung wird so fesselnd aufgezeigt, dass man sich schon nach kürzester Zeit in dem kleinen Universum, dem „Mikrokosmos“, wie zu Hause fühlt. Bemerkenswert ist dabei auch das Timing, das in einigen Szenen an den Tag gelegt wurde, so vor allem in den tollen Schwenks über den gesamten Hof und den Szenen während Lisas Risiken bei der Annäherung an Thorwald. Hier agieren alle beteiligten Schauspieler auf die Millisekunde genau.
Der einzige als etwas zu konstruiert zu kritisierende Punkt in der Handlung ist der Beginn dieser Bemühungen Lisas, die plötzliche 180-Grad-Wendung, die sie mit dem Schmuck Mrs. Thorwalds erklärt. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Frau bin, aber ich halte es für hanebüchen, zu erklären, jede amerikanische Frau würde bei einer vorübergehenden Reise ihren gesamten Schmuck mitnehmen (zumal wenn das Zuhause nicht unbewohnt und unbewacht verbleibt). Die schließliche Bestärkung dieser These mit dem Zurückbleiben des Eherings gewinnt aber wieder an Glaubwürdigkeit, sodass man hierüber hinwegsehen kann.

Spannung, Romantik und ein kleines bisschen Kritik, die Isolation des Menschen trotz so nahen örtlichen Zusammenlebens und gleichzeitig das Interesse am Herumspionieren, das, so Hitchcock, jedem Filmseher innewohnt, kommen in „Das Fenster zum Hof“ zu einer exquisiten Mischung zusammen. Auch wenn zumindest die letztgenannte Ansicht streitbar ist, handelt es sich bei den in Filmen beobachteten Privatsphären doch lediglich um gespielte, so ist es diesem Film gelungen, mich über die bei Hitchcock offenbar garantierte technische Qualität hinaus auch inhaltlich zu überzeugen und noch dazu mit einer Besetzung aufzuwarten, die ihresgleichen sucht. Wenn ich scheinbar in letzter Zeit wenig andere Karten ziehe: 5 von 5 Punkten für „Rear Window“ sind trotzdem Pflicht!



Mein DVD-Tipp für „Das Fenster zum Hof“:
Für „Das Fenster zum Hof“ kann es nur einen wirklichen DVD-Tipp geben: die Doppel-DVD aus der amerikanischen „Universal Legacy Series“ unter dem Titel „Alfred Hitchcock’s Rear Window – Special Edition“. Zwar muss der geneigte Zuschauer hier auf deutschen Ton verzichten (es gibt englische und französische Audiooptionen und mehrsprachige Untertitel), doch die Vorteile der Edition wiegen diesen Umstand leicht wieder auf: Das Bild ist um ein Vielfaches besser als das der deutschen Ausgabe. In den Punkten Schärfe, Farbgebung und Kontrast übertrumpft es das nach wie vor unrestauriert bleibende europäische Universal-Master um ein Weites. Der Bildeindruck ist viel natürlicher und dank aufwendiger Restauration klarer und gestochen scharf – kein Vergleich zur schwammigen deutschen Version. Wer an einem direkten Vergleich der beiden Bildfassungen interessiert ist, der betrachte diese Seite.
Bei der Verpackung handelt es sich um ein buchähnliches Digipack. Auch das Bonusmaterial der amerikanischen Ausgabe ist perfekt. Neben einem Audiokommentar werden zwei Trailer, Produktionsnotizen, eine Bildergalerie, eine Dokumentation zum Film, ein Interview mit dem Drehbuchautor, zwei Dokus über Alfred Hitchcock, ein Hitchcock-Truffaut-Interview-Ausschnitt und die zum Thema des Films passende „Alfred Hitchcock Presents“-Episode „Mr. Blanchard’s Secret“, ein überaus unterhaltsames Kleinod, geboten. Schade für den, der aufgrund der Regionalcode-1-Sperre auf diese einen Klassiker in perfekter Ausstattung präsentierende Edition verzichten muss...

Quelle für den Drehbuchauszug: Hitchcockwiki.com

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Joachim Kramp Offline




Beiträge: 4.901

15.05.2009 19:26
#33 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

...bevor es im TV-Thread untergeht!

Im Juni strahlen einige 3.Programme Hitccock's letzten Film FAMILIENGRAB aus. Ein in meinen Augen hervorragender Film in dem Hitchcock die Geschichte verschiedener Personen erzählt, die dann im Laufe des Films zusammengeführt werden. Einfach Spitze wie Hitchcock dies in Szene gesetzt hat. Der Film basiert übrigens auf dem Roman AUF DER SPUR/ THE RAINBIRD PATTERN von Victor Canning. Entgegen den üblichen Hitchcock-Geflogenheiten eine Roman-Adaption noch bissiger als das Original zu gestalten, verhält es sich hier eher umgekehrt, wobei der Roman in England spielt. Dennoch ist hier Hitchcock zuletzt noch ein Meisterwerk gelungen!

Joachim.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

19.05.2009 20:49
#34 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten


Der Fremde im Zug (Strangers on a Train) – #37

Mit: Farley Granger, Ruth Roman, Robert Walker, Leo G. Carroll, Patricia Hitchcock, Kasey Rogers, Marion Lorne, Jonathan Hale, Howard St. John, John Brown u.v.a. Regie: Alfred Hitchcock. Drehbuch: Raymond Chandler, Czenzi Ormonde. USA 1951.


Dieser Kommentar enthält Spoiler.
Die grundsätzliche Idee ist glänzend. Was verrät einen Mörder, auch wenn er alle Beweise verwischt? Richtig, Krimifans wissen es: das Motiv. Warum nicht also einen Mord für einen Anderen begehen – für eine Person, die man nicht kennt; an einer Person, die man nicht kennt? Und im Gegenzug von dem Fremden selbst eine entsprechende Tat einfordern? Wo keine Bekanntschaft, da kein Motiv...
Auf dieser Basis verfasste Patricia Highsmith zwischen 1948 und 1950 ihren Erstroman „Strangers on a Train“, den Hitchcock in veränderter Form für seinen gleichnamigen Film im darauffolgenden Jahr aufgriff. Veränderungen betreffen dabei nicht nur den Beruf des Protagonisten (Guy Haines ist im Buch Architekt), sondern auch die Tatsache, dass man für die Verfilmung den Mord Guys an Brunos Vater und somit das Thema des zu Mord getriebenen Unschuldigen (glücklicherweise!) fallen ließ. Das vorliegende Ergebnis mit dem vielleicht weichgespülten, aber wesentlich einfacher funktionierenden Ende ist einer überdramatisierten Schuldgeschichte für einen Unterhaltungsfilm vorzuziehen.
Alfred Hitchcock zeigt wieder einmal viel Talent für die Inszenierung. Hänger gibt es zu keinem Zeitpunkt; als Ganzes wirkt der Film sogar flüssiger und gängiger als die beiden anderen von mir gesehenen Filme (was keineswegs eine Abwertung von „Shadow of a Doubt“ und „Rear Window“ darstellen soll). Einige bemerkenswerte Szenen möchte ich gesondert hervorheben:
- Der starr auf Haines blickende Bruno inmitten der nach dem Tennisball die Köpfe wendenden Zuschauermenge auf der Tribüne.
- Der amüsante Hitchcock-Auftritt am Bahnhof.
- Kluge Schnitte, etwa von Haines Aussage, er wolle Miriam erwürgen, zu den verkrampften Händen Brunos.
- Die Szene auf dem Rummelplatz vor dem Mord an Miriam. Eine latente Gefahr unter den strahlenden Lichtern und Geräuschen des Vergnügungsplatzes. Allein, wie Bruno den Ballon des kleinen Jungen zerplatzen lässt...
- Die intensive Szene auf der Party des Senators.
- Das lebendig gefilmte, geschnittene und mit der Parallelszene verquickte Tennismatch.

Allerdings muss man dem Film auch einige Kleinigkeiten absprechen. Der erste Kritikpunkt liegt, mag man den Erläuterungen des Highsmith-Experten im Audiokommentar glauben, in dem Vertrauen der Romanautorin auf Zufälle als feste Bestandteile des Lebens. Mir persönlich jedoch laufen die Dinge im Film zu perfekt ab: Das eben rein zufällige Zusammentreffen aller Handlungsfaktoren (Treffen der beiden Männer, die Entscheidung Miriams, sich doch nicht scheiden zu lassen, ...) wirkt doch ein wenig unglaubhaft und zeitlich zu sauber abgestimmt. Aber sei’s drum, wenn dafür eine spannende Handlung auf die Beine gestellt wird... Als weitaus ärgerlicher sehe ich Brunos Bemühungen an, nach dem Mord mit Haines in Kontakt zu treten. Freilich, irgendwie muss er ihn ja dazu bringen, den zweiten Mord für ihn zu begehen, aber mit dem Schaffen öffentlicher Zusammentreffen wie im Museum oder gar auf der Hausparty pervertiert er den Plan, den Mord für einen völlig Fremden auszuüben und eben deshalb keine Spuren zu hinterlassen, in sein komplettes Gegenteil!
Ebenso wirkt die Motivation für Brunos herbeigesehnten Mord an seinem Vater nicht stark genug verdeutlicht. Das liegt nicht an der Vorbereitung durch die Regie, die Schauspieler oder das schaurige „Porträt“, sondern durch die Darstellung Mr. Anthonys durch Jonathan Hale. Weil er nur einmal kurz zu sehen ist, hätte er einen absolut dominanten und unerträglichen Charakter abgeben müssen, doch in der Rolle des einschüchternden Patriarchen überzeugt er in keinster Weise. Ebenfalls ein wenig zu einfach gemacht hat man es sich in der Szene, in der Guy Haines seiner Geliebten die wahre Geschichte hinter dem Tod von Miriam gesteht. Zu schnell und widerspruchslos nimmt sie die ihr präsentierte, für einen Außenstehenden doch sehr merkwürdig klingende Geschichte hin.

Ansonsten gibt es in der Riege der Darsteller nichts auszusetzen. Ruth Roman und Farley Granger überzeugen als Liebespaar in allen übrigen Szenen. Die beste Rolle spielt freilich Robert Walker – es war eine seiner letzten. Auch „seine“ Mutter brilliert, ebenso wie die unter dem Pseudonym Laura Elliott die Miriam spielende Kasey Rogers. Einen besonderen Auftritt hat Hitchcocks Tochter Patricia, die eine erstaunlich große Rolle sehr gut meistert und sogar, in der Szene mit Hitchcocks obligatorischer Cameo, für „drei Minuten“ die Regie übernahm.
Zu erwähnen bliebe abschließend noch die Abschlussszene auf dem außer Kontrolle geratenen Karussell, die auf dem hauchdünnen Grat zwischen Nervenkitzel und Albernheit schwebt, aber aufgrund des Talents Alfred Hitchcocks – abgesehen von einigen der damaligen Technik geschuldeten offensichtlich zeitgerafften Shots – durch ihre perfekte Inszenierung doch überzeugt.

Auch wenn ich an „Der Fremde im Zug“ das eine oder andere auszusetzen hatte, so bot der Film doch ein höchst unterhaltsames Filmvergnügen und überzeugt über weite Strecken durch die gute Auf- und Umarbeitung der Literaturvorlage. Übliche Standards gibt’s gratis dazu. 4,0 von 5 Punkten.



Mein DVD-Tipp für „Der Fremde im Zug“:
Meine Empfehlung für „Der Fremde im Zug“ geht an die deutsche „Alfred Hitchcock Prestige Collection“ von Warner Brothers, die in anderer Verpackung (aber mit gleichem Inhalt) auch unter den Namen „Alfred Hitchcock Collection“ oder „Alfred Hitchcock Signature Collection“ firmiert. Enthalten sind die Filme „Der falsche Mann“, „Die rote Lola“, „Bei Anruf Mord“, „Der unsichtbare Dritte“, „Ich beichte“ und „Der Fremde im Zug“. Alle diese Filme sind auch einzeln erschienen, aber wenn man nicht nur eine Auswahl der Titel anstrebt, sollte man der Einfachheit und des Preises halber lieber zur Komplettcollection greifen.
„Der Fremde im Zug“ ist der einzige der sechs Filme, der in einer 2-Disc-Variante vorliegt. Enthalten sind neben der deutschen Schnittfassung zwei weitere Versionen des Films (Amerikanische Fassung und Britische Preview-Fassung). Ich kenne alle exakten Unterschiede der Fassungen noch nicht, bedaure jedoch vor dem Hintergrund, dass die amerikanische Fassung nicht restauriert ist und man sich bestimmte Fassungen nur mit bestimmten Audio- und Untertiteloptionen ansehen kann, dass man sich für diese aufgesplittete Präsentation und nicht für eine Integralfassung entschieden hat.
In der deutschen und der britischen Fassung liegt ein sehr gutes Bild vor. Es ist scharf und weist kaum Fehler auf. Die dunklen Bilder des Films zeigen Detailreichtum. Der Ton ist klar verständlich. Die amerikanische Fassung sieht nicht so optimal aus, ist aber ebenfalls trotz einiger Verschmutzung noch gut ansehbar.
Auf Disc 1 befinden sich neben der deutschen und der amerikanischen Schnittversion der Originalkinotrailer sowie ein englischer Audiokommentar, der durch die fehlende Untertitelung ein wenig an Informativität verliert. Leider finden sich in dem Kommentar kaum Szenenbezüge; vielmehr handelt es sich um einen Zusammenschnitt verschiedener Interviews und Anmerkungen zum Film und zur Buchvorlage, die sich auch teilweise im übrigen Bonusmaterial wiederholen werden.
Disc 2 präsentiert neben der britischen Filmfassung vier Dokumentationen (drei zum Film, eine über die Hitchcock-Familie) sowie einen kurzen stummen Ausschnitt mit Hitchcock auf einem Bahnhof. Die Menüs sind, obwohl am Originalplakatmotiv orientiert, nicht sonderlich schmuck geworden. Insgesamt gibt es trotzdem einen Daumen nach oben, weil man, von den kleinen Kritikpunkten der Doppel-DVD abgesehen, einen guten Transfer und zahlreiche Hintergrundinfos geboten bekommt.

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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

24.05.2009 15:11
#35 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

"Der Fremde im Zug - Strangers on a Train" (USA 1951)

Hitchcock zeigt in seinem 1950 entstandenen Film unkonventionelles Verhalten mehrerer Beteiligter, was den Anforderungen der damaligen Zeit entsprechend natürlich bestraft werden musste. Keine seiner Hauptfiguren entspricht dem Klischee des strahlenden Helden. Guy Haines ist zwar kein Mörder im eigentlichen Sinn, doch dadurch, dass er vom Mord an seiner Ehefrau profitiert, macht er sich mitschuldig. Er hat die Aussagen seiner Zugbekanntschaft Bruno Anthony nicht ernst genommen und sie insgeheim sogar begrüßt. Unbewusst hat er schon lange den Tod seiner ungeliebten Frau herbeigewünscht. Gregor Dotzauer schreibt in seinem Artikel über den Film:
"....wenn Bruno als ungebetene Vorleistung Guys Frau Miriam erwürgt - dann ergibt das Verhalten von Guy, der Bruno anfangs nicht weiter ernst nimmt, um sich dessen psychologischem Druck schließlich auf groteske Weise zu unterwerfen, nur einen Sinn, wenn man Bruno als bösen Gedanken betrachtet, der sich unversehens materialisiert hat, als Fleisch gewordene Schuld." (Alfred Hitchcock, Bertz-Verlag) Miriam Joyce Haines wird nicht nur ermordet, weil Guy sich ihrer entledigen will (sie erwartet ein Kind von einem anderen Mann und will es als seines ausgeben), damit er Ann Morton heiraten kann, sondern sie wird für ihren Lebenswandel bestraft.
Gregor J. Weber erläutert dies eindrucksvoll in seiner Abhandlung "Jeder tötet, was er liebt. Liebes- und Todesszenen in den Filmen Alfred Hitchcocks" (Schüren-Verlag):
"In der Jahrmarktsequenz kann Miriams Essensdrang als Metapher für ihre Maßlosigkeit und sexuelle Unersättlichkeit gedeutet werden."
Bruno folgt ihr mit dem Ziel, sie zu töten, sie wertet seine Hartnäckigkeit jedoch als Interesse und "interpretiert seine Blicke als sexuelles Begehren. Seinen Sieg bei dem Kraftspiel "Hau den Lukas" wertet sie als Zeichen seiner sexuellen Potenz, für Bruno bedeutet die Teilnahme an dem Spiel eine Vorübung auf den kurz darauf erfolgenden Mord." (Gregor J. Weber) Dass das Publikum dem Film diese Assoziationen teilweise übelnahm, bestätigt Donald Spoto in seinem Buch "Alfred Hitchcock - Die dunkle Seite des Genies": "In Massachusetts, Wisconsin, Ohio, Maryland und Michigan wandten sich gesellschaftliche und kirchliche Vereine sowie eine Reihe von Einzelpersonen gegen die ausführliche Mordszene und die angedeuteten sexuellen Abweichungen." Allerdings wurde der Film trotzdem ein großer Erfolg. "Gegen Ende des Jahres hatte CBS eine Radioversion mit Ruth Roman, Ray Milland und Frank Lovejoy gesendet, drei Jahre später wurde das Stück noch einmal ausgestrahlt (mit Dana Andrews, Robert Cummings und Virginia Mayo)" Wie Gubonov in seinem Bericht schon angesprochen hat, gibt es einige logische Mängel. Brunos Vater wird nur kurz von weitem gezeigt und erscheint deshalb nicht als Tyrann. Der große Hass seines Sohnes erscheint so nicht verständlich. Vielleicht war dies aber auch Absicht. Bruno "übertreibt immer", wie seine Mutter zu Ann Morton sagt - es könnte also durchaus sein, dass Bruno die Anwesenheit und den verständlichen Tadel seines Vaters maßlos aufbauscht, um einen Grund für einen Mord (den er als weiteres aufregendes Abenteuer betrachtet) zu finden.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

24.05.2009 15:50
#36 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten
Zwei Punkte deiner Besprechung benötigen in meinen Augen Klärungsbedarf. Zuallererst ist es meines Erachtens nach nicht korrekt, Bruno als "die böse Seite" von Guy anzusehen, die ihm innewohnt und ihn den Mord herbeiwünschen lässt, ihn gleichsam die Schuld an dem Verbrechen tragen lässt. Dies ist schon insofern eine falsche Schlussfolgerung, als Guy zu dem Zeitpunkt, zu dem er von dem Plan des Überkreuzmordes erfährt, sicher ist, dass die Scheidung - und somit ein einfacher und legaler Weg, Miriam "loszuwerden" - ohne Probleme vorgenommen werden kann. Er hatte zu dem Zeitpunkt, zu dem der Mord "vereinbart" wurde, keinerlei Motiv und damit keine Motivation, Miriam zu töten. Es war nicht in seinem Interesse, dass sie stirbt. Man sieht dies in dem Gespräch daran, dass es Bruno ist, der - gegen den Willen Guys! - immer und immer wieder von der Sache mit Ehefrau und Liebhaberin anfängt. Die Verzweiflung und der Punkt, an dem Mord das "leichteste" Mittel darstellt, sich Miriam zu entledigen, ist erst an dem Punkt erreicht, als Miriam ihm bekannt gibt, sich doch nicht scheiden lassen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt ist er sich der Bedeutung des Treffens mit Bruno aber nicht mehr bewusst und - der Spruch, er könnte sie erwürgen, kann ihm wohl kaum angelastet werden, da es sich um eine ganz menschliche Ausdrucksweise handelt, wie sie auch in vielen anderen Fällen praktiziert wird (man denke nur an deren Exzess etwa in Christies "Mord im Pfarrhaus") - plant auch nicht ernsthaft, sie selbst umzubringen.
Dass Bruno und Guy getrennte Figuren sind, die nichts miteinander zutun haben, manifestiert sich darüber hinaus in dem Titel des Films "Strangers on a Train" / "Der Fremde im Zug". Einer ist dem anderen fremd, unbekannt und mit Sicherheit auch nicht gleich. Guy ist ein methodischer, rationaler Mensch mit einem festen Glauben an das Richtige und das Gute. Er ist, und das wird abermals wieder durch zahlreiche weithergeholte Wissenschaftsbetrachtungen verwässert, ein durch und durch menschlicher Held, der sich zwar in seinem Leben ein paar Mal geirrt hat, der aber die volle Sympathie des Zuschauers und der integren Hälfte der Besetzung genießt. Unterstützt wird diese Positivzeichnung durch die Abänderung der Buchvorlage, Guy keinen Mord selbst begehen zu lassen.

Der zweite Punkt ist der des tyrannischen Vaters. Es mag zwar auf den ersten Blick möglich erscheinen, dass der verrückte Bruno sich in dessen Tyrannei nur hineinsteigert, obwohl sie eigentlich gar nicht gegeben ist, doch dies ist ebenfalls bei genauerer Betrachtung fragwürdig. Schließlich verkehrt die Theorie, er suche die eingebildete Tyrannei, eben weil er einen Mord begehen will, die Kette der Ereignisse in ihr absolutes Gegenteil. Es ist seine Theorie, dass zwei einander unbekannte und völlig unzusammenhängende Menschen gegenseitig "ihre" Morde begehen. Diese Theorie hat er sorgsam ausgearbeitet. Nun ist allerdings zwangsläufig der Wunsch des Mordes an seinem Vater nach dieser Theorie nicht das zusammengebastelte Testbeispiel, sondern die eigentliche Grundlage, warum er es überhaupt nötig hatte, eine Theorie so sorgsam auszuarbeiten. Einfach: erst der Wunsch, dann der Plan - denn ohne den Wunsch lohnte der Plan die Mühe nicht. Was hätte auch sonst die aufwendige Vorbereitung der Ankunft des Vaters im Hause Anthony für einen Sinn, in der sogar die Mutter um die Antipathie zwischen Vater und Sohn genau bescheid weiß, wie aus dem Gespräch hervorgeht, in der das "Gemälde des Vaters" präsentiert wird und in der der Vater während seines Auftritts - dies hebelt eine Konstruktion durch Bruno nun völlig aus - tatsächlich unverkennbar Anzeichen eines Tyrannen zeigt, wenngleich diese darstellerbedingt eher weniger zum Tragen kommen?

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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

24.05.2009 19:42
#37 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Zu Punkt 2: Es ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass Bruno Anthony das Leben eines Müßiggängers führt. Man hat ihn des Colleges verwiesen ("Trinken und Spielen"), er arbeitet nicht, sondern verbringt den Tag entweder mit waghalsigen Mutproben ("Mit verbundenen Augen ein Auto bei 150 Meilen die Stunde gesteuert") oder im Morgenmantel zuhause. Kein Wunder, dass es zwischen ihm und seinem Vater Unstimmigkeiten gibt. Natürlich kritisiert der Vater dies, als er von seiner Arbeit nach Hause kommt. Dennoch sieht man ihn eben nur kurz und deshalb wird dieser Aspekt nicht deutlich genug herausgearbeitet. Meiner Meinung nach ist ein Mord - oder besser gesagt: das perfekte Verbrechen - nur ein weiteres Abenteuer, das Bruno bestehen möchte, nachdem er sich einen Platz in der ersten Rakete nach dem Mond reserviert hat. Er tötet ja auch nicht seinen Vater, was naheliegen würde, sondern genießt es, eine völlig unbekannte Person zu beseitigen. Dies ist ein Ausdruck seiner Exzentrizität und seines Wunsches nach Nervenkitzel.
Seinen Vater im Schlaf zu erschießen, was leicht machbar gewesen wäre, ist nicht aufregend genug.
Über all diesen Überlegungen steht natürlich die Vertuschung eines solchen Verbrechens. Das Mordmotiv würde Bruno verraten. Deshalb hat er einen sorgfältigen Plan ausgearbeitet (Zeit hatte er ja genug).

Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

24.05.2009 20:30
#38 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten
Recht zu geben ist dir in jedem Fall in Bezug auf die Aussage zum Müßiggang. Hitchcock zeigte viele seiner Schurken als Müßiggänger, mit der Aussage, dass die Beschäftigungslosigkeit aller Laster Anfang und somit auch die Keimzelle für Mordpläne ist. Onkel Charlie in "Im Schatten des Zweifels" hatte keine Beschäftigung, Bruno Anthony in "Der Fremde im Zug" hat keine Beschäftigung und auch das nächste Studienobjekt, Tony Wendice, wird keiner Beschäftigung mehr nachgehen. Experten führen dies auf Hitchcocks Herkunft als "einfaches Arbeiterkind" und seine ihm natürlicherweise innewohnende Skepsis gegenüber der untätigen Oberschicht zurück. Ich denke, man kann dieses Denkmuster auch auf viele seiner anderen Werke anwenden.

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Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

24.05.2009 20:45
#39 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Bei Anruf Mord (Dial M for Murder) – #39

Mit: Ray Milland, Grace Kelly, Robert Cummings, John Williams, Anthony Dawson, Leo Britt, Patrick Allen, George Leigh, George Alderson, Robin Hughes u.v.a. Regie: Alfred Hitchcock. Drehbuch: Frederick Knott. USA 1954.


Dieser Kommentar enthält Spoiler.
Die alte Story vom Mann, der seine Frau umbringen will, findet sich auch in „Bei Anruf Mord“ wieder. Dabei nimmt die Geschichte einen sehr unterhaltsamen Start und kommt in der Szene, in der Ray Milland als Tony Wendice den Mordplan vor dem Zuschauer und dem nicht minder erstaunten Swann bis ins kleinste Detail erklärt, zu ihrem vorzeitigen, aber – so muss man leider konstatieren – zu ihrem größten Höhepunkt. Der Plan ist dabei so detailliert und perfekt ausgearbeitet, dass er an dem Zwischenfunken der nicht ganz so perfekten Realität scheitert. Oder, wie Mark Halliday, es ausdrücken würde:
Zitat von Mark Halliday
In Romanen spielt sich für gewöhnlich alles so ab, wie es der Schriftsteller will, aber im Leben ist es anders, im Allgemeinen. Ich fürchte, wenn ich einen Mord begänge, würde es mir gehen wie beim Bridge: Ich würde irgendeinen dummen Fehler machen und nichts merken bis alle mich ansehen.

Die durch diese Interventionen durch das tatsächliche Leben in die Ausführung des Mordplanes gesteckte Spannung hält genau bis zu dem Moment, in dem sich der Zuschauer schließlich darüber im Klaren ist, dass das anvisierte Opfer nicht das tatsächliche Opfer sein wird. Denn sobald dieser Kniff aus dem Ärmel gezogen ist, verliert die Geschichte jeglichen Drive. Sofort danach wird klar, was kommen muss: Die üblichen Rettungsversuche, Verdächtigungen und schließlich die Überführung durch einen jener kleinen eigenen Fehler, die der Mörder nicht schlau genug war, verwischen zu können.
Durch diesen Einbruch in der Geschichte wird auch die Regie daran gehindert, noch viel vom Rest des Films zu retten. Davon abgesehen, unternimmt Hitchcock aber erstaunlich wenig aus Eigeninitiative, um die Ereignisse wieder ins Rollen zu bringen (Experten weisen darauf hin, dass er so wenig wie möglich am zugrund liegenden Theaterstück veränderte). Aus diesem Grund dümpelt der Streifen von da an in zahlreichen mehr oder weniger voraussehbaren Gesprächen vor sich hin, die teilweise sehr in die Länge gezogen und hin und wieder fast schon überflüssig wirken. Nur wenig Suspense baut sich noch auf, da man klar weiß, wie sich die einzelnen Figuren verhalten werden.

Da hilft es auch wenig, dass Hitchcock diese Story im klassischen schicken London angesiedelt hat, denn dieser Kriminalfilm profitiert davon überhaupt nicht. Er könnte überall auf der Welt spielen. Der angedeutete (und der Herkunft des Stoffes geschuldete) Versuch, diesen Film (ebenso wie seinen – strikter durchgehaltenen – Nachfolger „Rear Window“) zu einem Ein-Ort-Stück zu machen, mag hier nicht recht gefallen, weil diese Regel nicht ordentlich eingehalten wird, dementsprechend nicht wirkt und auf der anderen Seite Chancen vergibt, die man mit zusätzlichen Außenaufnahmen hätte gewinnen können. Das Resultat ist ein sehr artifizielles Ergebnis.
Die Darstellerleistungen sind dieses Mal den Rollen entsprechend. Wer das Glück hatte, einen guten Part zu ergattern, der setzte ihn auch hervorragend um. Die besten Beispiele sind hierbei die bereits erwähnten Ray Milland (das Ekel in Person und mir bekannt durch seine späteren Auftritte bei „Columbo“, unter anderem in der Folge „Mord mit der linken Hand“, in der man in der Fotografie der Mordszene Anleihen an „Der Fremde im Zug“ nahm) sowie Anthony Dawson als Swann.
Weniger überzeugend als in „Rear Window“ spielt leider Grace Kelly, was vor allem an ihrer unausgewogenen Rolle liegt. Der Drehbuchautor konnte sich offenbar nicht entscheiden zwischen der anfänglich gezeigten ruchlosen Fremdgängerin mit eigenem Kopf und dem armen Weibchen, das beschützt werden muss. Herumgekommen ist eher ein Hickhack als eine glaubwürdige Figur, die überdies – und das ist ganz schlecht für die wunderbare und einfach perfekte Grace Kelly – von Anfang an keinen Anspruch auf Perfektionismus erhebt (so wie ihre erstklassige Lisa Fremont). Grace Kelly macht das Beste aus der Situation und bewahrt sogar die alberne Traum-Realitäts-Pseudo-Mischmasch-Gerichtssequenz vor völliger Blamabilität.
Eine routinierte Leistung ohne Höhepunkt, dafür aber mit gutem alten Hollywood-Helden-Charme leistete Robert Cummings, denn seinen Part aus „Schlingen der Angst“ brauchte er nur 1:1 kopieren. Eine große Enttäuschung war der Inspektor – eine tragende Rolle des Films. Mit John Williams hat man jedoch einen Schauspieler gefunden, der etwa so einprägsam und hervorstechend ist wie sein Name. Eine starke Besetzung hätte hier die zweite Hälfte des Films vielleicht noch aufgewertet.

So bleibt aber ein schaler Nachgeschmack bei „Bei Anruf Mord“ zurück, einem Hitchcock-Klassiker, von dem ich mir wesentlich mehr erwartet hätte. Auch wenn sich meine Kritik nach einem sehr harten Urteil anhört, so stelle ich dem Film doch eine glänzende erste Dreiviertelstunde in Rechnung und einige gute Darstellerleistungen. Auch die Idee als solche ist nicht schlecht. Die Filmmusik tut das ihre. 3 von 5 Punkten.



Mein DVD-Tipp für „Bei Anruf Mord“:
Mit der DVD von „Bei Anruf Mord“ kann man im Package der „Alfred Hitchcock Prestige Collection“ durchaus zufrieden sein, wenngleich penible DVD-Experten nicht als eine perfekte Veröffentlichung einschätzen werden. Zunächst liegt das nämlich am Bild, das in einigen Szenen, besonders den anfänglichen und den Außenaufnahmen, recht körnig und unscharf wirkt. In anderen Einstellungen treten diese Effekte in den Hintergrund, doch man merkt dem Film an, dass er keine so aufwendige Restauration genoss wie etwa die amerikanische Legacy-Ausgabe von „Rear Window“. Der Farben sind jedoch kräftig und die Fehler des Transfers überschreiten nie eine für Filme dieses Alters geltende Toleranzgrenze.
Problematischer wird die Frage nach dem Bildformat des Films. Das europäische Master (so auch das der deutschen DVD) weicht stark von dem der amerikanischen ab: Während wir den Film in 1.85:1 präsentiert bekommen, liegt in den Staaten der Film in 1.33:1 vor. Ein Bildvergleich zeigt aber, dass nicht eine der beiden Fassungen die „richtige“ und die andere die „falsche“, also die beschnittene, ist. Denn: Während auf der amerikanischen Ausgabe oben und unten mehr zu sehen ist, bekommen wir links und rechts mehr geboten. Wer ein Beispiel sehen will, klicke auf diesen Link. Von diesem einzigen Vergleichsbild ausgehend, würde ich die Breitbildvariante vorziehen.
Als Bonus auf der DVD enthalten sind der Original-Kinotrailer sowie eine Dokumentation zum Film und eine über die Entwicklung der 3D-Filmtechnik. Ein solides, wenngleich nicht so außerordentliches Beiprogramm wie bei anderen Titeln.

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Jack_the_Ripper Offline




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25.05.2009 17:29
#40 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Vielen Dank für dein lesenswertes Resümee, Gubanov, dem ich im Großen und Ganzen nur zustimmen kann, Ray Milland (in der deutschen Synchronfassung mit der Stimme von Hans Nielsen) liefert eine Glanzvorstellung, dass man ihm fast verzeihen möchte, dass er Grace Kelly aus dem Weg räumen will und seine Verhaftung am Ende ein bisschen bedauert. Millands Columbo-Meisterstück übrigens in der Folge "Blumen des Bösen" als klassisch arroganter Columbo-Gegenspieler, in der dt. TV-Version von "Bei Anruf Mord" gibt Heinz Drache den Playboy und Gattenmörder und glänzt ebenfalls.

Grace Kellys Darstellung fand ich etwas farblos und in manchen Passagen gar etwas ärgerlich, dieses hausmütterlich-unterwürfige hat mich eher genervt. Tatsächlich fällt der Film nach dem zugegebenermaßen spannend inszenierten Kampf auf Leben und Tod (mit 3-D-Zugeständis, die ausgestreckte Hand, die nach der Schere greift), ziemlich ab.

Eine Lanze möchte ich aber noch für John Williams als Inspektor brechen, ich fand seine unterkühlt-trockene Darstellung recht gelungen, er hatte dann doch noch ähnliche Rollen bei Hitchcock in "Über den Dächern von Nizza" und in einem Kurzfilm aus der Alfred Hitchcock präsentiert-Reihe sowie im fabelhaften Doris Day-Thriller "Mitternachtsspitzen".

Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

27.05.2009 20:41
#41 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Ich beichte (I Confess) – #38

Mit: Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, Brian Aherne, O.E. Hasse, Roger Dann, Dolly Haas, Charles Andre, Carmen Gingras, Renée Hudon u.v.a. Regie: Alfred Hitchcock. Drehbuch: George Tabori, William Archibald. USA 1953.


Dieser Kommentar enthält Spoiler.
Nach meiner Enttäuschung mit „Bei Anruf Mord“ habe ich in dem Vorgängerfilm „Ich beichte“ einen Streifen ausgesucht, der unterschiedlicher nicht sein könnte. Nicht nur äußerlich hebt sich dieses eher weniger bekannte Schwarzweiß-Juwel von dem populären Farbfilm-Klassiker ab; auch inhaltlich lässt sich klar die Trennlinie zwischen augenzwinkerndem Experiment in der Oberschicht und bitterernster, sehr ergreifender Diffamierung eines aufrechten Kirchenmannes, der einen Mörder kennt und deckt, weil er von dessen Schuld im Beichtstuhl erfuhr, ziehen. Mit letzterem Thema geht „I Confess“ nämlich auf sehr direkte und gleichzeitig nicht auf plakativ melodramatische Weise um, wie ich es vor Ansicht des Films befürchtet hatte. Im Gegenteil: Geschmackvoller und (vor-)urteilsfreier hätte die Umsetzung kaum sein können. Trotz des ernsten Themas kein erhobener Zeigefinger, wie man ihn manchmal etwa in „Im Schatten des Zweifels“ erahnen kann.
Die Darsteller stützen dabei die Handlung vollkommen. Zuallererst ist dabei Montgomery Clift zu nennen, der eine überraschend andere, neue Art der Gestaltung der Hauptrolle für sich beanspruchen kann. Sein Pater Logan ist ein Sympath, ohne dabei jedoch die volle Zuneigung des Publikums zu beanspruchen, er ist stets präsent, aber nicht (be-)greifbar, er geht ganz und gar in der Rolle auf. Anne Baxter (mir ebenso wie Ray Milland bisher nur „in älter“ aus „Columbo“ bekannt) spielt ebenfalls stimmig, wobei ihre Rolle ähnlich und zugleich ganz konträr gelagert ist: Bei ihrer Ruth Grandfort verhält es sich nämlich so herum, dass sie eigentlich ein Unsympath ist, eine Frau, die lügt, die der selbst ausgesuchten Rolle nicht entsprechen will und sich und andere damit quält, doch gleichsam gelingt es Baxter vor allem in der (entgegen zahlreicher Anschuldigungen) ganz und gar nicht überflüssigen Rückblendenszene, den Zuschauer für sich einzunehmen. Die übrigen Charaktere, unter ihnen Karl Malden, werden glaubhaft in ihren eher untergeordneten Parts dargestellt. Bliebe noch der deutsche O.E. Hasse, der als natürlich völlig übertreibender, aber damit unglaublich mitreißender Mörder eine Glanzleistung abliefert.
Es sei zudem angemerkt, dass die Synchronisation – die Original-Kinosynchronisation von 1953 – den Darstellern bestens unter die Arme greift: Jede der Rollen ist prominent und passend besetzt und einfühlsam gesprochen. O.E. Hasse darf sich glücklicherweise selbst sprechen und verleiht seiner Rolle einen deutlichen „deutsch klingenden“ Tonus, der dabei nicht aufgesetzt oder albern klingt und sich perfekt von den anderen Protagonisten abhebt. Zu ihm gesellen sich Größen wie Paul-Edwin Roth, Tilly Lauenstein, Heinz Engelmann, Siegfried Schürenberg, Horst Niendorf, Alfred Balthoff und Harry Wüstenhagen.

Was „Ich beichte“ aber einmalig macht, das ist die Bildsprache – eine gewaltige, überdimensionale, einschüchternde und durch ihre Größe und Freiheit paradoxerweise geradezu erdrückende Bildsprache. Besonders beim ersten Sehen fällt auf, wie exzessiv sich Hitchcock dieser cineastischen Ausdrucksweise bedient. In starken Kontrasten und Film-Noir-artiger Ausleuchtung vor allem der Nachtszenen setzt er Low-Angle- und High-Angle-Shots und schiefe Kameraeinstellungen ein, die den Zuschauer sich selten auf einer Ebene mit den Protagonisten und darum so entfernt von der Handlung und so vereinsamt fühlen lassen. Hinzu kommt der Einsatz beeindruckender, großer Gebäude, ständigen leichten, aber nachdrücklichen Winds in den Außenaufnahmen sowie hoher und weiter Räumlichkeiten im Innern, die das erste Filmerlebnis beinahe schon ein wenig unangenehm machen. Doch warum dies? Eine derartige Nutzung der Kamera impliziert Offenheit, Angreifbarkeit und Verletzbarkeit. Der Zuschauer und die Protagonisten werden verletzbar, was in direktem, ebenso starkem wie dem fotografischen Kontrast zu der Prinzipientreue aller Figuren steht, die sie in ihrem Handeln einschränkt, also in ihre Bahnen weist und damit ihr Handeln vorschreibt.
Vielleicht liegt in dieser Vorbestimmung, die die Ereignisse des Films so ablaufen lässt, wie sie schließlich ablaufen, das Problem, das viele Zuschauer mit diesem Film haben, den sie (sträflicherweise!) nicht zu Hitchcocks besten zählen: Es passiert nicht viel Unerwartetes. Dafür aber, und das ist genauso viel, wenn nicht mehr wert, erhält man eine intensive, ja orgasmische Studie der handelnden Charaktere und ihrer Wandlungen, die sich vor und nach einem Mordfall abspielen, erhält man ein filmisches Meisterwerk, dessen Optik einmalig und beeindruckend ist, erhält man einen recht persönlichen Hitchcock-Film, wenn man nur einmal an Hitchcocks katholisch geprägte Erziehung und an die Verwendung des Namens seiner Frau, Alma, denkt. Wikipedia führt dazu treffend aus:
Zitat von Wikipedia: Ich beichte
Hitchcock drückte mit Ottos Worten an dessen Frau Alma seine eigenen Gefühle gegenüber seiner Frau Alma aus. Das Motiv des Fremden in der neuen Heimat, das Motiv des ängstlichen Mannes, der bei seiner Frau, die ihn selbstlos unterstützt, Rückhalt findet, spiegelt deutlich Hitchcocks persönliche Stimmung sieben Jahre nach dem Krieg wider.

Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht schlimm, nein, es ist sogar von Glück zu sprechen, dass die Zensurbehörden mildernd in die Gestaltung der Geschichte eingriffen und dafür sorgten, dass Ideen wie ein uneheliches Kind Ruths mit dem Pater oder der Tod des Paters am Ende nicht umgesetzt werden durften. Diese kitschigen beziehungsweise pessimistischen Elemente hätten sowohl der Hoffnung der Zuschauer auf ein wenn auch nicht freundliches, so wenigstens offenes Ende nicht gut getan als auch den „Glauben“ an eine neue Zeit nach dem Krieg, in der Gerechtigkeit und Wahrheit über Justizirrtümern und dem Schatten des altertümlichen Beichtgeheimnisses stehen, zerstört.

„Ich beichte“ ist ein berührender und effektiver, ernüchternder und schöner, dunkler und hoffnungsvoller Film mit einem starken Motiv und starken Charakteren, die von starken Schauspielern und sogar einer starken Synchronisation getragen werden, wie man es sich besser nicht wünschen kann. Für mich stellt dies unzweifelhaft den Höhepunkt meiner bisherigen Hitchcock-Erfahrungen dar, den zu übertreffen unglaublich schwierig werden wird. Warum „Ich beichte“ zu den weniger bekannten und geschätzten Filmen Hitchcocks zählt, ist mir ein absolut schleierhafter Umstand, den aufzuheben eine bereits überfällige Würdigung des Films bedeutete. Die besten 5 von 5 Punkten, die ich seit langem vergeben habe!



Mein DVD-Tipp für „Ich beichte“:
In der „Alfred Hitchcock Prestige Collection“ wird ein erstklassiger Transfer des Films in originalem 4:3-Format und gestochen scharfem und kontrastreichen Schwarzweiß geboten. Den Effekt der Restaurierung erkennt man besonders im Vergleich zu den Szenenausschnitten in der Dokumentation zum Film. Neben dieser verhältnismäßig kurzen Dokumentation von nur knapp über 20 Minuten werden noch ein kurzer zeitgenössischer Ausschnitt zur Kanada-Premiere von „Ich beichte“ und der USA-Filmtrailer geboten.

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Gubanov Offline




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14.06.2009 16:14
#42 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten


Die rote Lola (Stage Fright) – #36

Mit: Jane Wyman, Marlene Dietrich, Michael Wilding, Richard Todd, Alastair Sim, Sybil Thorndike, Kay Walsh, Miles Malleson, Hector MacGregor, Joyce Grenfell u.v.a. Regie: Alfred Hitchcock. Drehbuch: Whitfield Cook, Alma Reville. USA 1950.


Dieser Kommentar enthält Spoiler.
„Die rote Lola“ zeigt Alfred Hitchcocks Gespür für die Kombination von Dramatik und Humor. Beides wird in diesem Film konzentriert und überspitzt dargestellt in einer Form, die auf die Theatralik des Hauptthemas (denn schließlich spielt der Film rund um ein Theater und eine Schauspielschule) Bezug nimmt. Einen Schritt zu weit in Richtung Künstlichkeit hat jedoch die deutsche Verleihfirma getan, als sie den Filmtitel auswählte, denn diese weit hergeholte Kopie des Marlene-Dietrich-Filmtitels „Der blaue Engel“ hat nun wirklich keine Begründung in der Story des Films. Deshalb werde ich mich im Rest meiner Filmkritik auf den Film unter seinem Originaltitel „Stage Fright“ beziehen.

„Stage Fright“ hat zweifelhafte Berühmtheit im Œuvre von Hitchcock erlangt, die Berühmtheit, den sonst technisch so versierten Regisseur zu einem schlimmen Verbrechen gegen die Regeln des Filmemachens verleitet zu haben. Denn, und so will uns die Dokumentation zu diesem Streifen Glauben machen, ohne es zu wissen, verletzte Hitchcock hier die Filmdoktrin, nie etwas in einer Rückblende zu zeigen, was sich nicht wirklich zugetragen hat. „Stage Fright“ hingegen beginnt mit einer völlig erlogenen Rückblende, über deren tatsächlichen (Un-)Wahrheitsgehalt der Zuschauer bis zur Auflösung im Unklaren belassen wird. Dies ist gegen die Regeln und unfair dem Publikum gegenüber.
Ich hatte das Glück (oder das Pech, je nachdem), schon vor Ansicht des Films zu wissen, dass die Rückblende unwahr ist und hoffte dementsprechend den ganzen Film über, einen Hinweis auf diesen Umstand zu erhalten, der es dem Zuschauer möglich macht, zu kombinieren, dass Hitchcock diese Regel verletzte. Doch dieser Hinweis kam nicht. Er wird erst ganz am Ende aus dem Hut gezaubert und verärgert deshalb zwangsläufig. Die hanebüchene Argumentation liberaler Filmschaffender, heute seien solche Rückblendenlügen an der Tagesordnung und Hitchcocks „genialer Kunstgriff“ sei seiner Zeit voraus gewesen, müssen geflissentlich den Umstand ignorieren, dass immer, wenn eine falsche Rückblende gelungen eingesetzt wird, um den Zuschauer zu verwirren, dies in jedem Falle durch einen Fingerzeig indiziert wird, sei es durch die von Vornherein kreditierte Unverlässlichkeit des Erzählenden, durch die Unmöglichkeit des geschilderten Ereignisses oder dadurch, dass es sich ausdrücklich nur um ein Gedankenexperiment handelt (indem man beispielsweise mehrere mögliche Ereignisvarianten durchspielt). Keine dieser Einschränkungen lässt sich auf „Stage Fright“ anwenden. Deshalb ist die Rückblende als extrem misslungenes Stilmittel anzusehen. Hitchcock hatte das Rückgrat, dies einzugestehen. Einigen Filmhistorikern scheint es zu fehlen.

Auch wenn dieser Umstand den Eindruck des Films durchaus trübt, so wäre es nicht gerecht, „Stage Fright“ seine gelungenen Seiten abzusprechen. Diese finden sich neben der spannenden und flotten Inszenierung besonders der zweiten Hälfte des Films sowie der ständigen düsteren Bedrohlichkeit aller Szenen des Finales vor allem in einem Großteil der Schauspieler. Am positivsten fällt die bedauerlicherweise einzige Zusammenarbeit von Alfred Hitchcock mit Richard Todd auf, der den Verfolgten und zwischen zwei unterschiedlichen Frauen hin- und hergeworfenen Liebhaber mit großer und dennoch nicht übertriebener Emotionalität gibt. Auch Jane Wyman agiert hervorragend, genauso wie ihr Filmvater Alastair Sim, dessen feiner britischer Humor sehr zum Gelingen des Films beiträgt. Anders als der plumpe Witz von „Mutter“ Sybil Thorndike, der im Laufe des Films wirklich auf die Nerven geht und die Handlung am Fortschreiten hindert, trägt Sim trotz seiner Schrulligkeit seinen Teil zur Auflösung des Rätsels bei. Seine Kunst kommt besonders in den Szenen der Gartenparty zum Vorschein. Er kann sie sowohl in amüsanten Szenen wie der am Schießstand (die nebenbei eine glänzende Studie über Gewinner- und Verlierertypen ist!) wie auch in ernsten und geradezu beängstigenden Momenten, z.B. als er den Jungen mit der blutverschmierten Puppe losschickt, ausgiebig präsentieren.
Marlene Dietrich zeigt sich souverän, aber sehr routiniert und auch in emotionalen Szenen leblos, was nicht nur an ihrer Filmfigur liegt. Vielleicht hätte ihr eine stärkere Hand Hitchcocks geholfen, ihren Auftritt zu verbessern, denn er soll sich ja bei ihr sehr zurückgehalten haben.

Ansonsten bleibt zu sagen, dass der Nebenpart um Detektiv Smith, der ebenso unsympathisch und ekelhaft aalglatt ist wie sein Pendant Macdonald Carey aus „Shadow of a Doubt“ und dem ich die Liebesbeziehung zur weiblichen Hauptdarstellerin nicht eine Sekunde gönne, nicht in die Handlung passt, unrealistisch und klischeehaft wirkt.
Amüsant hingegen nimmt sich die deutsche Synchronisation aus, der man das frühe Entstehungsjahr 1950 anmerkt, denn keiner der Sprecher weiß, wie man englische Namen so ausspricht, dass sie auch nur einigermaßen englisch klingen...

„Stage Fright“ gehört, durch Hitchcock selbst verschuldet, nicht zu seinen besten Werken. Das Problem mit der Rückblende kann nicht weggeredet werden und auch ansonsten gibt es kleine Kritikpunkte, die sich unterm Strich summieren. Glücklicherweise jedoch ist der Film, wie jeder Hitchcock, den ich bisher gesehen habe, dennoch qualitativ hervorragend und mit Liebe zum Detail inszeniert. Diese Sicherheit macht einiges wieder wett. Die schöne Schwarzweiß-Atmosphäre, schnittige Gesangseinlagen und der wirklich gute Hauptdarsteller sorgen dafür, dass mir dieser Film besser gefällt, als der ebenfalls etwas schwächelnde „Bei Anruf Mord“. Deshalb vergebe ich einen halben Punkt mehr: 3,5 von 5 Punkten.



Mein DVD-Tipp für „Die rote Lola“:
Die „Alfred Hitchcock Prestige Collection“ ist bei mir nach wie vor aktuell. Und wenn auch das Urteil zur DVD „Die rote Lola“ etwas nüchterner ausfällt als das zu den bisher besprochenen DVDs, so kann diese Veröffentlichung trotzdem als im Großen und Ganzen gelungen bezeichnet werden.
Man sieht dem Bildtransfer jedoch an, dass die Materiallage offenbar nicht so günstig wie etwa bei „Ich beichte“ war. Über das recht grobkörnige Schwarzweißbild ziehen sich oft Materialfehler. Diese Kratzer und Schrammen nehmen einmal größere, einmal wieder kleinere Ausmaße an, stören den Filmgenuss aber nur selten in ernsthaftem Umfang. Ein Extremfall ist die sehr starke Lauflinienbeschädigung am Ende des Films, die sich ausgerechnet in der Mitte durchs Bild zieht. Ansonsten ist aber wieder einmal an der Schärfe des Materials nichts auszusetzen. Auch zu Interlacingproblemen kommt es nicht.
Einen besonders gelungenen Ein- und Ausstieg bietet auf jeden Fall das Menü, das sich zu den gelungensten Arbeiten der Box zählen darf und vor allem durch einen zart-bedrohlichen Lilaton sowie durch geschmackvolle Koloraturen überzeugt:



Das Bonusmaterial ist sehr knapp ausgefallen. Es gibt zwar das obligatorische Making-of, dieses Mal wieder in Kurzform von unter 20 Minuten, und den amerikanischen Originaltrailer (welcher lobenswerterweise eine kurze Sequenz aus einer Preisverleihung für Jane Wyman einschließt), doch ansonsten sucht man vergeblich nach Hintergrundinformationen. Dabei hätte sich beispielsweise ein kleines Feature über das „Problem mit der Rückblende“ geradezu aufgezwungen, denn in der existenten Doku kommt es nur am Rande vor.

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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

14.06.2009 19:35
#43 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Anke Leweke schreibt in "Stage Fright" (Alfred Hitchcock, Bertz-Verlag) folgendes:
"STAGE FRIGHT oder: die Rechtfertigung einer irreführenden Rückblende. "La vie en rose": Zweimal singt Marlene Dietrich ein Edith-Piaf-Chanson, das hier allerdings den Gemütszustand von Eve wiedergibt. Seit langem ist Eve in Cooper verliebt, deshalb glaubt sie weiterhin an seine Unschuld. Weil STAGE FRIGHT fast ausschließlich Eves Perspektive einnimmt - durch sie und mit ihr werden wir ins Geschehen gezogen -, ist es nur konsequent, wenn auch wir ihre Sichtweise übernehmen und: der Rückblende glauben."

Gubanov Offline




Beiträge: 15.995

14.06.2009 19:42
#44 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Ah, da ist er: Einer jener nicht haltbaren "Rechtfertigungsversuche". Es ist nur leider so, dass sie alle zum Scheitern verurteilt sind, denn Bundesrecht bricht Landesrecht, oder, um allgemeiner zu sprechen: Das Allgemeine schlägt immer das Besondere. Und es gibt eben allgemeine Regeln, die durch Besonderheiten des Films (wie es die Hauptperson Eve ist, die von Anke Leweke angeführt wird) nicht berührt werden. Ich führe hier einmal solche Regeln an, die einfach nicht gebrochen werden dürfen, egal mit welcher filmspezifischen Begründung:
- In Whodunits ist der Mörder immer einer der Protagonisten des Films.
- In Whodunits tritt der Mörder immer in den ersten zwanzig Minuten auf.
- Rückblenden zeigen immer die Wahrheit.
- Die Heldin des Films stirbt nie.

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Joachim Kramp Offline




Beiträge: 4.901

14.06.2009 19:48
#45 RE: Sammelthread: Die Filme des Alfred Hitchcock Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov
Ah, da ist er: Einer jener nicht haltbaren "Rechtfertigungsversuche". Es ist nur leider so, dass sie alle zum Scheitern verurteilt sind, denn Bundesrecht bricht Landesrecht, oder, um allgemeiner zu sprechen: Das Allgemeine schlägt immer das Besondere. Und es gibt eben allgemeine Regeln, die durch Besonderheiten des Films (wie es die Hauptperson Eve ist, die von Anke Leweke angeführt wird) nicht berührt werden. Ich führe hier einmal solche Regeln an, die einfach nicht gebrochen werden dürfen, egal mit welcher filmspezifischen Begründung:
- In Whodunits ist der Mörder immer einer der Protagonisten des Films.
- In Whodunits tritt der Mörder immer in den ersten zwanzig Minuten auf.
- Rückblenden zeigen immer die Wahrheit.
- Die Heldin des Films stirbt nie.

Ich stimme mit Dir grundsätzlich überein - aber Deine letzte Aussage ist nicht haltbar. Direkt fällt mir Karin Dor in ZIMMER 13 ein. Und wenn man weit aus holt - stirbt bei LOVE STORY die Heldin bereits zu Beginn - und auf deren Tod beruht die gesamte Geschichte und der grandiose Erfolg des Films. Werde einmal überlegen ob mir noch weitere "tote Heldinnen" einfallen.

Joachim.

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