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Dieses Thema hat 292 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

02.04.2020 13:33
#286 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten

Dieser Erguss über den "Pelikan" ist auf jeden Fall belustigend zu lesen und stellenweise fast schon poetisch, aber als unvoreingenommene Analyse würde ich das nun gerade nicht bezeichnen. Mit der entsprechenden Bösartigkeit könnte man solche Pamphlets wohl über jede zweite "Der Alte"-Folge schreiben.

schwarzseher Offline



Beiträge: 557

02.04.2020 17:19
#287 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten

Manchmal sagt man sich ja.....wenn ich schon nichts Gutes zu sagen haben dann sage ich besser nichts......aber das schönreden von einigen Folgen kann ich nicht verstehen.
Ich sehe S. Lowitz sehr gerne und hatte auch den Alten in eigentlich guter Erinnerung ,wie sich aber nach den Jahren herausstellt habe ich wohl nur S. Lowitz in Erinnerung.Einige Folgen finde ich schier unerträglich .
Mit "Vielfalt der frühen Jahre " lässt sich nicht alles zur tollen Folge machen. Es überwiegt eindeutig der Anteil an misslungenen Folgen .Ob Pelikan oder Vera und Annabelle ob Fendel oder K. Keller ....also da wünsch ich mir eigentlich nur das Lowitz nachträglich rausgeschnitten wird.
Keine dieser Folgen werde ich mir je nochmal antun .

Jan Offline




Beiträge: 1.453

02.04.2020 17:44
#288 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #286
Dieser Erguss über den "Pelikan" ist auf jeden Fall belustigend zu lesen und stellenweise fast schon poetisch, aber als unvoreingenommene Analyse würde ich das nun gerade nicht bezeichnen. Mit der entsprechenden Bösartigkeit könnte man solche Pamphlets wohl über jede zweite "Der Alte"-Folge schreiben.

Natürlich überziehe ich maßlos, hatte mich aber auch schon länger darauf gefreut, dass Du zu dieser Episode kommst und ich mich endlich komplett daran austoben darf. Voreingenommenheit ist da tatsächlich purer Selbstzweck!

Gruß
Jan

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

07.04.2020 10:15
#289 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten

Eigentlich ist es schade, dass solche mittelmäßigen Folgen wie „Der Pelikan“ mehr Aufmerksamkeit erregen als verhältnismäßige Hochkaräter. Ähnlich wie bei „Erkältung im Sommer“ bürgt die Kombination Vohrer / Storz auch bei der „Sträflingsfrau“ wieder für Qualität:



Der Alte: Die Sträflingsfrau

Episode 17 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Alfred Vohrer. Drehbuch: Oliver Storz. Mit: Siegfried Lowitz (Erwin Köster), Eleonore Weisgerber (Hanne Färber), Dirk Galuba (Werner Stumm), Wolf Roth (Harald Klemm), Bruno Dietrich (Thomas Färber), Gudrun Genest (Mutter Färber), Benno Sterzenbach (Vater Färber), Michael Ande (Gerd Heymann), Anne Bennent (junges Mädchen), Christoph Eichhorn (junger Mann) u.a. Erstsendung: 11. August 1978. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Der Alte (17): Die Sträflingsfrau
Der wegen Affektmordes verurteilte Werner Stumm hat seine Strafe abgesessen und sehnt sich nach der Freiheit an der Seite seiner Verlobten Hanne Färber. Deren Familie hat allerdings entschiedene Einwände gegen die Beziehung zu einem Ex-Sträfling und vermutet, dass Werner wieder rückfällig werden könnte. Tatsächlich findet man nur kurz nach seiner Entlassung eine junge Frau auf ähnliche Weise ermordet auf wie Werners erstes Opfer. Handelt es sich um eine Wiederholungstat, um eine geschickte Falle oder steckt womöglich eine ganz andere Lösung dahinter? Werner taucht jedenfalls unter, während Polizei und Presse seiner habhaft werden wollen ...


Zum zweiten Mal begrüßen wir Dirk Galuba in einer Gasthauptrolle im eigentlich noch immer jungen „Alten“, doch wo andere Dopplungen für latente Überreizung sorgen, erweist sich die Doppelverpflichtung Galubas als voller Erfolg. Als Werner Stumm bedient er eine völlig andere Palette als als kühler Planer in „Konkurs“, dessen Entführungsstrategie immer weitere Verrenkungen erforderte. Hier in „Die Sträflingsfrau“ stellt er nicht den Treiber, sondern den Getriebenen dar; der geläuterte Ex-Knacki, dem das Umfeld noch immer etwas anhängen will und der sich zudem durch akute Haftsymptome wie Klaustrophobie und unbedingten Freiheitswillen auszeichnet – eine exzellente Identifikationsfigur, wenn auch nach der neuen Tat recht impulsiv und für die sinnvollen Argumente seiner Freundin unzugänglich. Eleonore Weisgerber übernahm den Part der „Sträflingsfrau“ an seiner Seite, die sich allerlei Anfeindungen ausgesetzt sieht und sich deshalb einen latent aggressiven Schutzpanzer aufbaut. Sie spielt ebenso wie Galuba sehr glaubhaft und irgendwie auch liebenswert – als Kämpferin nach dem Motto David gegen Goliath geht sie aber nicht durch, da Kommissar Köster praktisch von Anfang an ebenfalls von Stumms Unschuld überzeugt ist.

Die Episode verrät die professionelle Handschrift des Spannungsregisseurs Alfred Vohrer, der das Geschehen geradezu am Zuschauer vorbeifliegen lässt. Es kommt zu keinerlei Atempausen; stattdessen wird ein Potpourri mitreißender Einfälle geliefert, wobei sich Vohrer diesmal auch wieder auf ein sehr hochwertiges Skript des Pilotfolgen-Autors Oliver Storz verlassen konnte, welcher leider im Gesamtkontext der Reihe viel zu selten zum Zug kam: Sehr genau ist sich die Episode bewusst, was sie zeigen darf, ohne zu spoilern und den weiteren Handlungsverlauf für den Zuschauer spannend zu halten – seien es die frühzeitige Einblendung des Mörders, die bald wieder im Unterbewusstsein verschwindet; der Mord während des Fußballspiels, von dem zunächst nicht klar ist, ob Stumm es wirklich besuchte; die geradezu tribunalen familiären Streitigkeiten im Hause Färber, die zu Herzattacken und vielleicht auch zu Vergeltungsschlägen führen; der verbissene Alleingang des Schmierenjournalisten Klemm mitsamt Verfolgung und Hausfriedensbruch oder Stumms Verschwinden in der zweiten Hälfte der Folge. Das Drehbuch feuert einen Knalleffekt nach dem anderen ab und hat nicht einmal Zeit dafür, Kösters Kollegen in mehr als bloßen Statistenrollen zu Wort kommen zu lassen.

Stattdessen versucht sich der Alte selbst neben der Lösung des Bilderbuch-Whodunits auch daran, die kriselnden Beziehungen der Färbers zu kitten, indem er Hanne freie Hand lässt, sie dennoch für die wenig verwandtschaftliche Verdächtigung ihres Bruders zur Schnecke macht und gleichzeitig den präpotenten Thomas Färber eindeutig in die Schranken weist. Am Ende zieht die Familie (beinah) geeint von dannen; ein etwas schwülstiger Abschluss (untermalt von dazu passender Frank-Duval-Musik), der auch zu der unglaubwürdigen Ausgangslage passt, dass Hanne ihren „Sträfling“ unbedingt heiraten will, obwohl sie ihn nur vom christsozialen Gefängnisbriefwechsel her kennt. Was auch immer man von diesen etwas seichteren Momenten der Folge halten mag – besser die Geschichte wird auf diese Weise angereichert, als den Zuschauer zu langweilen. Das ist garantiert nicht der Fall, denn die Jagd nach dem „Anemonenmörder“, aus dem beinah auch ein Anne-Bennent-Mörder geworden wäre, gehört sicher zum Kurzweiligsten, was die Köster-Frühphase zu bieten hat.

Wie eine Löwin kämpft Hanne Färber für ihren Geliebten, der unter unschönen Mordverdacht gerät. „Die Sträflingsfrau“ hat fast alles, was man sich von einem perfekten Fall erwartet: starke Darsteller, ein wendiges Drehbuch und einen agilen Stil. Man muss nur die Pille schlucken, dass sich die Titelrolle so rückhaltlos für ihren Verlobten einsetzt, obwohl sie ihn kaum kennt. 4,5 von 5 Punkten.

PS: Man müsste eigentlich meinen, dass ich mich im Ringelmann-Schauspieler-Universum mittlerweile blind auskenne, aber irgendwie brach in mir während des Abspanns eine kleine Welt zusammen. Ich hatte doch tatsächlich die ganze Sichtung über Eleonore Weisgerber für Susanne Uhlen gehalten.

Jan Offline




Beiträge: 1.453

08.04.2020 00:30
#290 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #289
Eigentlich ist es schade, dass solche mittelmäßigen Folgen wie „Der Pelikan“ mehr Aufmerksamkeit erregen als verhältnismäßige Hochkaräter. Ähnlich wie bei „Erkältung im Sommer“ bürgt die Kombination Vohrer / Storz auch bei der „Sträflingsfrau“ wieder für Qualität

Unter'm Strich genießen auch die Filme Ed Woods eine ihnen nicht wirklich gebührende Aufmerksamkeit vor allem deswegen, weil sie gerade von der Mittelmäßigkeit doch ein gutes Stück entfernt sind. Wobei ich die Ed-Wood-Filme nicht mit dem "Pelikan" vergleichen möchte. Woods Filme sind immerhin unterhaltsam. Will letztlich aber heißen, dass man sich am "Pelikan" schön austoben kann, währenddessen die allermeisten anderen Episoden - gerade beim wie ich finde im Schnitt sehr hochwertigen "Alten" der frühen Jahre - erheblich weniger Angriffsfläche bieten.

Aber gerne was zu den beiden genannten Vohrer-Episoden, wobei ich mindestens zu "Erkältung im Sommer" schon einmal etwas geschrieben hatte vor Jahren.

Alfred Vohrers erster Volltreffer beim Alten hört auf den etwas sperrigen Titel „Erkältung im Sommer“. Eine Erkältung, die in der Geschichte tatsächlich kaum eine Rolle spielt, was erfreulicherweise aber auch das einzig Einfallslose dieser Episode bleibt. Oliver Storz' schlau konstruierte Fall um ein Mordattentat mit wahrlich unerwartetem Ausgang ist erfreulich reich an Wendungen, recht unorthodox erzählt und wartet mit Dialogen auf, die sich wohltuend vom typischen „Ermittlersprech“ aus der Fließbandproduktion anderer Krimiproduktionen zu unterscheiden verstehen. Dafür, dass Storz zudem den Mut aufbrachte, das Ende so zu verfassen, wie er es verfasste, gebührt ihm darüber hinaus Lob. Weniger kryptisch möchte ich das aus Spoilergründen besser nicht ausführen.

Aus den drei wesentlichen Gastdarstellern dieser Episode – Iplicjian, Lohner und Quadflieg – sticht fraglos die überlegen agierende Anaid Iplicjian heraus. Sie verkörpert einen durch und durch abgeklärten Frauentyp, wie er auch in den 1970er Jahren noch nicht allgegenwärtig war. Sie profitiert ganz ohne Zweifel von Vohrers augenscheinlichem Eifer, ihr – und nur ihr - die volle Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen; ein Vorgehen, dass in der Filmographie Vohrers keineswegs einmalig ist. Teile der Figur der Renate Assenau finden sich beispielsweise auch in von Ruth Leuwerik oder Hildegard Knef verkörperten Rollen; vor allem drängt sich freilich der Vergleich zu "Ein Alibi zerbricht" auf. Ebenso ist das Motiv des jüngeren Mannes, der sich in eine ältere Frau verliebt, kein ganz neues – es findet sich beispielsweise auch in „Liebe ist nur ein Wort“.

Der von Peter Thomas geschriebene Sound dieser Episode entstammt der Simmel-Adaption „Der Stoff, aus dem die Träume sind“. Geschickt wird Thomas' Thema mit Eumir Deodatos 1972er Variante der Richard-Strauss-Komposition „Also sprach Zarathustra“ gemischt, die letztlich auf Friedrich Nietzsches Dichtung zurückgeht, aus der die noch heute geläufige Phrase stammt: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“. Hätte der liebestolle Michael Bannert dies vorher gewusst, er hätte sich schätzungsweise nicht auf den verhängnisvollen Deal mit Renate Assenau eingelassen.

Letztlich kann festgehalten werden, dass auch das Zusammenspiel Lowitz/Ande langsam aber sicher in eine Art „Wohlfühl-Fahrwasser“ gerät, das in den ersten Episoden der Serie nicht immer gegeben war. Nur Jan Hendriks muss noch ertragen, weiterhin hartnäckig gesiezt zu werden. Dieser Störfaktor sollte erst in späteren Episoden beseitigt werden.

Was die "Sträflingsfrau" anbelangt, teile ich ebenfalls die wohlwollende Beurteilung, gestehe aber, dass ich die Episode dennoch nie sonderlich mochte. Zweifelsohne ist das Buch wieder einmal - typisch Storz - reich an Wendungen, die sich in diesem Fall eher im Kopf der Akteure abspielen. Der Entlassene zweifelt an seiner Wiedereingliederung, die Sträflingsfrau hadert mit ihrer Familie, der Zuschauer bleibt recht lange im Unklaren, ob Werner Stumm nicht doch ein rückfälliger Mörder sein könnte. Gerade die Besetzung mit dem nicht eben für die Vielzahl seiner strahlenden Heldenrollen bekannten Dirk Galuba kommt das Verdienst zu, dass das Zweifeln des Zuschauers lange aufrecht erhalten werden kann, und natürlich ist es auch Regisseur Vohrer, der die Routine besitzt, die Spamnnung hieraus nicht ohne Grund aufzugeben.

Indes verzichtet Alfred Vohrer darauf, eine allzu wilde Gangart an den Tag zu legen. Zweifelsohne ist dies der durchaus ambitionierten Geschichte geschuldet, und die Entscheidung der behutsameren Inszenierung war auch sicher die richtige. Allzu Krawalliges hätte möglicherweise wie ein Fremdkörper gewirkt. Nur bleibt so eben die Kehrseite der Medaille, dass das Geschehen beliebiger wirkt als man das gemeinhin von Alfred Vohrer gewohnt ist. Solide ist es sicher, so ganz typisch Vohrer ist es aber nicht.

Will man dem Ganzen noch etwas ankreiden, so ist es in meinen Augen das leicht verunglückte Ende, das stets wirkt, als wäre es nachträglich in die Episode hineingeschrieben worden. Das Aufeinandertreffen der Familie und die altväterliche Attitüde Kösters wirken so kitschig wie einfallslos. War das Ende bei der "Erkältung" noch so schlau gemacht, endet die "Sträflingsfrau" doch (gerade für Alfred Vohrers Verhältnisse) eher plump.

Grundsätzlich bietet das Duo Storz/Vohrer also zwei durchaus hochwertige Produktionen. Müsste ich eine von beiden wählen, würde ich die "Erkältung im Sommer" klar vorziehen. Das Grundtthema ist gefälliger, die inszenatorischen Gimmicks (man denke an das Kinski-tote-Augen-Zitat mit der spiegelnden Sonnenbrille am Bootshaus) sind mehr Vohrer als es bei der "Sträflingsfrau" der Fall ist.

Gruß
Jan

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

21.05.2020 13:35
#291 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten

Ironischerweise ein ganz passender Krimi zum „Männertag“:



Der Alte: Die Kolonne

Episode 18 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Günter Gräwert. Drehbuch: Bruno Hampel. Mit: Siegfried Lowitz (Erwin Köster), Michael Ande (Gerd Heymann), Marius Müller-Westernhagen (Benno Flade), Andreas Seyferth (Harry Salbach), Gisela Dreyer (Renate Moll), Reinhard Kolldehoff (Basinsky), Walter Schmidinger (Oswald Moll), Bruno Dallansky (Max Steiger), Xenia Pörtner (Anna Gautier), Henning Schlüter (Franz Millinger) u.a. Erstsendung: 8. September 1978. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Der Alte (18): Die Kolonne
Harry Salbach kann sich blendend verkaufen – sowohl als Liebhaber von Renate Moll als auch als Mitglied einer Drückerkolonne, die Zeitschriften und Lexika über die Türschwelle feilbietet, feiert er außerordentliche Erfolge. Jemand scheint ihm allerdings seine Glückssträhne zu missgönnen, denn eines Abends wird Harry mit einer Bierflasche in seinem Pensionszimmer erschlagen. Während seine Kollegen von der Kolonne vorgeben, nichts zu wissen und zur Mordzeit Skat gespielt zu haben, steht Harrys bester Freund Benno der Kripo mit Rat und Tat zur Seite. Aus Loyalität zum Toten kündigt er sogar seinen Job ...


Reizende Winteratmosphäre stellt sich gleich zu Beginn von „Die Kolonne“ ein, als ein unerkannter Beobachter im verschneiten, abendlichen Garten umherschleicht, während Renate Moll drinnen im Bungalow bei flackerndem Kaminfeuer ihren halbnackten Lover von einem weiteren gemütlichen „Beisammensein“ zu überzeugen versucht. Die angeschlagenen Töne werden rauer, sobald man Harry Salbach in seine Drückerunterkunft begleitet – und so passt es ins Bild, dass Harry sein Leben auf recht prosaisch-brutale Art aushaucht. Leider versäumt es die Episode im Folgenden, die einzelnen Mitarbeiter aus der Drückerkolonne in den Stand echter Verdächtiger zu befördern, denn Bruno Hampel, der zwar immer wieder bewies, dass er gute Krimistrukturen aufbauen konnte, war nie der stärkste Autor, was runde, ausgefeilte Charaktere anging. So bleiben Harrys Kollegen ebenso wie sein Gruppenleiter Urbanek (Wolfgang Müller) im Prinzip nur bessere Statisten, die aufgrund ihres Alibis sofort wieder aus dem Geschehen eliminiert werden.

Immerhin bietet „Die Kolonne“ abseits der titelgebenden Gruppe genug Verdachtsmomente gegen den über alle Gebühr hilfsbereiten Benno Flade, den erzürnten Sohn einer Kundin, die Affäre Renate, ihren Ehemann und dessen platonische Freundin. Günter Gräwert, der hier zum ersten Mal für eine „Der Alte“-Episode verantwortlich zeichnete, setzte beim Cast auf Bewährtes und ließ ebenso wie in seiner „Tatort“-Folge „Transit ins Jenseits“ von 1976 wieder Marius Müller-Westernhagen und Gisela Dreyer auftreten. Dreyer meistert die Aufgabe sehr gut und sympathisch; ihre wahre Bedeutung für den Mord wird dem Zuschauer erst am Ende ersichtlich. Müller-Westernhagen fehlt hingegen die schauspielerische Gewichtigkeit, um dem Zuschauer die überraschende Wendung und auch die einigermaßen unglaubwürdige Motivation seiner Figur auf die Nase zu binden. Gleichfalls bedient Walter Schmidinger auf etwas übertriebene Weise ein ausgelutschtes Klischee, während der Auftritt von Reinhard Kolldehoff als Pensionswirt mit Berliner Akzent durchaus zu gefallen weiß. Gerade die Szenen in seiner Unterkunft und im angeschlossenen Lokal verleihen der Folge ihren wohlig-kultigen 70er-Jahre-Charme. Auch Bruno Dallansky darf mit Filmmutter Lisa Helwig passend zum Zeitgeschmack kräftig auf die Pauke hauen und sorgt eher für Erheiterung als für ernsthaftes Rätselraten.

Gern begleitet man Köster und Heymann auf umfangreiche Ermittlungen; die Polizeiarbeit nimmt einen großen Teil der Folge ein. Man erkennt an „Die Kolonne“, wie gut das Team Lowitz / Ande ohne überflüssigen Ballast funktioniert, wenn Hendriks gar nicht und Schlüter sowie Pörtner nur am äußersten Rande eingesetzt werden. Man muss sich nur vor Augen halten, dass man es hier mit einer Folge zu tun bekommt, die zwar in vielen Aspekten gelungen ist, aber zugleich schon unverkennbare Anzeichen von Routine aufweist. Nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird sie eher nicht. Aber das ist nach den unzähligen aufsehenerregenden Experimenten am Anfang der Serie auch ‘mal eine beruhigende, bodenständige Abwechslung.

Der eher misslungene Titel (weder sieht man die Drückerkolonne bei der Arbeit noch bilden ihre Mitglieder den Verdächtigenkreis dieses Falles) sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass man hier einen Hampel-typisch ordentlich aufgebauten Ratekrimi serviert bekommt. Die Verpackung ist nicht immer restlos überzeugend, aber solide und erinnert stellenweise an den „Tatort“ „Transit ins Jenseits“, der aber einige Klassen über dieser „Der Alte“-Folge spielt. 3,5 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

23.05.2020 11:00
#292 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten



Der Alte: Der schöne Alex

Episode 19 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Maria Matray. Mit: Siegfried Lowitz (Erwin Köster), Michael Ande (Gerd Heymann), Jan Hendriks (Martin Brenner), Thekla Carola Wied (Alice Sellow), Götz George (Alex Bergemann), Christine Wodetzky (Vera Mathiesen), Gerd Baltus (Werner Sellow), Lola Müthel (Madeleine Vernhagen), Kristina Nel (Birgit), Xenia Pörtner (Anna Gautier) u.a. Erstsendung: 6. Oktober 1978. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Der Alte (19): Der schöne Alex
Viele Frauen sind ihm verfallen: Alex Bergemann finanziert seinen Lebensunterhalt nicht durch besonderen Arbeitseifer, sondern durch offensives Balzverhalten. Dass er neben diversen Freundinnen und Bettgenossinnen auch eine Verlobte und eine Ehefrau hatte, stellt die Kripo nach seiner Ermordung fest. Alex wurde vergiftet – mit Pralinen, die eigentlich an seine Zukünftige Alice Sellow adressiert waren. Steckt Alice selbst hinter dem Giftmord oder war sie das beabsichtigte Opfer? Die Anzeichen mehren sich für beide Möglichkeiten, denn einerseits verstrickt Alice sich in Widersprüche; andererseits bereiten ihr anonyme Telefonanrufe zunehmende Angst ...


Die verhängnisvolle Praline mit dem Schuss Schädlingsbekämpfungsmittel liegt dem Womanizer Bergemann, der gemeinhin nur als „der schöne Alex“ bekannt ist, überaus schwer im Magen. Gleiches gilt für einige seiner Damenbekanntschaften – entweder weil sie seine Masche noch nicht durchschaut haben, weil sie beinah zur gleichen Schokolade gegriffen hätten oder ... weil sie womöglich selbst Versender der gepfefferten Bonbonniere waren. Maria Matray, altgediente Krimiexpertin (aber diesmal ohne Answald Krüger auf eigenen Pfaden unterwegs), zimmerte hier eine recht spannende Geschichte zusammen, bei der erneut alles auf einen konventionellen Whodunit hin ausgelegt ist. Denkt man zunächst noch, der pfauenhaft aufspielende Götz George stünde im Zentrum des Falles, verschiebt sich der Fokus bald auf seine „Hinterbliebenen“, wobei in diesem mehr oder weniger erlauchten Zirkel Thekla Carola Wied die größte Rolle einnimmt. Ein bisschen unentschlossen wird sie immer abwechselnd als mögliche Giftmörderin belastet und als beabsichtigtes Opfer dargestellt, das weiterhin unter Druck gesetzt wird – beide Vorgänge zehren verständlicherweise an ihren Nerven, sodass Wied zu einer zunehmend exaltierten Performance angehalten wird (ohne freilich so überspannte Höhen zu erreichen wie Krista Keller in der vergleichbaren Folge „Verena und Annabelle“ oder Helga Anders im Referenz-„Derrick“ „Kaffee mit Beate“).

Das größte Problem der Folge ist, dass man die Lösung schon lang vor ihrer großen Enthüllung kommen sieht und sich dadurch teilweise auch über die Naivität in den Aktionen von Alice Sellow oder den Polizisten mokieren muss. Daran ändert auch der wunderbare Stalker-Cousin nichts, den Gerd Baltus mit der Bosheit eines zurückgewiesenen introvertierten Menschen umsetzt – zu offensichtlich handelt es sich hierbei um einen roten Hering. Auch lassen sich Matrays Drehbuch mehrfache Logikschwächen vorwerfen: Am schwersten wiegt die Frage, warum sich der Mörder auf eine so riskante Mordmethode einließ, wenn er den „schönen Alex“ einerseits gar nicht töten wollte, andererseits aber genau wusste, dass er bei Alice Sellow sein würde und schon immer ein Naschkater war ...

Das hauptsächlich weibliche Darstellerpersonal wertet die Folge abseits reiner Logik-Fragen deutlich auf; ganz anders als Wied zeigt sich Lola Müthel als frisch gebackene Witwe zum Beispiel von einer angriffslustigen, regelrecht mit Mordmotiven kokettierenden Seite. Kristina Nel ist in einer Nebenrolle als neueste Gespielin des Toten eine willkommene Abwechslung, während Ringelmann-Krimi-Dauergesicht Christine Wodetzky ihrer Rolle eine hintergründige Subtilität verleiht. Erstaunlich wenig wird Xenia Pörtner in einen derart femininen Fall involviert – sie darf lediglich Siegfried Lowitz in eine Flirtkneipe begleiten. Vermutlich hätte Anna Gautier als Kennerin der weiblichen Psyche den Herren Köster, Heymann und Brenner zu schnell die richtige Lösung verraten können.

Obwohl ihr Script nicht makellos ist, ist es doch sehr bedauerlich, dass „Der schöne Alex“ Maria Matrays einzige Arbeit für die Reihe „Der Alte“ war. Die Folge erlaubt heiteres Mitraten auf klassischem Figurentableau und der Umstand, dass dem angeberischen Toten nur wenige Leute wirklich nachtrauern, öffnet den Fokus auf die Hinterbliebenen, die mit Wied, Müthel, Nel und Wodetzky sehr angenehm besetzt sind. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

Gestern 08:00
#293 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · Antworten



Der Alte: Die Rache

Episode 20 der TV-Kriminalserie, BRD 1978. Regie: Dietrich Haugk. Drehbuch: Detlef Müller. Mit: Siegfried Lowitz (Erwin Köster), Norbert Kappen (Kurt Bernhard), Edith Schneider (Thea Bernhard), Michael Ande (Gerd Heymann), Jan Hendriks (Martin Brenner), Michael Boettge (Dietmar Schenk), Edwin Noël (Michael Lohse), Max Mairich (Karl Wondrich), Hans Brenner (Walter Nagel), Irene Clarin (Andrea Bernhard) u.a. Erstsendung: 3. November 1978. Eine Produktion der Neuen Münchner Fernsehproduktion fürs Zweite Deutsche Fernsehen.

Zitat von Der Alte (20): Die Rache
Zwei maskierte Ganoven überfallen den Tankstellenbesitzer Bernhard und dessen Enkelin Andrea, stehlen die Einnahmen und erschießen kaltblütig beide Zeugen. Kurt Bernhard, der Sohn des Besitzers und gleichzeitig Vater von Andrea, sowie seine Ehefrau Thea erfahren auf dem Weg in den Urlaub von der Tragödie und kehren sofort nach München zurück. In Kurt staut sich Wut auf, als er bemerkt, dass Kommissar Köster zwar zwei Verdächtige für den Raubmord hat, diese aber aufgrund eines schwachen Alibis nicht sofort verhaftet. Er versucht, sich selbst zum Bluträcher aufzuschwingen – doch so leicht tötet es sich nicht, wenn man Kommissar Köster und sein Team im Nacken hat ...


Bei manchen Schauspielern muss man die Frage nach der Henne und dem Ei stellen: Bekamen sie aus Zufall oder wegen mangelnder Prominenz immer nur schwache Produktionen angeboten oder lag es gerade an ihrem Auftreten, dass die Filme und Serienfolgen so schwach ausfielen? Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte – so auch bei Norbert Kappen, den man eher aus den weniger ruhmvollen Stunden deutscher Fernsehkrimis (z.B. aus „Derrick: Ende einer Sehnsucht“) kennt. Statt für eine depressive Stimmung ist Kappen diesmal für die blanke Wut zuständig, denn ihm wird ein einträchtiges Familienleben mit einem Schlag völlig zerstört. Gerade dieses Hereinbrechen des Bösen kommt anfänglich noch gut zur Geltung, als der heimelige Scrabble-Abend von maskierten Verbrechern gekapert wird.

Leider verrennt sich die Folge dann recht schnell in ein Kabinett jener Versatzstücke, welche die schlechteren, weil moralinsauren „Derrick“-Folgen kennzeichnen: Kappens Vaterfigur beginnt mit ihrer penetranten Opferstilisierung dem Zuschauer rasch auf die Nerven zu fallen, zumal sich Detlef Müllers Drehbuch zunehmend in zweifelhafte und monotone Rachefantasien flüchtet. Kriminalistische Möglichkeiten werden kaum ausgekostet; dafür dürfen sich die albernen Bösewichte zunächst im Matsch suhlen, bevor Kappen mit einer zufällig in seinem Haus herumliegenden Pistole auf sie schießt – eine spannende, aber für alle Beteiligten würdelose Szene, die nur deshalb ein glimpfliches Ende findet, weil Heymann und Brenner zur rechten Zeit an eben jenem Waldstück vorbeifahren. Soll das glaubhaft wirken? Ebenso wie die „verkappt“ kurze Suche nach den Schuldigen, die Köster innerhalb weniger Minuten ausfindig macht, erscheint dieser Moment und auch die plötzliche Konkurrenz der Täter untereinander wie der Trick eines Zauberers, der ein Kaninchen aus einem scheinbar leeren Hut hervorholt. Haugk, sonst ein exquisiter Regisseur, konnte hier die Unebenheiten einer schlechten Vorlage nicht ausbügeln.

Leichte Pluspunkte in der B-Note gibt es für die ansprechenden Schauplätze inklusive einer nostalgischen Tankstelle, an der das Benzin 86 Pfennige pro Liter kostet, sowie für eine gebührend über alles erschütterte Edith Schneider als Kappens Filmehefrau. Sie steigt konsterniert aus dem Auto, nachdem Kurt Bernhard zwei polizeiliche Überwacher mit wilden Fahrmanövern abgeschüttelt hat – und sie tut gut daran, sich den im Finale anschließenden Gewaltrausch ihres Gatten nicht anzutun. Der Exzess soll hier als grande finale verkauft werden, ist in Wahrheit aber nur eine in hübsche Gebirgsbilder verpackte Seifenoper. Als Quintessenz muss man von „Die Rache“ leider mitnehmen, dass es sich um einen der schwächsten Dietrich-Haugk-Krimis überhaupt handelt – ein seltener Ausfall des sonst so treffsicheren Regisseurs.

Auge um Auge, Tochter um Bolzenschuss. Der kreative biblische Rächer steht Norbert Kappen zwar nicht einmal schlecht; der Auftritt ist jedoch zu dick aufgetragen und lässt auch noch an erzählerischer Reife bei Drehbuchautor Detlef Müller mangeln. Das Geschehen wirkt konstruiert und belehrend zugleich und ist trotz hoher Action-Anteile kein gelungener „Der Alte“-Einsatz. 2,5 von 5 Punkten.

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