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 Film- und Fernsehklassiker national
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Jan Offline




Beiträge: 1.317

01.05.2018 16:22
#271 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Mit dem "Sportpalastwalzer" ist in dieser Box wieder eine Epside enthalten, die Brynych-Freunde wie -Feinde gleichermaßen entzücken dürfte. Die Freunde werden vor Wonne in die Hände klatschen, weil dem Regisseur hier einerseits mal wieder Gelegenheit gegeben ist, ein Musikstück bis zum Erbrechen abzududeln und andererseits mit Klaus Löwitsch und Elisabeth Wiedeamnn zwei Akteure an Bord sind, die dem Regisseur in puncto Extraversion in nichts nachstehen. Die Feinde werden alle ihre Vorurteile fein befriedigt sehen und sich daran laben, es eh vorher gewusst zu haben. "Sportpalastwalzer" ist aus meiner Sicht die stärkste Episode dieser Box, die durchaus konventionellere Episode "Neue Sachlichkeit" ordne ich ebenfalls sehr hoch ein. Hier passen Buch, Stimmung, darstellerische Leistung und ein famoser Soundtrack gut überein. "Die tote Hand" würde ich erheblich stärker einstufen. Von allen Vohrer-Büchern für "Der Alte" m.E. das beste. Für mich sind diese drei Episoden klar die besten aus dieser Box.

Gruß
Jan

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.369

01.05.2018 17:11
#272 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

„Sportpalastwalzer“ ist auch für mich die stärkste Folge der Box, womöglich sogar die beste Episode überhaupt. Ich habe aber auch ein ausgesprochenes Faible für „Mord nach Plan“, ebenfalls eine Folge bei der absolut alles stimmt. Jeweils volle Punktzahl! Aber generell finde ich das Niveau der zweiten Box bärenstark. Habe nochmal in meine Rangliste hineingeschaut (aus dem August 2012) - immerhin sieben Folgen verfehlen die Höchstwertung nur um 0,5 Punkte, darunter natürlich die hier hochgelobten „Eine große Familie“, „Neue Sachlichkeit“ (Wussow war bei Köster immer ein Garant für Top-Qualität) und „Die tote Hand“, aber auch die eher experimentellen (und deswegen polarisierenden) „Der Abgrund“ und „Der Freund“ ordne ich auf diesem Niveau ein. Das sind Episoden, an die man sich auch Jahre später noch genau erinnert. Wenn ich nur an das Ende von „Der Freund“ denke - die Szene im Zug - der desillusionierte Köster wird vom Schaffner gefragt, ob denn noch jemand zugestiegen sei, worauf hin dieser antwortet: „Niemand.“ Und in diesem einen Wort klingt so viel Enttäuschung, aber auch Melancholie mit - da kriege ich jetzt noch eine Gänsehaut (der Duval-Score tut sein übriges dazu). Der beste Beweis, dass Brynych keinesfalls nur „laut“ inszenieren könnte, sondern auch ein Gespür für die feinen Zwischentöne besaß.

Ray Offline



Beiträge: 1.000

06.08.2018 22:19
#273 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Collector's Box Vol. 3 ist durchgesehen und anders als nach den ersten fünf Folgen zu vermuten hat man es summa summarum doch wieder mit einer gelungenen Box zu tun, in der die Ausreißer nach oben jene nach unten überwiegen. Gefühlt hat Box 3 im Schnitt gegenüber Box 2 die Nase vorn. Obwohl diesmal ein herausstechendes Highlight fehlt, gibt es eine Spitzengruppe von fünf Folgen, die alle sehr gute Krimi-Unterhaltung liefern und vor allem durch starke und wendungsreiche Storys punkten. Ein paar besonders gelungene Auftritte hat zudem abermals Henning Schlüter als Vorgesetzter Millinger.

Als Gaststars sind diesmal u.a. mit von der Partie: Martin Held, Brigitte Horney, Herbert Fleischmann, Christiane Krüger, Christine Wodetzky, Iris Berben, Alf Marholm (gleich 3x !), Brigitte Grothum, Claus Biederstaedt, Kristina Nel, Arthur Brauss (auch 3x), Dieter Eppler, Ulrich Beiger, Susanne Uhlen, Brigitte Mira, Konrad Georg, Karl Heinz Vosgerau, Reinhard Kolldehoff, Gert Haucke, Rudolf Schündler, Rudolf Platte, Alexander Kerst, Günther Ungeheuer.

Ein bisschen schade finde ich es im Übrigen, dass man neben Köster auf einmal (relativ unbekannte) Gastdarsteller auf das Cover der Box packt. Warum nicht mal Ande, Hendriks oder Schlüter?


Im Einzelnen würde ich die Episoden in folgende Reihenfolge bringen:


01. Die Beute 4,5/5
02. Tote Lumpen jagt man nicht 4,5/5
03. Eine Frau ist verschwunden 4,5/5
04. Die Unbekannte 4,5/5
05. Hass 4,5/5
06. Tod eines Aussteigers 4/5
07. Der Gärtner 4/5
08. Freispruch 4/5
09. Der rote Faden 3,5/5
10. Urlaub aus dem Knast 3,5/5
11. Schwarzer Montag 3/5
12. Ich werde dich töten 3/5
13. Bis dass der Tod uns scheidet 3/5
14. Die Ratte 3/5
15. Teufelsküche 2,5/5
16. Der Zigeuner 2/5
17. Tod am Sonntag 2/5

Gubanov Online




Beiträge: 15.392

08.08.2018 09:45
#274 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Ich finde es toll, dass du so eifrig die Serien schaust. Mit deinen Zusammenfassungen zum "Alten" wirfst du ein milderes Licht auf die Serie als in meinen Erinnerungen. Wenn ich an Box 3 denke, ist es zunächst "Der Zigeuner", der alles überschattet und der mit zum Übelsten gehört, was ich an deutschen Fernsehkrimis bis dato gesehen habe. Auch weiß ich nicht, ob es unbedingt für die Box spricht, dass man darin Arthur Brauss gleich dreimal begegnet. Aber der allgemeine Tenor ist ja immer wieder positiv. Wenn ich mit "Kommissar" und "Derrick" fertig bin, werde ich also wohl nicht darum herumkommen, beim "Alten" nochmal einen Neustart zu wagen.

Schade finde ich nur generell bei diesen Serien-Box-Reviews, dass du dich nicht zu einzelnen Folgen äußerst. Ein paar Sätze zu jedem Fall wären nochmal eine ganze Runde aufschlussreicher als die bloße Rangliste.

Ray Offline



Beiträge: 1.000

10.08.2018 19:40
#275 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #274
Ich finde es toll, dass du so eifrig die Serien schaust. Mit deinen Zusammenfassungen zum "Alten" wirfst du ein milderes Licht auf die Serie als in meinen Erinnerungen. Wenn ich an Box 3 denke, ist es zunächst "Der Zigeuner", der alles überschattet und der mit zum Übelsten gehört, was ich an deutschen Fernsehkrimis bis dato gesehen habe. Auch weiß ich nicht, ob es unbedingt für die Box spricht, dass man darin Arthur Brauss gleich dreimal begegnet. Aber der allgemeine Tenor ist ja immer wieder positiv. Wenn ich mit "Kommissar" und "Derrick" fertig bin, werde ich also wohl nicht darum herumkommen, beim "Alten" nochmal einen Neustart zu wagen.

Schade finde ich nur generell bei diesen Serien-Box-Reviews, dass du dich nicht zu einzelnen Folgen äußerst. Ein paar Sätze zu jedem Fall wären nochmal eine ganze Runde aufschlussreicher als die bloße Rangliste.



Das wäre schön, wenn du deine Sichtungen zur Lowitz-Ära beim "Alten" irgendwann komplettieren könntest, habe deine Besprechungen bei mancher Folge schmerzlich vermisst. An dieser Stelle mal ein großes Dankeschön, dass du dir immer die Mühe machst, zu jeder Folge von "Derrick" & Co eine ausführliche Besprechung zu schreiben!

Dass ich persönlich auf Bewertungen zu den einzelnen Folgen verzichtet habe, liegt vor allem daran, dass ich befürchte, dass mir bei den beiden Dauerbrennern ein bisschen die Zeit davon läuft. Bin ja verspätet eingestiegen und ich denke es dauert nicht mehr allzu lange, bis die ein oder andere Box abverkauft sein wird. Da ich mich ungern "großzügig" im Voraus eindecke ohne zu wissen, ob ich bei einer Serie bis zum Schluss durchhalte (gilt vor allem für "Derrick"), bleibt mir nichts anderes übrig, als ein möglichst zügiges Tempo an den Tag zu legen. Bei dem hohen Tempo ist es mir aber kaum möglich, zu den einzelnen Folgen ausführlichere Kommentare zu schreiben. Außerdem dachte ich mir, dass ich, wenn ich beim ersten Durchlauf auf Reviews verzichte, vielleicht einen Anreiz für mich selbst schaffe, mir die Boxen in den nächsten Jahren nochmal vorzunehmen, um dann in aller Ruhe und Ausführlichkeit vorgehen zu können. Als Kompromiss habe ich mich dann auf die Box-Reviews verlegt, die ja in den einschlägigen Threads auch durchaus üblich sind und zu den "Highlight-Folgen" ein paar Sätze zu schreiben. Das bin ich zugegebenermaßen diesmal schuldig geblieben, was ich hiermit nachholen möchte. Außerdem werde ich darüber nachdenken, deiner Anregung nachzukommen und eventuell ab Box 4 vom "Alten" und von "Derrick" jeweils Kurz-Kommentare zu den einzelnen Folgen zu schreiben. Wo du schon so in Vorleistung getreten bist, kann man das schließlich kaum ablehnen.

Hier also noch ein paar Worte zu den "Highlight"-Folgen von Box 3:

1. Die Beute (4,5/5)

In dieser Folge kehrt Christiane Krüger nach langer Pause beim "Alten" endlich zurück und spielt eine junge Frau, deren Ehe am Ende ist und die in den Überfall bei ihrem Arbeitgeber, einem Juwelen-Depot, verwickelt zu sein scheint. Alexander Kerst gibt ihren Vorgesetzten, Christian Quadflieg den gescholtenen Ehemann. Helmuth Ashley inszenierte gekonnt diese einerseits von den Gaststars, andererseits von der wendungsreichen Story lebende Episode.

2. Tote Lumpen jagt man nicht (4,5/5)

Herbert Fleischmann mimt einen windigen Anlegeberater, der sich mit seiner Geliebten (Iris Berben) aus dem Staub machen und ein neues Leben beginnen will. Doch während eines Zwischenaufenthalts in einem Wellness-Ressort verschwindet er (scheinbar ?). Wiederum eine wendungsreiche, mit Tempo ausgestattete Folge mit tollen Gaststars. Regie: Günter Gräwert.

3. Eine Frau ist verschwunden (4,5/5)

Eine junge Bibliothekarin verschwindet scheinbar. Kurz zuvor hatte sie einen Geschäftsmann kennen gelernt, dessen Ehefrau zum gleichen Zeitpunkt wie die junge Bibliothekarin auf mysteriöse Weise verunglückt ist... Diese Folge lebt allein von der starken Story, denn besondere Gaststars gibt es keine. Man rätselt mit Wonne, ob der Geschäftsmann, der zweifelsohne "Dreck am Stecken" hat, mit seiner Geliebten, der Bibliothekarin, gemeinsame Sache gemacht hat oder mit seiner Ehefrau. Denn wie sich dem Zuschauer durch einen Telefonanruf bald eröffnet, ist eine der beiden noch am Leben...

4. Die Unbekannte (4,5/5)

"Loooooove - what's your face" wird dem Betrachter dieser Episode von Zbynek Brynych vor allem in den ersten Minuten in unnachahmlicher Penetranz auf die Ohren gedrückt, was der Folge einen ähnlich soapigen Anstrich verleiht wie bisweilen "Bis dass der Tod uns scheidet". "Die Unbekannte" hat das Glück, einerseits Christine Wodetzky auf der Besetzungsliste zu wissen, welche der "Unbekannten" trotz ihres Handelns gewisse Sympathiepunkte einheimst, und andererseits ohne Dieter Schidor auszukommen, der "Bis dass der Tod uns scheidet" mit seiner wie so oft unglaubwürdigen Performance entscheidend abwertet.

5. Hass (4,5/5)

Die Eheleute Brinkmars haben nach vielen Ehejahren nicht sonderlich viel füreinander übrig. Vor allem die Gattin gönnt ihrem Ehemann seine Liebschaft nicht mehr, nachdem ihr eigener Geliebter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist...

Der charismatische Ernst Schröder als Herr Brinkmar und sein Zusammenspiel mit Lowitz' Köster machen den Reiz dieser auch sonst durchaus spannenden Episode aus.

Gubanov Online




Beiträge: 15.392

10.08.2018 20:07
#276 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Danke für die umfangreiche Antwort. Bei "Der Alte" und "Das Kriminalmuseum" würde ich gern einen von Grundauf neuen Versuch wagen, sobald ich mit "Kommissar", "Derrick" und "Stahlnetz" durch bin. Ähnlich sind ja offenbar deine Pläne: Die Idee, erst einmal zu sondieren und dann bei einer zweiten Runde Besprechungen zu verfassen, finde ich sehr sinnvoll, weil man dann besser weiß, was auf einen zukommt, und jede Folge mit den erinnerten Höhe- oder Tiefpunkten abgleichen kann. Bei so umfangreichen Serien wie diesen dauert das aber natürlich ein Weilchen.

Was das Durchhalten - auch bei "Derrick" - angeht, kann ich dir nur Mut machen. Wenn man einmal mit Ringelmann anfängt, hört man nicht mehr so leicht wieder auf.

Die Eindrücke zu den besten Folgen der dritten "Der Alte"-Box lesen sich spannend, weil es allesamt mir noch unbekannte Folgen sind. Vor allem die mit Christiane Krüger (hätte beinah "Schröder" geschrieben, Gott bewahre!) und die mit Herbert Fleischmann hören sich gut an. Auch "Hass" klingt verlockend, doch bei einer solchen Handlung kommt es stark auf den verantwortlichen Drehbuchautor an (und darauf, ob sich Schröder, den ich ebensowenig ausstehen kann wie seine Tochter, zu sehr in den Vordergrund spielt). Aber mit den Abneigungen ist es ja immer eine sehr unterschiedliche und individuelle Sache: Über Dieter Schidor zum Beispiel habe ich mich eigentlich immer gefreut.

Ray Offline



Beiträge: 1.000

10.08.2018 20:20
#277 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #213
Passend dazu fahre ich ebenfalls mit einigen Folgen aus der dritten Collector’s Box fort:



Der Alte: Die Unbekannte

Episode 53 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Detlef Müller. Mit: Siegfried Lowitz, Jan Hendriks, Wolfgang Zerlett, Krystian Martinek, Christine Wodetzky, Michaela May, Klaus Höhne, Gisela Hoeter, Ullrich Haupt, Ilse Künkele u.a. Erstsendung: 31. Juli 1981.

Zitat von Der Alte: Die Unbekannte
Inbrünstig liebt Richard Ohlbeck Dorothea Hormann. So sehr, dass er für sie einen Mord begeht: Er schafft ihren Ehemann, den bekannten Professor Hormann, aus dem Wege, der sie quält und eine langfristige Beziehung zwischen Richard und Dorothea blockiert. Nach seiner Tat muss Richard aber erschüttert feststellen, dass sich Dorothea nicht mehr bei ihm meldet. Und mehr noch: dass sie nicht die ist, die sie vorgab, zu sein. Er liebte eine Unbekannte!

Eine Story, die allzu leicht in seichte Gefilde abgleiten könnte, ist in den krawalligen Händen Zbynek Brynychs gut aufgehoben. Dabei setzte der Regisseur vor allem in der Mordszene dicke Ausrufezeichen, in der der junge Gastdarsteller Krystian Martinek hervorragend zur Geltung kommt. Die Duval-Musik, die dazu ertönt, fällt zwar leider mindestens genauso schockierend aus wie der Mord an Professor Hormann, aber da Brynych die Dauerberieselung mit dem Stück „Love, What’s Your Face“ in der zweiten Hälfte der Folge dankenswerterweise einstellte, gewinnt die Episode im gleichen Maße an Stimmung wie auch an kriminalistischer Undurchschaubarkeit.

Der Titel „Die Unbekannte“ ist vage genug, um verschiedene Interpretationen durch den Kopf des Zuschauers zu jagen. Zunächst meint man, Richard und Dorothea würden „ihren Mord“ von einer Unbekannten, nämlich der Frau aus dem oberen Stockwerk, erledigen lassen. Später erkennt man, dass sie eigentlich diejenige ist, die dem Protagonisten näher steht und dass sich Dorotheas Identität als raffinierter Schwindel entpuppt. Das Publikum ist über diese Enthüllung ebenso geschockt wie Richard Ohlbeck, sodass die etwas wüst angelegte Gegenüberstellung im Hause Hormann erstaunlich gut funktioniert.

Das Ermittlerteam steht leider nur in dezimierter Form zur Verfügung: Michael Ande und Henning Schlüter gingen wohl schon vorzeitig in die nach der Episode anstehende Drehpause, sodass man mit Lowitz, Hendriks und dem gesichtslosen Ersatzermittler Zerlett Vorlieb nehmen muss. Dabei wird Lowitz ebenso wie Kollege Tappert einmal zu Beginn des Falls aus der Oper heraus zum Tatort zitiert – ein unverkennbares Signal an den Zuschauer, für die unermüdliche Arbeit der Polizei dankbar zu sein. Dass daran ausgerechnet in „Die Unbekannte“ erinnert wird, ist verwunderlich (oder ein salomonischer Ausgleich?), denn im ganzen Verlauf wird sehr viel Sympathie für den Mörder aufgebaut, der sogar gute Chancen auf ein mildes Urteil zugesprochen bekommt.

Die ungewöhnliche Struktur tut der Folge ausgesprochen gut. Es ist angenehm, nicht augenblicklich mit einer Leiche konfrontiert zu werden, sondern zunächst einen Blick in die Karten des von Anfang an bekannten Täters zu erhalten. Der Rätselfaktor wird durch die Motivierung Dorotheas dennoch bis zum Ende hochgehalten, wobei Detlef Müller nicht auf die naheliegendste Lösung zurückgriff und einen ärztlichen Kunstfehler für den Zorn der Frau verantwortlich machte.

Bittere Romantik trifft clevere Mordverführung. „Die Unbekannte“ gewinnt durch überzeugende Hauptdarsteller, vielfältige Schauplätze (Grünwald, U-Bahn, Friedhöfe) und ein Drehbuch, das deutlich über Seriendurchschnitt angesiedelt ist. Ähnlich wie in „Illusionen über einen Mord“ macht sich Müllers Vorliebe, durch einen Mord einen anderen aufzudecken, bemerkbar. 4 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „Die Liebe kann einen Menschen bis zum Wahnsinn bringen.“



Zumindest "Die Unbekannte" müsste dir eigentlich bekannt sein, aber der Umstand, dass dir das selbst nicht mehr bewusst ist, spricht vielleicht in der Tat dafür, einen komplett neuen Anlauf zu nehmen.

Okay, dann bleib ich vielleicht doch bei meinem bisherigen Vorgehen, wollte nämlich danach auch eine zweite Runde "Die fünfte Kolonne" und "Kriminalmuseum" starten und da dann auch ein bisschen zu schreiben. Aber das wird natürlich noch ein wenig dauern.

Gubanov Online




Beiträge: 15.392

10.08.2018 20:27
#278 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

So unbekannt war die Unbekannte also doch nicht. Meine Leidenserfahrung mit "Love, What's Your Face" habe ich dann wohl eher mit den drei "Derrick"-Folgen in Verbindung gebracht, in denen das Stück in den Neunzigern nochmal recycelt wurde. Manchmal wünscht man sich wirklich, man könnte als Zuschauer Schmerzensgeld einklagen.

PS: Gratulation zum 1000. Beitrag.

Marmstorfer Offline




Beiträge: 7.369

11.08.2018 01:31
#279 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #276
Wenn man einmal mit Ringelmann anfängt, hört man nicht mehr so leicht wieder auf.


Wie wahr - die persönliche Erschließung des Gesamtwerks kann man ja schon als eine lebenslange Aufgabe bezeichnen; so kommt es mir zumindest vor. Aber es bereitet nach wie vor große Freude. Ich muss dann auch nochmal kurz etwas zur dritten Box loswerden. Rays Eindruck, dass diese gegenüber Box 2 die Nase vorn hat, teile ich nicht. Dafür ist die Zahl an herausragenden Folgen in Box 2 zu hoch; Box 3 leistet sich dagegen sogar die vielleicht eklatanteste Schwächephase der Köster-Ära - insbesondere einige der berüchtigten Vogeler/Grädler-Kollaborationen (Die Ratte, Der Zigeuner, Teufelsküche, Ich werde dich töten) gerieten doch reichlich krude und zählen garantiert nicht zu den Highlights. Wenn ich meine Rangliste mit der von Ray vergleiche, dann fällt mir auf, dass wir uns überwiegend, was die Wertungen betrifft, sehr einig sind - so haben wir beide die ansonsten ebenfalls reichlich gescholtenen Vogeler/Grädler-Folgen „Der rote Faden“ und „Der Gärtner“ vergleichsweise positiv bewertet. Auch die sehr wohlwollende Bepunktung von „Hass“ hat mich sehr gefreut - eine allgemein unterschätzte Folge, die Brynych - wie zuvor auch schon die Vogeler-Vorlagen „Der Spieler“ und „Der Freund“ wunderbar melancholisch in Szene gesetzt hat. Gubanov ist ja eher ein Fan des leisen Brynych, insofern könnte ihm die Episode tatsächlich zusagen, zumal seinem Hassobjekt Ernst Schröder dort, ohne zuviel zu verraten, tatsächlich übel mitgespielt wird.

Generell ist die Box sehr Vogeler-lastig, und trotz der diversen Aussetzer möchte ich ihn doch einmal loben, da dies zu selten geschieht. Seine Bücher waren sicherlich nicht so ausgefeilt und „klassisch“ wie die von Detlef Müller und Bruno Hampel, aber Vogeler hat sich, zumindest in der Köster-Phase, immer bemüht etwas Neues zu erzählen und altbekannte Muster aufzubrechen. Er ist Risiken eingegangen und dabei auch häufiger gescheitert, aber den Mut zum Experiment kann man ihm nicht absprechen. Interessant finde ich es beispielsweise immer, wenn er Kösters Vergangenheit thematisiert (etwa in „Alte Kameraden“, „Der Freund“ und „Der Klassenkamerad“), oder ihn in ungewöhnliche Situationen befördert (etwa in „Der Neue“ mit dem Undercover-Einsatz als Geldbote).

Bemerkenswert allerdings, dass meine Lieblingsfolge der Box bei Ray den letzten Platz belegt - das ist aber nicht überraschend, da es sich bei „Tod am Sonntag“ um eine klassische „Love-it-or-hate-it“-Episode handelt. Eine abgedrehte Vogeler/Brynych-Räuberpistole/Milieustudie mit allem, was das Herz begehrt: Ida Krottendorf, Arthur Brauss, Uwe Dallmeier und penetranter Leierkastenmusik - zu herrlich!

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