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Dieses Thema hat 285 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Jan Offline




Beiträge: 1.330

01.05.2018 16:22
#271 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Mit dem "Sportpalastwalzer" ist in dieser Box wieder eine Epside enthalten, die Brynych-Freunde wie -Feinde gleichermaßen entzücken dürfte. Die Freunde werden vor Wonne in die Hände klatschen, weil dem Regisseur hier einerseits mal wieder Gelegenheit gegeben ist, ein Musikstück bis zum Erbrechen abzududeln und andererseits mit Klaus Löwitsch und Elisabeth Wiedeamnn zwei Akteure an Bord sind, die dem Regisseur in puncto Extraversion in nichts nachstehen. Die Feinde werden alle ihre Vorurteile fein befriedigt sehen und sich daran laben, es eh vorher gewusst zu haben. "Sportpalastwalzer" ist aus meiner Sicht die stärkste Episode dieser Box, die durchaus konventionellere Episode "Neue Sachlichkeit" ordne ich ebenfalls sehr hoch ein. Hier passen Buch, Stimmung, darstellerische Leistung und ein famoser Soundtrack gut überein. "Die tote Hand" würde ich erheblich stärker einstufen. Von allen Vohrer-Büchern für "Der Alte" m.E. das beste. Für mich sind diese drei Episoden klar die besten aus dieser Box.

Gruß
Jan

Marmstorfer Online




Beiträge: 7.380

01.05.2018 17:11
#272 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

„Sportpalastwalzer“ ist auch für mich die stärkste Folge der Box, womöglich sogar die beste Episode überhaupt. Ich habe aber auch ein ausgesprochenes Faible für „Mord nach Plan“, ebenfalls eine Folge bei der absolut alles stimmt. Jeweils volle Punktzahl! Aber generell finde ich das Niveau der zweiten Box bärenstark. Habe nochmal in meine Rangliste hineingeschaut (aus dem August 2012) - immerhin sieben Folgen verfehlen die Höchstwertung nur um 0,5 Punkte, darunter natürlich die hier hochgelobten „Eine große Familie“, „Neue Sachlichkeit“ (Wussow war bei Köster immer ein Garant für Top-Qualität) und „Die tote Hand“, aber auch die eher experimentellen (und deswegen polarisierenden) „Der Abgrund“ und „Der Freund“ ordne ich auf diesem Niveau ein. Das sind Episoden, an die man sich auch Jahre später noch genau erinnert. Wenn ich nur an das Ende von „Der Freund“ denke - die Szene im Zug - der desillusionierte Köster wird vom Schaffner gefragt, ob denn noch jemand zugestiegen sei, worauf hin dieser antwortet: „Niemand.“ Und in diesem einen Wort klingt so viel Enttäuschung, aber auch Melancholie mit - da kriege ich jetzt noch eine Gänsehaut (der Duval-Score tut sein übriges dazu). Der beste Beweis, dass Brynych keinesfalls nur „laut“ inszenieren könnte, sondern auch ein Gespür für die feinen Zwischentöne besaß.

Ray Offline



Beiträge: 1.060

06.08.2018 22:19
#273 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Collector's Box Vol. 3 ist durchgesehen und anders als nach den ersten fünf Folgen zu vermuten hat man es summa summarum doch wieder mit einer gelungenen Box zu tun, in der die Ausreißer nach oben jene nach unten überwiegen. Gefühlt hat Box 3 im Schnitt gegenüber Box 2 die Nase vorn. Obwohl diesmal ein herausstechendes Highlight fehlt, gibt es eine Spitzengruppe von fünf Folgen, die alle sehr gute Krimi-Unterhaltung liefern und vor allem durch starke und wendungsreiche Storys punkten. Ein paar besonders gelungene Auftritte hat zudem abermals Henning Schlüter als Vorgesetzter Millinger.

Als Gaststars sind diesmal u.a. mit von der Partie: Martin Held, Brigitte Horney, Herbert Fleischmann, Christiane Krüger, Christine Wodetzky, Iris Berben, Alf Marholm (gleich 3x !), Brigitte Grothum, Claus Biederstaedt, Kristina Nel, Arthur Brauss (auch 3x), Dieter Eppler, Ulrich Beiger, Susanne Uhlen, Brigitte Mira, Konrad Georg, Karl Heinz Vosgerau, Reinhard Kolldehoff, Gert Haucke, Rudolf Schündler, Rudolf Platte, Alexander Kerst, Günther Ungeheuer.

Ein bisschen schade finde ich es im Übrigen, dass man neben Köster auf einmal (relativ unbekannte) Gastdarsteller auf das Cover der Box packt. Warum nicht mal Ande, Hendriks oder Schlüter?


Im Einzelnen würde ich die Episoden in folgende Reihenfolge bringen:


01. Die Beute 4,5/5
02. Tote Lumpen jagt man nicht 4,5/5
03. Eine Frau ist verschwunden 4,5/5
04. Die Unbekannte 4,5/5
05. Hass 4,5/5
06. Tod eines Aussteigers 4/5
07. Der Gärtner 4/5
08. Freispruch 4/5
09. Der rote Faden 3,5/5
10. Urlaub aus dem Knast 3,5/5
11. Schwarzer Montag 3/5
12. Ich werde dich töten 3/5
13. Bis dass der Tod uns scheidet 3/5
14. Die Ratte 3/5
15. Teufelsküche 2,5/5
16. Der Zigeuner 2/5
17. Tod am Sonntag 2/5

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

08.08.2018 09:45
#274 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Ich finde es toll, dass du so eifrig die Serien schaust. Mit deinen Zusammenfassungen zum "Alten" wirfst du ein milderes Licht auf die Serie als in meinen Erinnerungen. Wenn ich an Box 3 denke, ist es zunächst "Der Zigeuner", der alles überschattet und der mit zum Übelsten gehört, was ich an deutschen Fernsehkrimis bis dato gesehen habe. Auch weiß ich nicht, ob es unbedingt für die Box spricht, dass man darin Arthur Brauss gleich dreimal begegnet. Aber der allgemeine Tenor ist ja immer wieder positiv. Wenn ich mit "Kommissar" und "Derrick" fertig bin, werde ich also wohl nicht darum herumkommen, beim "Alten" nochmal einen Neustart zu wagen.

Schade finde ich nur generell bei diesen Serien-Box-Reviews, dass du dich nicht zu einzelnen Folgen äußerst. Ein paar Sätze zu jedem Fall wären nochmal eine ganze Runde aufschlussreicher als die bloße Rangliste.

Ray Offline



Beiträge: 1.060

10.08.2018 19:40
#275 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #274
Ich finde es toll, dass du so eifrig die Serien schaust. Mit deinen Zusammenfassungen zum "Alten" wirfst du ein milderes Licht auf die Serie als in meinen Erinnerungen. Wenn ich an Box 3 denke, ist es zunächst "Der Zigeuner", der alles überschattet und der mit zum Übelsten gehört, was ich an deutschen Fernsehkrimis bis dato gesehen habe. Auch weiß ich nicht, ob es unbedingt für die Box spricht, dass man darin Arthur Brauss gleich dreimal begegnet. Aber der allgemeine Tenor ist ja immer wieder positiv. Wenn ich mit "Kommissar" und "Derrick" fertig bin, werde ich also wohl nicht darum herumkommen, beim "Alten" nochmal einen Neustart zu wagen.

Schade finde ich nur generell bei diesen Serien-Box-Reviews, dass du dich nicht zu einzelnen Folgen äußerst. Ein paar Sätze zu jedem Fall wären nochmal eine ganze Runde aufschlussreicher als die bloße Rangliste.



Das wäre schön, wenn du deine Sichtungen zur Lowitz-Ära beim "Alten" irgendwann komplettieren könntest, habe deine Besprechungen bei mancher Folge schmerzlich vermisst. An dieser Stelle mal ein großes Dankeschön, dass du dir immer die Mühe machst, zu jeder Folge von "Derrick" & Co eine ausführliche Besprechung zu schreiben!

Dass ich persönlich auf Bewertungen zu den einzelnen Folgen verzichtet habe, liegt vor allem daran, dass ich befürchte, dass mir bei den beiden Dauerbrennern ein bisschen die Zeit davon läuft. Bin ja verspätet eingestiegen und ich denke es dauert nicht mehr allzu lange, bis die ein oder andere Box abverkauft sein wird. Da ich mich ungern "großzügig" im Voraus eindecke ohne zu wissen, ob ich bei einer Serie bis zum Schluss durchhalte (gilt vor allem für "Derrick"), bleibt mir nichts anderes übrig, als ein möglichst zügiges Tempo an den Tag zu legen. Bei dem hohen Tempo ist es mir aber kaum möglich, zu den einzelnen Folgen ausführlichere Kommentare zu schreiben. Außerdem dachte ich mir, dass ich, wenn ich beim ersten Durchlauf auf Reviews verzichte, vielleicht einen Anreiz für mich selbst schaffe, mir die Boxen in den nächsten Jahren nochmal vorzunehmen, um dann in aller Ruhe und Ausführlichkeit vorgehen zu können. Als Kompromiss habe ich mich dann auf die Box-Reviews verlegt, die ja in den einschlägigen Threads auch durchaus üblich sind und zu den "Highlight-Folgen" ein paar Sätze zu schreiben. Das bin ich zugegebenermaßen diesmal schuldig geblieben, was ich hiermit nachholen möchte. Außerdem werde ich darüber nachdenken, deiner Anregung nachzukommen und eventuell ab Box 4 vom "Alten" und von "Derrick" jeweils Kurz-Kommentare zu den einzelnen Folgen zu schreiben. Wo du schon so in Vorleistung getreten bist, kann man das schließlich kaum ablehnen.

Hier also noch ein paar Worte zu den "Highlight"-Folgen von Box 3:

1. Die Beute (4,5/5)

In dieser Folge kehrt Christiane Krüger nach langer Pause beim "Alten" endlich zurück und spielt eine junge Frau, deren Ehe am Ende ist und die in den Überfall bei ihrem Arbeitgeber, einem Juwelen-Depot, verwickelt zu sein scheint. Alexander Kerst gibt ihren Vorgesetzten, Christian Quadflieg den gescholtenen Ehemann. Helmuth Ashley inszenierte gekonnt diese einerseits von den Gaststars, andererseits von der wendungsreichen Story lebende Episode.

2. Tote Lumpen jagt man nicht (4,5/5)

Herbert Fleischmann mimt einen windigen Anlegeberater, der sich mit seiner Geliebten (Iris Berben) aus dem Staub machen und ein neues Leben beginnen will. Doch während eines Zwischenaufenthalts in einem Wellness-Ressort verschwindet er (scheinbar ?). Wiederum eine wendungsreiche, mit Tempo ausgestattete Folge mit tollen Gaststars. Regie: Günter Gräwert.

3. Eine Frau ist verschwunden (4,5/5)

Eine junge Bibliothekarin verschwindet scheinbar. Kurz zuvor hatte sie einen Geschäftsmann kennen gelernt, dessen Ehefrau zum gleichen Zeitpunkt wie die junge Bibliothekarin auf mysteriöse Weise verunglückt ist... Diese Folge lebt allein von der starken Story, denn besondere Gaststars gibt es keine. Man rätselt mit Wonne, ob der Geschäftsmann, der zweifelsohne "Dreck am Stecken" hat, mit seiner Geliebten, der Bibliothekarin, gemeinsame Sache gemacht hat oder mit seiner Ehefrau. Denn wie sich dem Zuschauer durch einen Telefonanruf bald eröffnet, ist eine der beiden noch am Leben...

4. Die Unbekannte (4,5/5)

"Loooooove - what's your face" wird dem Betrachter dieser Episode von Zbynek Brynych vor allem in den ersten Minuten in unnachahmlicher Penetranz auf die Ohren gedrückt, was der Folge einen ähnlich soapigen Anstrich verleiht wie bisweilen "Bis dass der Tod uns scheidet". "Die Unbekannte" hat das Glück, einerseits Christine Wodetzky auf der Besetzungsliste zu wissen, welche der "Unbekannten" trotz ihres Handelns gewisse Sympathiepunkte einheimst, und andererseits ohne Dieter Schidor auszukommen, der "Bis dass der Tod uns scheidet" mit seiner wie so oft unglaubwürdigen Performance entscheidend abwertet.

5. Hass (4,5/5)

Die Eheleute Brinkmars haben nach vielen Ehejahren nicht sonderlich viel füreinander übrig. Vor allem die Gattin gönnt ihrem Ehemann seine Liebschaft nicht mehr, nachdem ihr eigener Geliebter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist...

Der charismatische Ernst Schröder als Herr Brinkmar und sein Zusammenspiel mit Lowitz' Köster machen den Reiz dieser auch sonst durchaus spannenden Episode aus.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

10.08.2018 20:07
#276 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Danke für die umfangreiche Antwort. Bei "Der Alte" und "Das Kriminalmuseum" würde ich gern einen von Grundauf neuen Versuch wagen, sobald ich mit "Kommissar", "Derrick" und "Stahlnetz" durch bin. Ähnlich sind ja offenbar deine Pläne: Die Idee, erst einmal zu sondieren und dann bei einer zweiten Runde Besprechungen zu verfassen, finde ich sehr sinnvoll, weil man dann besser weiß, was auf einen zukommt, und jede Folge mit den erinnerten Höhe- oder Tiefpunkten abgleichen kann. Bei so umfangreichen Serien wie diesen dauert das aber natürlich ein Weilchen.

Was das Durchhalten - auch bei "Derrick" - angeht, kann ich dir nur Mut machen. Wenn man einmal mit Ringelmann anfängt, hört man nicht mehr so leicht wieder auf.

Die Eindrücke zu den besten Folgen der dritten "Der Alte"-Box lesen sich spannend, weil es allesamt mir noch unbekannte Folgen sind. Vor allem die mit Christiane Krüger (hätte beinah "Schröder" geschrieben, Gott bewahre!) und die mit Herbert Fleischmann hören sich gut an. Auch "Hass" klingt verlockend, doch bei einer solchen Handlung kommt es stark auf den verantwortlichen Drehbuchautor an (und darauf, ob sich Schröder, den ich ebensowenig ausstehen kann wie seine Tochter, zu sehr in den Vordergrund spielt). Aber mit den Abneigungen ist es ja immer eine sehr unterschiedliche und individuelle Sache: Über Dieter Schidor zum Beispiel habe ich mich eigentlich immer gefreut.

Ray Offline



Beiträge: 1.060

10.08.2018 20:20
#277 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #213
Passend dazu fahre ich ebenfalls mit einigen Folgen aus der dritten Collector’s Box fort:



Der Alte: Die Unbekannte

Episode 53 der TV-Kriminalserie, BRD 1981. Regie: Zbynek Brynych. Drehbuch: Detlef Müller. Mit: Siegfried Lowitz, Jan Hendriks, Wolfgang Zerlett, Krystian Martinek, Christine Wodetzky, Michaela May, Klaus Höhne, Gisela Hoeter, Ullrich Haupt, Ilse Künkele u.a. Erstsendung: 31. Juli 1981.

Zitat von Der Alte: Die Unbekannte
Inbrünstig liebt Richard Ohlbeck Dorothea Hormann. So sehr, dass er für sie einen Mord begeht: Er schafft ihren Ehemann, den bekannten Professor Hormann, aus dem Wege, der sie quält und eine langfristige Beziehung zwischen Richard und Dorothea blockiert. Nach seiner Tat muss Richard aber erschüttert feststellen, dass sich Dorothea nicht mehr bei ihm meldet. Und mehr noch: dass sie nicht die ist, die sie vorgab, zu sein. Er liebte eine Unbekannte!

Eine Story, die allzu leicht in seichte Gefilde abgleiten könnte, ist in den krawalligen Händen Zbynek Brynychs gut aufgehoben. Dabei setzte der Regisseur vor allem in der Mordszene dicke Ausrufezeichen, in der der junge Gastdarsteller Krystian Martinek hervorragend zur Geltung kommt. Die Duval-Musik, die dazu ertönt, fällt zwar leider mindestens genauso schockierend aus wie der Mord an Professor Hormann, aber da Brynych die Dauerberieselung mit dem Stück „Love, What’s Your Face“ in der zweiten Hälfte der Folge dankenswerterweise einstellte, gewinnt die Episode im gleichen Maße an Stimmung wie auch an kriminalistischer Undurchschaubarkeit.

Der Titel „Die Unbekannte“ ist vage genug, um verschiedene Interpretationen durch den Kopf des Zuschauers zu jagen. Zunächst meint man, Richard und Dorothea würden „ihren Mord“ von einer Unbekannten, nämlich der Frau aus dem oberen Stockwerk, erledigen lassen. Später erkennt man, dass sie eigentlich diejenige ist, die dem Protagonisten näher steht und dass sich Dorotheas Identität als raffinierter Schwindel entpuppt. Das Publikum ist über diese Enthüllung ebenso geschockt wie Richard Ohlbeck, sodass die etwas wüst angelegte Gegenüberstellung im Hause Hormann erstaunlich gut funktioniert.

Das Ermittlerteam steht leider nur in dezimierter Form zur Verfügung: Michael Ande und Henning Schlüter gingen wohl schon vorzeitig in die nach der Episode anstehende Drehpause, sodass man mit Lowitz, Hendriks und dem gesichtslosen Ersatzermittler Zerlett Vorlieb nehmen muss. Dabei wird Lowitz ebenso wie Kollege Tappert einmal zu Beginn des Falls aus der Oper heraus zum Tatort zitiert – ein unverkennbares Signal an den Zuschauer, für die unermüdliche Arbeit der Polizei dankbar zu sein. Dass daran ausgerechnet in „Die Unbekannte“ erinnert wird, ist verwunderlich (oder ein salomonischer Ausgleich?), denn im ganzen Verlauf wird sehr viel Sympathie für den Mörder aufgebaut, der sogar gute Chancen auf ein mildes Urteil zugesprochen bekommt.

Die ungewöhnliche Struktur tut der Folge ausgesprochen gut. Es ist angenehm, nicht augenblicklich mit einer Leiche konfrontiert zu werden, sondern zunächst einen Blick in die Karten des von Anfang an bekannten Täters zu erhalten. Der Rätselfaktor wird durch die Motivierung Dorotheas dennoch bis zum Ende hochgehalten, wobei Detlef Müller nicht auf die naheliegendste Lösung zurückgriff und einen ärztlichen Kunstfehler für den Zorn der Frau verantwortlich machte.

Bittere Romantik trifft clevere Mordverführung. „Die Unbekannte“ gewinnt durch überzeugende Hauptdarsteller, vielfältige Schauplätze (Grünwald, U-Bahn, Friedhöfe) und ein Drehbuch, das deutlich über Seriendurchschnitt angesiedelt ist. Ähnlich wie in „Illusionen über einen Mord“ macht sich Müllers Vorliebe, durch einen Mord einen anderen aufzudecken, bemerkbar. 4 von 5 Punkten.

Lieblingszitat: „Die Liebe kann einen Menschen bis zum Wahnsinn bringen.“



Zumindest "Die Unbekannte" müsste dir eigentlich bekannt sein, aber der Umstand, dass dir das selbst nicht mehr bewusst ist, spricht vielleicht in der Tat dafür, einen komplett neuen Anlauf zu nehmen.

Okay, dann bleib ich vielleicht doch bei meinem bisherigen Vorgehen, wollte nämlich danach auch eine zweite Runde "Die fünfte Kolonne" und "Kriminalmuseum" starten und da dann auch ein bisschen zu schreiben. Aber das wird natürlich noch ein wenig dauern.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.502

10.08.2018 20:27
#278 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

So unbekannt war die Unbekannte also doch nicht. Meine Leidenserfahrung mit "Love, What's Your Face" habe ich dann wohl eher mit den drei "Derrick"-Folgen in Verbindung gebracht, in denen das Stück in den Neunzigern nochmal recycelt wurde. Manchmal wünscht man sich wirklich, man könnte als Zuschauer Schmerzensgeld einklagen.

PS: Gratulation zum 1000. Beitrag.

Marmstorfer Online




Beiträge: 7.380

11.08.2018 01:31
#279 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #276
Wenn man einmal mit Ringelmann anfängt, hört man nicht mehr so leicht wieder auf.


Wie wahr - die persönliche Erschließung des Gesamtwerks kann man ja schon als eine lebenslange Aufgabe bezeichnen; so kommt es mir zumindest vor. Aber es bereitet nach wie vor große Freude. Ich muss dann auch nochmal kurz etwas zur dritten Box loswerden. Rays Eindruck, dass diese gegenüber Box 2 die Nase vorn hat, teile ich nicht. Dafür ist die Zahl an herausragenden Folgen in Box 2 zu hoch; Box 3 leistet sich dagegen sogar die vielleicht eklatanteste Schwächephase der Köster-Ära - insbesondere einige der berüchtigten Vogeler/Grädler-Kollaborationen (Die Ratte, Der Zigeuner, Teufelsküche, Ich werde dich töten) gerieten doch reichlich krude und zählen garantiert nicht zu den Highlights. Wenn ich meine Rangliste mit der von Ray vergleiche, dann fällt mir auf, dass wir uns überwiegend, was die Wertungen betrifft, sehr einig sind - so haben wir beide die ansonsten ebenfalls reichlich gescholtenen Vogeler/Grädler-Folgen „Der rote Faden“ und „Der Gärtner“ vergleichsweise positiv bewertet. Auch die sehr wohlwollende Bepunktung von „Hass“ hat mich sehr gefreut - eine allgemein unterschätzte Folge, die Brynych - wie zuvor auch schon die Vogeler-Vorlagen „Der Spieler“ und „Der Freund“ wunderbar melancholisch in Szene gesetzt hat. Gubanov ist ja eher ein Fan des leisen Brynych, insofern könnte ihm die Episode tatsächlich zusagen, zumal seinem Hassobjekt Ernst Schröder dort, ohne zuviel zu verraten, tatsächlich übel mitgespielt wird.

Generell ist die Box sehr Vogeler-lastig, und trotz der diversen Aussetzer möchte ich ihn doch einmal loben, da dies zu selten geschieht. Seine Bücher waren sicherlich nicht so ausgefeilt und „klassisch“ wie die von Detlef Müller und Bruno Hampel, aber Vogeler hat sich, zumindest in der Köster-Phase, immer bemüht etwas Neues zu erzählen und altbekannte Muster aufzubrechen. Er ist Risiken eingegangen und dabei auch häufiger gescheitert, aber den Mut zum Experiment kann man ihm nicht absprechen. Interessant finde ich es beispielsweise immer, wenn er Kösters Vergangenheit thematisiert (etwa in „Alte Kameraden“, „Der Freund“ und „Der Klassenkamerad“), oder ihn in ungewöhnliche Situationen befördert (etwa in „Der Neue“ mit dem Undercover-Einsatz als Geldbote).

Bemerkenswert allerdings, dass meine Lieblingsfolge der Box bei Ray den letzten Platz belegt - das ist aber nicht überraschend, da es sich bei „Tod am Sonntag“ um eine klassische „Love-it-or-hate-it“-Episode handelt. Eine abgedrehte Vogeler/Brynych-Räuberpistole/Milieustudie mit allem, was das Herz begehrt: Ida Krottendorf, Arthur Brauss, Uwe Dallmeier und penetranter Leierkastenmusik - zu herrlich!

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

30.09.2018 12:40
#280 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

BEWERTET: "Die Beute" (Folge 63)
mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Christiane Krüger, Christian Quadflieg, Anja Schüte, Alexander Kerst, Marilene von Bethmann, Volker Eckstein, Helmut Zierl, Karl Walter Diess, Wilfried Klaus, Jan-Paulus Biczycki, Angela Büttner, Linda Joy, Petra Drechsler u.a. | Drehbuch: Detlef Müller | Regie: Helmuth Ashley

Marga Theilen arbeitet seit drei Jahren für das exklusive Juwelen-Depot Hogstraat von Herrn und Frau Seyfart. In der Ehe mit ihrem Mann Ulrich kriselt es schon länger, worunter besonders die sechzehnjährige Tochter Angela leidet. Die Firma von Ulrich steht kurz vor dem Konkurs und der Gedanke, nun auch noch seine Frau zu verlieren, setzt dem Mann sehr zu. Eines Abends folgt er ihr und beobachtet, wie sich Marga in einem Lokal mit einem anderen Mann trifft. Am nächsten Tag wird die Firma Hogstraat überfallen, der Täter verschafft sich Zutritt zum Büro, indem er Marga auflauert und sie als Geisel nimmt. Als die Polizei kurz nach dem Überfall eintrifft, findet sie die Leiche von Seyfarts Ehefrau, die der Täter erschossen haben soll, weil sie versuchte, den Alarm auszulösen. Ulrich vermutet bald, dass seine Frau etwas mit dem Raub zu tun haben könnte....



Die perfekte Familie, in der es schon lange kriselt. Dieser Eindruck stellt sich bereits in den ersten Minuten ein, als man Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar Theilen wird. Die Firma des Mannes steht kurz vor der Pleite, die Ehefrau schmiedet eigene Pläne, nachdem sie sich vor drei Jahren freigeschwommen hat von der alleinigen Pflicht, Hausfrau und Mutter zu sein. Leidtragende ist die gemeinsame Tochter, die am Bild ihrer glücklichen Kindheit festhält und es unter keinen Umständen aufgeben will. Christiane Krüger ist das glanzvolle Aushängeschild dieser Episode. Sie ist faszinierend schön und alle Szenen mit ihrer Beteiligung scheinen förmlich zu leuchten. Umso stärker wirkt der Kontrast, der sich in Form von Volker Eckstein präsentiert. Wie eine Ratte dringt er unbefugt in die Welt der Reichen und Schönen ein. Das Zusammenspiel mit Christiane Krüger gibt Rätsel auf und man kann sich nur einen Reim darauf machen, nämlich, dass die beiden ein Geschäft miteinander abgeschlossen haben, das sich erst nach und nach in all seiner hässlichen Konsequenz offenbaren wird. Kommissar Köster erhält diesmal wenig Raum für Kombinationen, vielmehr entwickelt sich der Fall zum Selbstläufer, weil Misstrauen und Angst innerhalb der Familie Theilen Resultate erzwingen. Verzweifelt kämpft Christian Quadflieg um den Status quo, will seine Frau halten und gleichzeitig einen Neuanfang für sich und seine Tochter erzwingen. Die Juwelenbeute setzt die Phantasie frei und scheint der Rettungsanker zu sein, an dem das strauchelnde Schiff festgemacht werden kann, bevor es endgültig absäuft. Krüger und Quadflieg treiben die Eskalation auf die Spitze, selbst Mord scheint plötzlich nicht mehr undenkbar und Anja Schüte begleitet diese Szenen mit angstvollem Entsetzen. In einer unkonventionellen Nebenrolle sieht man Helmut Zierl einmal nicht als Strahlemann und er erhält Gelegenheit, über die Welt seiner Familie zu reflektieren, was durchaus für interessante Spekulationen über eine zweite Spur sorgt, wenn nicht das Gespann Krüger/Quadflieg so überaus dominant wäre. Alexander Kerst und Marilene von Bethmann repräsentieren die steife Atmosphäre der kühlen Kalkulation unter der Last von Tradition und Würde sehr überzeugend, wobei sich dem kriminalistisch geübten Zuschauer der wahre Tathergang nach wenigen Minuten erschließt.

Wie man einen durchschnittlichen Kriminalfall mithilfe eindrucksvoller Schauspielerleistungen aufwerten kann, zeigt "Die Beute" als Lehrbeispiel. Regisseur Helmuth Ashley, der Gefühlvolle, sorgt für eine Fokussierung auf das Zwischenmenschliche und liefert gleichbleibende Spannung bis zur letzten Minute. 4,5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

30.09.2018 19:58
#281 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

BEWERTET: "Der Tote im Wagen" (Folge 69)
mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Inge Birkmann, Mathieu Carrière, Richard Münch, Mijou Kovacz, Bernd Herzsprung, Johanna Hofer, Alf Marholm, Helma Seitz, Konrad Georg, Wolf Richards, Angela Hillebrecht, Uli Kinalzik u.a. | Drehbuch: Detlef Müller | Regie: Theodor Grädler

Der Immobilienmakler John Malven bringt seine Mutter, die Schauspielerin Tilla Malven, zu einem Empfang von Dr. Dannhaus, mit dessen Tochter er befreundet ist. Bals schon bereut er es, als seine Mutter sich betrinkt und dann auch noch behauptet, auf dem Parkplatz vor dem Anwesen einen Toten gesehen zu haben. Als die Leiche kurz darauf verschwunden ist, bleibt ihm nur die Peinlichkeit, sich für seine Mutter zu entschuldigen. Doch tags darauf wird Tilla rehabilitiert: am Güterbahnhof wird die Leiche eines Mannes gefunden, auf den die Beschreibung des Toten passt. Trotzdem geht die Familie Dannhaus zu John auf Distanz und gibt sich plötzlich sehr reserviert....



Inge Birkmann mimt einen ehemaligen Bühnenstar, dessen Bedürfnis nach offizieller Anerkennung seit geraumer Zeit nur durch Narkotika kurzfristig gemildert werden kann. Das Gefühl, nicht mehr zu genügen, wird stärker, je länger ein berufliches Engagement ausbleibt. Bestätigt wird diese empfundene Unzulänglichkeit durch starre Konventionen, denen ihr Sohn zu gehorchen versucht und eine höfliche, aber abweisende Gesellschaft, in deren Mitte John Malven gern ankommen möchte. Seine "Erbschuld" macht ihn jedoch bald zur Persona non grata, als die feine Familie Dannhaus die offenen Worte seiner Mutter als Zumutung und ihn selbst als nicht mehr gesellschaftsfähig empfindet. Ausgerechnet Bernd Herzsprung für die Rolle des Mathematikers zu besetzen, scheint ein wenig gewagt, macht er sich doch als Nutznießer der Annehmlichkeiten eines glänzend bewirtschafteten Familienanwesens weitaus besser. Die männliche Konkurrenz in Gestalt eines Mathieu Carrière, der sich und seine Anliegen stets durchzusetzen pflegt, wird diesmal durch die schlechten Karten gemildert, welche die Figur John Malven von Anfang an hat. Das charakteristische Selbstbewusstsein wird zurückgefahren; fast eingeschüchtert wirkt er durch die Ohnmacht gegenüber Fäden, die im Hintergrund gesponnen werden und gegen die er nichts ausrichten kann. Zu dominant bleibt Inge Birkmann mit ihren Versuchen, sich Glaubwürdigkeit zu verschaffen, wobei Kommissar Köster der vornehmen Familie Dannhaus immer wieder auf den Zahn fühlt und dabei als Advocatus Diaboli der Gegenseite auftritt und sich im Gegensatz zur bedauernswerten Tilla Malven nicht abwimmeln lässt. Die Versuche, die alte Dame in den Wahnsinn, respektive in den Selbstmord zu treiben, scheitern an der Tatkraft Kösters, dem keine Theorie abwegig genug wäre, dass er sie nicht auch verfolgen würde und dessen Augenmerk für Kleinigkeiten ihn auch hier wieder auf die richtige Spur führt. In netten Gastrollen sieht man Helma Seitz als Vorzimmerdame mit Menschenkenntnis und Alf Marholm als verständnisvollen Überbringer von leider stets gleichbleibend schlechten Nachrichten.

Inge Birkmann trägt die Episode fast im Alleingang, wobei sich Mathieu Carrière bewusst zurücknimmt. Teilweise unheimlich wirkende Szenen schaffen eine lebendige Atmosphäre der ständigen Bedrohung, die nicht nur physischer, sondern auch psychischer Art ist. 4,5 von 5 Punkten

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

02.10.2018 14:05
#282 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

BEWERTET: "Kalt wie Diamant" (Folge 67)
mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Wolfgang Zerlett, Jan Hendriks, Doris Kunstmann, Erich Hallhuber, Thekla Carola Wied, Gustl Halenke, Dirk Galuba, Raimund Harmstorf, Rosa Renee Roth, Lisa Helwig u.a. | Drehbuch: Volker Vogeler | Regie: Theodor Grädler

Überfall auf das Juweliergeschäft Klahn. Der Besitzer will sich verteidigen und zieht eine (ungeladene) Waffe, woraufhin ihn der Räuber erschießt. Frau Klahn erleidet einen Schock und wird ins Krankenhaus gebracht. Dort erhält sie Besuch von ihrem geschiedenen Mann und einer Chirurgin, zu der sie ein Verhältnis unterhält. Die Angestellte des Juwelierladens scheint mehr zu wissen als sie sagt, weswegen Kommissar Köster sie ins Verhör nimmt. Doch bald darauf geschieht ein zweiter Mord, der alle Karten neu mischt....



Eine Lebensversicherungspolice, die sich auf 1 Million beläuft, unterversicherter Schmuck und Spannungen zwischen den Eheleuten regen die Phantasie von Kommissar Köster an, der keinen Augenblick an einen gewöhnlichen Überfall glaubt, sondern die kühle Witwe und etwaige Hintermänner verdächtigt. Doris Kunstmann liefert dafür die perfekte Blaupause. Sie ist bemüht, die Fassade aufrecht zu halten und exerziert ihre Rolle als trauernde Hinterbliebene mit Disziplin und dem festen Willen, sich nicht durch auftretende Komplikationen irritieren zu lassen. Man fragt sich, wie lange sie ihre Contenance bewahren wird und erwartet aufgrund des Flackerns in ihren Augen jederzeit ordinäre Ausbrüche, bei denen sich Kommissar Köster am besten schnell wegduckt. Doch ehe man es sich versieht, ist sie von der Bildfläche verschwunden, die erste Überraschung der Folge. Doch auch bei den anderen beiden Frauen, Gustl Halenke und Thekla Carola Wied, scheint Köster vorerst auf Granit zu beißen. Das Misstrauen und die unterschwellig postulierte Abneigung gegen Männer, lassen Wied feindselig und wortkarg bleiben, während man merkt, wie es in ihrem Inneren brodelt. Halenke, Charakterschauspielerin aus der zweiten Reihe, erhält Gelegenheit, Akzente zu setzen und aufzuzeigen, dass sie nicht so bescheiden ist, wie man es von ihr erwartet. Ihre Gefährlichkeit ist der Tropfen, der das Fass der Leidensfähigkeit und Geduld zum Überlaufen bringt. Erich Hallhuber hat es schwer, sich neben den starken Frauen zu etablieren, ebenso ist Wolfgang Zerlett als Meyer Zwo ein schlechter Ersatz für den verlässlichen Michael Ande und wirkt wie ein Laiendarsteller. Jan Hendriks punktet dafür bei den alten Damen Helwig und Roth.

Wendungsreicher Kriminalfall, der nicht so schnurgerade verläuft, wie zunächst angenommen, sein Potenzial jedoch nicht völlig ausschöpft. Konspirierende Momente zwischen Kunstmann und Wied, Gespräche zwischen Hallhuber und Halenke und die Klärung der Frage, woran die beiden Eltern von Frau Klahn so plötzlich verschieden sind, hätten hier eine Aufwertung gebracht. 3,5 von 5 Punkten

Ray Offline



Beiträge: 1.060

02.10.2018 18:42
#283 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Sehr schöne Besprechungen! Schaust nur ausgesuchte Episoden oder hast du einfach diese Episoden für eine ausführliche Besprechung herausgegriffen?

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

04.10.2018 13:59
#284 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

Bei "Derrick" bin ich jahrelang chronologisch vorgegangen, bis ich dann an den Punkt kam, wo es wegen einer dramaturgischen Schwächephase nicht mehr spannend genug weiterging. Bei "Der Alte" habe ich mich deshalb dafür entschieden, zunächst jene Episoden zu sehen, in denen Schauspieler mitwirken, die ich schätze. Natürlich geht man damit das Risiko ein, dass man die Rosinen aus dem Kuchen pickt und der Rest in sich zusammenfällt, d.h. gewisse Folgen länger auf eine Sichtung warten müssen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

06.10.2018 15:08
#285 RE: Bewertet: "Der Alte" Zitat · antworten

BEWERTET: "Der Überfall" (Folge 60)
mit: Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Wolfgang Zerlett, Sascha Hehn, Konrad Georg, Edda Seipel, Ute Willing, Arthur Brauss, Alwy Becker, Rainer Hunold, Hannes Kaetner, Erica Schramm, Walter Gnilka, Beatrice Norden u.a. | Drehbuch: Volker Vogeler | Regie: Alfred Weidenmann

Warenhaus in der Münchner Innenstadt, Mitte Dezember, kurz nach Ladenschluss. Ein unmaskierter Räuber verschafft sich Zutritt zum Kassenraum, wo die Mitarbeiter gerade dabei sind, die Tageseinnahmen zu zählen. Durch die Androhung, er habe im Kaufhaus eine Bombe versteckt, erbeutet er DM 1.200.000, die er sich in einen Koffer packen lässt. Als er das Büro verlässt, wird er vom Hausdetektiv Frank Gart gestellt und mit fünf Schüssen niedergestreckt. Als Kommissar Köster am Tatort eintrifft, ist der Geldkoffer verschwunden und Frank Gart beteuert, in Notwehr gehandelt zu haben. Dennoch zweifelt Köster daran, dass der Hausdetektiv nur seine Pflicht getan hat....



Die Subtilität des Bösen zeigt sich in dieser Folge in dem, was nach dem Überfall passiert. Die Leiche des Räubers liegt schon längst in der Gerichtsmedizin, da offenbart sich in Gestalt der 'harmlosen' Berta Erdmann das ganze Ausmaß einer Gefahr, die weitere Straftaten ins Rollen bringt und am Ende weder sich, noch anderen einen Dienst erwiesen hat. Edda Seipel spielt eine Frau, deren Mann im Zweiten Weltkrieg gefallen ist und die seitdem nicht mehr in der Kirche war. Sie glaubt, zu kurz gekommen zu sein und wittert nun eine Möglichkeit, doch noch ihren Anteil am Leben zu erhalten. Sie wendet dabei jene Methoden an, die in Kriegszeiten populär waren. Sie bespitzelt, erpresst und denunziert, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Der lauernde Blick, die listigen Augen hinter den dicken Brillengläsern und der grausame Zug um den Mund lassen sie wie eine Spinne wirken, die darauf wartet, ihr Opfer einzuwickeln. Missgunst, Neid und Neugier vereinen sich zu einer bösartigen Lebenshaltung, die gerade unauffälligen Menschen so oft innewohnt, ohne dass sie zur Kenntnis genommen wird. Sascha Hehn hingegen stattet seinen Frank Gart mit einer sensiblen Seite aus, die es dem Zuschauer erlaubt, mit ihm zu sympathisieren, während Köster ihm ganz offen sagt, dass er ihm nicht glaubt. Der gutaussehende junge Mann wirkt angreifbar und verunsichert, obwohl er doch einen Beruf gewählt hat, der Stärke erfordert. Das Geheimnis hinter seiner Fassade hält die Geschichte lebendig; seine Gefühle drückt Frank Duvals "Face to Face" wieder einmal unüberhörbar aus. Wie der Charakter langsam aufgerollt wird, zeigt sich auch in der raffinierten Bildsprache, von denen das Schlussbild mit der Gitterfassade der Hochhäuser als Synonym für die Zukunft abseits des Weihnachtsmarkts steht.

Alfred Weidenmann inszeniert Sascha Hehn als introvertierten Mann am Abzug, der den Raubüberfall mit seinen Schüssen nicht verhindern kann, dafür jedoch andere Entwicklungen lostritt, die lauernde Aasgeier auf den Plan rufen und die Vergangenheit nicht ungeschehen machen können. 4,5 von 5 Punkten

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