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Dieses Thema hat 46 Antworten
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 Giallo Forum
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Gubanov Offline




Beiträge: 14.502

11.12.2016 14:30
#46 RE: Der Killer von Wien (1971) Zitat · antworten



Der Killer von Wien (Lo strano vizio della Signora Wardh)

Kriminalfilm, IT / ESP 1971. Regie: Sergio Martino. Drehbuch: Eduardo Manzanos Brochero, Ernesto Gastaldi, Vittorio Caronia (Story: Eduardo Manzanos Brochero). Mit: Edwige Fenech (Julie Wardh), George Hilton (George Corro), Alberto de Mendoza (Neil Wardh), Ivan Rassimov (Jean), Cristina Airoldi (Carol Brandt), Carlo Alighiero (Inspektor), Maurice Gillas Pou (Dr. Harbe), Bruno Corazzari (Killer), Marella Corbi (Opfer, das entkommt), Pouchie (Opfer unter der Dusche) u.a. Uraufführung (Italien): 15. Januar 1971. Uraufführung (Deutschland): 5. Mai 1972.

Zitat von Der Killer von Wien
Julie Wardh steht nicht nur zwischen drei Männern, darüber hinaus gerät sie auch noch ins Visier eines gefährlichen Rasiermessermörders, der seit Wochen in Wien für Schlagzeilen sorgt. Julie befürchtet, ihr sadistischer Ex-Liebhaber Jean könne hinter den Morden, die allesamt an jungen Frauen verübt werden, stecken. Als sie einen Anruf von einem Erpresser erhält, schickt sie ihre Freundin Carol zum vereinbarten Treffen, von dem diese jedoch nicht lebend zurückkehrt ...


Die Welt der schwarzgewandeten Rasierklingenschwinger war für Sergio Martino und die meisten an „Der Killer von Wien“ Beteiligten Neuland, dessen Chancen und Untiefen es auf verspielte Weise auszutarieren galt. Es wundert daher nicht, dass der erste Giallo des Regisseurs, dessen Name sowieso für Qualität bürgt, ein ausgesprochen mustergültiges Exemplar seiner Art ist: Vor allem die eklatante Gegenüberstellung von Sex und Gewalt in ihren gialloeskesten Formen macht den im Sommer 1970 gedrehten und offen an „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ orientierten Film so charakteristisch. Die Mordserie in der Wiener Hauptstadt wird mit dem zeigefreudigen Zeitgeist auf publikumswirksame Weise verbunden, ohne jedoch dabei – Anfängerhemmungen? – in eine der beiden Richtungen allzu explizit auszufallen, sodass das Endergebnis insgesamt überaus geschmackvoller Natur ist. Mordszenen wie die unter dem Vorspann ablaufende Tötung einer Prostituierten oder später unter der Dusche müssen als stilbildend für das gesamte Genre betrachtet werden, auch die Bedrohung in der Tiefgarage und dem Aufzug des Apartmenthotels (die wohl beklemmendste Szene des gesamten Films) ist ein eindeutiger Fingerzeig.

Darüber hinaus sind es die komplizierten, mit Ansätzen der Nymphomanie ausgestatteten Beziehungen, die Julie Wardh zu drei sehr unterschiedlichen Herren unterhält – dem nachdringlichen Sadisten Jean, dem langweiligen, aber verlässlichen Börsenmakler Neil und dem selbstsicheren Filou George – , die dem Film reichlich Gelegenheit für das Einflechten von Sex-and-Crime-Momenten geben. Hierzu gehören kunstvoll erzählte Rückblenden mit sanftem Schockeffekt ebenso wie das Bereitstellen ausgewogener Verdachtsmomente. Geschickt kombiniert Martino in den Szenen mit Edwige Fenech und ihren Verehrern Storyrelevanz und Verschnaufpausen, sodass „Der Killer von Wien“ sich in angemessener Schrittlänge fortbewegt und nie langweilig wird. In den romantischeren Momenten klingt dann auch das hervorragende, melancholisch-bittere Liebesthema aus der Feder von Nora Orlandi an, dessen Melodieführung Anleihen an ihren „Gesicht im Dunkeln“-Score nimmt, aber noch eine raffinierte Abwandlung draufsetzt.



Kommen wir also zu Edwige Fenech. Ich war kein Fan, als ich ihr in diesem Film vor fünf Jahren zum ersten Mal begegnete. Nach der wiederholten Sichtung kann ich allerdings bestätigen, dass Frau Fenech nicht nur gut in die Mischung des Films hineinpasst, sondern – ob man sie nun besonders attraktiv findet oder nicht – tatsächlich, wie @Blap schrieb, Beschützerinstinkte weckt. Dieser Umstand kommt ihr in der hier verkörperten Rolle sehr zugute, weil man sie ständig von unbekannter Seite in Gefahr wähnt. Die Hilflosigkeit macht sie glaubhaft deutlich und ihre Synchronisation durch Margot Leonard ist ausgesprochen passend. Fenechs Stärke liegt sozusagen in ihrer Schwäche, die durch die Kraft ihrer männlichen Gegenparts ebenso bedingt ist wie durch den schockierenden Mord an der Freundin Carol, die man als unbekümmerten Sidekick dramaturgisch für lange Zeit auf der sicheren Seite glaubte. Von den drei Herren, die allesamt durch wohlvertraute Genre-Größen dargestellt werden, erwarten den Zuschauer zwar hauptsächlich Klischees, aber in diesem Rahmen funktionieren sie ausgezeichnet, weil sie sich gegenseitig ergänzen und die Hauptdarstellerin in den Fokus rücken.

Auch wenn „Der Killer von Wien“ ausgesprochenen Kultstatus unter den Giallo-Freunden genießt, so scheint seine Anhängerschaft in der Frage der Auflösung doch etwas gespalten zu sein. Das Ende des Films ist ungewöhnlich und muss den Vorwurf, konstruiert zu sein, widerspruchslos hinnehmen. Doch gehört nicht auch gerade zum Giallo die Fähigkeit, profane Wahrscheinlichkeiten für anderthalb Stunden auszublenden? Logische Fehler konnte ich in den mit mehrfachem Boden gestrickten Schlussszenen jedenfalls nicht ausmachen, sodass die Freude über die Kreativität der Autoren überwog. Das komplexe Aufwickeln der Fäden sorgt sogar für eine gute Wiederholbarkeit des Filmgenusses, weil man sich nach ein paar Jahren im Gegensatz zu simpel gestrickten „Der war’s und er hatte halt ein Kindheitsproblem“-Lösungen sicher nicht mehr an alle Karten erinnern wird, die Ernesto Gastaldi und Co. beim „Wienkiller“ aus dem Ärmel schüttelten.

So bleibt unterm Strich ein wirklich zufriedenstellendes Filmerlebnis, das mich noch einmal mehr überzeugte als bei meiner Erstsichtung. Vor allem die veränderte Einschätzung von Edwige Fenech trägt dazu bei, denn – das muss man wohl eingestehen – der Film steht und fällt mit ihrer Performance. Sergio Martinos Regie merkt man das immense Potenzial an, dem nur einige wenige ungelenke Szenenübergänge, gerade zu Beginn, gegenüberstehen. Die Kreativität in der Verflechtung einer prototypischen Giallo-Handlung mit ungewöhnlichen Schauplätzen ist noch ein weiterer ein Punkt, der deutlich für „Der Killer von Wien“ spricht.

Liebenswerte, nah-perfekte Genreperle mit stimmiger Besetzung und inspirierter Regie. Eine Szene – ausgerechnet der Liebling Martinos, nämlich der Mord an Carol im Park Schönbrunn – überzeugt mich noch nicht auf ganzer Linie. Das ist aber in Anbetracht diverser anderer gelungener Spannungsmomente zu verschmerzen. Deshalb erhöhe ich auf sehr gute 4,5 von 5 Punkten mit der Tendenz, beim nächsten Mal eventuell auch die vollen Fünf zu zücken. Ein lohnenswerter Filmausflug, der durchs wiederholte Sehen gewinnt, aber aufgrund seiner klassischen und zurückhaltenden Machart auch für Einsteiger ins Giallo-Genre bestens geeignet ist.



Die DVD von FilmArt: Nachdem ich zunächst Besitzer der Koch-Media-Auswertung war, habe ich mir den „Wienkiller“ auch in der FilmArt-Ausgabe geholt. Das fiel mir recht leicht, weil ich es bei Koch nur noch zur Keepcase-Neuauflage geschafft hatte und diese vom FilmArt-Rundum-sorglos-Paket nochmal deutlich geschlagen wird. Der vierte Teil der Giallo-Edition präsentiert die internationale Langfassung und die deutsche Kinofassung auf zwei DVDs, wobei mir beim Betrachten der Langfassung kurioserweise keine Synchro-Fehlstelle auffiel. Sie läuft 96 Minuten, die heimische Kurzfassung bringt es immerhin auch auf 92. Das Bild der Komplettversion entspricht dem hohen Niveau der Reihe mit leichten Abstrichen, weil stellenweise (nicht durchgängig) die Schärfe der Konturen leicht zu wünschen übrig lässt. Format, Farben und Kontrast sind aber erwartbar top!

Deutscher und italienischer Ton werden bei Belieben von deutschen oder englischen Untertiteln begleitet. Im Bonusbereich prahlt das FilmArt-Release neben einem Booklet von Pelle Felsch mit der No-Shame-Dokumentation „Dark Fears Behind the Door“ und einem Interview mit Sergio Martino, das noch von Bildergalerie und Kinotrailer begleitet wird. In „Dark Fears Behind the Door“ kommen Sergio und Luciano Martino, Edwige Fenech, George Hilton und Ernesto Gastaldi über ihre Karriere in den frühen Siebzigern und über ihre Einschätzung von „Der Killer von Wien“ zu Wort. Neben der amüsanten Anekdote, die sonderbare Schreibweise des Namens Wardh liege daran, dass eine Frau namens Ward in Rom eine Änderung des Titels verlangt habe, bleibt vor allem strittig, ob es zwischen den um Edwige konkurrierenden männlichen Charakteren im Film nun homosexuelles Innuendo geben sollte oder nicht.

Ray Offline



Beiträge: 598

12.12.2016 08:38
#47 RE: Der Killer von Wien (1971) Zitat · antworten

Interessant, mir geht es genauso wie dir. Nach der Erstsichtung gab ich ihm 4/5. Inzwischen hab ich ihn noch dreimal gesehen (kommt bei mir selten vor, dass ich Filme innerhalb recht kurzer Zeit so oft sehe, aber beim "Killer" kann ich irgendwie wunderbar entspannen) und würde auch auf 4,5/5 erhöhen. Die kleinen Macken, die der Film hat, stören mich immer weniger, sind aber vorhanden, daher keine volle Punktzahl. Auch dein Statement zu Fenech würde ich so unterschreiben. Mir gefallen auch die Szenen zwischen Judie und Carol, das hat irgendwie was von "Death Proof".

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