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Dieses Thema hat 47 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

28.09.2008 13:26
Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

Zwischen 1962 und 1968 entstanden 21 Hörspiele vom Bayerischen Rundfunk, in denen Peter Pasetti (Wallace-Fans bekannt durch seine Verkörperung des Maurice Messer in "Der Hexer", TV 1963) die Rolle des Meisterdetektivs Sherlock Holmes übernahm. Zeitgleich produzierte der Saarländische Rundfunk mit Alexander Kerst vier Sherlock-Holmes-Hörspiele. Alle diese inzwischen beinah historischen Zeitdokumente sind beim Audio-Verlag auf CD erschienen. Man hört neben Pasetti und Kerst so bekannte Schauspieler wie Gisela Uhlen, Horst Tappert, Hans Clarin, Gerd Baltus, Friedrich Joloff oder Benno Sterzenbach.

Hier können alle Hörspiele dieser Reihe, die eng auf den jeweiligen Roman- und Kurzgeschichtenvorlagen des Kanons beruhen, besprochen werden.

Der Audioverlag hat eine 5-teilige Sherlock-Holmes-Hörspiel-Reihe herausgebracht, die jeweils 5 CDs beinhaltet. Peter Pasetti spricht den Sherlock Holmes - eine Rolle, die er sicher auch auf dem Bildschirm ausgefüllt hätte - mit Ironie und Leichtigkeit. Er verleiht dem Detektiv exzentrische Züge allein durch seine markante Stimme, die man sofort zuordnen kann. Die Rolle des Dr. Watson wird abwechselnd von vier verschiedenen Sprechern gespielt (Klaus Behrendt, Erik Schumann, Joachim Wichmann und Heinz Leo Fischer). Auf den Titelbildern der CDs sieht man Basil Rathbone in der Rolle des Meisterdetektivs.

Im vorliegenden Hörspiel "Das Musgrave-Ritual" aus der Collection 1 "Sherlock Holmes & Dr. Watson - Die größten Fälle" hören wir neben Pasetti als Holmes, Gerd Baltus als Sir Reginald Musgrave und Günther Ungeheuer als Butler Brunton die angenehme Stimme von Erik Schumann als Dr. Watson. Die Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1968 läßt den verzwickten Fall aufleben, indem wir die Geschichte von Holmes bzw. Musgrave erzählt bekommen. Es gibt kaum Nebenhandlungen und selbst Brunton hat nur einen kurzen Auftritt, was für die hohe Qualität der Hörspiel-Reihe spricht, da sich Günther Ungeheuer sonst nicht mit einer so kleinen Rolle begnügt haben dürfte.
Die Handlung hält sich eng an die literarische Vorlage und beginnt mit der Schilderung der unkonventionellen Atmosphäre des Arbeitszimmers in der Baker Street, in der Holmes inmitten einer Unordnung von unbeantworteten Briefen, alten Akten, Tabaksspuren und Chemikalien seine Schießübungen abhält. Um sich vor dem Aufräumen zu drücken und Watsons Neugierde zu befriedigen, erzählt er ihm die Geschichte des Rituals der Adelsfamilie Musgrave.
Das Anzünden eines Streichholzes, das Schmauchen der Pfeife, das Rascheln alten Dokumentenpapiers, das Zwitschern der Vögel und das Heben einer schweren Steinplatte werden akustisch umgesetzt, ohne auf Computereffekte zurückgreifen zu müssen. Der Zuhörer hat das Gefühl, mit Holmes im Arbeitszimmer zu rauchen, mit Sir Musgrave den Park auszumessen und mit den beiden in den Keller zu steigen, wobei man deutlich den Nachhall ihrer Stimmen hört. Die Texte werden lebendig umgesetzt und man sieht ein geistiges Bild vor sich, das den Eindruck vermittelt, als würden sich die Personen tatsächlich an verschiedene Schauplätze begeben. Räumliche Distanz wird angemessen dargestellt und erweckt die Illusion, ganz nah dabei zu sein. Auf die Umsetzung der hysterischen Anfälle des Zimmermädchens Rahel Howells hat man glücklicherweise verzichtet.

Der Kriminalfall wird einleuchtend geschildert und durch das Setzen von sieben Tracks in angenehme Abschnitte unterteilt. So kann man dem Geschehen in Ruhe folgen, unterbrochen von der stimmigen Komposition von Konrad Elfers.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.332

28.09.2008 14:15
#2 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

Bei der Besprechung des Hörspiels kann ich dir nur zustimmen - es gehört auch zu meinen Lieblingstiteln der Reihe und ist definitiv sehr schön umgesetzt. Eine kleine Korrektur muss ich allerdings vornehmen: Du schreibst, es gäbe 5 CD-Sets zu je 5 CDs. Es sind allerdings 4 CD-Sets, von denen drei 5 CDs und eines 3 CDs enthalten. Hier einmal die Covermotive der vier Editionen:

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

04.10.2008 19:36
#3 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Das letzte Problem" mit Peter Pasetti und Erik Schumann

Gerade "Das letzte Problem" stellt an die Sprecher eine nicht zu unterschätzende Anforderung. Besonders der Sprecher des Dr. Watson muss seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Seines besten Freundes beraubt, muss er dem Zuhörer in Ermangelung eines Bildes allein durch die Variationen seiner Stimme die tragischsten Minuten seines Lebens deutlich machen. In Verfilmungen gelingt dies meist schon durch den Anblick der tiefen Schlucht und des gewaltigen Tosens der Reichenbachfälle, im Hörspiel obliegt die Aufgabe, Trauer und Verlust zu symbolisieren, dem Sprecher; in diesem Fall: Erik Schumann.
Die Geschichte beginnt recht unspektakulär mit dem Zusammentreffen von Holmes und Watson in dessen Privatpraxis. Holmes berichtet, dass er sich bedroht fühle, da er dem mächtigsten Verbrecher Englands, dem gefährlichen Professor Moriarty, auf der Spur sei. Er stünde kurz davor, diesen und seine Hintermänner verhaften zu lassen. Der Zuhörer erkennt in der Stimme des Professors sofort Friedrich Joloff wieder, der den genialen Schurken mit Klasse spricht. Man sieht förmlich die kalten Augen seines markanten Gesichts vor sich, wenn er mit eisiger Stimme verkündet, sein Niedergang wäre auch das Ende des berühmten Detektivs.
Alles in allem ein gutes Hörspiel, mit Ausnahme der etwas albern wirkenden Szene am Bahnhof. Holmes hat sich als italienischer Geistlicher kostümiert und radebrecht minutenlang mit Watson. Der Kenner des Canons muss diese Szene als konstruierten Humor enttarnen, da Holmes "ein Kenner der italienischen Sprache ist. Neben Französisch, Deutsch und Latein beherrscht er wahrscheinlich auch Russisch." (siehe: Sherlock Holmes: Historizität von Exotik und Alltäglichkeit - Tectum Verlag)
Das Finale wird vom Rauschen des Wassers eingeleitet und endet mit einem betroffenen Erik Schumann, der eindrucksvoll vermittelt, dass "der edelste und begabteste aller Menschen" im Kampf mit seinem Widersacher zu Tode gekommen ist. Die abschließende Musik von Konrad Elfers unterstreicht dies tadellos.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

05.10.2008 13:26
#4 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Das Beryll-Diadem" mit Peter Pasetti und Klaus Behrendt

In diesem Hörspiel trifft der Eingeweihte gleich auf zwei bekannte Stimmen: Hanns Ernst Jäger ist dem Sherlock-Holmes-Freund aus dem 1968 gedrehten "Haus bei den Blutbuchen" bekannt, wo er den Patriarchen Mr. Rucastle spielt. Horst Sachtleben hatte u.a. in der "Kommissar"-Serie Auftritte als Kleinganove und dubioses Subjekt. In "Das Beryll-Diadem" sind sie Vater und Sohn. Die liebliche Mary Holder wird von Helga Zeckra gesprochen. George Burnwell tritt akustisch gar nicht in Erscheinung, er wird fast beiläufig erwähnt.
Es dauert etwas länger, bis man Sherlock Holmes zu hören bekommt, die Geschichte wird vom Bankier Holder vorgetragen, der die Aushändigung des Geldes für das wertvolle Pfand in Form eines Schmuckstückes in allen Einzelheiten schildert. Sherlock Holmes tritt in Erscheinung, um den Ort des Diebstahls gründlich zu untersuchen, wobei es eine besondere Freude ist, seine Deduktionen Schritt für Schritt erklärt zu bekommen. Nur aufgrund der Spuren im Schnee und psychologischer Analysen kann er den Tathergang aufdecken. Die harmlose Nichte wird als Täterin entlarvt, während der leichtlebige Sohn sich als bedacht und nobel erweist. Holder erhält die fehlenden Steine zurück, doch ein Kratzer bleibt - sowohl am Diadem, als auch an seiner privaten Situation.
Um nicht auszuschweifen, wird die Rückerstattung der drei gestohlenen Berylle von Holmes erzählt, ohne dabei auf einen Nebenschauplatz auszuweichen. So fällt es dem Zuhörer leicht, dem Geschehen zu folgen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Abschließend sei noch die Begleitmusik von Peter Zwetkoff zu loben, der dem "königlichen Fall" höfische Klänge hinzufügt.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.332

05.10.2008 14:11
#5 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

Nicht vergessen sollte man bei deiner Besprechung, dass Marys Stimme Helga Zeckra die Assistentin Philis von Marian Hastings im "Halstuch" spielt! Sie scheint für die Rolle des "nichtsahnenden, unschuldigen Mädchens" vorprogrammiert zu sein, auch wenn sich in "Das Beryll-Diadem" eine kleine Wendung einschleicht...

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

05.10.2008 19:44
#6 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Der Shoscombe-Rennstall" (Shoscombe Old Place) mit Peter Pasetti und Erik Schumann

Ausnahmsweise kannte ich die literarische Vorlage vor dem Hören nicht, habe mich also überraschen lassen und wurde nicht enttäuscht. Die Geschichte beginnt gemütlich in der Baker Street. Holmes untersucht Spuren unter dem Mikroskop, während Watson liest. Ein Klient sucht den Detektiv auf und bittet ihn, das seltsame Verhalten seines Herrn, des Rennstallbesitzers Noberton unter die Lupe zu nehmen. Seine Schilderungen werden vom Rauschen des Regens, dem Schlagen der Kirchturmuhr und dem Rufen der Waldkäuze untermalt. All dies vermittelt den Eindruck einer Geistergeschichte, zumal auch von einer Familiengruft und Gebeinen, die in einem Heizkessel verbrannt wurden, die Rede ist. Holmes sieht einen neuen Fall am Horizont, der ihn aus seiner Herbstlethargie reißen könnte und begibt sich mit Watson aufs Land. Gespannt und neugierig kombiniert man mit den beiden Freunden, was es mit dem Verschwinden der Hausherrin wohl auf sich haben könnte. Ruhig und logisch werden die Fakten aufgedeckt, und Sherlock Holmes kann wieder nach London zurückkehren. Sein größtes Problem ist nun, erneut eine fesselnde Beschäftigung zu finden.
Karl Lieffen bringt den Fall ins Rollen. Entgegen seiner sonstigen Besetzung wirkt Hanns Ernst Jäger hier weniger gefährlich, als in anderen Rollen. Er ist vielmehr bedrückt, dass sein Geheimnis aufgedeckt wurde. Einmal mehr muss ich feststellen, dass Erik Schumann einen vortrefflichen Dr. Watson abgibt. Er ist selbstbewusster als Klaus Behrendt und gibt einen guten Erzähler ab. Pasetti fügt seiner Rolle stets neue Nuancen hinzu, ob er nun heiser in sich hineinlacht, zwischen zwei Pfeifenzügen spricht oder flüstert, damit Anwesende ihn nicht hören können.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.332

11.10.2008 20:11
#7 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

Das Beryll-Diadem

Eine typische Holmes-Geschichte erwartet den Hörer bei diesem 1963 entstandenen Hörspiel mit Peter Pasetti und Klaus Behrendt. Peter Pasetti als Holmes ist ein Genuss. Seine freundlich-eigentümliche Art lässt den Meisterdetektiv vor dem inneren Auge auferstehen. Er ist quasi der deutsche Clive Merrison. Sein Watson in diesem Fall ist Klaus Behrendt, den ich sehr gern mag. Dieser strahlt Herzlichkeit und Wärme sowie Begeisterung für die Methoden seines Freunde aus und kommt besonders in dem Drang, Holmes' Deduktionen folgen zu wollen, dem Original sehr nahe.

Schade nur, dass sich Holmes und Watson duzen. In den 1960er Jahren jedoch, als eine gut klingende vor einer akkuraten Übersetzung zurückstehen musste und es (fast) niemanden störte, und noch dazu in einer Dramatisierung, die zwischen der Viktorianischen Ära der Kurzgeschichten und der beschwingten Gegenwart pendelt, kann man diesen Umstand zumindest zum Teil verzeihen.

Die Inszenierung ist wie immer allererste Sahne. Der Fall wird angenehm variiert und findet zu großen Teilen außerhalb der angestammten Baker-Street-Wohnung statt. Wie Percy Lister bereits erwähnte, tritt der berüchtigte George Burnwell nicht persönlich auf. Ob dies ein Plus- oder ein Minuspunkt ist, wird jeder für sich selbst entscheiden, denn bei dieser Person kommen Dramaturgen oftmals in Versuchung mit einem widerlichen Charakter "Action" in die Geschichte zu pumpen. Andererseits jedoch kann man auf die glorreiche Besetzungsgeschichte Burnwells blicken, die unter anderem den späteren Brett-Watson David Burke (in der Douglas-Wilmer-Version von 1965) umfasst.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

12.10.2008 12:41
#8 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Die einsame Radfahrerin" mit Peter Pasetti und Erik Schumann

"Die Menschen im Jahre 1904, dem Erscheinungsjahr der Geschichte "The Adventure of the Solitary Cyclist", beziehungsweise im Jahr 1895, in welchem die Geschichte spielt, waren zwar eher an Pferde gewöhnt als an Fahrräder, jedoch spielte das Rad auch damals schon eine gewisse Rolle." (Peter J.E. Malborn, Sherlock Holmes: Historizität von Exotik und Alltäglichkeit)

Die Geschichte beginnt auf die klassische Weise mit dem Besuch einer Klientin, in diesem Fall Miss Violet Smith, in der Baker Street. Sie trägt ein seltsames Problem an Holmes heran, der sich zur Lösung desselben aufs Land begeben muss. Wir erkennen in der lebhaften Stimme der jungen Frau Margot Philipp wieder, die dem SH-Freund bereits als Julia Stoner in Erich Schellows "Das gefleckte Band" geläufig ist. Wolfgang Lukschy stellt Bob Carruthers dar; eine distinguierte Stimme, die eines Gentleman würdig ist - nur passt er vom Alter her nicht zur jungen Musiklehrerin. Herbert Fleischmann zeigt das leicht erregbare Temperament des ungehobelten Jack Woodley erst in den letzten Szenen, was mich etwas enttäuscht hat, da ich immer noch die rauchige, schleppende Stimme von Michael Siberry (aus der Verfilmung mit Jeremy Brett) im Ohr habe. Dafür ist Ernst-Walter Mitulski ganz großartig als suspendierter Priester.
Wieder einmal hat man keine Mühen gescheut, uns die Landpartie akustisch zu vermitteln. Wir hören Vogelgezwitscher, eine Kutsche und ein schnaubendes Pferd. Leider - und das ist ein großes Manko - hat man vergessen, in den Eingangsschilderungen das Geräusch des Fahrrads einzubauen. Ein kurzes Knirschen der Reifen auf einem Kiesweg und das kraftvolle Treten in die Pedale hätte genügt. Erst am Ende hören wir plötzlich eine Fahrradklingel. Ich zitiere hier noch einmal aus dem eingangs erwähnten Buch: "Mangels praktizierender Alternativen zum Fahrrad ist es jedoch undenkbar, dass die Geschichte des einsamen Radfahrers mit einem anderen Verkehrsmittel hätte geschehen können. Eine Kutsche käme nicht in Frage, denn es schickte sich damals nicht für eine Dame alleine eine Kutsche zu führen.Die Begleitung einer männlichen Person wäre aus gesellschaftlichen Gründen notwendig gewesen, was dem Hausherrn die Gelegenheit gegeben hätte, Miss Smith zu eskortieren. Dies hätte die Handlung völlig verändert und eine "Verfolgung" per Fahrrad überflüssig gemacht."
Peter Pasetti und Erik Schumann zeigen wieder ihr ganzes Können und machen das halbstündige Hörspiel zu einem Genuss.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

19.10.2008 12:58
#9 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Die Weihnachtsgans" (Der blaue Karfunkel) mit Peter Pasetti und Klaus Behrendt

Das Hörspiel gewinnt vor allem in der zweiten Hälfte an Tempo und Ausdruckskraft, was vor allem der Schauspielkunst Hans Clarins zu verdanken ist, der dem Juwelendieb James Ryder durch seine unverwechselbare Stimme Leben einhaucht. Die Geschichte beginnt mit der wohl bekanntesten Deduktion des englischen Detektivs, der Untersuchung des Filzhutes von Henry Baker. Da die Vorlage von Conan Doyle den Fall am zweiten Weihnachtstag ansiedelt, erleben wir nur eine dezente Festtagsstimmung. Man hört zwar auf dem Geflügelmarkt im Hintergrund eine Geige leise ein Weihnachtslied spielen, ansonsten bleiben die Übersetzer eng an der Originalgeschichte.
Ein Punkt ist dennoch zu bemängeln. In der Szene im Arbeitszimmer von Sherlock Holmes, als James Ryder mit Spannung wartet, was ihm der Detektiv zu sagen hat, hätte man zwischen den Feststellungen von Holmes und der darauffolgenden Reaktion von Ryder unbedingt eine Gedankenpause setzen müssen. Sie wäre dramaturgisch nötig gewesen. In der filmischen Umsetzung mit Jeremy Brett wird sehr schön gezeigt, wie Sherlock Holmes den Verdächtigen in die Baker Street lockt, ihm scheinbar helfen will und ihn dann mit der Tatsache konfrontiert, dass er ihn durchschaut hat.
Mit einer Geste der Vergebung endet dieser Fall und zeigt einmal mehr, dass es bei Sherlock Holmes nicht immer zur Verhaftung des Täters kommen muss, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

26.10.2008 12:01
#10 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Das leere Haus" mit Peter Pasetti und Erik Schumann

Mit großem Vergnügen habe ich dem Hörspiel "Das leere Haus" gelauscht. War die Vorgänger-Geschichte "Das letzte Problem" bereits eine Anforderung an die Schauspielkunst der beiden Hauptpersonen, so übertrifft dieses Stück die Skala der Emotionen und Stimmlagen noch um einiges. Schumann und Pasetti liefern eine lobenswerte Leistung ab, indem sie dem Hörer ihre Gefühle auf dem Silbertablett servieren. Erwähnenswert finde ich vor allem, dass die Vorlage um einige wesentliche Punkte abgeändert bzw. ergänzt wurde. So finden wir hier zu Beginn der Geschichte eine zufällige Begegnung von Dr. Watson mit Mycroft Holmes, dem Bruder des vor drei Jahren verstorbenen Sherlock. Er spricht Watson sein Beileid zum kürzlichen Ableben seiner Gattin aus und kündigt bereits kryptisch an, er solle das Unerwartete erwarten. Hans Caninenberg leiht dem "Genius am Schreibtisch" seine distinguierte Stimme.
Das Zusammentreffen des alten Buchhändlers mit Watson vor dem Gerichtsgebäude wird durch wilde Spekulationen über den Mordfall Ronald Adair untermalt, wobei die unverkennbare Stimme von Dietrich Thoms wieder einmal aus der Masse herauszuhören ist. Die anschließende Szene im Arbeitszimmer des Doktors, in der Holmes seine Maske fallen läßt und sich seinem Freund zu erkennen gibt, ist wunderbar umgesetzt. Schumann beweist hier einmal mehr, dass er ein wandlungsfähiger Sprecher ist.
Klug war es auch, dass Holmes nicht nur die Ereignisse an den Reichenbachfällen vor drei Jahren rekapituliert, sondern gleichzeitig Hintergründe über die Person des Obersten Moran liefert. In der Vorlage von Conan Doyle geschieht dies erst zum Schluss. Die nächtliche Wache im leeren Haus gegenüber der Baker-Street-Wohnung lässt endlich auch Mrs. Hudson zu Wort kommen und erfährt durch das Abfeuern eines Schusses die nötige Würze. Der Mordfall Adair wird gerade so ausführlich geschildert wie nötig, ohne dabei den eigentlich wichtigen Punkt aus den Augen zu verlieren: Die Tatsache, dass sich "Mr. Sherlock Holmes wieder frei und ungestört dem Studium jener interessanten kleinen Probleme widmen kann, an denen im Londoner Leben wahrhaftig kein Mangel ist".
Was den Original-Titel der Geschichte "The Empty House" anbelangt, möchte ich andeuten, dass damit wohl nicht nur das Haus gegenüber der Wohnung in der Baker Street 221B gemeint ist, sondern auch das ehemalige Heim von Sherlock Holmes. Stand es doch drei lange Jahre leer, unangetastet, da Mycroft weiterhin die Miete bezahlte und nichts verändert hat.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

27.10.2008 15:22
#11 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Sherlock Holmes verfolgt eine Fährte" mit Alexander Kerst und Heinz Leo Fischer

Für diese Erzählung liegen eine Reihe von verschiedenen Titeln vor. Der Originaltitel "The Priory School" wurde auch unter "Spuren im Moor", "Die Entführung aus der Klosterschule" und "Die Internatsschule" veröffentlicht.

Erstmals begegnete ich hier Alexander Kerst als Sprecher des großen britischen Detektivs. Nach der teils süffisanten, teils ironischen Stimme von Peter Pasetti, die zudem über ein charakteristisches Timbre verfügt, das sie aus dem Stimmenwirrwarr heraushebt, fiel es mir schwer, mich an einen neuen Holmes zu gewöhnen. Ebenso ging es mir mit Watson Heinz Leo Fischer, der nach den schmeichelnden Stimmen von Klaus Behrendt und Erik Schumann eine ruppige Abwechslung ist. Ich könnte nicht sagen, wer Holmes und wer Watson ist, so sehr gleichen sich die beiden Stimmen.
Die akustische Untermalung (das Quaken der Frösche im Moor, das Knarren der Stiefel auf den Wegen, das Knistern des Gebüschs, das Pfeifen des Windes, die geschickt eingesetzte Musik) ist glänzend gemacht. Die Geschichte wird weniger farbig ausgemalt, als z.B. in der Verfilmung mit Jeremy Brett und Edward Hardwicke, was sicher auch an der kurzen Laufzeit (27 Min.) liegt. Deshalb empfiehlt es sich, die Geschichte um die nächtliche Flucht aus dem Internat zuerst zu lesen, bevor man sich das Hörspiel zu Gemüte führt.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

29.10.2008 15:43
#12 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"London im Nebel" (Die Bruce-Partington-Pläne) mit Peter Pasetti und Erik Schumann

Die Geschichte bietet dem Hörer erneut die seltene Gelegenheit, Mycroft Holmes zu begegnen. Er behandelt den Partner seines Bruders mit Höflichkeit und unterscheidet sich dadurch sehr von seinem Pendant auf dem Bildschirm. Hans Caninenberg erweist sich als weitaus kultivierter als Hans Cossy, der Paul Edwin Roth mehrmals barsch widerspricht. Der Kriminalfall der entwendeten Pläne für das Bruce-Partington-Unterseeboot ist ein wenig heikel. Er muss mit vielen Außenszenen auf dem Bahnhof und einer spannenden Einbruchsszene umgesetzt werden. Beides finden wir in diesem Hörspiel.
Pasetti und Schumann tragen die Dialoge mit Gelassenheit und Stil vor. Es ist ein Vergnügen, ihnen zu lauschen, da der Erzählfluss genau im richtigen Tempo dahinplätschert. Besonders die sehr anschaulich durch Wort und Ton illustrierte Atmosphäre (öliger Nebel an den Fenstern, Pfeifen der Lokomotive) macht den Charme des Hörspiels aus. Man lauscht ihm am besten an einem verregneten Herbstnachmittag oder klirrend kalten Winterabend.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.332

31.10.2008 18:44
#13 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

Das Geheimabkommen

Auch ich hörte mir heute eine der SR-Umsetzungen mit Alexander Kerst und Heinz-Leo Fischer an. Die Geschichte selbst, die den schockierenden Raub eines geheimen Staatsdokuments schildert, dürfte ja ausreichend bekannt sein. Während Kerst sich als Holmes durchaus gut macht (natürlich kommt er nicht ganz an Pasetti heran, aber bei zwei verschiedenen Sprechern ist auch keine Eins-zu-Eins-Kopie zu erwarten), muss man Fischer leider als Fehlbesetzung bezeichnen. Er ist zu alt und passt eher in die Rolle eines Schurken, wirkt oft etwas unhöflich oder zumindest leger und rollt das R recht unangenehm. Auch ein weiterer Sprecherausfall ist zu verzeichnen: Corinna Rahls, die die Verlobte von Percy Phelps spricht, hat etwas äußerst unsympathisches an sich.

An der Umsetzung der Geschichte gibt es nicht viel auszusetzen. Man beschränkte sich in der recht kurzen Spielzeit auf das Wesentliche und die fatale Klingel im Zimmer des Beamten ist nach wie vor im Ohr präsent. Leider machen sich dagegen einige der visuellen Effekte der Geschichte nicht so gut wie etwa in der Verfilmung mit Jeremy Brett und David Burke: Der Kampf Holmes’ mit dem Täter und der Flottenvertrag, den der Detektiv unter einer Cloche versteckt, wirken nicht recht auf den Zuhörer und sind daher vergebene Liebesmüh. Alles in allem trotzdem recht gelungen, wenngleich sicher kein Highlight der Serie.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

31.10.2008 19:47
#14 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

"Sherlock Holmes auf Freiersfüßen" mit Peter Pasetti und Klaus Behrendt

Der Titel des Hörspiels erweckt im Zuhörer falsche Vorstellungen, geht es Sherlock Holmes bei seiner Freundschaft mit dem Zimmermädchen des Charles Augustus Milverton (in der Maskerade eines Klempners) doch in erster Linie darum, im Interesse seiner Klientin kompromittierende Briefe aus dem Safe eines Erpressers zu stehlen und nicht, wie angedeutet, zarte Bande zu knüpfen.
Über Holmes' Vorgehen im Fall Milverton wurde des öfteren hitzig diskutiert. In der Verfilmung mit Jeremy Brett wird dem Zuseher eine Kuss-Szene zwischen Holmes und dem Zimmermädchen zugemutet. Davon ist in der Originalvorlage freilich nicht die Rede: "Ich bin alle Abende mit ihr spazieren gegangen und habe mit ihr geplaudert. Lieber Himmel, diese Unterhaltungen! Doch ich habe alles erfahren, was ich wollte." Zu Holmes' Verteidigung sei zu sagen, dass es sich wohl um keine Verlobung im üblichen Sinne gehandelt hat, sondern mehr um ein Einverständnis. Schließlich hat er bereits einen Nebenbuhler, "der sicher meine Stelle einnehmen wird, sobald ich ihr den Rücken kehre." - Das hört sich nicht nach tief verletzten Gefühlen an.
In diesem Hörspiel erhält Klaus Behrendt als Dr. Watson erstmals die Gelegenheit, seinem Freund Holmes scharf zu widersprechen. Während er in der Vorlage nur Bedenken äußert, droht er Holmes hier für den Fall eines Einbruchs in die Villa sogar mit der Polizei. Die nächtliche Wiederbeschaffung der Dokumente wird durch das unerwartete Auftreten einer Frau unterbrochen. Sie will sich an Milverton rächen und tötet ihn. Holmes und Watson entwischen unerkannt und frohlocken innerlich, dass der Spuk nun ein Ende hat und ein gemeiner Erpresser weniger in London herumläuft.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.332

31.10.2008 20:06
#15 RE: Sherlock-Holmes-Hörspiele mit Peter Pasetti und Alexander Kerst Zitat · Antworten

Sherlock Holmes auf Freiersfüßen

Die Kurzgeschichte „Charles Augustus Milverton“ eignet sich für Hörspielumsetzungen offenbar grandios, denn sowohl dieser Teil der Peter-Pasetti-Reihe als auch das Hörspiel von Titania Medien aus dem Jahr 2005 (mit Joachim Tennstedt als Holmes und Detlef Bierstedt als Watson) sind überaus unterhaltsam. Denn auch wenn der Fall als solcher nicht viele Überraschungen bereithält, so sind die einzelnen Handlungselemente doch sehr mitreißend: Holmes als Liebhaber, Holmes und Watson als Einbrecher und Selbstjustiz. Sowohl Pasetti und Behrendt als auch Tennstedt und Bierstedt meistern ihre sehr amüsanten Plots souverän und leiten den Zuschauer durch die Geschichte. Watson als zutiefst rechtschaffener und ein wenig naiver Mitbürger ist über Milvertons Treiben freilich unglaublich entsetzt, was sowohl den Einbruch als auch Holmes’ betrügerische Vorwände gegenüber dem Dienstmädchen zumindest ansatzweise rechtfertigt. Was wohl geschehen wäre, wenn ein solches Ausnutzen einer Frau als Informationsquelle in heutiger Zeit in einer Geschichte dieser Prominenz veröffentlicht würde?

Beide Adaptionen schließen mit einem augenschmunzelnden Gespräch mit Inspektor Lestrade beim BR und Inspektor Jones bei Titania, letzterer wie bereits in „Das Zeichen der Vier“ so unverkennbar und unnachahmlich von Christian Rode gesprochen, der in der aktuellen Maritim-Reihe wiederum den Sherlock Holmes selbst gibt. Noch ein Besetzungsfaktum am Rande: Wer war bei Pasetti noch gleich der Inspektor Lestrade? Richtig, Bum Krüger aus „Die Schlüssel“...

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