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Dieses Thema hat 15 Antworten
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 Giallo Forum
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.547

06.03.2018 13:30
#16 RE: Das Geheimnis der blutigen Lilie (1972) Zitat · antworten



BEWERTET: "Das Geheimnis der blutigen Lilie" / "Der Satan mit dem Skalpell" (Original: "Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?") Italien 1972
mit: Edwige Fenech, George Hilton, Paola Quattrini, Giampiero Albertini, Franco Agostini, Annabella Incontrera, Maria Tedeschi, George Rigaud, Ben Carrà, Carla Brait, Oreste Lionello, Evi Farinelli, Luciano Pigozzi u.a. | Drehbuch: Ernesto Gastaldi | Regie: Giuliano Carnimeo

Der Architekt Andrea Antinori sucht Fotomodelle für Werbezwecke und wird auf die junge Jennifer und ihre Freundin Marylin aufmerksam. Er verschafft ihnen den Mietvertrag für ein Luxusapartment, in dem kurz vorher ein Mord geschehen ist. Es war bereits das zweite Tötungsdelikt in dem zwanzigstöckigen Hochhaus. Jennifer versucht sich von ihrer dunklen Vergangenheit zu befreien, als sie Mitglied einer obskuren Sekte war. Doch ihr früherer Liebhaber Adam lässt ihr keine Ruhe. Steckt er hinter den Frauenmorden? Und was hat es damit auf sich, dass der smarte Andrea kein Blut sehen kann?

Der stimmungsvolle Reigen aus "Der Killer von Wien" wird hier glaubwürdig fortgesetzt und zeigt erneut Schneewittchen Edwige Fenech und den charismatischen George Hilton im Paarlauf. Erneut bedroht ein grober Mann aus der Vergangenheit ihr künftiges Glück und wirft dunkle Schatten auf die verängstigten Gesichter der Hauptdarsteller. Das reizvolle Märchenkonzept der bedrohten Schönheit, die von einem tapferen Prinzen gerettet wird, erfährt dem Genre entsprechende Variationen. Wieder einmal sind es Frauen, die von der scharfen Klinge eines unheimlich und geschlechtslos maskierten Täters gestreift werden. Es scheint so, als müsste dem verführerischen und sündigen Geschlecht ein Ende bereitet werden - jedenfalls zieht sich dieses Fazit wie ein roter Faden durch den gesamten Film. Ungewohnt offene Töne schlägt auch die Kriminalpolizei an; stellenweise redet der Inspektor daher, als gelüste es ihn selbst nach einer saftigen Bluttat. Vulgäre und ordinäre Reden bleiben nicht aus, vor allem, wenn es sich um das afrikanische Opfer Mizar handelt. Geschickt greift der Regisseur das in Italien bis heute vorhandene negative und nur auf Äußerlichkeiten gerichtete Frauenbild auf, das zwischen einer strengen, fürsorglichen und bigotten Mutter und einer leichtlebigen Hure wenig Platz lässt. Giampiero Albertini stattet seinen Chefermittler mit Zügen aus, die ihn teils väterlich, teils aufdringlich erscheinen lassen und Zweifel an seiner Integrität streuen. Die starke Präsenz der Polizei pendelt das Gleichgewicht zwischen Opfer- und Ermittlerumfeld aus und kommentiert die Fälle von einer neutralen Warte aus. Pointierte Bemerkungen lockern das angstvolle Ambiente auf und fungieren als Katalysator für die angestaute unheilvolle Spannung. Potentielle Verdächtige gibt es gleich mehrere, sowohl auf der männlichen, als auch auf der weiblichen Seite und so versucht der Zuschauer den Täter anhand eines überzeugenden Motivs zu enttarnen. Leider versagt das ansonsten einwandfreie Drehbuch gerade in diesem Punkt und liefert am Ende eine wenig plausible Erklärung. Man kann mit dem Mörder zufrieden sein, nicht jedoch mit seiner fadenscheinigen Begründung der Taten.



Mit Fenech und Hilton präsentiert die Produktion zwei Schwergewichte des Genres, die den Film im Alleingang zu tragen bereit sind. Ihre sympathische Ausstrahlung, die weder durch Unklarheiten bezüglich ihrer Lauterkeit, noch durch dunkle Geheimnisse getrübt werden kann, macht sie zu wichtigen Identifikationsfiguren für das Publikum, das hier noch weiteres darstellerisches Bonusmaterial geliefert bekommt. Annabella Incontrera entwirft das Bild der in einer emotional unstabilen Familiensituation lebenden Frau, deren Freiheit die Grenzen der Erwartungshaltung an ihre häusliche Loyalität nicht überschreiten darf. Die unterschwelligen Andeutungen einer lesbischen Veranlagung erinnern an ihre Rolle in "A Doppia Faccia - Das Gesicht im Dunkeln" (1969). Maria Tedeschi liefert groteske Momente einer Schrulligkeit, die vermutlich gar nicht altersbedingt ist, sondern aus Renitenz und Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer resultiert. Ein Beispiel köstlichen schwarzen Humors zeigt folgender Dialog an einem Zeitungsstand: "Auch diese mit den Skeletten." - "Hier, bitte. Diese Woche werden Sie zufrieden sein, sie ist voller Leichen." Paola Quattrini gibt die lebenslustige Freundin der Heldin, die mangels Tiefgang von vornherein als Mordopfer in spe identifiziert wird. Oreste Lionello zeigt den sexistischen Fotografen par excellence, der mit hängender Zunge und dümmlichen Bemerkungen seine Modelle ablichtet. George Rigaud setzt spärliche Akzente zwischen Exzentrizität und zelebrierter Abwesenheit, sodass das Hochhaus weitere Abgründe hinter fest verschlossenen Türen bereithält. Der Film liegt mir aus der Reihe "The X-Italo-Giallo-Series" vor. Ich habe den italienischen Originalton mit nicht optionalen deutschen Untertiteln gesehen und konnte einige Unterschiede in der Übersetzung feststellen. Nicht nur, was die Deutlichkeit der Aussagen anbelangt, sondern auch den Inhalt betreffend. Die Musik ist im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern recht unauffällig, aber angenehm. Ebenso fallen die Kostüme ins Auge, die typische Siebziger-Jahre-Elemente transportieren, wobei gerade Jennifer häufig ihre Kleider wechselt bzw. ablegt.

Atmosphärisch dichter Giallo mit einem augenschmeichelnden Ensemble in der anonymen Bedrohung der urbanen Welt. Das Traumpaar des Genres verwöhnt den Zuseher mit stilvollen optischen Attributen, wobei ihm einiges an Körpereinsatz abverlangt wird. Die sarkastischen Dialoge der Polizei runden einen Film ab, der in den Abgründen exzentrischer Individualität fischt und so manche Absonderlichkeit ans Licht befördert. 4,5 von 5 Punkten

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