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Dieses Thema hat 18 Antworten
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 Giallo Forum
Seiten 1 | 2
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

06.03.2018 13:30
#16 RE: Das Geheimnis der blutigen Lilie (1972) Zitat · antworten



BEWERTET: "Das Geheimnis der blutigen Lilie" / "Der Satan mit dem Skalpell" (Original: "Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?") Italien 1972
mit: Edwige Fenech, George Hilton, Paola Quattrini, Giampiero Albertini, Franco Agostini, Annabella Incontrera, Maria Tedeschi, George Rigaud, Ben Carrà, Carla Brait, Oreste Lionello, Evi Farinelli, Luciano Pigozzi u.a. | Drehbuch: Ernesto Gastaldi | Regie: Giuliano Carnimeo

Der Architekt Andrea Antinori sucht Fotomodelle für Werbezwecke und wird auf die junge Jennifer und ihre Freundin Marylin aufmerksam. Er verschafft ihnen den Mietvertrag für ein Luxusapartment, in dem kurz vorher ein Mord geschehen ist. Es war bereits das zweite Tötungsdelikt in dem zwanzigstöckigen Hochhaus. Jennifer versucht sich von ihrer dunklen Vergangenheit zu befreien, als sie Mitglied einer obskuren Sekte war. Doch ihr früherer Liebhaber Adam lässt ihr keine Ruhe. Steckt er hinter den Frauenmorden? Und was hat es damit auf sich, dass der smarte Andrea kein Blut sehen kann?

Der stimmungsvolle Reigen aus "Der Killer von Wien" wird hier glaubwürdig fortgesetzt und zeigt erneut Schneewittchen Edwige Fenech und den charismatischen George Hilton im Paarlauf. Erneut bedroht ein grober Mann aus der Vergangenheit ihr künftiges Glück und wirft dunkle Schatten auf die verängstigten Gesichter der Hauptdarsteller. Das reizvolle Märchenkonzept der bedrohten Schönheit, die von einem tapferen Prinzen gerettet wird, erfährt dem Genre entsprechende Variationen. Wieder einmal sind es Frauen, die von der scharfen Klinge eines unheimlich und geschlechtslos maskierten Täters gestreift werden. Es scheint so, als müsste dem verführerischen und sündigen Geschlecht ein Ende bereitet werden - jedenfalls zieht sich dieses Fazit wie ein roter Faden durch den gesamten Film. Ungewohnt offene Töne schlägt auch die Kriminalpolizei an; stellenweise redet der Inspektor daher, als gelüste es ihn selbst nach einer saftigen Bluttat. Vulgäre und ordinäre Reden bleiben nicht aus, vor allem, wenn es sich um das afrikanische Opfer Mizar handelt. Geschickt greift der Regisseur das in Italien bis heute vorhandene negative und nur auf Äußerlichkeiten gerichtete Frauenbild auf, das zwischen einer strengen, fürsorglichen und bigotten Mutter und einer leichtlebigen Hure wenig Platz lässt. Giampiero Albertini stattet seinen Chefermittler mit Zügen aus, die ihn teils väterlich, teils aufdringlich erscheinen lassen und Zweifel an seiner Integrität streuen. Die starke Präsenz der Polizei pendelt das Gleichgewicht zwischen Opfer- und Ermittlerumfeld aus und kommentiert die Fälle von einer neutralen Warte aus. Pointierte Bemerkungen lockern das angstvolle Ambiente auf und fungieren als Katalysator für die angestaute unheilvolle Spannung. Potentielle Verdächtige gibt es gleich mehrere, sowohl auf der männlichen, als auch auf der weiblichen Seite und so versucht der Zuschauer den Täter anhand eines überzeugenden Motivs zu enttarnen. Leider versagt das ansonsten einwandfreie Drehbuch gerade in diesem Punkt und liefert am Ende eine wenig plausible Erklärung. Man kann mit dem Mörder zufrieden sein, nicht jedoch mit seiner fadenscheinigen Begründung der Taten.



Mit Fenech und Hilton präsentiert die Produktion zwei Schwergewichte des Genres, die den Film im Alleingang zu tragen bereit sind. Ihre sympathische Ausstrahlung, die weder durch Unklarheiten bezüglich ihrer Lauterkeit, noch durch dunkle Geheimnisse getrübt werden kann, macht sie zu wichtigen Identifikationsfiguren für das Publikum, das hier noch weiteres darstellerisches Bonusmaterial geliefert bekommt. Annabella Incontrera entwirft das Bild der in einer emotional unstabilen Familiensituation lebenden Frau, deren Freiheit die Grenzen der Erwartungshaltung an ihre häusliche Loyalität nicht überschreiten darf. Die unterschwelligen Andeutungen einer lesbischen Veranlagung erinnern an ihre Rolle in "A Doppia Faccia - Das Gesicht im Dunkeln" (1969). Maria Tedeschi liefert groteske Momente einer Schrulligkeit, die vermutlich gar nicht altersbedingt ist, sondern aus Renitenz und Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer resultiert. Ein Beispiel köstlichen schwarzen Humors zeigt folgender Dialog an einem Zeitungsstand: "Auch diese mit den Skeletten." - "Hier, bitte. Diese Woche werden Sie zufrieden sein, sie ist voller Leichen." Paola Quattrini gibt die lebenslustige Freundin der Heldin, die mangels Tiefgang von vornherein als Mordopfer in spe identifiziert wird. Oreste Lionello zeigt den sexistischen Fotografen par excellence, der mit hängender Zunge und dümmlichen Bemerkungen seine Modelle ablichtet. George Rigaud setzt spärliche Akzente zwischen Exzentrizität und zelebrierter Abwesenheit, sodass das Hochhaus weitere Abgründe hinter fest verschlossenen Türen bereithält. Der Film liegt mir aus der Reihe "The X-Italo-Giallo-Series" vor. Ich habe den italienischen Originalton mit nicht optionalen deutschen Untertiteln gesehen und konnte einige Unterschiede in der Übersetzung feststellen. Nicht nur, was die Deutlichkeit der Aussagen anbelangt, sondern auch den Inhalt betreffend. Die Musik ist im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern recht unauffällig, aber angenehm. Ebenso fallen die Kostüme ins Auge, die typische Siebziger-Jahre-Elemente transportieren, wobei gerade Jennifer häufig ihre Kleider wechselt bzw. ablegt.

Atmosphärisch dichter Giallo mit einem augenschmeichelnden Ensemble in der anonymen Bedrohung der urbanen Welt. Das Traumpaar des Genres verwöhnt den Zuseher mit stilvollen optischen Attributen, wobei ihm einiges an Körpereinsatz abverlangt wird. Die sarkastischen Dialoge der Polizei runden einen Film ab, der in den Abgründen exzentrischer Individualität fischt und so manche Absonderlichkeit ans Licht befördert. 4,5 von 5 Punkten

Gubanov Offline




Beiträge: 15.971

11.08.2019 13:30
#17 RE: Das Geheimnis der blutigen Lilie (1972) Zitat · antworten



Das Geheimnis der blutigen Lilie / Der Satan mit dem Skalpell
(Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer? / The Case of the Bloody Iris)


Kriminalfilm, IT 1972. Regie: Anthony Ascott (d.i. Giuliano Carnimeo). Drehbuch: Ernesto Gastaldi. Mit: Edwige Fenech (Jennifer Osterman), George Hilton (Andrea Antinori), Annabella Incontrera (Sheila Isaacs), Paola Quattrini (Marilyn, Freundin von Jennifer), Giampiero Albertini (Kommissar Erici), Georges Rigaud (Professor Isaacs), Franco Agostini (Polizeibeamter Redi), Ben Carrà (Adam, Ehemann von Jennifer), Carla Brait (Misari), Maria Tedeschi (Nachbarin Signora Moss) u.a. Uraufführung (IT): 10. August 1972. Uraufführung (BRD): Februar 2006. Eine Produktion von Galassia Cinematografica und Lea Film für Interfilm.

Zitat von Das Geheimnis der blutigen Lilie
Weil ihr Ex-Mann ihr nachstellt, ist Fotomodell Jennifer ohnehin schon ein einziges Nervenbündel. Dass sie dann aber auch noch in die Wohnung zieht, in der eine Bekannte von einem maskierten Mörder getötet worden ist, ist zu viel für die angespannte junge Frau. Auch Jennifer bekommt nächtlichen Besuch von dem Maskenmann, kann ihn aber im letzten Moment abwehren. Die Gefahr ist damit noch nicht gebannt: Die Polizei will sie als Lockvogel benutzen, um den Unbekannten auf frischer Tat zu ertappen, stellt sich bei der Überwachung aber alles andere als clever an. Und dann muss Jennifer sogar befürchten, dass ihr neuer Freund, der Architekt Andrea, der Mörder ist. Doch worin sollte sein Motiv bestehen?


Im Idealfall beeindrucken Gialli durch ihre Kreativität und ihre Ambition, Genremerkmale mit frischen Herangehensweisen und unkonventionellen Ideen aufzupeppen. Beispielsweise hat man an „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ und „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ gesehen, dass einfallsreiche Regisseure mit guten Ideen und hochwertiger Umsetzung selbst angestaubten Filmreihen auf beeindruckende Weise wieder neues Leben einhauchen können. Leider finden sich derartige Ansprüche nicht in allen italienischen Krimis der damaligen Zeit; manche wie „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ gestalten sich zwar insgesamt stimmig, sind aber selbst nur Abziehbilder früherer Erfolge ähnlicher Art. So erinnert der vorliegende Film stark an „Der Killer von Wien“ und „Die Farben der Nacht“ und setzt hier in einem dritten Akt die „Treiben wir Edwige Fenech in den Wahnsinn“-Festspiele lückenlos fort.

Die Handlung gestaltet sich entsprechend überschaubar; mit Ausnahme einiger Morde haben die meisten Szenen den unmittelbaren Zweck, der nervösen Jennifer noch mehr Angst einzujagen. Der sonst so zielstrebige Killer, der nicht vor urplötzlichen Morden an belebten Orten wie einem Aufzug oder einer Einkaufsstraße zurückschreckt, stellt sich dabei erstaunlich fahrig und lasch an, greift Jennifer mehrfach an und lässt sie immer wieder entkommen. Immerhin ist er dabei stylish angezogen. Edwige Fenech darf bei ihren Begegnungen mit dem Strolch wie gewohnt zittern, die Augen aufreißen und um Hilfe schreien und kommt all diesen nicht wirklich schwierigen Anforderungen in ausreichender Qualität nach. Ähnlich wie in in den beiden Sergio-Martino-Filmen, die für die „Lilie“ Pate standen (auch dieser Film wurde von Luciano Martino produziert), wabern in Fenechs Hintergrundstory einige wirre Sexfantasien umher, die wenig zur Geschichte beitragen, sie aber als besonders schutzbedürftige Protagonistin charakterisieren und gleichzeitig den Zeitgeist befriedigen sollen.



Wer dürfte natürlich besser dafür geeignet sein, auf die bedrohte Unschuld aufzupassen, als George Hilton? So zumindest die Theorie, denn Hilton ist erstaunlich wenig präsent, obwohl seine Rolle als möglicher Rädelsführer der Verschwörung recht reizvoll ausfällt. Am Ende des Films macht er immerhin ein Comeback mit ordentlichem Körpereinsatz. Für die meiste Zeit ist Fenech allerdings auf die Bewachung durch zwei Polizisten angewiesen, die ihr Fach so schlecht verstehen wie nur wenige andere Berufskollegen. Die Szenen mit Giampiero Albertini und vor allem mit Franco Agostini sind teilweise so slapstickhaft, dass sie die angespannte Atmosphäre stark schädigen. Selbst ein Inspektor Lestrade oder ein Kommissar Juve hätten sich vermutlich smarter bei der Verfolgung des Killers angestellt als diese beiden Schießbudenfiguren. Der Inspektor scheint sogar so verpeilt zu sein, dass er einen großen Stadtplan von London in seinem Büro aufgehängt hat, obwohl er in Rom ermittelt ...

Immerhin präsentiert der Film eine angenehme Riege an potenziellen Mordopfern, die dann auch pflichtschuldig ins Gras beißen (prägnante, wenn auch nicht immer realistische Todesszenen), sowie an Verdächtigen. Insbesondere Annabella Incontrera, die sich diesmal etwas mehr profilieren kann als in „Das Gesicht im Dunkeln“, obwohl ihre Rolle wieder in eine ähnliche Richtung tendiert, sowie Maria Tedeschi als schrullige Nachbarin mit scheinbarem Horror-Roman-Tick und gruseligem Geheimnis überzeugen als skurrile Typen; auch der exaltierte schwule Fotograf (Oreste Lionello) lockert die Handlung in der ersten Hälfte ein wenig auf. So trifft der Film zumeist einen recht angenehmen Ton, auch wenn sein Tempo insgesamt höher bzw. weniger wechselhaft sein könnte. Stellenweise legt er gut vor, lässt dann aber wieder ellenlange ernüchternde Szenen mit den Polizisten einsetzen. Kritisch muss man außerdem anmerken, dass die Regie von Giuliano Carnimeo nie das Niveau der absoluten Giallo-Größen erreicht, was in Anbetracht der offenkundigen Vorbilder des Films sowie einiger anderer Reminiszenzen (z.B. der Verfolgung auf dem Schrottplatz, die an die „schwarzen Handschuhe“ erinnert, aber ungleich unkultiger ausfällt) ein wenig bedauerlich ist. Obwohl Ernesto Gastaldis Drehbuch einige Schnitzer hat – gerade die leidige Motiv-Frage –, hätte es mehr Potenzial entfalten können, wenn der Film von Martino selbst oder von einem Regisseur wie Luciano Ercoli oder Luigi Bazzoni umgesetzt worden wäre.

Die einigermaßen unerklärliche Schlussszene eröffnet neue Perspektiven auf den Film, der mit der beschwingten Musik von Bruno Nicolai ausklingt. Gibt es einen Teil der Hintergrundgeschichte, der im Verborgenen geblieben ist? Wer im Hause, in dem der Großteil des Geschehens spielt, zieht die Strippen in Bezug auf mögliche lesbische Verlockungen? Haben sich mit dem Ausscheiden des Killers und des gezeichneten Sündenbocks die Mordtaten wirklich erledigt oder werden sie sich fortsetzen, z.B. durch die Hand der verrückten Mutter, die gegen die jungen Mädchen eine vergleichbare Abneigung hegt? Leider wird wenig von diesen offenen Fragen geklärt, obwohl es sicher kein großer Rückschritt in Sachen Kreativität gewesen wäre, von „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ einfach noch eine Fortsetzung zu drehen.

Trotz hyperprominenter Besetzung der Hauptrollen und klassischer Mordserien-Thematik schließt „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ nicht zu den stärksten Gialli auf. Zu flapsig sind sowohl die Inszenierung und Kameraarbeit als auch die Mörder- und Ermittlerfiguren. Dass man viel Erwartetes geboten bekommt, kann man mögen oder ein bisschen langweilig finden; von Regisseur Carnimeo war jedenfalls offenbar nichts Experimentelles zu erwarten. Unterm Strich dürften 3,5 von 5 Punkten das Gebotene – ein Wohlfühl-Krimirätsel mit teilweisem trash- und guilty pleasure-Charakter – adäquat in Punktform übertragen.

Georg Offline




Beiträge: 3.025

11.08.2019 16:43
#18 RE: Das Geheimnis der blutigen Lilie (1972) Zitat · antworten

In welcher Sprachfassung hast Du den Film gesehen? Ich kannte viele Jahre nur die italienische Originalfassung, als ich heuer die deutsche Synchronfassung hörte, traf mich fast der Schlag: so etwas Schlechtes habe ich noch nie gehört.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.971

12.08.2019 06:30
#19 RE: Das Geheimnis der blutigen Lilie (1972) Zitat · antworten

Dass die Direct-to-DVD-Synchro dieses Films miserabel ist, wundert mich keineswegs. Davon lasse ich seit meinem ernüchternden Erlebnis mit der deutschen Fassung von "Die Farben der Nacht" tunlichst die Finger. Mir liegt allerdings auch nicht der italienische O-Ton vor, sondern die US-DVD von Blue Underground mit English-only-Option. Die geht prinzipiell in Ordnung, würde ich sagen.

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