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 Film- und Fernsehklassiker international
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Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

22.02.2009 13:15
#76 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

"Die russische Gräfin"

Das Gartenkonzert, das der bekannte Juwelensammler Hardman gibt, ist für distinguierte, aber farblose Gäste gedacht und der Zuseher verlangt innerlich bereits nach dem Esprit von Hercule Poirot, als im oberen Stock des Hauses ein raffinierter Einbruch passiert. Die Ermittlungen bieten keine großen Rätsel, die es zu knacken gilt, da bereits in den ersten Minuten feststeht, wer sich am Safe des Sammlers vergriffen hat. Umso erstaunlicher ist es, dass Hercule Poirot seine kleinen grauen Zellen für einen Augenblick vernachlässigt, als ihm die russische Gräfin Vera Rossakoff vorgestellt wird. Ergeben überreicht er ihr seine Visitenkarte und der Zuschauer ahnt, was sich nun abspielen wird: Captain Hastings und Miss Lemon obliegt die Aufgabe, Chief Inspector Japp bei der Aufklärung der Diebstähle zu helfen, während Poirot tagelang mit der Gräfin spazieren geht und ausgedehnte Mahlzeiten einnimmt. Die Ablenkungsmanöver, die er Mithilfe bezahlter Detektive (was an sich für Poirot schon ein Minuspunkt ist, da er sich selbst sonst für den einzig wahren Detektiv hält) inszeniert, dienen nur dazu, Hastings und Miss Lemon zum Narren zu halten, was kein galanter Zug von ihm ist.
Apropos Zug: Man atmet erleichtert auf, als die Gräfin endlich in den Waggon einsteigt und der Bahnvorsteher das Signal zur Abfahrt gibt. Poirot kehrt nach Whitehaven Mansions zurück, wo ihn viel ehrlichere und treuere Freunde erwarten, als es Vera Rossakoff jemals sein kann. Die Deduktion mit den Initialen auf dem Zigarettenetui setzt minimale Grundkenntnisse des kyrillischen Alphabets voraus; davon abgesehen gibt es für einen Detektiv nicht viel zu tun.
Wie für seinen berühmten Kollegen Sherlock Holmes, gilt auch für Hercule Poirot: Der Lebensmittelpunkt muss die Kriminalistik sein; eine Schwärmerei soll eine solche bleiben und den Geist zu weiteren Gedankenhöchstleistungen anspornen.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

24.02.2009 16:27
#77 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten
"Das Wespennest" (Deutsche Collection 1 Episode 4)

Die Episode wurde durch liebevoll ausgewähltes Beiwerk angereichert. So bekommt der Zuseher nicht nur einen tragischen Kriminalfall präsentiert, sondern neue Facetten der vier liebgewonnenen Hauptdarsteller. Das gewählte Ambiente (Gartenfest mit Clown-Auftritt, Modenschau) kann über die dunklen Seiten der Geschichte nicht hinwegtäuschen, sondern beweist erneut die Theorie des belgischen Meisters: "Da ist immer auch das Böse unter der Sonne." Jede Person bekommt Gelegenheit, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und eine neue Seite ihres Charakters zu zeigen. Der vielbeschäftigte Chief Inspector Japp wird von starken Schmerzen geplagt und muss sich einer Operation unterziehen; die korrekte Miss Lemon verleiht ihrem Leben durch Gymnastik neuen Schwung; Poirot widerlegt die Behauptung, er sei ein Mann der kalten Fakten, als er aus dem Teesatz die Zukunft weissagt und Hastings frönt einem neuen Hobby - der Fotografie. Der Kriminalfall ist nicht leicht zu entwirren, da verschiedene Lösungen möglich sind. So sehen sich Claude Langton und John Harrison nicht nur äußerlich ähnlich, sondern ein Jeder könnte des Anderen Mörder sein. Das unheilverheißende Summen der Wespen untermalt die finsteren Gedanken des Mannes, der nicht nur seine Verlobte, sondern auch sein Leben verlieren wird. Poirot bewahrt bis zur letzten Filmminute Haltung und zeigt weder unerwünschtes Mitleid, noch spricht er salbungsreiche Wünsche aus. Er hat einen Selbstmord/Mord verhindert und den Fall bereits vor dessen Ausführung geklärt. Wieder einmal hat sich die Marke POIROT durch das Aussparen von Gewaltszenen als Gütesiegel etabliert. Die dunklen Taten sollen sich vor allem in der Phantasie des Zuschauers abspielen. Wer in Poirots ernstes Gesicht blickt, ahnt, welche Abgründe sich in den Seelen seiner Klienten auftun.
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

28.02.2009 19:28
#78 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten
"Hercule Poirot`s Christmas" (Britische Collection 4)



Die Geschichte beginnt mit einer Afrika-Sequenz, was für den Zuseher, der sich auf eine Weihnachts-Episode gefreut hat, zuerst einmal eine Enttäuschung ist. Doch die Szene ist noch aus einem weiteren Grund überflüssig: Sie verrät die Motive für den Mord an Simeon Lee und deutet sogar an, wer dafür in Frage kommt.
Hercule Poirot bereitet sich erneut (wie bereits in "Der Diebstahl des königlichen Rubins") auf ein ruhiges Weihnachtsfest in Whitehaven Mansions vor, indem er bei dem Patissier seines Vertrauens seine geliebten belgischen Pralinen kauft. Leider zwingt ihn der Totalausfall der Heizung, den Auftrag des alten Lee anzunehmen, der ihn bittet, die Feiertage in seinem Landsitz zu verbringen. Poirot wird nicht sehr herzlich empfangen; von der hohen Wertschätzung, die man ihm sonst entgegenbringt, spürt er in "Gorston" nichts. Im Gegenteil: Simeon Lee speist ihn mit Andeutungen ab und die Familie scherzt hinter seinem Rücken über seine elegante Erscheinung. Die Kamera zeigt den Detektiv im ersten Viertel des Films meist im Bildhintergrund - abseits stehend, beobachtend und sich offensichtlich unwohl fühlend.
Wie erleichtert ist man, als der Mord endlich passiert ist und Poirot bei dem Ruf nach Scotland Yard gleich daran denkt, dass Chief Inspector Japp ganz in der Nähe die Weihnachtsfeiertage verbringt. Er betont zwar, er sei gekommen, um Japp zu retten, doch ist es vielmehr so, dass sich die beiden alten Freunde gegenseitig aus einer unbequemen Situation befreien. Die Ermittlungen bekommen durch die Testamentseröffnung erst den richtigen Schwung und werden immer wieder durch dezente weihnachtliche Situationen aufgelockert (Einblendungen des Kalenders, Chöre singen Weihnachtslieder, Poirot kauft ein Geschenk für Japp). Die Familie gerät fast durchwegs nach dem Alten, deshalb ist es kein Wunder, dass die sympathischste Person eine Angeheiratete ist: Lydia Lee - die Gartenfreundin.
Pilar Estravados überzeugt den Zuseher in dieser Hinsicht nicht: Sie kann weder in die eine, noch in die andere Schublade eingeordnet werden. Am Ende stellt sich heraus, dass sie nur der rote Hering war bzw. eine willkommene Abwechslung für den nächsten Casanova: Harry Lee. Er begeht das Sakrileg, Poirot mit dem Vornamen anzusprechen und wird in puncto Frechheit nur noch von seinem arroganten Halbbruder George übertroffen. Der Kriminalfall wird von Poirot auf die übliche gründliche Weise geklärt und jedes Detail wird beleuchtet. Der Einfallsreichtum des Täters ist grandios und verleiht dem Besuch Poirots bei dem Ladenbesitzer zusätzliche Bedeutung. Während Japp eine Kiste Jamaica-Zigarren bekommen wird, muss sich Poirot mit einem Paar selbstgestrickter Handschuhe von Mrs. Japp zufrieden geben, die gar nicht zu seiner vornehmen Garderobe passen. Das Zusammenspiel von Poirot und Japp ist harmonisch und bildet bei all den Streitigkeiten, Neidausbrüchen und heimlichem Hass eine wohltuende Ausnahme. So versöhnt uns der Film nicht nur durch ein furioses Finale, sondern auch durch die Gewissheit, dass Poirot immer einen klaren Kopf behält, auch wenn um ihn herum nur Lügen und Hohn herrschen. Insgesamt ein gelungener Film mit perfekt gesetzten Weihnachtsanklängen und bis auf ein oder zwei Ausnahmen hervorragendem Ensemble.
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

06.03.2009 16:30
#79 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten


Noch ein paar ergänzende Worte zu "DUMB WITNESS"

Nachdem ich mir nun die Fischer-Taschenbuchausgabe "Der Ball spielende Hund" gekauft habe, bietet sich mir die Möglichkeit, die ausgezeichnete Verfilmung von "Dumb Witness" mit der Vorlage von Mrs. Christie zu vergleichen. Der augenfälligste Unterschied ist der, dass Miss Emily Arundell bereits tot ist, als Poirot und Hastings mit den Ermittlungen beginnen. Ihr Brief an Poirot wurde erst nach ihrem Tod, zwei Monate nach dem Aufsetzen des Schreibens, abgeschickt.
Douglas Watkinson, der für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, war so klug, diesen Punkt abzuändern und aus dem bummelnden Charles Arundell einen Rennsportfanatiker zu machen, der über sieben Ecken mit Captain Hastings bekannt ist. So gab es einen Grund, die Anwesenheit von Poirot und Hastings zu erklären.
Ein besonders charmantes Detail des Buches ist das große Verständnis, das Agatha Christie für den Fox-Terrier Bob aufbringt. Sie läßt ihn mit Hastings Zwiesprache halten und "übersetzt" sein Bellen für den Leser. Im Film hat Bob seinen ersten Auftritt bereits während des Vorspanns, als er stummer Zeuge des ersten Mordplanes wird. Bemerkenswert ist vor allem, dass Bob durch seine Marotte, den Ball von der obersten Stufe hinabzustoßen und ihm dann vorauszueilen, um ihn unten mit dem Maul zu fangen, absolut unschuldig am Sturz von Emily Arundell ist. Im Buch hat man diesen Umstand nicht so deutlich hervorgehoben. Bob läßt seinen Ball in der Vorlage tatsächlich des öfteren herumliegen, aber niemals, wenn er außer Haus ist. Durch diese wichtige Änderung erweist sich der kleine Hund als wichtiger Zeuge für Poirot. Er zeigt ihm immer wieder seinen "Trick" und lenkt den Verdacht des Detektivs somit auf ein Verbrechen. Einige Personen fehlen in der Verfilmung beziehungsweise wurden leicht modifiziert, wie Theresa Arundell, die weder mit einem strebsamen Arzt namens Dr. Donaldson verlobt ist, noch rabenschwarzes Haar hat und auch kein Abbild gewählter Elegance ist. Ebenso verhält es sich mit dem Erscheinungsbild des Doktor Tanios, der keinen exotischen Spitzbart trägt. Die übrigen Personen hat man sehr gut eingefangen und es empfiehlt sich auf jeden Fall,zuerst die Verfilmung zu sehen und erst dann zum Buch zu greifen. Unwiderlegbar zum Vorteil gereicht Edward Bennett, dem Regisseur, die Entscheidung, die Schwestern Tripp und ihre okkulten Gewohnheiten von Anfang an zu integrieren. Die Sterbeszene der Emily Arundell läßt Fragen offen und stellt sich später als wichtiges Indiz für Poirots Ermittlungen heraus. Im Buch wird erwähnt, dass der Tod erst vier Tage nach Austreten des grünen Nebels eingetroffen sei, was den Zuseher einer weiteren Dramatik beraubt hätte.
Percy Lister Offline



Beiträge: 3.375

14.03.2009 15:05
#80 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten
"Yellow Iris" (Britische Collection 4)



Ein Fall aus der Vergangenheit holt Hercule Poirot ein: Die Ankündigung, dass das französische Restaurant "Le Jardin des Cygnes" demnächst in London neu eröffnet wird und eine gelbe Schwertlilie, die Miss Lemon ihm überbringt, lassen ihn über ein Verbrechen berichten, das er nicht aufklären konnte. Die Geschichte wird interessant präsentiert. Zu Beginn sieht man ein Paar, das ein Grab besucht - das Grab der jung verstorbenen Iris Russell. Dann sehen wir Poirot, der sich bei Hastings über die schlechte englische Küche beklagt und schwört, England an dem Tag zu verlassen, an dem die Briten beginnen, Wein zu keltern. Daraufhin zeigt ihm Hastings eine Annonce, die von der bevorstehenden Restaurantseröffnung kündet. Poirot erzählt von einem zwei Jahre zurückliegenden Fall, dem er in Argentinien beiwohnen konnte. Leider zwang ihn die militärische Gewalt, das Land nach dem Tod von Iris Russell zu verlassen (auf einer Schiffspassage in der dritten Klasse, wie Poirot bitter bemerkt), widrigenfalls hätte man ihn als ausländischen Spion angeklagt und erschossen. In einer Rückblende sieht man das Geschehen und atmet tief durch, als Poirot wieder in seinem Appartment zu sehen ist, umgeben von seinen treuesten Freunden, Miss Lemon und Captain Hastings. Poirot sieht die Übersendung der Blume als Hilferuf und ist gewillt, das Restaurant aufzusuchen, um Erkundigungen einzuholen. Tatsächlich handelt es sich um den selben italienischen Gastronomen und selbst die Tänzerin ist die gleiche, welche bereits in Buenos Aires ihre Tangokünste zeigte. Für die Wiederkehr des zweiten Todestages von Iris Russell bestellte der Witwer Barton Russell für die selben Personen einen Tisch , die damals ihrem Tod beigewohnt hatten. Poirot gelingt es durch einen Trick, den Täter zu überführen, wobei Agatha Christie erneut eine einfache Tatsache präsentiert, nämlich, dass Angestellte sehr oft nicht als Personen, sondern nur in ihrer Funktion wahrgenommen werden (der Mörder verkleidete sich als Kellner). Ähnliche Beispiele finden wir in "Tod in den Wolken" (Flugbegleiter) und "Miss Marple erzählt eine Geschichte" (Zimmermädchen).
Erschreckend rüde springen die Handlanger des Generals Perreira mit Poirot um. Er wird in die Mitte genommen und unsanft in eine Gefängniszelle befördert. (Bei seiner Verhaftung bewahrt er seinen Wortwitz, als er dem jungen Carter zuruft, er möge doch die belgische und nicht die französische Botschaft benachrichtigen.)
Der Kreis schließt sich wieder, als Poirot am Ende der Episode nach langer Nacht hungrig ist und in Ermangelung eines noch geöffneten Gourmet-Tempels zu einfachen Fish & Chips greifen muss, die ihm - er will es vor Hastings nicht zugeben - doch recht gut schmecken.
Die Folge zeichnet sich durch eine durchgehende schwermütige Stimmung aus, fast glaubt man, einem von Poirots späteren Fällen beizuwohnen. Die Bedrohung ist ständig spürbar und man sorgt sich um den Detektiv. Seltsamerweise ist der Tod von Iris Russell zwar sehr spektakulär, doch er geht einem nicht so nahe, wie es von Drehbuchautor Anthony Horowitz beabsichtigt wurde. Im Mittelpunkt der Handlung stehen vielmehr die junge Pauline Wetherby und ihr Verlobter. Durch die Wiederholung des Abendessens wird zwar nicht der Geist der Verstorbenen beschworen, doch es gelingt Poirot, die Aufmerksamkeit auf das nächste potenzielle Opfer zu lenken. Durch die Mithilfe von Hastings, der sich mit den Testamentsverfügungen befasst, kann die Absicht des Täters aufgedeckt werden.
Gubanov Offline




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14.03.2009 20:24
#81 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

Staffel 05, Episode 03:

The Yellow Iris (nicht synchronisiert)


Mit: David Suchet, Hugh Fraser, Pauline Moran. Als Gaststars: David Troughton, Geraldine Somerville, Hugh Ross, Stefan Gryff, Yolanda Vasquez, Arturo Venegas, Joseph Long u.v.a. Regie: Peter Barber-Fleming. Drehbuch: Anthony Horowitz. Erstsendung: 31.01.1993.

Die 1937 erschienene Kurzgeschichte „Yellow Iris“ (deutsch: „Lasst Blumen sprechen“) gehört zu Christies düstereren und melancholischeren Werken, was wohl erklärt, warum sie sie 1945 erneut aufgriff, als sie daraus die Grundidee für ihren Roman „Sparkling Cyanide“ (deutsch: „Blausäure“), ein erzähltechnisches Meisterwerk, schuf. Das vorherrschende Thema, welches sich auch in der Verfilmung „The Yellow Iris“ ausreichend repräsentiert findet, ist die Erinnerung – die Erinnerung an einen toten Menschen, an ein Datum, an fünf Verdächtige und an einen empfindlichen Misserfolg.
Der Plot ist ein ganz besonderer. Alle Vorkommnisse wiederholen sich nach zwei Jahren erneut, ohne dabei an Tragik zu verlieren. Die Eindrücke vom Tod der Iris Russel sind noch zu präsent, um den Zuschauer nicht Dunkles für den Ausgang des abermaligen Treffens im Restaurant „Le Jardin des Cygnes“ ahnen zu lassen. Das Ihre tun die Darsteller, die nicht nur glaubhaft spielen, sondern auch in Bezug auf ihre Physiognomie ideal besetzt sind: Der flatterhafte und rückgratlose Geschäftsmann, der trauernde Gatte mit den unheimlichen Augen, die bildschönen Damen...

Zitat von Blausäure
Sechs Personen erinnern sich an Rosemary Barton, die vor nunmehr fast einem Jahr gestorben war... Iris Marle dacht über ihre Schwester Rosemary nach. Fast ein Jahr lang hatte sie versucht, Rosemary aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Sie hatte sich nicht erinnern wollen. Es war zu schmerzlich – zu grauenvoll! Rosemarys blau angelaufenes Gesicht, die gekrümmten Finger, die nach ihr gegriffen hatten... Der Gegensatz zwischen dieser und der heiteren, anmutigen Rosemary vom Tag zuvor!


Mit diesem wirkungsvollen Einstieg zeigen sich bereits die offensichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen „Yellow Iris“ und „Sparkling Cyanide“, doch auch einige markante Unterschiede. Nicht zwei Jahre, sondern nur eines ist vergangen, nicht Iris war das erste Opfer – es trug den Namen Rosemary (in Anlehnung an Shakespeares „Hamlet“, der ebenfalls von Christie zitiert wird: „Da ist Vergissmeinnicht, das ist zum Andenken: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner! und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.“). Die Morde tragen sich jeweils am Allerseelentag zu, was dem Gedenken der Toten natürlich einen besonderen Platz einräumt.
Im Gegensatz zur Kurzgeschichte tritt Hercule Poirot im Roman nicht auf. Im gleichen Maße, in dem der Roman ein erzählerisches und atmosphärisches Juwel ist, muss aber auch gesagt werden, dass seine Auflösung sich äußerst unbefriedigend darstellt. Hier kann der Kurzgeschichtenfassung der deutliche Vorzug gegeben werden.

Durch die hervorragende Vorlage und die gute Umsetzung für die Serie (der komplette Südamerika-Plot dürfte hinzugeschrieben worden sein) gelingt es „The Yellow Iris“, die fünfzig Minuten Spielzeit spannend und unterhaltsam zu füllen. Es gibt volle 5 von 5 Punkten.

Matt Christensens Besprechung zu „Blausäure“:

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Gubanov Offline




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29.03.2009 15:15
#82 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

Staffel 11, Episode 02:

Cards on the Table (nicht synchronisiert)


Mit: David Suchet, Zoë Wanamaker. Als Gaststars: David Westhead, Robert Pugh, Alexander Siddig, Alex Jennings, Lesley Manville, Lyndsey Marshal, Tristan Gemmill, Honeysuckle Weeks u.v.a. Regie: Sarah Harding. Drehbuch: Nick Dear. Erstsendung: 19.03.2006.


Von links nach rechts: Anne Meredith, Mr. Shaitana, Poirot, Col. Hughes, Dr. Roberts, Mrs. Lorrimer, Superintendent Wheeler, Ariadne Oliver, Major Despard.

„Cards on the Table“, einer der besten Romane von Agatha Christie, hat eine adäquate Umsetzung verdient. Dementsprechend hoch waren meine Ansprüche, als ich den Film mit David Suchet zum ersten Mal sah. Doch eventuelle Befürchtungen, die aus all den Verrissen hervorgingen, mit denen Christie-Fans diese Adaption belegen, waren schon bei diesem ersten Sehen wie weggewischt.
Der Roman geht von einem wunderbaren Grundplot aus: Mr. Shaitana, ein mysteriöser, ja beängstigender Mann mit seltsamem Geschmack, gibt sich Hercule Poirot gegenüber als Sammler unentdeckter Mörder zu erkennen und lädt ihn zu einer Party ein, um ihm die Objekte seines Interesses zu demonstrieren. Auf besagter Feier treffen schließlich neben dem Gastgeber vier Detektive, neben Hercule Poirot seine Bekannte, die Kriminalautorin Ariadne Oliver, der Polizeibeamte Superintendent Battle und Colonel Race, und vier Verdächtige mit ungewisser Vergangenheit, der joviale Dr. Roberts, die korrekte Mrs. Lorrimer, die scheue Anne Meredith und der ehrenwerte Major Despard, zusammen. Nach dem Diner, bei dem Mr. Shaitana zahlreiche versteckte Anklagen verlauten lässt, bringt er die Detektive dazu, den Raum zu verlassen, während er mit den vier anderen Gästen, die Bridge spielen, in einem Zimmer verbleibt. Am Ende des Abends finden sich Mr. Shaitana tot und die vier Personen im Zimmer angeblich ahnungslos. Doch einer von ihnen muss aus Angst vor Enttarnung einen gewagten Mord begangen haben. Für die vier Detektive heißt es nun, die Vergangenheit und die Psychologie der vier angeblichen Verbrecher zu enttarnen – nicht nur, um von vier weiteren Morden zu erfahren, sondern, um das aktuelle Verbrechen aufzuklären...

So weit zur außergewöhnlichen Ausgangssituation, die für die Verfilmung fast unverändert übernommen wird. Zwei der Detektive werden namentlich verändert. Einerseits hat das mit der Tatsache zu tun, dass James Fox, der in der vorherigen Staffel in „Death on the Nile“ den Colonel Race spielte, zum Drehzeitpunkt nicht verfügbar war und man sich lobenswerterweise keine Inkonsistenz bei der Besetzung einer Rolle leisten wollte und somit einen Ersatz in einem Colonel namens Hughes fand. Andererseits macht die leichte Veränderung des Charakters des Polizeibeamten eine Umbenennung von Battle in Wheeler nötig, da Battle ein regulärer Christie-Charakter ist, den zu verfälschen nicht im Sinne des Filmteams gewesen wäre.
Die Atmosphäre, die bei der Party Shaitanas und den nachfolgenden Befragungen entsteht, gehört zu den gelungensten der gesamten Serie. Durch die großzügige und moderne Kameraarbeit und die wunderbar pointierte Schnitttechnik, wie sie für gelungene Filme der Gegenwart typisch ist, erhalten die Szenen ein zugleich edles als auch kurzweiliges Gefühl. Ebenfalls hervorzuheben ist die prächtige Ausstattung, die für den Aufwand und die Akkuratesse der Produktion spricht. In scheinbarem Gegensatz dazu stehen die artifiziellen Rückblenden der Gäste zu ihren ersten Begegnungen mit Mr. Shaitana, welche jedoch, schaut man genauer hin, einen Einklang finden mit der Tatsache, dass es sich bei Mr. Shaitana selbst um eine ausgesprochene Kunstfigur handelte.

Im folgenden Verlauf der Geschichte wird man in rascher Folge mit den wichtigen Details des Films vertraut gemacht und ebenso effektiv wie liebevoll durch die Schritte der Ermittlungen begleitet. Kleine Szenen verraten den Spaß, den das Produktionsteam offenbar hatte, und bringen den Zuschauer zum Schmunzeln und hin und wieder, in alter Poirot-Manier, auf die man sich nach einer düsteren zehnten Staffel wieder zurückbesann, sogar zum Lachen. Dafür sorgt das illustre Ermittlerteam: Besonders Zoë Wanamaker und David Westhead haben grandiose humoristische Momente, doch auch Suchets Poirot hat seinen Wortwitz und seine hintergründig amüsante Art nicht verloren („Maybe they try to lead you up the garden path.“ – „No, it is not possible to take Hercule Poirot along the path.“).
Eine besonders gute Geschichte macht aus, dass sie wenig Füllstoff und keine überflüssigen Figuren besitzt und trotzdem spannend und undurchsichtig ist. Alle diese Faktoren sind hier gegeben. Kein kleines erwähntes Detail ist unwichtig, jedes wird zur Auflösung des Falles gebraucht oder hilft dem Zuschauer, selbst zur Lösung des Rätsels zu kommen, was ihm freilich schwer gelingen wird, wenn er sie nicht schon vorher kennt.



SPOILER – Nur weiterlesen, wer den Film kennt
Oftmals wird die Verfilmung dafür kritisiert, dass sie sich zu viele Freiheiten mit der Vorlage herausnehme. Tatsächlich sind die meisten Vorgeschichten der vier Täter mehr oder weniger gravierend verändert worden. Im Originalroman wollte etwa Major Despard dem im Fieberwahn in den Amazonas laufenden Professor ins Bein schießen, um ihn aufzuhalten, wurde aber von der die Lage missverstehenden Mrs. Luxmore so in seiner Tätigkeit angegriffen, dass der Schuss den Professor tödlich traf. Während man dieses Szenario für den Film vereinfachte, fügte man in der Vorgeschichte des Dr. Roberts einen weiteren Twist hinzu, der von einigen als unpassend beschrieben wird, andererseits aber fraglos eine weitere Lüge zu jenem verzweigten Netz der Vertuschungen hinzufügt, das uns in „Cards on the Table“ präsentiert wird.
Das Thema der Homosexualität wird hier in den Mittelpunkt gestellt. Wer dies als unpassend empfindet, der mag, um ein Zitat aus Film und Buch abzuwandeln, „eine völlig bürgerliche Einstellung zu Kriminalfilmen haben“, doch es ist ohne Zweifel eine angebrachte Thematisierung, wenn man sich den Ausgangspunkt der Geschichte, den illustren Mr. Shaitana genauer ansieht.

Ein Meisterstück der Verfilmung ist es, trotz des Brechens der goldenen Regel, in Rückblenden nie die Unwahrheit zu zeigen, den Zuschauer nicht zu verärgern, da ihm auf subtile Weise schon vor der Lösung beigebracht wird, diese Tatsache selbst bei seiner Gedankenführung zu berücksichtigen. So sieht man in der Verfilmung fast jeden der verdächtigen Charaktere ihren Gastgeber erstechen, was dem Film zusätzlich an psychologischer Tiefe verleiht und ihm schon eine Vorstimmung auf „Murder on the Orient Express“ gibt. Die Auflösung Christies, jeden der vier Verbrecher als potenziellen Mörder durchzuspielen, wird so ebenfalls kongenial aufgegriffen.




„Cards on the Table“ entwickelt eine so wunderbare Atmosphäre, die dem Buch unglaublich nahe kommt und die durch direkte Zitate aus der Vorlage untermauert wird. Der Vorwurf, die Verfilmung entferne sich zu weit von dem Roman, ist grundlos, da für die Veränderungen jeweils gute Gründe vorliegen und von den Ideen des Plots nichts verloren geht. Schade, dass die Engstirnigkeit einiger Fans zu einer so schlechten Mundpropaganda für diese Verfilmung führt, die so erstklassig in ihrer handwerklichen Umsetzung und einfach perfekt in ihrer Besetzung eines jeden Charakters ist, dass ich nicht anders kann, als sie die beste „Poirot“-Folge aller Zeiten zu nennen. 5 von 5 Punkten.

PS: Empfohlen sei ebenfalls das BBC-Hörspiel mit John Moffat, das noch näher am Roman bleibt und genauso großartig besetzt ist. Abschließend noch die Videobewertung des Romans von Matt Christensen:

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Gubanov Offline




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10.04.2009 18:29
#83 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten
Staffel 05, Episode 06:

The Chocolate Box (nicht synchronisiert)


Mit: David Suchet, Philip Jackson. Als Gaststars: Rosalie Crutchley, Anna Chancellor, James Coombes, George Whitehead, David de Keyser, Jonathan Hackett u.v.a. Regie: Ken Grieve. Drehbuch: Douglas Watkinson. Erstsendung: 21.02.1993.

In vielerlei Hinsicht ist „The Chocolate Box“ eine sehr un- und außergewöhnliche Poirot-Episode. Weder seine vertraute Wohnung in den Whitehaven Mansions noch überhaupt irgendetwas von Großbritannien ist hier zu sehen; die Ereignisse spielen sich allesamt in Poirots Heimat Brüssel ab. Da wären wir auch gleich beim nächsten Punkt: „The Chocolate Box“ gräbt sich geradezu intim in die Vergangenheit des Detektivs hinein, ohne dabei aber voyeuristisch zu wirken, wie es derlei Versuche, mehr über einen Hauptcharakter zu enthüllen, oftmals zu tun pflegen. Das liegt daran, dass man sich in der vorliegenden Folge hohe zwischenmenschliche, produktionstechnische und optische Standards gesetzt hat, die diese Agatha-Christie-Verfilmung wie ein Stück aus dem tiefsten viktorianischen England wirken lassen. Konventionen werden ebenso groß geschrieben wie der Status der Kirche (sei es nun, wie hier, die katholische oder, wie in England, die anglikanische); die Personen agieren geschmackvoll und dem zeitlichen Rahmen angemessen. Sogar der in „Die russische Gräfin“ einen regelrechten Affront darstellende Umstand einer Liebschaft Poirots wird hier wesentlich passender eingefügt, eben weil man sich auf die Zurückhaltung der damaligen gesellschaftlichen Statuten besann und die sich anbahnende Beziehung weniger körperlich als vielmehr auf geistiger Ebene, nicht auf der Basis einer Leidensgeschichte, sondern aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit heraus zeichnete. Dies steht – auch einem jungen Poirot – wesentlich besser zu Gesicht. Anna Chancellor, der als Virginie Mesnard die Aufgabe zukommt, den belgischen Polizisten „um den Finger zu wickeln“, beschreibt das Herangehen an das Problem wie folgt:
Zitat von „Agatha Christie’s Poirot – A Celebration of the Great Detective“
‚He is always chivalrous and polite, with a strict code of conduct’, [Anna Chancellor, who played the pretty Virginie Mesnard in The Chocolate Box in which Poirot was seen as a dapper young policeman] says. ‚He makes a lady feel like a lady. He always opens doors, walks on the correct side of the pavement and is the quintessential gentleman. There could never be any problems. A mischievous twinkle and perhaps a kind-hearted flirtation, but never a threat.’
Anna appeared as the girl whom young Poirot fell for, not because she was a female in distress but because she shared his sense of honesty. ‚She shared his strong sense of right and wrong and a burning quest for thruth. They got on well because they both enjoyed the chase and finding out the truth. She was also brave, fearless and stood up for what she believed in – which was unusual for that era.’

David Suchet kann in seiner Doppelrolle ebenso überzeugen wie auch die anderen Darsteller, die zumeist ebenfalls sowohl „in alt“ und „in jung“ auftreten dürfen. Sie machen „The Chocolate Box“ gemeinsam mit dem wunderbaren Kriminalfall, der eigentlich verblüffend einfach ist, eine gewisse große dramatische Geste aber nicht verleugnen kann, zu einem so angenehmen Ereignis wie es „Poirot“ stets ist. Das Verbrechen in der Vergangenheit, die schweigenden Einverständnisse zwischen Mutter und Sohn, die Hingabe für das Große – all das lässt mich in gewisser Bewunderung vor dieser Episode stehen, die nicht nur einen kleinen persönlichen Fall erzählt. Die Ausstattung und die hervorragend ausgewählten Schauplätze in Brüssel lassen das Budget erahnen, das in die Produktion dieser einen Folge geflossen sein muss. Hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Möchte man die Nadel im Heuhaufen finden, so kann man sicher erwähnen, dass die Nebenhandlung um Inspektor Japp ein wenig zusammengeschustert erscheint und, um plausibel zu wirken, noch ein wenig hätte ausgebaut werden müssen. Auf jeden Fall aber ist es als positiv zu werten, dass man für diese Folge (ein einzigartiger Umstand in Staffel fünf) Captain Hastings und auch Miss Lemon nicht in die Episode integriert hat, die das eigenständige Gefühl dieser Episode merklich gestört hätten. Japp hingegen kennt man ja bereits mit Poirot auf dem Kontinent (siehe „Die Wespe“, Death in the Clouds, Staffel 04, Episode 02).

Drama, baby – und doch nicht plakativ um seiner selbst willen! Dies ist eine Kombination, die einfach funktionieren muss, wenn man auch noch den brillanten Suchet und einen klugen Fall von Agatha Christie einstreut. Ken Grieve und Douglas Watkinson haben ein perfektes Stück Zusammenarbeit geleistet. 5 von 5 Punkten.

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Percy Lister Offline



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12.04.2009 12:47
#84 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

The Chocolate Box - Britische Collection 4

Die Geschichte "Die Pralinenschachtel" findet sich in der Sammlung "Hercule Poirots größte Trümpfe" und beginnt damit, dass Poirot und Hastings vor einem prasselndem Kaminfeuer sitzen und Poirot seinem Freund "die Geschichte eines Misserfolgs" erzählt.
Chiefinspector Japp und die Verleihung eines Ordens als Dank für seine Verdienste werden darin nicht erwähnt. Die Reise nach Brüssel, die in Poirot Erinnerungen an goldene Zeiten erweckt, wurde also nur für den Fernsehzuschauer geschaffen. Daraus ergibt sich vielleicht die Tatsache, dass Chiefinspector Japp hier mehr als Zuhörer fungiert und den alten Fall den Erinnerungen seines Freundes entlockt. Sehr geschickt gelingt es dem Produktionsteam, die Übergänge fließend zu gestalten. Es wird ständig zwischen dem Brüssel der Dreißiger Jahre und dem Belgien zwanzig Jahre zuvor gewechselt. David Suchet zeigt hier wieder einmal, welch famoser Mime er ist. Das Leuchten seiner Augen, das entschlossene Auftreten und seine schmucke Erscheinung (jung, schlank und vital) verleihen der Handlung eine erstaunliche Frische.
Die architektonischen Meisterwerke, die Kostüme und die beeindruckenden Charaktere stehen für ganz großes Kino und machen vergessen, dass es sich eigentlich "nur" um eine Fernseh-Episode handelt. Der Fall beginnt mit einer häuslichen Tragödie, die zur damaligen Zeit -man ahnt es mit Schaudern- nicht öffentlich untersucht wurde, sondern als Unfall angesehen wurde. Wie immer bei solchen Dingen, hat diese Szene (der Treppensturz) eine tiefere Bedeutung, die sich dem Beobachter am Ende erschließt. Poirot bezeichnet sich selbst als "bon catholique" und gibt zu, dass ihm der Tod von Paul Déroulard, der als Abgeordneter ein bitterer Gegner der katholischen Kirche war, wie ein Glücksfall erschien. Wäre nicht Virginie gewesen, wäre auch dieser Todesfall ad acta gelegt worden. Für den Zuseher, der es gewohnt ist, dass man Poirot gewähren läßt und seine Eingebungen ernst nimmt, ist es neu, zu erfahren, dass er als Mitglied der belgischen Polizei Ärger mit seinem Vorgesetzten hat und sich fügen muss. Die Ermittlungen mit Virginie gestalten sich leichtfüßig und bieten dem Zuseher die Möglichkeit, zu entdecken, warum Poirot bei seinem Metier geblieben ist. Endlich erfahren wir, wie Poirot zu seiner Brosche am Revers gekommen ist. Da Schokolade als Synonym für die Stimmung der Folge steht, erlebt der Detektiv am Ende eine bittere Überraschung, als sein alter Freund der Apotheker ihm seine Frau vorstellt, die niemand geringeres ist als Virginie. Suchet zeigt in dieser kurzen Szene seine Diskretion und seine Gefühle auf subtile Weise, indem er kaum merklich seine Brosche berührt, die er all die Jahre in Ehren gehalten hat. Eine romantische Illusion, die mit der Präsentation der verehrten Dame als Ehefrau mit zwei Söhnen verblasst. In der Vorlage nimmt sie den Schleier, d.h. sie geht ins Kloster, was Poirot mehr Raum für melancholische Spekulationen läßt. Das wichtigste Indiz, der vertauschte Deckel der Pralinenschachtel, ist in der Tat ein offensichtlicher Hinweis auf die Schuld des Täters und Poirot macht sich deshalb schwere Vorwürfe. Wieder einmal kommt es nicht zur Bestrafung des Täters, der "eine Woche später starb".
Im moralischen Sinn wurden alle Verbrechen gesühnt, und das ist Poirot die Hauptsache.

Percy Lister Offline



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25.04.2009 14:26
#85 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

BBC Audio Crime - Full-Cast Dramatisation of "Dumb Witness"

Es kommt selten vor, dass ich von einem Stoff alle verfügbaren Medien besitze, aber "Dumb Witness" ist auf dem besten Weg dorthin. Nachdem ich mit Begeisterung die Verfilmung mit David Suchet gesehen habe, kaufte ich mir die Vorlage "Der Ball spielende Hund" (Fischer-Taschenbuchverlag). Nun liegt mir auch das BBC-Hörspiel mit John Moffatt und Simon Williams vor, das 90 Minuten lang ist und am 07. und 8. Dezember 2006 von BBC Radio 4 uraufgeführt wurde. John Moffatt gibt einen ernsten und beherrschten Poirot, während Simon Williams einen aufgeregten Captain Hastings spricht, der leider nicht über eine so sympathische Stimme wie Hugh Fraser verfügt, sich aber alle Mühe gibt. Ein besonderes Vergnügen ist die Tatsache, dass man für den Fox-Terrier Bob nicht einfach auf Tonkonserven zurückgegriffen hat, sondern einen eigenen Sprecher engagiert hat. Richard Beadsmoore überzeugt so sehr, dass man glaubt, es handele sich um einen echten Hund. Joanna David zeigt, dass sie nicht nur eine gute Schauspielerin, sondern auch eine angenehme Sprecherin ist. Ihre Miss Lawson steht der Interpretation von Norma West in nichts nach.
Besonders die ersten fünfzehn Tracks sind kurzweilig, was vor allem den Auftritten von Bob, der schönen Untermalung der Außenszenen (Vogelgezwitscher, Schritte auf dem Kies) und den präzisen Schilderungen der Geschehnisse zu verdanken ist. Wie in der Vorlage dehnen die Gespräche im Mittelteil (mit Dr. Grainger, Miss Peabody und Theresa und Charles Arundell) die Geschichte ein wenig, was man durch Straffung und Streichung einiger Passagen (und der schwatzhaften Miss Peabody) im Film glänzend gelöst hat. Die Person des Verlobten von Theresa Arundell fehlt dankenswerterweise sowohl im Film, als auch im Hörspiel.
Durch das tragische Ende der Bella Tanios kommt im Schluss-Teil noch einmal Spannung auf, wobei einige Punkte geklärt werden, die in Film und Buch nicht so offen angesprochen wurden. Bob bleibt nach Abschluss des Falles bei Hastings und verabschiedet den Hörer aus einem erfrischenden Hörspiel, das Lust auf mehr macht.

kaeuflin Offline




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07.08.2009 13:45
#86 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

The Mystery of the Blue Train 2005
Regie : Hettie Macdonald


Cast: David Suchet , James D'Arcy, Alice Eve, Nicholas Farrell , Bronagh Gallagher, Tom Harper , Jane How ,
Samuel James , Helen Lindsay, Oliver Milburn, Jaime Murray , Roger Lloyd-Pack , Etela Pardo ...
Georgina Rylance , Josette Simon

Mir ist gerade aufgefallen das ich warum auch immer nach dem letzten ansehen keinen Review
geschrieben hatte - Dann hole ich das halt jetzt nach .....


Inhalt :
Ein einem Hotel lernt Poirot Ruth Kettering kennen, Besitzerin des wertvollen
Edelsteins „Heart Of Fire“. Sie ihn einläd ihren Geburtstag zu feiern. Poirot will
niemanden den Tag verderben und nimmt die Einladung an.
Ruths Vater Rufus Van Aldin, ein Millionär der im Ölgeschäft tätig ist, will das
sie sich von ihrem Mann Derek Kettering einem Spieler und Versager scheiden lässt
und seien Assistenten Cornel Knighton heiratet.
Auf der Feier lernt Poirot die junge Erbin Katherine Grey kennen, die aus einfachen
Verhältnissen kommt und sich in der Welt der reichen und vornehmen nicht wohl fühlt.
Sie hat, nachdem sie geerbt hat, eine Einladung einer entfernten Verwandten an die
Riviera bekommen. Lady Tamplin spekuliert scheinbar auf etwas von dem Geld.
Da beide mit dem gleichen Zug fahren wollen verspricht Poirot sie in fragen der Etikette zu beraten.
Doch die beiden sind nicht die einzigen Gäste an Bord des Blauen Expresses.
Ruth und ihr Liebhaber Count De La Roche, sowie eine dunkelhäutige Dame sind auch mit dabei,
ebenso Ruths Ehemann. In Letzter Minute kommen auch noch Lady Tamplin, ihr Ehemann Corky,
und ihre Tochter Lenox an Bord – Katherine Greys Verwandte die sie „überraschen“wollten.
Im Zug tauschen Katherine Grey und Ruth die Abteile, damit Ruth es näher zu ihrem Geliebten hat.
In Nice findet man Ruth erschlage in ihrem Abteil auf, der Edelstein ist verschwunden.




Fazit :
Inzwischen habe ich The Mystery of the Blue Train zum zweiten mal gesehen.
Eines vorweg – Es sind wider einige Änderungen zum Roman vorhanden, was mich in diesem Fall
eher positiv stimmt, da ich den Roman für einen von Christies schwachen halte ... Ist aber
sicher Geschmackssache...

Die Story wirkt gelegentlich sehr konstruiert, funktioniert aber da sie in sich recht logisch ist.
Über die Darsteller gibt es wie eigentlich fast immer nur positives zu berichten
Suchet hat sichtlich Spaß an der Folge, er spielt genial! Georgina Rylance als
Katherine Grey ist sehr sympathisch, was allerdings auch bedeutet, das man sie nicht als
Verdächtige betrachten kann trotz Motiv. James D'Arcy als Ruths Ehemann und Oliver Milburn
als La Roche sind beide wunderbar unsympathisch. Jaime Murray als Ruth ist auch nicht gerade
ein Sympathieträger, aber passend gespielt.

Die Ganze Familie Tamplin ist etwas überzogen angelegt und wird auch dementsprechend gespielt.
Lady Tamplin ist eine arg verschroben
Person die offen zugiebt nur auf Katherines Geld aus zu sein. Selbst ist sie Pleite,
nimmt aber das Leben nicht ernst, ihr Ehemann Corky der auch ihr Sohn sein könnte
ist „nicht wirklich intelligent“ , und ihre Tochter Lenox wirkt in den 30er leicht fehl am Platz
Es hat den Eindruck als sei sie aus dem Set eines in den 80ern spielenden Film ausgebrochen
(von Aussehen und Verhalten) ob man des lustig findet oder nicht ist Geschmackssache.
Die Schauspieler liefern aber in ihren Rollen eine Passende Leistung ab.
Der einzige der etwas abfällt ist Roger Lloyd-Pack als Inspector Caux der kaum gute Szenen
hat und hier ähnlich schlecht spielt wie als Barty Crouch in den Harry Pottter Filmen ….

Die Inszenierung – Da muss der Film in der IMBd ja ziemlich viel Kritik einstecken …
Recht eigenwillige Einstellungen, temporeich, für Poirot ungewöhnlich viel Handkamera und
Close Ups von Gesichtern.
Das ist zwar nicht das was man von einer Poirot folge erwartet, aber in sich recht stimmig und
schlüssig dazu viel Rauch und Bodennebel.
Die Ausstattung ist wie üblich gelungen, nur eigne Eisenbahnszehnen sehen arg nach Modellbahn aus …
Sehr gelungen auch die Jazzigen Stücke im Soundtrack.

Insgesamt nicht das beste Drehbuch und eine ungewöhnliche Inszenierung, dazu viel gewollter
Humor – aber auch ein recht hohes Tempo und ein Genialer Suchet.
Der Schwächste Film der 10. Staffel aber immer noch gute 4 von 5 Punkte

Peter

Don't think twice, it's all right ...
Bob Dylan

Happiness IS the road ! (Marillion)

Gubanov Offline




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15.08.2009 12:42
#87 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

Staffel 05, Episode 08:

Jewel Robbery at the Grand Metropolitan (Der Juwelenraub im Grand Hotel)


Mit: David Suchet, Hugh Fraser, Philip Jackson, Pauline Moran. Als Gaststars: Trevor Cooper, Sorcha Cusack, Hermione Norris, Karl Johnson, Elizabeth Rider, Simon Shepherd, Arthur Cox u.v.a. Regie: Ken Grieve. Drehbuch: Anthony Horowitz. Erstsendung: 07.03.1993.

Einmal mehr wird erfreut Gebrauch gemacht vom kranken Detektiv, der sich auf einer ruhigen Reise aufs Land von all seinem Stress und seiner Überforderung erholen soll. Doch was Sherlock Holmes in Erzählungen wie „The Reigate Squires“ oder „The Devil’s Foot“ schon nicht gelingt, vermag der ebenso ehrgeizige und misstrauische Hercule Poirot ebenfalls in keinster Weise. Wie auch später in „Evil under the Sun“ setzt er sich über alle Anweisungen – vor allem die der ihn ummutternden Miss Lemon – hinweg und lässt sich in einen spektakulären Fall verwickeln, den er wohl im ruhig vor sich hin wabernden Sündenpfuhl von London vergeblich gesucht hätte.
Anthony Horowitz zeigt einmal mehr, dass er zu Recht zu den meistbeschäftigten Autoren der „Poirot“-Serie zählen darf. Insgesamt elf Drehbücher verfasste er über ein ganzes Jahrzehnt hinweg von 1991 bis 2001 für den belgischen Detektiv, darunter Highlights wie „The Mystery of the Spanish Chest“, „The Theft of the Royal Ruby“, „Dead Man’s Mirror“ oder „Evil under the Sun“. Auch „Jewel Robbery at the Grand Metropolitan“ steht dem in kaum einem Aspekt nach und vereint zielsicher leichtherzige Kriminalistik mit passendem Humor. So darf Japp dieses Mal einen Teddybären auf dem Jahrmarkt gewinnen, der – im Gegensatz zur Annahme einer Verdächtigen – kaum wirklich für seinen Sohn bestimmt sein dürfte. Poirot wird mit „Lucky Len“, einem Zeitungsangestellten, verwechselt und sorgt mit seinen typischen abschätzigen Bemerkungen und Blicken über Kriminaltheaterstücke für Erheiterung.
Alle Handlungsstränge der durchaus vielschichtigen Erzählung werden gekonnt aufgewickelt und konsequent bis zum Ende geführt, was am Schluss zwar in einigen wortreichen Erläuterungen resultiert, aber der Geschichte kaum schadet. Die Aufklärungsszene im Theater erzeugt große Spannung nach der Identität der Juwelendiebe, hätte aber noch intensiver ausfallen können, wenn vorher nicht schon offen gezeigt worden wäre, wo die Perlenkette versteckt ist. Als großer Liebhaber der Dorothy-L.-Sayers-Kurzgeschichte „The Necklace of Pearls“ hätte ich mir überdies auch ein einfallsreicheres Versteck für die Kette gewünscht, zumal es sich hier auch wie in der erwähnten Erzählung geradezu angeboten hätte, das Diebesgut zu verstecken in... Oh, fast hätte ich es verraten!

Unter den allsamt gut gewählten Darstellern findet sich Simon Shepherd wieder, Christie-Fans nicht nur bekannt durch die Hickson’sche Marple-Adaption „A Murder Is Announced“, in der er und Samantha Bond ein himmlisch schnippisches Paar abgaben, sondern auch durch einen zweiten Auftritt in „Poirot“, nämlich in „Mrs McGinty’s Dead“ aus der 2008er-Staffel.
Die Ausstattung der Folge wirkt überdurchschnittlich opulent und durch die vielen Schauplätze (Theater, Rennbahn, Hinterräume der Rennbahn, Art-Deco-Hotel) überaus hochwertig.

„Jewel Robbery at the Grand Metropolitan“ ist eine Poirot-Bilderbuchfolge mit sehr klugem, verwickeltem Handlungsaufbau und einer exzellenten optischen und dramaturgischen Aufarbeitung. Einige kleine Kritikpunkte fallen kaum ins Gewicht, wenngleich ich es schon als schade bezeichnen muss, dass man am Ende als Lucky Len nicht Poirots offizielles Double Martin Gaisford hat auftreten lassen. 4,5 von 5 Punkten.

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Gubanov Offline




Beiträge: 14.505

16.08.2009 15:41
#88 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

Staffel 03, Episode 07:

The Mystery of the Spanish Chest (Das Geheimnis der spanischen Truhe)


Mit: David Suchet, Hugh Fraser, Philip Jackson. Als Gaststars: John McEnery, Pip Torrens, Antonia Pemberton, Caroline Langrishe, Malcolm Sinclair, Peter Copley u.v.a. Regie: Andrew Grieve. Drehbuch: Anthony Horowitz. Erstsendung: 17.02.1991.

Wie auch „Jewel Robbery at the Grand Metropolitan“ gehört „The Mystery of the Spanish Chest“ zu den typischsten Poirot-Umsetzungen. Zwar geht es hier nicht „nur“ um Schmuckdiebstahl, sondern gar um einen kaltblütigen Mord, doch beide Folgen weisen typische Merkmale der Serie auf. „The Mystery of the Spanish Chest“ beginnt mit einer rötlich getönten Rückblende zu einem Degenduell zwischen zwei Männern, das mit einem eindeutigen Ausgang und einer großen Gesichtsverletzung für einen der Beteiligten endet. Kurz nach diesem aktionsreichen und spannenden Einstieg wird der Zuschauer wieder in kultivierte und gemächlichere Bahnen zurückgebracht und darf Poirot in der Oper bewundern.
Der Wechsel zwischen eben jener gefahrengebundenen, oft blutigen Aktion und einer durch und durch stilvollen, klassischen Kriminalermittlung macht diese Folge so gelungen: Szenen wie die Fechtduelle, der Mord oder der Selbstmordversuch im Badezimmer brechen die bourgeoise Ruhe der übrigen Installationen auf, ohne dabei wie Fremdkörper zu wirken. Dies ist auch der ganz idealen Besetzung zu verdanken, die man, falls das möglich ist, vielleicht als die beste der gesamten Serie bezeichnen kann. Jedes Gesicht, jede Stimme und jede Geste passt so haargenau zu der Charakterentwicklung, dass man zwischen Rollen- und Darstelleridentität kaum zu trennen vermag. Charaktergesichter wie John McEnery und Pip Torrens bleiben für mich auf ewig mit dieser Episode verbunden; sie beeindrucken nachhaltig, während zweitrangige und untergeordnete Personen fast automatisch bald wieder in Vergessenheit geraten. Die Genialität dieser Besetzungsstrategie führt dazu, dass den Hauptrollen ein ungewöhnlich großer Raum gegeben wird, sich zu entfalten und den Konflikt zu schüren.

Kurz und bündig, gar nicht übertrieben, wird diese Errungenschaft durch vertraute Poirot-Szenen ergänzt. Im Zentrum der Poirot-Hastings-Gespräche steht dieses Mal Poirots Eitelkeit. Das Phänomen der Figur ist, dass sie zwar in scheußlichem Maße selbstverliebt ist, man ihr das aber nicht übel nimmt. Im Gegenteil: Man freut sich sogar mit Poirot, der von sich sagt:

Zitat von Hercule Poirot
Hastings, warum sollte ich heucheln? Erröten, wenn ich gelobt werde, um dann wie Sie zu sagen: Es ist nichts. Ich habe die Wissen, der Ordnung und der Methode. Ja, ich gebe es zu: Ich bin der Beste. Ich bin Hercule Poirot.

Oder wenn er später herausstreicht:
Zitat von Hercule Poirot
Ich bin die Detektiv.

Oder am Ende, als man zunächst denkt, er wolle nun wirklich die Bescheidenheit lernen:
Zitat von Hercule Poirot
Ich lerne, Hastings. Die feine englische Art. Bescheidenheit? Gut, ich werde es lernen. Ich werde der bescheidenste Mensch von die Welt werden. Niemand soll sich in seiner Bescheidenheit mit Poirot vergleichen können.

Was soll man sagen: Es gibt nichts auszusetzen an „The Mystery of the Spanish Chest“. Ein klassischer Poirot-Fall, der mit morbidem-brutalem Anklang die höflichen Gesellschaftsformen vom anderen Ende her aufwiegelt. 5 von 5 Punkten.

2. Edgar-Wallace-Grand-Prix: Übersicht / Epigonen-Grandprix: Übersicht / Quoten
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Percy Lister Offline



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23.08.2009 13:22
#89 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

Deutsche Collection 3 Episode 3

Himmel und Hölle (Das Geheimnis der Schnallenschuhe) - The Patriotic Murders oder One, Two, Buckle My Shoe
Roman 1940, TV-Verfilmung 1992

Der Film beginnt mit ungewöhnlichen Kamera-Einstellungen, die den ersten Mord vorwegnehmen und gleichzeitig wieder eine von Agatha Christies liebsten Zutaten für einen Kriminalroman präsentieren - den Kinderreim. Die Handlung hat ihre Wurzeln in der Vergangenheit, die an zwei exotischen Schauplätzen spielt: dem Theater und der britischen Kronkolonie Indien. In historischen Filmaufnahmen sieht man die Ankunft des Prince of Wales im Jahr 1925, als "Indien noch unverbrüchlich zur Krone steht", obwohl Gandhi bereits seit dem Ersten Weltkrieg mit seiner Bewegung für ein unabhängiges Indien eintrat.
Während man sich bereits gefragt hat, wo denn Hercule Poirot bleibt, befindet man sich nun im London des Jahres 1937 und erkennt den charakteristischen Trippelschritt der Lackschuhe unseres Freundes. Bald darauf beginnt die Mordserie, die weitere typische Elemente der Grande Dame der englischen Kriminalliteratur verwendet.
Ein Mann mit schwarzem Bart ist immer verdächtig (siehe: Alfred Inglethorpe in "Das fehlende Glied in der Kette"), sodass natürlich auch Mr. Amberiotis dunkle Pläne mit sich trägt. Ebenso beliebte Mordopfer sind schwatzhafte Damen, weshalb es nicht verwundert, wenn Mabelle Sainsbury Seale ebenfalls getötet wird. Poirot beweist wieder einmal Sinn für Details, indem ihm besonders Schuhe und Strümpfe des Opfers auffallen, während der in dieser Hinsicht wenig feinfühlige Japp dafür keinen Blick hat.
In einer wunderbaren Szene besucht Poirot den Chief-Inspector am Sonntag in dessen Haus in Islington. Als Japp beim Heckenschneiden gezeigt wird, erinnerte mich dies sofort an den ehemaligen Chief-Inspector Eustace Trubshawe aus der Evadne-Mount-Trilogie von Gilbert Adair. Trubshawe ist in meinen Augen Japp, sowohl in Charakter, als auch in Aussehen. "Sie hatten doch immer einen Hang zu den besseren Kreisen, Poirot!" meint Japp und bringt damit den Unterschied zwischen den beiden Männern auf den Punkt. Während Poirot zwischen Kultur und Natur pendelt, kann Japp seine Herkunft nicht verleugnen. Ich zitiere hier passend aus "Ein stilvoller Mord in Elstree" (A Mysterious Affair of Style) von Gilbert Adair (C.H. Beck-Verlag): "Sicher, er war beim Yard einer der führenden Männer gewesen, und zu seiner Zeit und im besten Alter hatte er mit den herausragendsten und mächtigsten Personen des Landes zu tun gehabt. Trotzdem war er der Sohn eines Drechslers aus Tooting und hatte sich langsam in die höheren Dienstränge hochgearbeitet, eine Tatsache, die nur für ihn sprach, mehr als wenn ihm der Zutritt zu dieser Sphäre durch irgendwelche bedeutenden familiären Beziehungen ermöglicht worden wäre." Poirot hingegen kann seine Herkunft ebenfalls nie ganz verbergen und wird wieder einmal beleidigt, diesmal bezeichnet man ihn als "merkwürdig aussehenden Ausländer". Seltsamerweise stellt sich am Ende der Geschichte immer heraus, dass diese Äußerungen meistens vom Mörder kommen. Poirot bleibt so wenigstens der Triumph, dass ungezogenes Verhalten ein Hinweis auf eigene Schuld und Unvollkommenheit ist.
Ein interessantes Detail am Rande bleibt das Gemälde im Konferenzsaal von Alastair Blunt, das schon früh in den Blickpunkt gerückt wird. Es handelt sich um ein Porträt, das die Künstlerin Tamara De Lempicka gemalt hat. Meines Wissens müsste es sich um eine Abwandlung des 1932 entstandenen "Portrait Marjorie Ferry" handeln.
Doch nicht nur "Viel Lärm um nichts" und "La Traviata" unterhalten die bessere Gesellschaft. Ein wichtiger Faktor dient der Schaffung weiterer falscher Fährten: die aktuelle politische Situation. Der zentrale Verdächtige Frank Carter (eine ausgezeichnete Verkörperung durch Christopher Eccleston) gehört den Schwarzhemden an, was immer wieder für latente Bedrohung sorgt (man denke nur an seinen Eintritt ins Wartezimmer des Zahnarztes, wo Poirot gesittet sitzt). Passenderweise fällt sein neuer Job als Gärtner bei den Blunts zeitlich mit einer Rede Oswald Mosleys (dem Führer der British Union of Fascists) zusammen. "In a speech on 24 April Mosley warned ´the roots of Britain are being dragged from the soil`.´Any civilisation that is to endure requires constant replenishment from the steady, virile stock which is bred in the health, sanity, and natural but arduous labour of the countryside`. (Stephen Dorril: Black Shirt - Sir Oswald Mosley & British Fascism, Penguin Books 2007)
Die falschen Fährten verbergen die Klärung des Falles durch Poirot (wieder einmal sehr schön inszeniert) bis am Ende perfekt. Der raffinierte Mordplan läßt sich nicht völlig deduzieren, man ahnt zwar einige Details, aber die vollständige Aufklärung durch den belgischen Detektiv überrascht mit einigen verblüffenden Hintergründen.
Die Geschichte löst sich zur Zufriedenheit auf, obwohl ich bezweifle, dass es der Sprechstundenhilfe Gladys gelingen wird, den Heißsporn Frank zu zähmen. Weitaus klüger handeln hier die Hinterbliebenen von Blunts zweiter Frau, die Damen Oliviero: Sie verlassen London Richtung New York und entgehen somit dem Bombenkrieg, der die Stadt ein paar Jahre später heimsuchen wird.
Ein vielschichtiger Film mit Sinn für interessante Kleinigkeiten, einem ungekünstelten Bezug zur Zeitgeschichte und tollen schauspielerischen Leistungen.
Muss man unbedingt mehrmals sehen, um alle Nuancen zu erfassen.

Percy Lister Offline



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30.08.2009 12:49
#90 RE: David Suchet ist Hercule Poirot - Episodenbewertungen Zitat · antworten

Deutsche Collection 5 Episode 4

"Sad Cypress" (dt. "Morphium") engl. Original mit dt. Untertiteln

Der Film beginnt mit der Gerichtsverhandlung, die über Leben und Tod der Angeklagten Elinor Carlisle entscheiden wird. Die Situation scheint ausweglos und Hercule Poirot als stummer Beobachter im Publikum wirkt sehr besorgt. Der Zuseher bekommt eine Vorschau auf die Entwicklung des Falles und weiß von Beginn an, dass Gefahr auf die scheinbar glückliche junge Frau wartet, die in der nächsten Szene mit ihrem Verlobten zu sehen ist. Dabei werden alle Ereignisse in einer diskreten Fragilität gezeigt, die dem Zuschauer ein permanentes Gefühl nahenden Unheils vermittelt, ohne ihn dabei peinlich zu berühren. Man ahnt Böses, als Roddy Winter das erste Mal seit Jahren auf Mary Gerrard trifft und weiß, dass er sich von seiner Verlobten abwenden wird. Dennoch verzichtet der Film auf das Zeigen körperlichen Begehrens (wie z.B. in "Das Eulenhaus"), was dazu beiträgt, dass er sein Geheimnis wahren kann und mehrere Interpretationsmöglichkeiten offen läßt. Freilich misstraut man dem blonden Roddy Winter ab dem Zeitpunkt, als er von den Männern in Deutschland schwärmt, die endlich einmal richtig aufräumen würden. Er verscherzt sich mit dieser Bemerkung nicht nur die Sympathie des Detektivs, sondern zeigt auch, dass er auf einer anderen Seite steht und es bald zum Bruch mit seiner Verlobten kommen wird.
Poirot tröstet Elinor später mit der weisen Erkenntnis: "Ein Mann, der so leicht ins Wanken zu bringen ist, ist vielleicht nie treu."
Die unterschwellige Bedrohung entfaltet sich bald nach der Ankunft des Paares im düsteren Haus der Tante, das im Zentrum einen unheimlichen Fahrstuhl hat.
Durch geschickten Wechsel zwischen Lampenlicht im Krankenzimmer und Tageslicht im grünen Garten, gelingt es dem Film, eine Tragödie zu zeichnen, die unpathetisch und natürlich abläuft. Der Arzt Dr. Lord gibt sich zwar recht überschwenglich in seinen Gefühlen, doch entbindet ihn dies nicht des Verdachts, den man bis am Ende gegen ihn hegt. Ein großes Plus der Geschichte ist die Charakterisierung der handelnden Personen. Am stärksten fühlt man mit Elinor Carlisle, deren Darstellerin Elisabeth Dermot Walsh nicht umsonst hohes Ansehen bei David Suchet genießt. Sie verfügt über ein fesselndes Mienenspiel und große Ausstrahlung.
Die Atmosphäre des Films rief mir ein Gedicht aus der Viktorianischen Zeit ins Gedächtnis. Es handelt sich um "Song" von Christina Rossetti, der Schwester des berühmten Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti.

"When I am dead, my dearest,
Sing no sad songs for me,
Plant thou no roses at my head,
nor shady cypress tree......"

Die Szenen bei der Beerdigung der Tante, das diskrete Schaufeln eines neuen Grabes für Mary, das Gespräch in der Gefängniszelle - all diese berührenden Momente werden stilvoll und ohne Effekthascherei inszeniert, was der POIROT-Serie zur Ehre gereicht.
Dennoch zeigt das Produktionsteam in einer kurzen Traumsequenz, wie man die Computertechnik integrieren kann, um einen kurzen Schockmoment heraufzubeschwören. Mary Gerrards Gesicht verwandelt sich in einen Totenschädel. Die Spannung hält bis zur allerletzten Sekunde an, es gibt keinen Durchhänger, sondern fortwährendes Mitkombinieren. Man liest förmlich die Gedanken von Elinor während der Teestunde und begleitet Poirot bei seinem Wettlauf gegen die Zeit. Wieder einmal wird klar, dass es seine Stärke ist, alle Aussagen zu hinterfragen und Tatbestände zu überprüfen. Wer sonst käme wohl auf den Gedanken, eine Rose zu pflücken, um zu kontrollieren, ob sie Dornen hat oder nicht? Die Intensität dieses Films ist typisch für die späteren Poirot-Produktionen. Ohne Hastings, Japp und Miss Lemon bewegt sich Poirot auf den Wegen menschlicher Schicksale, die düster und schwermütig daherkommen. Es bleibt wenig Raum für den Humor, der die Kurzfolgen der Neunziger Jahre ausmachte. Das nüchterne Todesurteil ("...und dort wird man sie am Hals aufhängen, bis Sie tot sind...") ist ein klassisches Element der Spätphase der Reihe und spricht für den Ernst und die hohe Kunst der Schriftstellerin. Deshalb benötigen die Langfilme Zeit und einen passenden Rahmen. Man kann sie nicht zwischendurch als kleines Häppchen konsumieren, da sie Betroffenheit hervorrufen, die nachhält.
Die Auflösung des Falles gestaltet Poirot sehr geschickt, indem er zwar alle Verdächtigen an den Schauplatz der Verbrechen bittet, sie jedoch nicht in einem Raum versammelt, wie es sonst seine Art ist. Durch einen kleinen Trick überführt er den Täter, dessen Plan verblüffend, aber aus der Sicht der Apothekenhelferin Agatha Christie vollkommen natürlich scheint.

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