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Forum Edgar Wallace ,...



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Dieses Thema hat 28 Antworten
und wurde 2.340 mal aufgerufen
 Romane
Seiten 1 | 2
Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

28.07.2008 22:19
Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten



Edgar Wallace: Der schwarze Abt (The Black Abbot)

Erstausgabe (Großbritannien): 1926, Hodder & Stoughton, London
Erstausgabe (Deutschland): 1930, Wilhelm-Goldmann-Verlag, Leipzig
Erstübersetzer: Dr. Otto Albrecht van Bebber
Derzeit erhältlich: 2007, Portobello-Topseller* (gekürzt!)

*) in einem Band mit „Die seltsame Gräfin“ und „Die toten Augen von London“

Wichtige Personen

  • Harry Alford, Lord von Chelford und begeisterter Schatzsucher, schwächlich
  • Dick Alford, der Bruder von Harry, Schlossverwalter, ein echter Mann
  • Leslie Gine, die Verlobte Harrys, eine hübsche junge Frau
  • Arthur Gine, Leslies Bruder, ein Anwalt, der des öfteren in der Klemme steckt
  • Fabrian Gilder, Gines Bureauvorsteher, ein undurchsichtiger, erpresserischer Bursche
  • Mary Wenner, ehemalige Sekretärin Harrys, will in die feine Gesellschaft einheiraten
  • Sergeant Puttler, ein Scotland-Yard-Beamter, der aussieht wie ein Affe
  • Diener Thomas Glück, Diener auf Fossaway, dem Schloss der Chelfords
  • Butler Glover, Butler auf Fossaway
  • Lady Chelford, Harrys Mutter, deren Tod vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte
Inhalt

Zitat von Rückentext Goldmann, 12. Ausgabe
In den Gewölben der verfallenen Abtei von Fossaway in England geht ein Gespenst um: der schwarze Abt. Vor vierhundert Jahren wurde auf der Besitzung des Grafen von Chelford ein Goldschatz vergraben. Lord Chelford möchte ihn gerne heben. Der Schatz wird gefunden, aber auch ein Toter: ein Mann in einer schwarzen Kutte. Er wurde ermordet.

Zitat von Rückentext Weltbild-Jubiläumsausgabe 2000
Wenn die Nacht hereinbricht über die Ruine Fossaway, zeigt er sich – der Geist des düsteren schwarzen Abts. Ein böses Omen für die Chelfords, die einst seinen grausamen Tod verschuldeten? Oder bewacht er den Goldschatz, der in den Verliesen versteckt sein soll? Graf Chelford ist von der Jagd nach dem Gold besessen! Mit dem Fund einer Leiche hatte er nicht gerechnet ...


Buchbesprechung

„Der schwarze Abt“ ist die Wallace-typische Mischung aus Mordgeschichte, Gespensterstory, Romanze und Geld. Die Personenkonstellation, die weitestgehend bekannt sein dürfte, wartet dieses Mal nicht mit dem Schema junger Inspektor und Erbin auf, sondern präsentiert uns ein Mädchen, das durch die Spekulationen ihres Bruders in Armut geraten ist und möglichst gut heiraten muss. Der Mann in Frage soll Lord Chelford sein, den zu heiraten jedoch, wie man sich als Leser, und auch als Filmkenner, vorstellen mag, keine allzu angenehme Sache ist. Er beliest sich wie ein Besessener über das Mysterium des Chelford-Schatzes, das zu lüften noch keinem seiner Linie gelungen ist. Nicht jedoch auf die Unmengen an Gold, nein ausgerechnet auf das Lebenselixier hat er es abgesehen. Sein Bruder Dick bietet da schon einige Dinge, die einem Mädchen besser gefallen dürften. Er ist ansehnlich, umgänglich und bodenständig, doch leider finanziell die schlechteste Partie, die man sich vorstellen kann. Was für ein Pech, aber auch ...

Unterdessen bekommt der verschuldete Arthur Gine durch seinen aufmüpfigen Bureauvorsteher Farbian Gilder noch mehr Probleme. Diese erpresserisch veranlagte Type ist nämlich in den Besitz von Wechseln gekommen, mit denen er seinen Brötchengeber, durch dessen Spielleidenschaft er sich selbst übrigens ein Vermögen verdiente, aufs fieseste erpresst. Schließlich hat auch er, Gilder, es auf die anmutige Leslie abgesehen.

Einer der wenigen, der sich nichts aus Leslie macht – wohl, weil er weiß, dass er sowieso keine Chancen hat –, ist der Polizeibeamte Sergeant Puttler, der trotz seines geradezu erschreckenden Äußeren (Zitat Puttler: „Es hat Leute gegeben, speziell romantische Naturen, die bei meinem Anblick in Ohnmacht fielen.“) über umfangreiche Kenntnisse über Literatur und Geschichte verfügt.

Locker eingestreut werden nächtliche Gruselsequenzen, die den schwarzen Abt in Erinnerung halten, und die Schatzsuche in unheimlichen Gewölben, auf die sich auf Mary Wenner und Fabrian Gilder begeben.

Wallace, der es seit jeher verstand, packende Finalkapitel für seine Bücher zu schreiben, läuft in „Der schwarze Abt“ zu Höchstformen auf. Entführt und in den unterirdischen Gängen verschüttet, die einst der Abt für sein Treiben nutzte, fristen Leslie und Harry sowie ihre Retter fast ein Dutzend Kapitel. Trotz der Länge dieser Zuspitzung am Ende sind die dortigen Szenen fesselnd und überaus spannend geschrieben. Ich für meinen Teil las sie bis halb vier Uhr nachts – und das nicht nur, weil ich partout nicht einschlafen konnte.

Im Finale arbeitet Wallace auch wieder mit seinen charakteristischen Zeitsprüngen. Verschiedene Handlungsstränge werden bei ihm so miteinander verknüpft, dass sie nicht zeitlich parallel ablaufen, sondern nach Beendigung eines Erzählabschnittes der einen Perspektive an einem zeitigeren Punkt in der anderen eingesetzt und teilweise gleiche Ereignisse noch einmal aus einem anderen Blickwinkel geschildert werden. Paradebeispiele hier die Entführung Leslies und die Szene mit dem unterirdischen Brunnen.

Wo wir gerade bei Kapiteln sind: Vergleicht man verschiedene Ausgaben (mir liegen die zwei oben bei den Inhaltsbeschreibungen angegebenen Bücher vor), so stellt man bei neueren Goldmann-Ausgaben wieder einmal eklatante Kürzungen fest. Während die Erstübersetzung, die im Weltbild-Band (gemeinsam mit „Der Banknotenfälscher“) abgedruckt ist, über 64 Kapitel verfügt, so findet man im Goldmann-Taschenbuch der 1970er oder 1980er Jahre lediglich 48. Dass dies nicht nur auf veränderte Kapiteleinteilungen zurückzuführen ist, soll ein kleiner Übersetzungsvergleich belegen, der alle weiteren Worte erspart:

Zitat von Goldmann, 12. Ausgabe, Kapitel 1, S. 5
Lady Chelford war sehr bekannt gewesen, ihr tragisches Ende hatte seinerzeit großes Aufsehen erregt.
Der Diener zögerte an der Tür.

Zitat von Weltbild-Jubiläumsausgabe 2000, Kapitel 1, S. 5f
Da Lady Chelford einst als die berühmteste Debütantin der Gesellschaft gegolten hatte, gehörte ihr tragisches Ende zu den großen Sensationen der neunziger Jahre. Sonst schmückte kein weiteres Bild die Bibliothek.
Harry Alfords Blick streifte das Porträt. Ihn dünkte das alte Herrenhaus von Fossaway trotz all seiner Schönheit und all seines Charmes ein armseliger Rahmen für solch ein Juwel!
Der Lakai in seiner nüchternen schwarzen Livree und dem weißgepuderten Haar zögerte an der Tür.


Die 31-teilige Weltbild-Ausgabe ist leider nur noch teuer oder unvollständig in gebrauchtem Zustand zu bekommen.

Verfilmung (Der schwarze Abt, BRD / FR 1963)

Der Film wird seiner spannenden, mit Stringenz geschriebenen Romanvorlage nicht gerecht. Zu verworren ist das Geschehen. Verzwickt sind die Ereignisse zwar auch in der Buchvorlage, aber hier hat man den Vorteil des geduldigen Erzählers, der einem alle Dinge erklärt und auf Zusammenhänge verweist. Leider geht so dem Film viel Logik verloren, die im Buch durchaus vorhanden ist. Ereignisse, die die Geschichte unnötig überfrachten, fallen ebenfalls nicht zum Guten für den Film aus: Im Buch beispielsweise überleben Arthur Gine, Fabrian Gilder und Mary Wenner (die letzten beiden verloben sich sogar).

Die Darsteller, die ich bisher sehr passend fand und denen man auch ein gutes Agieren nicht absprechen kann, entsprechen teilweise nicht dem in der Buchvorlage beschriebenen Pendant. Nehmen wir den von Werner Peters gespielten Fabrian Gilder: Nicht als klein und rundlich, mit feistem Gesicht und blondem Haar wird er beschrieben, sondern wie folgt:

Zitat von Weltbild-Jubiläumsausgabe 2000, Kapitel 10, S. 38
Am Durchschnittsmenschen geht man vorüber, ohne ihn zu bemerken; wer indes Fabrian Gilder einmal begegnet war, hätte ihn nach Jahren sofort wiedererkannt. Das beinahe viereckige Kinn, Lippen, die wie zwei gerade Striche wirkten, ein Paar durchdringende Augen, ein Paar durchdringende graue Augen unter buschigen Brauen schufen vereint mit den mächtigen Schultern einen unleugbaren Eindruck von Energie und Kraft.


Auch zu den anderen Darstellern wird man sich beim Lesen eigene Bilder im Kopf zurechtlegen, eventuell mit Ausnahme der beiden weiblichen Protagonisten, die durch Grit Böttcher und Eva Ingeborg Scholz besonders treffend dargestellt wurden (vielleicht liegt es auch daran, dass Frauen in den 1920er Jahren meist diese merkwürdigen Frisuren hatten, die ich mir nicht vorstellen möchte).

Spannung kommt in der Verfilmung trotz der gelungenen Atmosphäre nur selten auf. Statt unnütze Tote in die Geschichte hineinzuschmuggeln und Lady Chelford als unbemerkt Überlebende zu einer überaus merkwürdigen Rolle zu verhelfen, hätte man ihren Tod durch Selbstmord aufgrund ihrer Geisteskrankheit in Szene setzen müssen. Für eine originalgetreue Umsetzung des Stoffes wäre dies ein überaus gelungener Einstieg in den Film, der, gemeinsam mit dem vierhundert Jahre alten schwarzen Abt, als Leitmotiv für gruselige Atmosphäre sorgen könnte.

Besetzung der wichtigen Rollen im Film (Regie: Franz-Josef Gottlieb)

  • Harry Alford: Dieter Borsche
  • Dick Alford: Joachim Fuchsberger
  • Leslie Gine: Grit Böttcher
  • Arthur Gine: Harry Wüstenhagen
  • Fabrian Gilder: Werner Peters
  • Mary Wenner: Eva-Ingeborg Scholz
  • Sergeant Puttler (im Film Inspektor Puddler): Charles Regnier
  • Diener Thomas Glück (im Film Thomas Fortuna): Klaus Kinski
  • Lady Chelford: Alice Treff
  • Des weiteren: Eddi Arent, Kurd Pieritz
Hörspiel (Der schwarze Abt, BRD 1983)

Besser als der Film ist das Europa-Hörspiel aus den 1980er Jahren, das zu den besten Titeln der Reihe zählt. Der Einstieg, in dem der schwarze Abt weitaus unheimlicher in Erscheinung tritt als in der geradezu lächerlichen Teasersequenz des Films, ist allein schon Gold wert. Doch auch Sprecherwahl und die Dramaturgie der weiteren Ereignisse überzeugen trotz der starken Kürzung von 218 Seiten auf 38 Minuten.
Eine weitere Audioumsetzung – auch nicht besonders umfangreich – bietet die Hörbuchreihe von Random House Audio, gelesen von Peer Augustinski. Auf einer CD mit der Spielzeit von 70 Minuten ist die Geschichte ebenfalls enthalten. Liebhabern des „schwarzen Abtes“ kommt es also Recht, dass im Oktober 2008 eine umfangreichere Hörbuchproduktion von Airplay-Entertainment erscheinen soll. Der Sprecher steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht fest.

Besetzung der wichtigen Rollen im Hörspiel (Regie: Heikedine Körting)
  • Harry Alford: Manfred Steffen
  • Dick Alford: Friedrich Schütter
  • Leslie Gine (im Hörspiel Leslie Gines): Monika Gabriel
  • Arthur Gine (im Hörspiel Arthur Gines): Henry Kielmann
  • Mary Wenner: Jo Wegener
  • Sergeant Puttler: Ferdinand Dux
  • Diener Thomas Glück: F.-J. Steffens
  • Butler Glover: Ernst Schubarth
  • Des weiteren: Marion Martienzen, Horst Stark, Horst Naumann (Erzähler)
Fazit

Es ist die von Wallace kreierte, herrlich britisch-mysteriöse Stimmung, die „Der schwarze Abt“ zu einem vergnüglichen Roman macht. Im Gegensatz zum Film gibt es im Roman zwar nur zwei Tote (wenn man von dem weiter zurückliegenden Selbstmord Lady Chelfords absieht), doch weit mehr Spannung und Dramatik als im Film. Besonders die Schlusskapitel, die Schilderungen der nächtlichen Auftritte des Abtes und die sämtlichst scheiternden Erpressungsversuche des Fabrian Gilder überzeugen. Ein gelungenes Wallace-Buch aus seiner Hochphase 1926 – allein im gleichen Jahr entstanden auch die Werke „The Avenger“ (Der Rächer), „Barbara on Her Own“ (Verdammte Konkurrenz), „The Day of Uniting“ (Der jüngste Tag), „The Door with Seven Locks“ (Die Tür mit den sieben Schlössern), „The Joker“ (Der Joker), „The Man from Marocco“ (Der Mann von Marokko), The Million Dollar Story (Die Millionengeschichte), „The Northing Tramp“ (Nach Norden, Strolch!), „Penelope of the ‘Polyantha’“ (Penelope von der Polyantha), „People“ (Menschen), „The Ringer“ (Der Hexer), „Sanders“ (Sanders), „The Square Emerald“ (Der viereckige Smaragd), „The Terrible People“ (Die Bande des Schreckens), „The Three Just Men“ (Die drei Gerechten), „We Shall See“ (Mary Ferrara spielt System) und „The Yellow Snake“ (Die gelbe Schlange), von denen vielleicht noch einige in diesem Forum genauer unter die Lupe genommen werden ...

Joachim Kramp Offline




Beiträge: 4.901

02.08.2008 16:52
#2 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Hallo Gubanov,

ein dickes Lob für diese Analyse - klasse!!!

Joachim.

P.S.: Ich freue mich bereits auf die nächste Besprechung.

tilomagnet Offline



Beiträge: 582

02.08.2008 23:07
#3 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Liest sich wirklich sehr gut. Leider kann ich nicht viel hinzufügen, weil ich noch überhaupt keinen Wallace-Roman gelesen habe. Wird vielleicht mal Zeit nach zwei Jahrzehnten EW-Filme gucken.

Joachim Kramp Offline




Beiträge: 4.901

17.10.2008 01:08
#4 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Hallo Gubanov,

wann geht es hier weiter?

Joachim.

Edgar007 Offline




Beiträge: 2.543

17.10.2008 11:08
#5 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Grundsätzlich ein großes Lob für diese umfassende Rezension. Sehr schön geschrieben. In einem Punkt muß ich Dir jedoch widersprechen:

Zitat von Gubanov im Beitrag #1
Besser als der Film ist das Europa-Hörspiel aus den 1980er Jahren, das zu den besten Titeln der Reihe zählt. Der Einstieg, in dem der schwarze Abt weitaus unheimlicher in Erscheinung tritt als in der geradezu lächerlichen Teasersequenz des Films, ist allein schon Gold wert.

Nicht nur für mich ist die Teasersequenz eine der schönsten, unheimlichsten und besten der Gesamten Serie - und keinesfalls als lächerlich zu bezeichnen. Obwohl DER SCHWARZE ABT einer meiner Liebflingsfilme ist, gebe ich Dir Recht, daß man aus der hervorragenden Buchvorlage mehr daraus hätte machen können.

Gubanov ( gelöscht )
Beiträge:

17.10.2008 15:20
#6 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Zitat von Joachim Kramp im Beitrag #4
Hallo Gubanov,
wann geht es hier weiter?

Du fragst genau zur richtigen Zeit. Nachdem heute mein letzter Schultag vor den Herbstferien war, werde ich nun wohl auch bald zu einer zweiten Rezension kommen. Ich habe auch schon einen bestimmten Roman im Blick.
Zitat von Edgar007 im Beitrag #5
Nicht nur für mich ist die Teasersequenz eine der schönsten, unheimlichsten und besten der Gesamten Serie - und keinesfalls als lächerlich zu bezeichnen.

Ich weiß, dass für viele hier die Anfangsszene von "Der schwarze Abt" als eine der atmosphärischsten der Wallace-Filme gilt. Ich kann das immer nur sehr begrenzt nachvollziehen. Während die Szenen für Nachtaufnahmen viel zu hell ausgeleuchtet sind, sieht man doch nicht viel von der schönen Umgebung des Parks. Die Gebaren des Abtes finde ich etwas unfreiwillig amüsant.

Joachim Kramp Offline




Beiträge: 4.901

17.10.2008 19:50
#7 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Im Drehbuch war diese Szene auch wesentlich ausführlicher und spannender dargestellt, scheinbar hatte man sie dann "zusammengeschnitten".

Joachim.

lasher1965 Offline




Beiträge: 419

16.07.2010 07:56
#8 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Kann man die Drehbuchfassung irgendwo nachlesen?

Viele Grüße
Lasher

Joachim Kramp Offline




Beiträge: 4.901

16.07.2010 14:36
#9 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Wenn du Zeit hast, frage bei der Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin an, fahre nach Berlin und lies vor Ort nach ... oder erkundige dich in anderen Archiven, ob dieses Drehbuch vorhanden ist ...

J.

Savini Online



Beiträge: 450

02.06.2021 16:30
#10 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Zitat von Gast im Beitrag #1
Die Darsteller, die ich bisher sehr passend fand und denen man auch ein gutes Agieren nicht absprechen kann, entsprechen teilweise nicht dem in der Buchvorlage beschriebenen Pendant. Nehmen wir den von Werner Peters gespielten Fabrian Gilder: Nicht als klein und rundlich, mit feistem Gesicht und blondem Haar wird er beschrieben, sondern wie folgt:

Zitat von Weltbild-Jubiläumsausgabe 2000, Kapitel 10, S. 38
Am Durchschnittsmenschen geht man vorüber, ohne ihn zu bemerken; wer indes Fabrian Gilder einmal begegnet war, hätte ihn nach Jahren sofort wiedererkannt. Das beinahe viereckige Kinn, Lippen, die wie zwei gerade Striche wirkten, ein Paar durchdringende Augen, ein Paar durchdringende graue Augen unter buschigen Brauen schufen vereint mit den mächtigen Schultern einen unleugbaren Eindruck von Energie und Kraft.


Ich hatte beim Lesen Richard Häussler vor Augen, zumal es öfter heißt, dass Gilder die Fünfzig schon länger überschritten habe.
Harry Wüstenhagen war dagegen die Idealbesetzung für Arthur Gine, der als elegant gekleideter Leichtfuß beschrieben wird.

Savini Online



Beiträge: 450

12.11.2021 15:26
#11 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Gubanovs Mammutbeitrag hat mich schon vor vielen Jahren beeindruckt, obwohl ich ihm in vielen Punkten nicht zustimme. Nach langem Zögern wären hier einige kritische Anmerkungen:

Zitat von Gast im Beitrag #1
Der Film wird seiner spannenden, mit Stringenz geschriebenen Romanvorlage nicht gerecht. Zu verworren ist das Geschehen. Verzwickt sind die Ereignisse zwar auch in der Buchvorlage, aber hier hat man den Vorteil des geduldigen Erzählers, der einem alle Dinge erklärt und auf Zusammenhänge verweist. Leider geht so dem Film viel Logik verloren, die im Buch durchaus vorhanden ist.

Wie bereits aus meiner in einem anderen Thread formulierten Lobeshymne auf das Drehbuch hervorgehen dürfte, kann ich diesem Urteil kaum zustimmen. "Stringent" bedeutet laut Duden "aufgrund der Folgerichtigkeit sehr einleuchtend, überzeugend; logisch zwingend, schlüssig". Das ist der Roman für mich keineswegs: Die ersten zwei Drittel geschieht kaum etwas wirklich Spannendes, abgesehen von Gilders Erpressungen, einer nächtlichen Suche im Gewölbe und zwei aufgesetzt wirkenden Mordversuchen. Aufgesetzt, weil bei dem einen (auf Dick Alford) nicht klar wird, wer diesen verübt und der andere (auf Leslie) nicht recht mit ihrer späteren Entführung durch Harry zusammenpassen will. Warum sollte er sie einerseits töten und später für sich haben wollen, obwohl er doch eigentlich kein Interesse an ihr hat und sie eigentlich nur heiraten will, um die Familienlinie fortzusetzen?
Die Suche im Gewölbe ist auch nicht sonderlich sinnvoll, da der Abt hier zwar einen effektvollen Auftritt hat (im Grunde seinen einzigen "echten" in der Romanhandlung), aber die Röhren nur Bilder enthalten, die für den Rest der Handlung keine Bedeutung mehr haben (das war im Film durch die Pläne anders).
Ansonsten gibt es kein wirklich zentrales Verbrechen und im Grunde nicht einmal einen richtigen Bösewicht; Gilder scheint anfangs diese Rolle zu haben, wechselt aber die Seiten, während Harry eher Opfer seines Wahns und ein Getriebener ist.
Das Drehbuch ist für mich dagegen ein relativ logisches und überraschend gut durchdacht.
Zitat von Gast im Beitrag #1
Ereignisse, die die Geschichte unnötig überfrachten, fallen ebenfalls nicht zum Guten für den Film aus: Im Buch beispielsweise überleben Arthur Gine, Fabrian Gilder und Mary Wenner (die letzten beiden verloben sich sogar).

Ehrlich gesagt, empfinde ich eher den Roman als "überfrachtet", da Gine, Gilder und Mary Wenner im letzten Drittel relativ unmotiviert die Seiten wechseln und daher ungestraft bleiben. Im Film dagegen sterben sie, wenn sie zur Geschichte nichts mehr beitragen, wodurch alles abgerundeter wirkt und man sich gegen Ende auf die Suche nach Harry konzentrieren kann.

Zitat von Gast im Beitrag #1
Besser als der Film ist das Europa-Hörspiel aus den 1980er Jahren, das zu den besten Titeln der Reihe zählt. Der Einstieg, in dem der schwarze Abt weitaus unheimlicher in Erscheinung tritt als in der geradezu lächerlichen Teasersequenz des Films, ist allein schon Gold wert. Doch auch Sprecherwahl und die Dramaturgie der weiteren Ereignisse überzeugen trotz der starken Kürzung von 218 Seiten auf 38 Minuten.

Dieses positive Urteil überrascht mich sehr, gerade was die Besetzungen betrifft: Manfred Steffen klingt viel zu alt für den im Roman recht jungen Lord Harry, Friedrich Schütter für Dick ebenso, außerdem auch noch viel zu schwer. Franz-Josef Steffens lässt den Diener Thomas (die Aussprache seines Vornamens ist ein Fall für sich) wie einen Großvater klingen.
Lutz Mackensy, Henry Kielmann und Balduin Baas wären viel passendere Besetzungen gewesen.
Aber auch dramaturgisch gibt es Schwächen: Die Anfangssequenz ist zwar ein effektvoller Einstieg, aber eben auch eine Dazudichtung. Ansonsten verschwindet Thomas relativ bald aus der Geschichte und wird daher nicht ermordet. Dafür dürfen sich Gilder und Gines gegenseitig erschießen; zusätzlich wird der im Roman sehr wichtige Bürovorsteher hier mit einem Kurzauftritt abgespeist und so zur Nebenfigur degradiert.
Natürlich waren Kürzungen nötig; aber von der Handlung her hat der Film doch noch mehr aus dem Roman übernommen als die Vertonung.

Übrigens: Kann es sein, dass Edgar Wallace eine Abneigung gegen Intellektuelle hatte? Der körperlich schwache Verstandesmensch Harry Alford wird von ihm immerhin als weinerliches, wehleidiges und überspanntes Muttersöhnchen der Lächerlichkeit preisgegeben.

Savini Online



Beiträge: 450

12.11.2021 16:36
#12 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Nachtrag: Die Änderung von Buchillustrationen zu Plänen erscheint mir auch deshalb sinnvoll, weil Gilder einen Teil davon noch an sich bringt, der ihm später von Thomas gestohlen wird, der wiederum damit auf eine Faust nach dem Schatz suchen will; eine bessere Motivation als im Roman, wo er nach seiner Entlassung Geld stehlen will und dabei zu Tode kommt.
Die interessanten Teile des Vorlage (Erpressungen, Intrigenspiele, Figurenkonstellationen) wurden dagegen im Film relativ stark übernommen, aber geschickt mit den dazugedichteten Teilen (etwa dem Anfangsmord und den polizeilichen Ermittlungen) verknüpft.
Im Buch wird auch nicht recht klar, warum Dick überhaupt dafür sorgt, dass jemand von Scotland Yard auf Fossaway erscheint, da er den Sergeant ja zunächst nicht einweiht.

Havi17 Offline




Beiträge: 3.600

12.11.2021 16:37
#13 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Ich kann Deinen Ausführungen, soweit es nicht den Roman betrifft der steht demnächst an, nur zustimmen. Ich kann natürlich verstehen,
wenn man einen "Wallace-Film-Faktor" anlegt, wird Blacky den Wallace-Film Wohlfühlfaktoren nicht gerecht. Er ist kein Inspektor und
bekommt am Ende nicht das Mädchen. Doch das ist kein Grund den Abt so zu beurteilen, schließlich ist es noch eine Romanverfilmung
und der gilt es gerecht zu werden. Der Abt gehört zu den besten Wallaceroman-Verfilmungen, da führt kein Weg daran vorbei. Und wenn
meine Romanlesung das auch bestätigt, dann ist es ähnlich dem Bogenschützen sogar ein besseres weil logischeres Drehbuch als es die
Vorlage hergibt, Hut ab!

Gruss
Havi17

Savini Online



Beiträge: 450

12.11.2021 22:38
#14 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Ich bin gespannt, wie dein Urteil nach der Lektüre ausfallen wird! Es kann natürlich auch sein, dass du eher Gubanov zustimmen wirst; zumal das Drehbuch des "Abtes" schon öfter kritisiert wurde.

Zitat von Havi17 im Beitrag #13
Ich kann natürlich verstehen,
wenn man einen "Wallace-Film-Faktor" anlegt, wird Blacky den Wallace-Film Wohlfühlfaktoren nicht gerecht. Er ist kein Inspektor und
bekommt am Ende nicht das Mädchen. Doch das ist kein Grund den Abt so zu beurteilen, schließlich ist es noch eine Romanverfilmung

Ehrlich gesagt, ist mir jetzt nicht klar, was du damit meinst.
Fuchsberger spielt hier zwar keinen Inspektor bekommt aber trotzdem "am Ende das Mädchen".
Und bezieht sich das "den Abt so zu beurteilen" jetzt auf meine Wertung? Oder die Gubanovs?

Havi17 Offline




Beiträge: 3.600

13.11.2021 01:32
#15 RE: Der schwarze Abt (1926) Zitat · Antworten

Letzters!

Gruss
Havi17

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