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Dieses Thema hat 622 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

25.08.2013 13:43
#421 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Der Segelbootmord

Zitat von Der Kommissar: Der Segelbootmord
Weiße Segel treiben kleine Jollen über den sommerlichen Starnberger See. Vom Ufer aus halten Dr. Reger und sein Sohn nach den Booten Ausschau, denn von einem soll Regers neue Frau den beiden Männern zuwinken. Stattdessen werden sie Zeugen eines unheimlichen Unfalls: Alexa Regers Boot kentert und die Frau ertrinkt. Für ihren Gatten stellt sich die Situation klar als Mord dar, zumal Griffspuren an den Knöcheln der Toten sowie eine Gummiflosse gefunden werden. Er hat den Verdacht, dass seine erste Gattin mitschuldig sein könnte …


Peter Pasetti beehrte den „Kommissar“ leider nur zweimal mit seiner Verwicklung in Kriminalfälle, weshalb dieser Auftritt umso höher zu schätzen ist. Dass er außerdem an der Seite von Ruth Leuwerik erfolgt, macht ihn umso wertvoller, weil es Ringelmann und Becker damit gelang, die zwei erlesensten und vornehmsten Fernsehstars überhaupt vor eine Kamera zu bekommen. Unter diesen Umständen kann „Der Segelbootmord“ gar nicht misslingen, meint man. Nach Percy Listers mehrfachem Lob in höchsten Tönen hatte diese Episode so hohe Erwartungen bei mir geweckt, dass ich bei meiner Erstsichtung im Frühling diesen Jahres zwar durchaus angetan von Stimmung und Ensemble war, den Fall als solchen aber als zäh und mit Längen behaftet empfand. Eine zweite Sichtung ein knappes halbes Jahr später hat den „Segelbootmord“ in ganz erstaunlicher Weise reifen lassen: Die Qualitäten – unumstößlich und unwiderlegbar – bleiben bestehen, während sich die Schwächen ähnlich der verräterischen Schwimmflosse in Luft auflösen. Wir haben es hier definitiv mit einem kleinen Meisterwerk zu tun, das seine Wirkung durch mehrfaches Sehen intensiviert, anstatt an Faszination einzubüßen. Weiß man einmal, was einen erwartet, kann man sich mit besonders frohem Mut auf das edle Ambiente und die großartigen Darstellungen freuen, den ruhigen Fall Schritt für Schritt mitverfolgen und überrascht feststellen, dass Wolfgang Becker auch die stillen und die edlen Töne und nicht nur die lauten Rockrhythmen in Perfektion beherrscht.

Ich komme erneut zum Hauptdarsteller dieser Folge zurück, denn über Pasettis Rolle gibt es so einiges zu sagen. Sie beginnt anscheinend als eine seiner Paraderollen, in denen er den renommierten Arzt mit Hang zu luxuriösen Freizeitbeschäftigungen – darunter ein Boot und eine junge Ehefrau – verkörpert. Bald aber stellt man fest, dass Herr Dr. Reger sein Leben keineswegs unter völliger Kontrolle hat, sondern zusehen muss, den Rest seiner Familie irgendwie zusammenzuhalten, nachdem er derjenige war, der den Pickel angesetzt und sie in zwei Teile aufgespalten hatte. Als dann auch noch Alexa stirbt, bricht Reger völlig zusammen und zeigt Pasetti in einem Zustand, den er in seiner Karriere nicht allzu häufig bekleiden durfte – den Verzweifelten und Hilfesuchenden. Die Kamera erspart ihm das angekündigte Heulen und Weinen, doch macht sie seine Derangiertheit eindrucksvoll deutlich. Selbst in Momenten der besinnungslosen Trauer meint man in Pasetti aber nach wie vor eine starke Seite zu bemerken, die ihn ein wenig wie ein überfordertes, aber trotziges Kind wirken und alle Sympathien für ihn aufkommen lässt.

Ruth Leuwerik hat es schwer, dagegen anzustehen, wurde ihr doch eine in erster Linie kaltherzige Rolle zugedacht, die sie mit nur sehr zurückhaltenden Anzeichen mütterlicher Liebe ausfüllt. Dennoch beherrscht sie die Szenerie und auch Pasetti, dem es insgeheim eine Freude zu machen scheint, einmal nicht die Führungskraft verkörpern zu müssen. Vor diesen beiden schauspielerischen Schwergewichten fällt es dem Rest des Casts verständlicherweise schwer, sich Raum zu schaffen. Das „Kommissar“-Team hält sich vornehm zurück und gibt nur in den Szenen mit den harmlosen Jugendlichen Gas, in denen man sich ein Auftrumpfen erlauben kann. Lediglich Gerlinde Döberl hinterlässt noch einen bleibenden Eindruck, weil sie als tragisches Opfer gezeigt wird, das die moralischen Bedenken über die zweite Ehe mit einer jüngeren Frau insofern ausräumt, als sie zeigt, dass nicht jede dieser Damen – wie vom Mörder unterstellt – unlautere Absichten umtreiben.

Der Täter, so möchte man nach seiner Enttarnung meinen, wurde willkürlich herausgepickt und hätte auch jeder andere aus der kleinen betroffenen Gruppe sein können, jedoch sorgt ein pointierter und bitterer Schlusssatz dafür, dass man die Situation plötzlich in einem anderen Licht betrachtet. Die Regers, die mächtigen, schönen und reichen Regers, waren letztlich nur ein Bauernopfer zum Abreagieren der überhaupt nicht thematisierten familiären Probleme einer anderen Person. Dieses Schicksal macht die Verpflichtung Pasettis und Leuweriks richtiggehend ironisch.

„Der Segelbootmord“ gleicht einer lauen Sommerbrise: Er bietet eine erfrischende Abwechslung, bringt dabei aber gewohnte Verhältnisse in Unordnung, stürzt oben und unten um und erfordert eine ordnende Hand, die hier aus ungewohnter Richtung eingreift. Mit unglaublichem schauspielerischen Potenzial ausgestattet, von dem auch eifrig Gebrauch gemacht wird, überzeugt diese Folge durch ihre kompromisslos hochwertige Anlage.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines bringt durch einen Fauxpas die Polizei in Verruf und den Fall voran
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 18: Episode 80 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Wolfgang Becker. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Ruth Leuwerik, Peter Pasetti, Franz Winter, Michael Ande, Joachim Wichmann, Gerlinde Döberl, Rainer Penkert, Günther Geiermann u.a. Erstsendung: 25. Oktober 1974.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.574

25.08.2013 14:51
#422 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Bewertet: "Jähes Ende einer interessanten Beziehung" (Folge 79/ Erstsendung am 27. September 1974)
mit: Johanna von Koczian, Vadim Glowna, Doris Schade, Klaus Löwitsch, Brigitte Horney, Werner Hinz, Michael Lenz, Veit Relin, Eduard Linkers - Regie: Theodor Grädler

Alexander Strassner bindet sich zum Erstaunen seines Freundes Erich Lobach eine Krawatte um und macht sich bereit, ein Kinderkonzert der Evangelischen Gemeinde zu besuchen. Die Chorleiterin, Studienrätin Vera Kämmerer, ist die Dame seines Herzens. Schnell steckt er die Schachtel mit den Verlobungsringen in seine Brusttasche und verlässt das Haus. Weit kommt er jedoch nicht: Drei Schüsse zerreißen die Stille des Abends und bereiten dem Leben von Strassner ein gewaltsames Ende....

In einer Welt, die sich vor allem für "Sensationen, Klatsch und Erotik" interessiert, kommt auch Herbert Reinecker nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen und die Folgen für die Gesellschaft anhand eines Familienporträts (natürlich angereichert mit einem Mord) aufzuzeigen. Zwei Frauen im besten Alter, beruflich aktiv und angesehen, verbringen ihre Freizeit auf eine Weise, wie sie ledigen Männern zugestanden, bei unverheirateten Frauen aber immer noch mit einem Hauch Anrüchigkeit in Verbindung gebracht wird. Beide Frauen haben Positionen inne, die als Vorbildfunktion taugen und mit moralischen Tugenden versehen sind. Mehrmals wird die Integrität der Studienrätin betont, wobei das lateinische Wort nicht nur Unbescholtenheit, sondern auch Unversehrtheit bedeutet; die Lehrerin sollte in den Augen der Öffentlichkeit also eine Jungfrau sein. Man beachte auch, dass sie abwechselnd mit Frau oder Fräulein angeredet wird (Kommissar Keller bevorzugt die erste Form).

Die Freundinnen "schulden" nicht nur ihrem Arbeitsumfeld einen tadellosen Leumund, sondern auch den ihnen nahestehenden Menschen. Bei Vera Kämmerer sind dies die Eltern, welche in ihrer Tochter noch immer das folgsame Kind sehen, das pünktlich bei Tisch zu erscheinen hat und eine Mahlzeit erst beenden darf, wenn der Vater die Tafel aufhebt. Agnes Kremps Leben wird von einem überdimensionalen Kruzifix überwacht, das im Pfarrhaus hängt - wobei angemerkt werden muss, dass die Rolle des Pfarrers noch eindrucksvoller gewesen wäre, wenn sie einen katholischen Geistlichen gezeigt hätte, der in frommer Inbrunst auf die Einhaltung der Keuschheit gepocht hätte. Ein Darsteller wie Henning Schlüter hätte hier einen unerbittlichen Eindruck hinterlassen. Schwabing als Laster- und Vergnügungsviertel schlechthin wird von Reinecker immer wieder gern genommen. Er beweist Sinn für die Realität, wenn er Vera und Agnes nicht in einem bayerischen Dorf, sondern in der Landeshauptstadt leben lässt. Gerade dort, im Bildungsbürgertum, lauern Stolperfallen für frei(zügig)denkende Menschen.

Der Spannungsbogen kann bis zum Schluss gehalten werden und schlägt immer wieder nach oben aus, wenn unerwartete Wendungen eintreten. So erscheint Alex Strassner abwechselnd als begeisterter Nutznießer einer Situation, berechnender Erpresser und gefühlvoller Verbündeter. Es wäre in der Tat von Interesse gewesen, diese Beziehung und ihre Konsequenzen für die Umwelt noch länger beobachten zu können. Gerade Glowna überzeugt durch intensives Spiel, aber auch Löwitsch kann glaubhafte Akzente setzen. Werner Hinz erinnert an einen wutschnaubenden Hubert Suschka, während Michael Lenz und Veit Relin lieber ihre Rollen getauscht hätten.

Die große Brigitte Horney kommt leider zu kurz in dieser kurzweiligen Episode; die Szenen im Hause Kämmerer werden von Werner Hinz' gezügeltem Zorn und Johanna von Koczians bebender Angst dominiert. Sie verleiht dem Elternhaus von Vera ein wenig Leichtigkeit und hinterlässt den Eindruck, als könnte sie deren Ausbruch aus dem Käfig der Restriktionen durchaus verstehen - zumal Alexander Strassner voller Bewunderung für ihre begabte Tochter ist und durchaus Verständnis für die wichtige Arbeit der Kulturvermittlung durch die fleißige Lehrerin zeigt. Allerdings wäre es wohl besser, Glowna würde sich vorher rasieren und nach alter Schule einen Antrittsbesuch bei den Kämmerers machen.

Friederike Mat will von Brigitte Horney wissen, warum sie in den Fünfziger Jahren so selten im Film zu sehen ist.

Zitat von Unsere Filmlieblinge - Ein Bilderbuch, Verlag Bernhard Reiff, 2. Auflage 1956
"Wissen Sie, dass uns Schauspieler jedesmal das kalte Grauen packt, wenn wir eines dieser gängigen, nichtssagenden Drehbücher nur zur Hand nehmen? Es sind ja doch nur Machwerke, hinter denen das blanke Nichts steckt, die dem Schauspieler auf den Leib geschneidert werden wie ein billiges Konfektionskleid. Der Tod jeder künstlerischen Leistung steckt zwischen solchen Zeilen."

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

25.08.2013 14:51
#423 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Jähes Ende einer interessanten Beziehung

Zitat von Der Kommissar: Jähes Ende einer interessanten Beziehung
Verlobungsringe für eine Unbekannte? In den Taschen des erschossenen Alexander Strassner finden sich vielsagende Schmuckstücke, die für die Studienrätin Vera Kämmerer bestimmt waren. Diese gibt an, Stassner kaum zu kennen, wird jedoch von einer ganz offensichtlichen Angst daran gehindert, die Wahrheit zu sagen. Nach und nach kommen der Kommissar und seine Helfer auf die Spur einer Beziehung, die auf seltsame Weise begann und sich nur noch merkwürdiger fortsetzte. Die Aussagen der Zeugen lassen Erpressung, unterdrückte Lust und Furcht vor gesellschaftlichem Ruin zutage treten …


Wieder einmal fristet das Wörtchen „interessant“ sein verdammungswürdiges Schicksal als Ersatz für eine abwegige Kuriosität, von der man genau weiß, dass der Zuschauer, der sich hier als echter Voyeur fühlen darf, sie glattweg verurteilt. „Interessant“ ist etwas, was man selbst ziemlich abstoßend findet – ähnlich der Anekdote mit dem Autounfall, der so hässliche Folgen nach sich zieht, dass man unweigerlich nicht wegschauen kann …

Auch wenn Vadim Glowna noch vor dem Vorspann das Zeitliche segnet, so entpuppt sich sein Alexander Strassner als die Hauptfigur, von der nicht nur die besagte Beziehung ausgeht, sondern die auch in Rückblenden wieder aufersteht und Strassner in seinem vollbärtig-brünstigem Selbstvertrauen vom harmlosen Streich zum sexuellen Eklat hochschaukelt. Dabei spielen die moralistischen Bedenken einer Ära eine Rolle, in der der Kommissar und sein Autor Herbert Reinecker fest verankert und in der bestimmte gesellschaftliche Positionen so angelegt sind, dass selbst der Hauch einer menschlichen Regung als anrüchig zurückgewiesen werden muss. Einen Silberstreif am Horizont bietet nur Erwin, der das alles so lächerlich findet wie auch ein heutiges Publikum, während Keller und seine älteren Assistenten die prekäre Lage sofort durchdringen.

Glowna und Johanna von Koczian gelingt es überraschend gut, eine unglaubwürdige Beziehung glaubhaft zu gestalten – das Lob für die Quadratur des Kreises wiegt besonders schwer und wird mich zu einer milden Bewertung veranlassen. Koczian mutet tatsächlich wie eine Idealbesetzung für das erwachsene Mädchen an, das in einem goldenen Käfig gefangen ist. Ihr Prinzessinnenzimmer vermittelt auf plakativste Weise Unschuld und Harmlosigkeit, „aber Nachts, wenn die Schwabinger Nebel heraufziehen“ mutiert Papas Liebling zur wilden Sausenkumpanin … Die Inszenierung punktet mit allerlei Szenenhumor, der gern auch einmal derber ausfällt. Als Studienrätin Kämmerer zum ersten Mal Strassners Junggesellenbude besucht und genau weiß, welcher Akt ihr bevorsteht, berichtet das Radio beschwingt von „ruhigem Verkehr ohne Stauungen“ (auf Bayerns Autobahnen natürlich!). Auch nett: Glowna duzt sie, aber sobald herausgekommen ist, dass er um das Geheimnis ihres Berufes weiß, greift er wieder zum Sie zurück – die eigene Schulzeit muss wirklich traumatisch gewesen sein.

Der sonst manchmal hochverschlossene Theodor Grädler suhlt sich in der provokativen Anlage der Episode. Er greift auf den Hit „Killing Me Softly“ zurück, um bestimmte Gefühle auszudrücken, und scheut sich auch nicht davor, ein Abendessen stumm abzufilmen, um eine angespannte Situation noch unerträglicher zu machen. Sein Einsatz der Nebenfiguren ist zurückhaltend, aber punktgenau, sodass Klaus Löwitsch und Doris Schade ebenfalls zu kleinen Höchstleistungen auflaufen dürfen. Weniger im Fokus stehen dagegen die Eltern Kämmerer, was aber gar nicht übel ist, weil der Zeigefinger der Episode sonst ins Unermessliche angewachsen wäre. Zudem erinnerte mich der Wohnsaal der Familie empfindlich an die „Derrick“-Episode „Ein unheimliches Haus“, mit der ich nicht gerade erquickliche Erinnerungen verbinde. Er handelt sich wohl um einen idealen Lebensraum für gestrige Wirrköpfe.

Kleine Beobachtung am Rande: Die Vikarrolle von Michael Lenz scheint mir eindeutig homosexuell angelegt zu sein. Greift man diesen Hinweis auf, so wird die Handlung in mehrfacher Hinsicht pikant, weil die um Aufrechterhaltung ihrer gesellschaftlichen Fassade bemühte Sekretärin ein weniger riskantes Doppelleben führt als ihr Vorgesetzter, vor dem sie ihre Umtriebigkeiten so eifrig versteckt. Wieder und wieder läuft es auf die Botschaft heraus: Der Mord ist ein unnötiges Verbrechen.

Ein intensives Spiel von Glowna, von Koczian, Hinz und Schade macht eine konstruierte Geschichte unterhaltsam und, um Reineckers Deutung des Wortes zu benutzen, schlichtweg „interessant“. Das Verhalten der Personen führt unter heutigen Gesichtspunkten zu nachdenklichem Stirnrunzeln, während auch Momente durchblitzen, in denen man sie besser gegen amüsierte Feierlaune austauschen sollte.

(4,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller möchte auf ernsthafte Fragen ernsthafte Antworten bekommen
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 19: Episode 79 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper. Unter Verdacht: Johanna von Koczian, Vadim Glowna, Klaus Löwitsch, Doris Schade, Werner Hinz, Brigitte Horney, Michael Lenz, Eduard Linkers u.a. Erstsendung: 27. September 1974.

Mr Keeney Offline




Beiträge: 1.328

25.08.2013 17:15
#424 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #423
Wieder einmal fristet das Wörtchen „interessant“ sein verdammungswürdiges Schicksal als Ersatz für eine abwegige Kuriosität, von der man genau weiß, dass der Zuschauer, der sich hier als echter Voyeur fühlen darf, sie glattweg verurteilt. „Interessant“ ist etwas, was man selbst ziemlich abstoßend findet – ähnlich der Anekdote mit dem Autounfall, der so hässliche Folgen nach sich zieht, dass man unweigerlich nicht wegschauen kann …


Danke für diese äußerst treffsichere Sezierung von Reineckers Sprachgebrauch, die auf mich nicht nur sofort schlüssig und doch gleichzeitig sehr erhellend wirkt, sondern auch noch zeitgleich das Spielfeld der Emotionen, welches dem Zuschauer dieser Folge eingeräumt wird, klar umfasst und, um beim Fußball zu bleiben, den Zwiespalt des Betrachters auf den Punkt bringt. Fraglich nur, was passiert, wenn der Zuschauer sich nicht an die Spielregeln hält. Ob es da etwa einen Strafstoß gibt ? Sorry, für den derben Ulk, ich konnte grad nicht anders...inspiriert von der vorgelegten Folge

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

25.08.2013 20:44
#425 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ich wusste gar nicht, dass Herr Studienrat Psychologie und Sport unterrichten.
Hier die Sezierung eines deiner erklärten Lieblinge:



Der Kommissar: Schwierigkeiten eines Außenseiters

Zitat von Der Kommissar: Schwierigkeiten eines Außenseiters
Er trägt genagelte Stiefel und Lederhosen und fährt ein aufgemotztes Motorrad! Die Hausgemeinschaft regt sich über Theo Klinger mehr auf als über die Leiche Herrn Domroses, die mit eingeschlagenem Schädel im Spirituosenladen liegt. Natürlich kann nur Klinger der Mörder gewesen sein. Das Kommissariat verlegt seinen Stützpunkt in das Mietshaus, befragt Zeugen und sammelt Stimmungsbilder. Nach und nach erhalten sie den Eindruck, dass Theo Klinger und sein Vater nicht zu Mord fähig sind und nur der allgemeinen Unbeliebtheit zum Opfer fallen. Wer sind die wahren Drahtzieher?


Als Rocker hat man in einer Münchner Mietskaserne keine guten Karten. Raimund Harmstorf macht diese Erfahrung in „Schwierigkeiten eines Außenseiters“ am stattlichen Leibe, indem er zur Zielscheibe für die Attacken seiner spießigen Nachbarn wird. Trotz (oder wegen?) seines mächtigen Eindrucks ist er zum Außenseiter geworden, weil er sich nicht an Konventionen hält und die Provokation umso mehr sucht, als sie verbitterte Reaktionen bei seinen Mitmenschen hervorruft. Herbert Reinecker zeichnet mit Theo Klinger eine Art vermenschlichte Frankenstein-Figur, ein sonderbares Monstrum, demgegenüber andere Abscheu und Angst verspüren. Es benötigt erst einen Menschenkenner vom Schlage eines Erwin Klein, um festzustellen, dass Rockertum und Aufmüpfigkeit nur Fassade sind und sich im Inneren des Möchtegern-Unholds ein erstaunlich weicher Kern verbirgt. Mit seiner treffsicheren Analyse bringt Erwin nicht nur den Fall voran, während Robert und Walter noch an Klingers Schuld glauben und Keller seine übliche „ich wäge alles ab“-Manier durch- und keine Miene verzieht, auch zeigt er erneut, welch eine wunderbare Bereicherung er für die Ermittlergruppe darstellt. Die Anfangsidee war, unten eine Strichliste zu führen, um meinen liebsten Ermittler am Ende des „Kommissar“-Countdowns auszuzählen, aber egal was dabei herauskommen mag – ich kann jetzt schon sagen, dass der kleine Erwin ganz oben auf der Wohlfühl- und Knuffel-Skala steht!

Raimund Harmstorf verkörpert die Wandlung vom Verdächtigen Nummer eins zum eingeschüchterten Häufchen Elend mit großer Begeisterung. Aus seinem Spiel gehen soziale und familiäre Schwierigkeiten hervor, ohne dass sie bemüht ermahnend wirken wie stellenweise bei Curt Bois. Dessen Darstellung gerät zwar sehr glaubhaft, zeigt aber Momente einer gewissen „Du, du!“-Belehrung, was sicher am Drehbuch und dem Umgang der anderen Charaktere mit dem alten Klinger liegt. Die Verschiedenartigkeit des Paares Harmstorf – Bois wird genüsslich ausgekostet; allerdings vergaß man, der Anschuldigung, Bois sei gar nicht der Vater des Rockers, entweder eine Bestätigung oder eine Widerlegung folgen zu lassen. Klatsch oder Tatsache – das ist immer noch die Frage!

In Folgen, die so auf einzelne Charaktere und einzelne Schauplätze fixiert sind, dass sie kaum eine Auflockerung aus sich heraus bieten, ist es wichtig, mit einem besonders starken Spannungsbogen und einer besonders einfühlsamen Regie aufzutrumpfen. Ich möchte den „Schwierigkeiten eines Außenseiters“ beides nicht absprechen, aber dennoch in beiden Punkten gewisse Abstriche machen. Als Episode mit abgewracktem Charme rangiert sie deutlich über „Fährt der Zug nach Italien?“, aber unter „… wie die Wölfe“, sodass man Michael Braun eine solide, wenngleich nicht überragende Arbeit bestätigen kann. Das Auftauchen von Standardgesichtern wie Wolf Richards, Dirk Dautzenberg oder Rosl Mayr mag im Einen oder Anderen nostalgische Wonnegefühle aufkommen lassen, ich dagegen hätte mir in diesen Besetzungsfragen mehr Einfallsreichtum gewünscht. Dass der durchaus vorhanden sein kann, zeigen die Personalien Irrall und Ansorge.

Abschließend sei das für heutige Augen wunderliche Ladenschild des Geschäftsmannes Domrose angeführt. Hier werden zunächst in großen Lettern Spirituosen angepriesen – direkt darunter liest man von Spielwaren.

Spießbürgerliche Vorurteile wiegen in „Schwierigkeiten eines Außenseiters“ schwerer als Mord. Das ist insofern gleichzeitig nachvollziehbar und problematisch, als das Mordopfer als unleidliche Person vorgestellt wird, um die es – das scheint der Tenor zu sein – ohnehin nicht schade ist. Die Auflösung zählt nicht zu den überraschendsten, ist aber routiniert in Szene gesetzt. Statt Schnapsgläsern müsste ich bei diesem Ausflug eigentlich Schnapsflaschen verteilen.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Erwin Klein, der als einziger an das Gute im Menschen glaubt
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 20: Episode 78 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Michael Braun. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Elfriede Irrall, Raimund Harmstorf, Curt Bois, Joachim Ansorge, Dirk Dautzenberg, Rosl Mayr, Wolf Richards u.a. Erstsendung: 30. August 1974.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

28.08.2013 01:18
#426 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ein kleiner Tipp zu nachtschlafender Zeit: Bei Bücher.de wird die Kommissar-Komplettbox momentan für lumpige 60,99 Euro angeboten. Außerdem kursiert bis einschließlich 31.8. ein Gutschein, mit dem man auf Käufe über 50 Euro noch einmal 10 Euro abgezogen bekommt, sodass man bei 50,99 Euro und kostenlosem Versand landet. Günstiger wird die Box im Neuzustand kaum zu bekommen sein.

Peter Ross Offline



Beiträge: 1.353

28.08.2013 21:27
#427 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Das Angebot wurde beendet. Neuer Preis ist jetzt über 100 Euro.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.574

01.09.2013 12:29
#428 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Bewertet: "Ohne auf Wiedersehen zu sagen" (Folge 77/ Erstsendung am 9. August 1974)
mit: Heinz Reincke, Bernd Herberger, Wolfgang Wahl, Trude Heeß, Dieter Augustin, Anita Höfer, Katharina Seyferth u.a. - Regie: Jürgen Goslar

Beim Ausheben einer Kiesgrube entdecken Bauarbeiter die Leiche der fünfzehnjährigen Inge Hansen aus Kettwig. Sie war vor drei Monaten mit ihrer Freundin Franziska Danner aus dem Ruhrgebiet nach Bayern gereist, um in München ein neues Leben zu beginnen. Als Herr Hansen nach München kommt, um seine Tochter zu identifizieren, bringt er Herrn Danner mit. Dieser setzt nun Himmel und Hölle in Bewegung, um Franziska lebend wiederzufinden.....

Jürgen Goslar zeigte die Trostlosigkeit eines ins Wanken geratenen Teenagerlebens bereits in Folge 53 ("Mykonos"), als seine Tochter Isabel eine heroinsüchtige Schülerin mimte. Karl John und Irmgard Först trauerten um ihren getöteten Sohn Bernd Herzsprung und stellten sich Fragen nach dem Warum, überließen die Spurensuche jedoch der Polizei. Diesmal stürmt mit Heinz Reincke ein Mann nach vorn, der von Natur aus kein Diplomat und Beobachter ist, sondern seine Belange am liebsten selbst in die Hand nimmt. Und Tochter Franziska ist seine Sache - auch, wenn er den Zugang zu ihr offensichtlich schon lange verloren hat. Wieder einmal folgten junge Mädchen dem Ruf Münchens, ohne sich vorher einen Plan zurechtgelegt zu haben. Um ihre Naivität zu betonen, lässt Reinecker sie am Hauptbahnhof eintreffen und gleich von zwei Männern "abschleppen". Ohne Job und ohne Bleibe, aber neugierig und offen für alle Verlockungen der Großstadt, stellen sie laut dem Drehbuchautor die geborenen Opfer von Menschenhändlern dar. Wolfgang Wahl ist einer dieser Männer, die Frauen anbieten wie frische Tomaten. Weswegen er jedoch eine davon entsorgt, wird nicht erklärt und stellt nur eines der Ärgernisse dieser Folge dar.

Herr Danner drängt sich nach vorn und dazwischen, fast geht er einem Bekannten seiner Tochter an den Hals; die Selbstjustiz blitzt unverhohlen auf und gipfelt im Treppenhaus über der Nachtbar, als die "Franziska"-Rufe des Vaters an die "Elsie"-Rufe der Mutter ("M - Eine Stadt sucht einen Mörder") erinnern. Das ballspielende Mädchen folgte ihrem Vernichter ohne Scheu, was in ihrer kindlichen Unschuld begründet ist. Doch Franziska? Ist es zuviel verlangt, dass sich eine Jugendliche in einem aufgeklärten Land Mitte der Siebziger Jahre weniger ahnungslos verhält als ihre kindliche Vorgängerin im Jahr 1931? Zweifellos wird das Mädchen nach dem Abspann nach Kettwig zurückgebracht werden; man wird auf das Babel München schimpfen und Franziska von ihrer Selbstverantwortung entbinden. Und täglich werden neue Mädchen am Hauptbahnhof ankommen, die ebenso behütet aufgewachsen sind und deren Eltern alles Böse von ihnen fernhielten: zu ihrem Schutz, wie sie glaubten - zur Festigung ihrer Leichtgläubigkeit, wie sich herausstellte.

Im Ermittlerteam ist es erneut Erwin Klein, der sich profiliert. Als wohlmeinender, aber wacher Begleiter Herrn Danners kennt er die Gefahr und weiß, wie man sie umschifft. Er ist in seiner Suche nach den Schuldigen nicht weniger zielstrebig, versperrt sich jedoch nicht selbst den Weg, indem er sich von blinder Wut treiben lässt. Hier können sich die Danners dieser Welt einiges abschauen.

Gubanov Offline




Beiträge: 15.570

01.09.2013 14:05
#429 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Ohne auf Wiedersehen zu sagen

Zitat von Der Kommissar: Ohne auf Wiedersehen zu sagen
Aus schmutzigem Schuttwasser befördert ein Bagger die Leiche eines etwa fünfzehnjährigen Mädchens. Die bundesweite Suche nach Vermissten ergibt schnell einen Treffer: Es handelt sich um Inge Hansen, die gemeinsam mit einer Freundin aus ihren Elternhäusern in Kettwig weggelaufen ist. Während sich Herr Hansen nun mit einer schrecklichen Gewissheit konfrontiert sieht, macht sich Herr Danner, der Vater des anderen Mädchens, mit neu entflammter Hoffnung daran, seine Tochter Franziska in München zu finden. Die Anlaufstellen: Schwabinger Nachtlokale …


Eine bedauerliche Binsenweisheit erweist sich leider häufig als zutreffend – nämlich dass es kaum Vergnügungen gibt, die nicht auch einen Haken, eine bittere Schattenseite, haben. Das trifft nicht nur auf den Plot dieser 77. „Kommissar“-Folge zu, in der sich zwei frühreife Mädels aus den Engen der elterlichen Wände hinein ins wilde Großstadtleben stürzen, an dessen gefährlich egoistischen Strukturen aber schnell zerbrechen. Genauso ist es auch bei den großen ZDF-Krimiserien. Macht es normalerweise einen „Mordsspaß“, mit Herbert Reinecker und seinen Ermittlern (egal, ob sie nun Keller und Grabert oder Derrick und Klein heißen) auf Verbrecherjagd zu gehen, so gibt es doch bei „Derrick“ und bei „Der Kommissar“ ein Thema, das jedem Zuschauer nach schier unendlicher Wiederholung schon zu den Ohren herauskommen muss.

Herbert Reinecker holte immer wieder ganz groß aus, um eifrig zu erläutern, welche Gefahren das entfesselte Leben postmoderner Gesellschaften in anonymen Metropolen auf diejenigen loslässt, die arglos und unschuldig nach Spaß und Vergnügen suchen. Arglos und unschuldig waren in Reineckers Augen vor allem Dorfmädchen, gefährlich vor allem Nachtclubs, Drogen und Prostitution. Die immer gleiche Geschichte ist also schnell geschrieben, das Honorar trotz ewiger Überschneidungen in üblicher Höhe eingestrichen. Ein praktischer Deal, der für Reinecker zudem attraktiv war, weil er – passend zu seinen in dieser Hinsicht hoffnungslos überholten Vorstellungen – in diesem Zusammenhang mit dem Holzhammer Angst und Schrecken verbreiten und predigen konnte, dass man nur mit Misstrauen und Zweifel in einer von Grund auf bösen, entarteten Welt überleben kann.

Wie viele andere „Mädchen geraten in Abhängigkeit und gehen anschaffen, statt Hilfe zu suchen“-Geschichten gerät „Ohne auf Wiedersehen zu sagen“ zu einem trockenen Lehrstück ohne Esprit. Das fällt umso unangenehmer ins Auge, als kriminalistisch rein gar nichts geboten wird, wie auch Peter Dreesen in seiner Rezension fürs Hamburger Abendblatt vom 10. August 1974 feststellte:

Zitat von Peter Dreesen: Gesehen gestern: Der Kommissar, Hamburger Abendblatt, 10.08.1974, S. 12
Die Sendung „Ohne auf Wiedersehen zu sagen“ bewegte sich indessen noch unter dem Niveau ihrer Serien-Vorfolgerin. Nahezu von Beginn an hatte das milde Polizisten-Terzett unter Erik Ode den jungen Kronzeugen, der alles wusste. Aber erst in der 45. Minute des Spiels gab dieser Student endlich den entscheidenden Hinweis. […] So glatt auch die Dialoge fließen: Reineckers einstiges Talent, anständige und spannende Handlungen zu bauen, ist schwächer geworden.


Letztere Aussage ist vielleicht ein wenig schwarzmalerisch geraten, in einem kurzzeitigen Ärger über die fehlenden Qualitäten der vorliegenden Folge aber sicher zu entschuldigen. Schließlich kann nicht allein dem Drehbuchautor die Schuld für das Misslingen eines ganzen Episodenprojekts in die Schuhe geschoben werden. Im Falle von „Ohne auf Wiedersehen zu sagen“ ist Schwäche auf vielerlei Ebenen zu erkennen. Beim Regisseur: Jürgen Goslar inszenierte mit teils gekünstelten, teils erschreckend einfallslosen Bildern in seinem leider typisch wenig aussagekräftigen Stil, der die Schwächen vieler Reinecker-Drehbücher auch bei „Derrick“ stärker enttarnte, als dies bei einer Inszenierung durch versiertere Spielleiter wie Wolfgang Becker, Dietrich Haugk oder Theodor Grädler der Fall gewesen wäre. Bei den Schauplätzen, die wieder einmal typischen Schwabinger Muff verkörpern und so abwechslungsarm wie selten daher kommen. Die ganze Folge gerät zur Kneipentour, zur Heularie im Halbdunkel.

Und bei den Schauspielern: Allen voran versagt Heinz Reincke, eine überzeugende Darstellung abzuliefern. Als von Unsicherheit gequälter Vater strapaziert er die Nerven, anstatt geschickt auf der Gefühlsklaviatur zu spielen. Er übertreibt, was gerade seinen aufgebrachten Szenen abträglich ist und das Finale in Benders Lokal stellenweise schwer erträglich macht. Anderen Mimen bleibt kein Raum zur Entfaltung, müssen sie doch einfachste Scherenschnittmuster abbilden: Bardamen, leichte Mädchen und die verschwundene Franziska wirken wie in ihren Rollen gefesselt. Ein letztes, wohl romantisch angedachtes „Vati“ darf das geläuterte Mädchen hauchen, um die Wiederkehr der heilen Familienzeit zu verkünden.

Mut- und rückgratlose Folge, bei der sich vor Angstmacherei und Schwarzmalerei die Balken biegen, und in der man einige der Darsteller richtiggehend bemitleiden möchte. Vielleicht waren es Folgen wie diese, die mich vor Jahren dazu verleiteten, den „Kommissar“ nicht ganz für voll zu nehmen. Ich möchte hoffen, dass sich derartige Begegnungen künftig in Grenzen halten und einige der früheren Enttäuschungen als weniger haarsträubend herausstellen werden.

(1,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Walter Grabert, der sich während einer Razzia erstmal ein Bier bestellt
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 21: Episode 77 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Jürgen Goslar. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Heinz Reincke, Katharina Seyferth, Wolfgang Wahl, Bernd Herberger, Anita Höfer, Dieter Augustin, Barbara Brustmann, Trude Heeß u.a. Erstsendung: 9. August 1974.

Chinesische Nelke Offline



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01.09.2013 22:55
#430 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Merkwürdig: Zwei sehr negative Besprechungen der Folge "Ohne auf Widersehen zu sagen" die ich überhaupt nicht teilen kann.

Heinz Reincke gehört sicherlich nicht zu den besten Kommissar Darstellern, ich finde aber nicht dass er übertrieben spielt. Ich habe selber 2 Töchter und finde seine Reaktionen nachvollziehbar. Auch sonst ist die Besetzung mit Bernd Herberger und Wolfgang Wahl aus meiner Sicht zwar nicht überragend, aber trotzdem gut. Das Thema wurde natürlich oft wiederholt, aber meistens schlechter dargestellt, vor allem in den später Derrick Folgen ab 1993.

Jürgen Goslar schafft es aber auf jeden Fall, das München von vor 40 Jahren atmosphärisch gut darzustellen.

Der Titel Suzy Lunazy von Golden Earring ist für mich ein musikalischer Höhepunkt der Serie, auch die Discoszenen sind gut inszeniert.

Chinesische Nelke Offline



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01.09.2013 22:57
#431 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Hier ein You Tube Link zu einigen Musikstücken aus dem Kommissar:

http://www.youtube.com/watch?v=NZ_gcV6Iw...4BAEF5537F945DD

Gubanov Offline




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21.09.2013 20:48
#432 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Sein letzter Coup

Zitat von Der Kommissar: Sein letzter Coup
Der Tod eines Polizeispitzels lässt den Behörden gerade genügend Hinweise, um die Spur eines geplanten Banküberfalls in einen undurchsichtigen Nachtclub zurückzuverfolgen. Dort steht die Garderobenfrau Koschena als Mittelsmännin bereit. Kann sich die Kripo einen Vorsprung erarbeiten, der ausreicht, um den Ganoven rechtzeitig das Handwerk zu legen? Es geht bei diesem Verbrechen schließlich um mehr als um 3 Millionen Mark: Kommissar Keller tritt gegen seinen alten Erzfeind, den „Professor“ an …


Schwach ist der Einstieg in diese Folge, der vermuten lässt, dass man es hier erneut mit einer kleingeistigen Kneipenfolge zu tun bekommen wird. Schwabing, der ewige Sündenpfuhl, wird wieder einmal in allen nur erdenklichen Grautönen in Szene gesetzt, einschließlich langer und für die Handlung irrelevanter Gesangsnummern der kürzlich verstorbenen Donna Hightower, die es immerhin verstand, kamerawirksam ihre manchmal in Sprechgesang abdriftenden Lieder zu verkaufen. Dass dem Etablissement ein schnauzbärtiger Peter Vogel vorsteht, macht die Geschichte nicht gerade besser, hat sich dieser Schauspieler doch über Jahre hinweg hart den Ruf eines klamaukigen Komikers verdient, der es schwer, wenn nicht unmöglich macht, ihm die Frauen schlagende Verbrechervisage abzunehmen. Lediglich Eva Pflug dient als Identifikationsfigur in den Anfangsminuten des „letzten Coups“, denn als Informantin riskiert sie Kopf und Kragen. Sie ist dabei aber nicht wie die Polizisten in den Ringelmann-Serien auf die moralisch hehre Verteidigung von Recht und Gesetz, sondern lediglich auf eine Belohnung aus, die ihrem tristen Dasein in der gegenwärtigen Form ein Ende bereiten würde. Damit hat sie keine Chance, zur strahlenden Heldin aus der zweiten Reihe zu avancieren, zumal ihr Gesicht deutlich gealtert und runder geworden ist, seit sie fünfzehn Jahre zuvor als Lolita eine ganz andere Position im „Unterhaltungsgewerbe“ (spärlich) bekleidete.

Interessant wird „Sein letzter Coup“ in dem Augenblick, in dem der große Gegner des Kommissars eingeführt wird, der unter dem Namen „der Professor“ firmiert und deshalb zwangsläufig an Professor Moriarty erinnern muss. Die Paarung Keller – Fredersdorf verfehlt jedoch die von Doyle mit Holmes und Moriarty erzielte Wirkung, weil beide Gestalten im Vergleich zu ihren beinah ein Jahrhundert älteren Vorlagen übermäßig bieder und ungefährlich wirken. Man muss ja keinen Kampf zwischen den beiden Herren am Rande eines Wasserfalls erwarten, die äquivalente Kampfansage im Englischen Garten tut sich jedoch eher wegen ihres malerischen Settings als wegen der Qualität darstellerischer und psychologisch großartiger Leistungen hervor. Dass Peter Lühr das eigentlich nötige Ziel, mit seiner Rolle die gesamte Folge zu tragen, deutlich verfehlt, erkennt man allein schon daran, dass er unter den Gastschauspielern erst an vierter Stelle genannt wird. Wäre die Folge zehn Jahre eher entstanden – welch eine diabolische Meisterleistung im Stile eines Joe Legge hätte Richard Häussler an seiner Stelle abliefern können!

Über reizvolle Momente verfügt die Episode dennoch zur Genüge. Helmuth Ashley war in seinen „Kommissar“-Inszenierungen im Vergleich zu späteren „Derricks“ sehr auf Action- und Spannungseinlagen geeicht und konnte sie auch in „Sein letzter Coup“ nutzen, ohne jedoch bleibende Eindrücke aus ihnen zu ziehen, die der Geschichte im Ganzen und nicht nur für die nächsten drei Minuten helfen würden. So geraten Szenen wie das Beinahe-Auffliegen des großen Lauschangriffs im Nachtclub, das Entkommen in der Kanalisation oder auch die Überführung auf dem Busbahnhof zu ansehnlichen Höhepunkten, die jedoch nicht über einen guten Seriendurchschnitt hinauswachsen. Das Amüsement wird ebenfalls zurückgeschraubt und kommt vor allem an der Stelle zur Geltung, als Stollen-Günni im Lotter-Look plötzlich und unvorbereitet sein Haupt aus einem Gullideckel steckt.

Mantraesk wiederholen lässt sich der Umstand, dass diese „Kommissar“-Folge wie die allermeisten anderen von ihrer musikalischen Hochform massivst profitiert. Dies ist im Fall des „großen Coups“ nicht auf Chartmusik beschränkt, sondern liegt vor allem in den stimmungsvollen Kompositionen Roland Kovacs begründet, von denen das Stück „King Size“ besonders hervorgehoben werden soll.

Nicht nur der Titel, auch die Personengestaltung erinnert an Doyles „The Final Problem“. Das reinecker-typische Happy-End verwässert die Bezüge zu den großen Ahnen der klassischen Kriminalliteratur aber ebenso wie der zu schwachbrüstige und liebenswerte Peter Lühr. Ansonsten ist für ein gesundes Grundniveau an Spannung gesorgt, man hat aber schon bedeutend eindrucksvollere Episoden gesehen.

(3,5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Inspektor Robert Heines als Lauscher an der Wand oder im schwarzen Kanal
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 22: Episode 76 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Helmuth Ashley. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Peter Vogel, Eva Pflug, Walter Buschhoff, Peter Lühr, Günther Stoll, Michael Hinz, Willy Schäfer, Hans Zander u.a. Erstsendung: 26. Juli 1974.

Chinesische Nelke Offline



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21.09.2013 21:36
#433 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten

Ich sehe die Folge "Sein letzter Coup" weitaus positiver und würde mindestens 4,5 wenn nicht 5 Punkte geben.

An folgende Punkten stimme ich nicht überein: Ich finde den Anfang klasse, er erzeugt unheimliche Stimmung. Das Schwabing der 70er Jahre ist gut getroffen. Das Etablissement ist keine typische Kommissar Kneipe, die Gesangseinlage von Donna Hightower ist m.E. eine der besten der gesamten Serie, ich finde das Lied, aber noch mehr Ihre Stimme Klasse.

Peter Vogel spielt gekonnt gegen sein Image, ich fand ihn, als ich die Folge das erste Mal sah, unheimlich und gefährlich. 1974 habe ich mit 9 Jahren kräftig mit Eva Pflug gezittert. Eva Pflug steht eben nicht für hehre Verteidigung von Recht und Gesetz, gerade das macht sie interessant. Und: Wer sieht schon mit 45 besser aus als mit 30, ich finde die Rolle passt hervorragend zu ihr. Richard Häussler wäre sicher die bessere Besetzung gewesen als der blasse Peter Lühr, jammerschade der er so früh verstarb.

Die beschriebenen reizvollen Momente der Folge, sehe ich als nahezu genial, vor allem das Entkommen in der Kanalisation.

Günther Stoll hatte seine vielleicht beste Rolle im Buckligen, es ist ein Drama was das deutsche Fernsehen in den 10 Jahren danach aus ihm machte, und wie es ihn einsetzte, möglicherweise war es aber auch der Alkohol der seine Verwendbarkeit einschränkte.

Zu der tollen Music "King Size" müsste dieser Link http://www.youtube.com/watch?v=GNxNvnKpKeE führen, vielen Dank für den Tipp, ein tolles Stück.

Gubanov Offline




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09.10.2013 21:12
#434 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Im Jagdhaus

Zitat von Der Kommissar: Im Jagdhaus
Familiäre Verwicklungen kündigen sich im Jagdhaus der Schenks an: Nachdem Eva ihren Mann mit dessen eigenem Bruder Paul betrogen hat, fordert dieser die entsprechenden Konsequenzen: die Scheidung der Ehe. Entsetzt ist vor allem die jüngere Tochter Sabine, die ein Gewehr auf Paul richtet. Wer sollte ihr glauben, dass es nicht geladen war, als man Paul wenig später tot auffindet?


Mit einem unkonventionellen Auftritt der jungen Sabina Trooger, der Tochter der Wallace-Schauspielerin Margot, beginnt die „Kommissar“-Folge „Im Jagdhaus“. Sogleich werden falsche Erwartungen geweckt, denn man meint reflexartig zu erkennen, dass es sich bei dem Mädchen um eine jener aufmüpfigen Naturen handelt, die in Herbert Reineckers Figurenuniversum gern einmal an allen weltlichen Realitäten vorbeileben. Später stellt sich jedoch heraus, wer in dieser Geschichte die wahren Falschspieler sind, was in gleich drei Fällen zu radikalen Urteilsänderungen führt: „Onkel Paul“ treiben am Ende doch keine aufrichtigen Bemühungen um die Schwägerin an – er ist eher auf den glitschigen Pfaden der Selbstprofilierung und zerstörerischen Machtentfaltung tätig und reiht sich damit in die Riege der „unheimlich starken Persönlichkeiten“ ein, die in den Ringelmann-Serien dank ihrem Know-How im Feinde-Anlachen gern und häufig die Opferrollen zugewiesen bekamen. Harry Meyen zeigt sich in seinem kurzen Auftritt sehr prägnant und doppeldeutig, zieht interessante Register von besänftigender Falschheit bis beängstigender Sugardaddy-Manier. Auf jeden Fall ist er den meisten anderen Schauspielern überlegen, denn selbst die sonst so verlässlichen Herbert Fleischmann und Ursula Lingen erinnern stellenweise zu sehr daran, dass sie nur auswendig gelernte Texte rezitieren. Eleonora Weissgerber kämpft mit ähnlichen Problemen, allerdings gibt ihr Part mehr her als die der harmlosen Eltern. Sie legte ihr Spiel zwar etwas zu offensichtlich an, aber das liegt in der Natur der Serie, weshalb ihre durchtriebene Manipuliererin wohl im Großen und Ganzen nicht nur ihren Zweck erfüllen, sondern als Aktivposten der Episode in Erinnerung bleiben wird.

Für das „Kommissar“-Team gibt es in dieser Episode nichts zu tun. Das äußert sich nicht nur darin, dass die Ermittler erstaunlich spät auf der Bildfläche erscheinen, sondern auch in der Tatsache, dass ihre Untersuchungen in völlig verkehrte Richtungen führen, während sie die Lösung schließlich selbst überraschend übermannt. Auf diese Weise erfährt man endlich, dass auch ein Mann vom Schlage eines Kommissar Keller die Weisheit nicht für sich allein gepachtet hat, sondern auch einmal einem Irrtum unterliegt. Wie der Volksmund sagt, braucht er seine Anschuldigungen, die gut das übliche Denkmuster der Reihe wiedergeben, nur überzeugt genug vorzutragen, um auf dem glitschigen Parkett nicht ins Schlingern zu geraten.

Gottfried Reinhardts Regieverpflichtung mutet als ausgefallene Wahl an, denn diese Personalie ist alles andere als typisch für die Abendkrimis des ZDF. Der Sohn des berühmten Theatermannes Max Reinhardt arbeitete zwischenzeitlich in den USA – „Im Jagdhaus“ stellt dagegen seine einzige fiktive TV-Arbeit dar. Man merkt Reinhardt die Bühnenherkunft an, denn das Geschehen spielt sich sehr kammerspielartig ab; Spannungsmomente, wie man sie üblicherweise aus den weiterreichenden Methoden des Fernsehspiels schöpfen kann, sind rar gesäht. Dadurch verlor ich streckenweise das Interesse an den Vorgängen und Innenaufnahmen, zumal man in einer Szene recht zu Beginn mittels der „Tapete des Grauens“ optisch aufs Übelste gefoltert wird ... Reinhardt setzte allerdings rahmenartig kurz nach dem Mord sowie während der „Überführung“ Bildmontagen ein, in denen zwei Szenen übereinander geblendet werden, was ungewöhnlich für den „Kommissar“ und ein dann doch wieder recht spannender Reiz an „Im Jagdhaus“ ist. Am Ende ist es nur schade, dass die Folge ihren Titel so wörtlich nahm, man das Jagdhaus kaum verlässt und somit um Eindrücke von Wäldern und Wiesen, vom Holzfällen und Schwimmhallenbau betrogen wird.

Gute Schauspieler und gute Schauplätze, deren Potenzial nur teilweise ausgenutzt wird, charakterisieren eine „Kommissar“-Folge, in der die Polizisten blass und tatenlos wie selten agieren, die aber durch einen ungewöhnlichen Kriminalfall dennoch grundlegend zu überzeugen weiß. Hervorheben sollte man außerdem die anheimelnde, ländlich-bayerische Musik von Eugen Thomass, die gegenüber den häufig gelobten Charthits eine bodenständige Abwechslung darstellt.

(3 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kommissar Herbert Keller, der unverblümt und ohne Beweise Verdächtige zu Mördern macht
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 23: Episode 75 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Gottfried Reinhardt. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper. Unter Verdacht: Herbert Fleischmann, Ursula Lingen, Harry Meyen, Klaus Herm, Eleonore Weissgerber, Sabine Trooger, Willy Schultes, Max Griesser u.a. Erstsendung: 12. Juli 1974.

Gubanov Offline




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10.10.2013 11:43
#435 RE: "Der Kommissar" (1969-1976), Kommentare zu den Folgen Zitat · antworten



Der Kommissar: Mit den Augen eines Mörders

Zitat von Der Kommissar: Mit den Augen eines Mörders
Erschütterte Eltern, ratlose Lehrer, traumatisierte Mitschüler: Der Tod der Musterschülerin Eva Wechsler gibt allen Rätsel auf. Wer hätte das Mädchen ermorden sollen? Der Kommissar deckt nach und nach eine enge Beziehung Evas zu ihrem Musiklehrer auf, der dadurch unter Verdacht gerät, mit der Tat zumindest in Verbindung zu stehen. Traf Eva in seiner Wohnung oder auf dem Rückweg von der Bushaltestelle auf ihr Verderben?


Es gibt wenige heiklere Themen als eine Beziehung zwischen einem Lehrer und einer Schülerin. Umso erstaunlicher fällt auf, dass das äußerst unpädagogische Verhalten, welches der Lehrer Voss an den Tag legt, in einem neutralen, unvoreingenommenen Licht dargestellt wird. Freilich romantisiert „Mit den Augen eines Mörders“ damit eine Situation, die schlichtweg nicht sein darf; im fiktionalen Rahmen der Krimireihe sieht man aber milde über die gesellschaftlichen Konsequenzen hinweg, die eine solche Beziehung mit sich führen würde. Mit dem Versprechen, auf Intimitäten bis zum Ende von Evas Schulzeit verzichten zu wollen, kommt eine Art Kompromiss ins Spiel, der das Verhältnis zwischen Voss und Eva Wechsler kindlich-naiv erscheinen und den Zuschauer sich über das kleine, verhaltene Glück freuen lässt. Sowohl Susanne Uhlen als auch Michael Heltau liefern Leistungen ab, die man getrost zu den Spitzenauftritten der Serie zählen darf. Uhlen verzichtete darauf, ihre Rolle als frühreifes Biest anzulegen, und auch Heltau wird nicht in die Kategorie des gefährlichen Schwerenöters eingereiht: Beide Darsteller erarbeiten sich die volle Sympathie des Publikums und eine beinah surreale Zufriedenheit.

Dass ausgerechnet in dieses Szenario ein Mord platzt, macht die Episode enorm tragisch. Die Wahrheit hinter dem Verbrechen rührt vor allem deshalb, weil die Tote im Gegensatz zu vielen anderen Reinecker-Mädchen nicht in erster Linie Opfer, sondern in erster Linie Mensch war. Diesen Gedanken versinnbildlichte auch der Regisseur Teddy Grädler, indem er zu Beginn Szenen aus Eva Wechslers Freizeit einspielte, die jeweils ein abruptes Ende nehmen. Dies nimmt die Gefahr, die Eva droht, vorweg und wird zugleich im Rahmen der Auflösung noch einmal für die Erklärung der Tat durch ein intensives Geständnis des Mörders herangezogen.

Zitat von Gerald Grote: Der Kommissar. Eine Serie und ihre Folgen. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010 (3. Auflage). S. 31f
Die Debütanten vor der Kamera überzeugen durch ihre konzentrierten Leistungen. Ihre luftig-leichte Unbekümmertheit bringt frischen Wind in deutsche Wohnzimmer und erobert die Herzen im Sturm. Die jungen Schauspieler werden zu Sympathieträgern, auch und gerade wenn sie unbequemen Charakteren für eine Folge ihr Leben geben. [...] Sie machen weitere große Schritte auf ihrem Weg, erreichen die nächste Stufe auf der Karriereleiter. Es gilt in der Branche als eine Art von Auszeichnung, in einer Folge der Serie mitgespielt zu haben.


Die Besetzung hinterlässt einen beinah durchweg positiven Eindruck – lediglich mit Gerd Baltus mag ich mich in dieser speziellen Rolle nicht anfreunden. Da er jedoch nur recht kurz in Erscheinung tritt, fällt dieser kleine Besetzungs-Fauxpas nicht schwer ins Gewicht. Bemerkenswert ist vielmehr, was die anderen Eltern, vor allem das Ehepaar Dorfmann (Marlis Schoenau und Wolfgang Weiser), leisteten. Auch das „Kommissar“-Team gewann im Vergleich zur Episode „Im Jagdhaus“ wieder an Boden hinzu und setzte auf die taktisch kluge Verwendung ihrer Ressourcen (Erwin Klein als Mittelsmann zum Schulmilieu) sowie Ermittlungsmethoden mit Aufbau psychischen Drucks. Ein schönes Beispiel hierfür findet sich in der Vernehmung des Herrn Voss, der zuerst von Kommissar Keller aufgefordert wird, das von Eva Wechsler komponierte Klavierstück zu spielen, und dann Knall auf Fall die Frage gestellt bekommt, ob er sie umgebracht habe. Auch die Hochnahme des Mörders schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe, denn die vier Kripo-Beamten treten sozusagen in voller beeindruckender Ausstaffierung dem Täter entgegen. Hier gelangen erstklassige, in scharfen Kontrasten gezeichnete Porträts von Kommissar Keller und seinen Assistenten:




Sie erwirken mit ihrer schieren Präsenz ein Geständnis, welches typisch für den „Kommissar“ und auch für „Derrick“ ist. Allein schon der Umstand, das das Mädchen erdrosselt worden war, sollte für aufmerksame Zuschauer genügen, um einen leidenschaftlichen Hintergrund zu vermuten. Das Motiv stellt keine rationale Notwendigkeit zum Mord dar, sondern ergibt sich aus einer emotional aufgeladenen Situation und einer kleinen Geste, die falsch interpretiert wurde. Einer Interpretation bedarf auch der Titel der Episode, der mit „Mit den Augen eines Mörders“ recht kryptisch geraten ist.

Diese Folge nimmt das Publikum auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mit, hält sie jedoch fest an der Hand, um Tragik und Hoffnungsschimmer nicht zu einem zu wilden Gemisch zu verpappen. Die Erfahrung des Handwerkers Grädler macht sich in der Schilderung der emotionalen Szenen sowie in der Führung der Schauspieler, die seit jeher seine Stärke war, bemerkbar. Michael Heltau und Susanne Uhlen agieren famos.

(5 von 5 Schnapsgläsern)


Der überzeugendste Ermittler: Kriminalhauptmeister Erwin Klein mit einem Händchen für großäugige Schülerinnen und mäandrierende Musiklehrer
||||| ||||| Kommissar Herbert Keller (Erik Ode)
||||| ||||| Inspektor Walter Grabert (Günther Schramm)
||||| ||||| Inspektor Robert Heines (Reinhard Glemnitz)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Harry Klein (Fritz Wepper)
||||| ||||| Kriminalhauptmeister Erwin Klein (Elmar Wepper)

Besprechung 24: Episode 74 der TV-Kriminalserie, BRD 1974. Regie: Theodor Grädler. Drehbuch: Herbert Reinecker. Auf der Seite des Gesetzes: Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Elmar Wepper, Helma Seitz. Unter Verdacht: Michael Heltau, Susanne Uhlen, Maria Sebaldt, Gerd Baltus, Ruth-Maria Kubitschek, Simone Rethel, Wolfgang Weiser, Marlis Schoenau u.a. Erstsendung: 28. Juni 1974.

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