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Dieses Thema hat 25 Antworten
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 Giallo Forum
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Prisma Offline




Beiträge: 7.468

20.03.2016 13:45
#16 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Zitat von Ray im Beitrag #15
Insgesamt aber in Relation zum Stellenwert, den der Film genießt, in der Tat viel zu wenig, so dass man mit guten Gründen "enttäuscht" sein darf. Alles Gute war vor- oder nachher mehrfach einfach wesentlich besser.

Interessant und nahezu exotisch, eine derartige Einschätzung zu Argentos Modell-Giallo zu lesen. Für mich allerdings ebenso erfrischend, da ich diese Ansicht vollkommen teile!

Gubanov Online




Beiträge: 14.917

02.02.2017 12:10
#17 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Ich habe gestern zum ersten Mal „Profondo Rosso“ gesehen und habe mich so gut unterhalten gefühlt, wie ich es von einem Argento-Film nur erwarten kann. Umso überraschter bin ich, hier im Thread fast ausschließlich negative Kommentare zu lesen – mir scheint, dass alles Lob, das hier zur Sprache kommt, mit einer „Ich persönlich mag ‚Deep Red’ aber trotzdem nicht“-Haltung kombiniert wird. Nicht zuletzt auch ungewöhnlich, da der Film den zweiten Platz im Giallo-Grandprix belegt hatte.

Generell muss ich sagen, dass mich kein Argument gegen den Film, das hier genannt wurde, wirklich im Detail überzeugt. Am nachvollziehbarsten ist es wohl, die Überlänge von „Deep Red“ zu kritisieren, wenn man den Film als zu zäh empfindet – was mir allerdings überhaupt nicht so ging. Dann stellt sich allerdings die Frage: Wo kürzen? Wirklich „in die Länge gezogen“ sind doch nur die Vorspiele zu den Mordszenen, die aber für die Stimmung des Films wie in jedem Argento von immenser Wichtigkeit sind. Also blieben nur die Ermittlungssequenzen mit Hemmings oder Nicolodi. Und die erscheinen mir viel zu liebenswert, um der Schere zum Opfer zu fallen. Sie erfüllen zudem die enorm wichtige Aufgabe, einen falschen Verdacht im Zuschauer aufkeimen zu lassen, dem ich als Erstseher auch prompt aufgesessen bin.

Ein paar kurze Antworten zu den Kritikpunkten hier im Thread:

Zitat von kaeuflin im Beitrag #1
Einzig die etwas übertriebene Parapsychologie-Szene am Anfang stört den Geamteindruck

Das finde ich gar nicht. Diese leicht übersinnliche Atmosphäre kommt dem Film sehr zugute und ist auch absolute Grundvoraussetzung für den ersten und zentralen Mord. Ebenso würde ich das Argument eines anderen Users negieren, dass die Spukhaus-Elemente dem Film schaden würden. Die Szenen in der Villa fand ich enorm intensiv – vielleicht die besten des Films. An dieser Stelle noch kurz zur ermordeten Gedankenleserin: Widersprüchlich ist ihre Herkunft in der deutschen Synchronisation nicht. Es wird eindeutig gesagt, sie käme aus Litauen.
Zitat von Gast im Beitrag #5
Die Morde sind sehr brutal. [...] Bestimmt nicht jedermanns Geschmack.

Übermäßig brutal? Geschmackssache. Übermäßig spannend fände ich trefflicher. Wie üblich bei Argento ist das Warten auf das Zuschlagen des Mörders für mich viel nervenstrapazierender als der Akt des Mordens an sich. Der unterscheidet sich nicht großartig von anderen Filmen, in denen Beile zum Einsatz kommen, zumal nicht wild drauflos gehackt, sondern gezielt zugestoßen wird. Bei Argento geht man zudem immer auf Nummer sicher, weil er sich einfach genau bewusst darüber ist, was er zeigen kann, ohne in schlechten Geschmack abzugleiten. Da fand ich z.B. „Der Tod trägt schwarzes Leder“ oder „Das Haus der lachenden Fenster“ sehr viel unangenehmer und brutaler – letzterer lustigerweise ein Tipp von @Georg, der „Profondo Rosso“ eine Gewaltorgie vorwirft. So unterschiedlich sind also die Auffassungen ...
Zitat von Georg im Beitrag #14
Der Humor [...] passt überhaupt nicht zur Stimmung des Films. Dafür sind einige Szenen leicht komisch anmutend, die wohl nicht so beabsichtigt waren.

Für mich eine total beleglose Behauptung, der ich die gegenteilige Behauptung entgegenstelle: „Der Humor ergänzt sich mit den düsteren Momenten des Films perfekt. Aufgrund der hohen Produktionsqualität kommt es zudem nie zu unfreiwilligem Humor.“
Zitat von Georg im Beitrag #14
Für mich sind außerdem einige Dinge unklar: Die Frau, die in ihrem Badezimmer ermordet wird, schreibt etwas an die Wand. Später ist das Wort ESTAT... zu lesen. Was soll das? Darauf wird überhaupt nicht eingegangen. Wollte sie möglicherweise estate schreiben, auf Deutsch also Sommer? Wenn ja, warum? Oder - was mir gerade einfällt, è stato ("es war"?). Wenn ja, dann würde eine im Todeskampf befindliche Person ihre letzten Kräfte wohl kaum dazu verwenden, einen grammatikalisch vollständigen Satz zu verfassen und doch wohl einfach nur den Namen des Täters schreiben, oder? Dabei fällt mir erneut ein: Es ist nur è stat zu lesen: Hätte sie weitergeschrieben, würde sie durch die nächste Endung einen Hinweis darauf geben, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Täter handelt (è stato = ein Mann, è stata = eine Frau).

Schön, dass dir das unklar war. Auf diese Weise lieferst du uns mit deinen Überlegungen die perfekte Erklärung für diese Sequenz. estate ist natürlich Unsinn. Sehr viel Sinn ergibt dagegen die Theorie, dass sie auf das Geschlecht des Killers aufmerksam machen wollte. Ich bezweifle, dass sie die konkrete Person erkannte und damit auch, dass sie beabsichtigte, den Satz mit einem Namen zu beenden. Sollte sich der Rest dann einem italienischen Muttersprachler nicht von selbst so erschließen, wie du es geschildert hast, und keine weitere Referenz im Film erfordern? Denn wo hätte man die auch noch unterbringen können? Der Professor wird ja bald nach seinen Ermittlungen umgebracht.
Zitat von Georg im Beitrag #14
Die Täterin, die Mutter Carlos, scheint wohl kaum stark genug zu sein, um all die brutalen Taten ausgeführt zu haben. Das ist in meinen Augen ziemlich unglaubwürdig.


Einer der ältesten Standardsätze der Psychothrillergeschichte: Die körperliche Kraft eines Wahnsinnigen übersteigt die eines Gesunden ...
Zitat von Ray im Beitrag #15
Untermalt wird das Ganze von der zwar prägnanten, aber auch recht billigen Musik von Goblin.

Wie man in diesem Zusammenhang auf das Urteil „billig“ kommen kann, erschließt sich mir nicht. Man könnte sagen: „Gefällt mir“ / „Gefällt mir nicht“. Aber auf welche spezielle Weise soll die Filmmusik ausgerechnet billig sein? Abgesehen von persönlichen Präferenzen (es ist sicher nicht mein Lieblings-Score aller Gialli) würde ich dem Rezensenten zustimmen, der hier schon schrieb, dass sie Tempo in die Spannungsszenen hineinbringt. Sehr gut z.B. in der Szene im nächtlichen Spukhaus zu bemerken.
Zitat von Ray im Beitrag #15
Die Humor-Einlagen regen bestenfalls zum Schmunzeln an.

Auch hier stimme ich Janek zu und trete den ultimativen Gegenbeweis zu deiner Aussage an, @Ray: Durch Filmsichtung selbst ausprobiert und mehrfach deutlich mehr als nur geschmunzelt, sondern herzhaft gelacht. Der Humor ist wirklich gut gelungen in „Profondo Rosso“, insbesondere die Streitgespräche über „typisch Männer / typisch Frauen“ und die Szenen im Auto. Eine interessante Abwechslung, so unbeschwerte, lustige Momente in einem Giallo zu erleben.
Zitat von Ray im Beitrag #15
Überhaupt mangelt es dem Werk an einem Sympathieträger, dessen Schicksal den Zuschauer wirklich berührt

Hemmings, Nicolodi, Mauri, Lavia. Ich sehe gleich vier Sympathieträger – mehr als in den meisten Gialli. Deshalb war ich auch froh, dass der ganz große Angriff auf das Ermittlerduo, wie von Janek herbeigewünscht, nur ansatzweise stattfindet und der Weg für ein den Umständen entsprechendes Happy-End zumindest nicht verschlossen wird.
Zitat von Ray im Beitrag #15
die Kameraarbeit gewohnt auf hohem Niveau, wenngleich auch da schon Besseres abgeliefert wurde

Auch hier wäre ein Beleg nett gewesen. Sonst hätte man auch einfach schreiben können: „Die Kameraarbeit ist auf hohem Niveau.“ Punkt. Nebulös auf noch Besseres zu verweisen, geht ohne genauere Begründung höchstens als ungenaues Bauchgefühl durch. Oder wie sagt Hemmings im Film? Männliche Intuition.

Ich bin mir noch unsicher, ob ich gleich eine Bewertung schreiben oder den Film erst noch ein zweites Mal schauen soll. Dann könnte ich einige Vorwürfe, z.B. bezüglich der Längen, vielleicht besser nachvollziehen.

Peter Offline




Beiträge: 2.795

02.02.2017 13:53
#18 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #17
Ich habe gestern zum ersten Mal „Profondo Rosso“ gesehen und habe mich so gut unterhalten gefühlt, wie ich es von einem Argento-Film nur erwarten kann. Umso überraschter bin ich, hier im Thread fast ausschließlich negative Kommentare zu lesen – mir scheint, dass alles Lob, das hier zur Sprache kommt, mit einer „Ich persönlich mag ‚Deep Red’ aber trotzdem nicht“-Haltung kombiniert wird. Nicht zuletzt auch ungewöhnlich, da der Film den zweiten Platz im Giallo-Grandprix belegt hatte ...

"Profondo Rosso" war der einzige Film, dem ich im Giallo-Grandprix mit Vergnügen die ultimative Höchstpunktzahl zugestanden habe. Warum? ... Also, ich wusste es genau und habe bis heute einfach in keinem der bewerteten Bereiche irgendwelche Ansätze für Zweifel gefunden ...

Ray Offline



Beiträge: 818

02.02.2017 16:05
#19 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Da mein Kommentar einer unmittelbar vorausgehenden Sichtung (es war die zweite) entsprungen ist und dieser seither keine weitere hinzugekommen ist, kann ich da jetzt nicht mehr sonderlich viel beisteuern bzw. entgegensetzen. Hier stehen sich schließlich überwiegend Thesen und Gegenthesen gegenüber. Der eine mag den Humor, der andere nicht. Der eine empfindet den Film als zu lang, der andere nicht ...

Gubanov Online




Beiträge: 14.917

02.02.2017 16:51
#20 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Die Thesen sollten natürlich gut nachvollziehbar gemacht werden, wenn man einem Dario-Argento-Film eine 2,5er-Wertung zukommen lässt, wo doch ausgerechnet Argento für das oberste handwerkliche Niveau im Giallo-Genre steht. Deshalb war ich über die zwei Verrisse in Folge ungefähr so erschrocken wie über die automatische Puppe in der Mordszene am Professor.

Ray Offline



Beiträge: 818

02.02.2017 17:28
#21 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #20
... wo doch ausgerechnet Argento für das oberste handwerkliche Niveau im Giallo-Genre steht.

Und gerade deshalb sind die Erwartungen eben auch besonders hoch. Wenn der Hauptdarsteller uncharismatisch, der Film im Ganzen rund 30 Minuten zu lang, der Humor unpassend und wenig bis gar nicht erheiternd und die Auflösung unplausibel ist, dann reicht das für mich aus, um 2,5 Punkte abzuziehen.

greaves Offline




Beiträge: 315

04.02.2017 11:47
#22 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Ich habe mir letztens den Film auch besorgt, u.a. mit anderen Giallos zusammen. Dieser Film hat mich angenehm überrascht. Für mich gehört er zu den besseren Filmen aus dieser Sparte. Was mir nicht so gefällt, ist, dass dieser Film etwas mit kleinerem Schnickschnack in die Länge gezogen wird. Darum geht er auch zwei Stunden. 1 1/2 Stunden hätten es auch getan. Sonst gibt's an diesem Film nichts auszusetzen.

kaeuflin Offline




Beiträge: 1.259

05.02.2017 21:06
#23 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Zitat von kaeuflin im Beitrag #1
Profondo Rosso

Aber es ist wohl einer der besten Gialli, die jemals gedreht wurden! Starke Schauspieler, tolle Kammerafahrten, sehr bedrohliche Stimmung, gute Musik (Goblin) und ein für einen Giallo sehr gutes Drehbuch.

Naja, ich sage nirgends, dass ich den Film nicht mögen würde - im Gegenteil. Nur wenn ich mich entscheiden müsste, hätten andere Argentos vielleicht die Nase knapp vorne.

Und ich empfinde die Parapsychologie-Szene immer noch ein wenig als Fremdkörper - dass die Dame aus Litauen stammt, ändert ja nichts daran, dass ich die Darbietung überzogen fand. Oder übertreiben Frauen aus Litauen grundsätzlich? *Kopf kratz* Kenne leider keine persönlich ...

Die Szene ist wichtig für die Handlung - ich empfinde nur die Umsetzung nicht als übersinnlich, sondern als aufgesetzt.

Happiness IS the road! (Marillion)

Gubanov Online




Beiträge: 14.917

06.02.2017 21:45
#24 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Zitat von kaeuflin im Beitrag #23
Oder übertreiben Frauen aus Litauen grundsätzlich?
Wer den Eurovision Song Contest verfolgt, könnte zu dieser Auffassung gelangen. - Nein: Dass ich die Herkunft des ersten Mordopfers erwähnt habe, hatte mit ihrem übertriebenen Auftreten nichts zu tun, sondern war ein Hinweis für Georg, der im letzten Absatz seiner Besprechung die Frage nach der Nationalität stellte, weil die Dame in der italienischen Originalfassung, die er gesehen hatte, Deutsche war. Der bei Wikipedia heraufbeschworene Widerspruch besteht aber, wenn ich nichts verpasst habe, nur zwischen den unterschiedlichen Tonfassungen, nicht aber innerhalb der deutschen Synchro.

Davon abgesehen gehe ich sogar durchaus mit dir mit, dass sie ein wenig überkandidelt herüberkommt, was aber - wie du ja auch schreibst - im Wesentlichen der Synchronisation anzulasten sein dürfte. Es gibt zu diesem Film eben keine gediegene alte Kinosynchro.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.410

11.06.2017 14:15
#25 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten



BEWERTET: "Rosso – Die Farbe des Todes" (Profondo Rosso) (Italien 1974/75)
mit: David Hemmings, Daria Nicolodi, Gabriele Lavia, Giuliana Calandra, Glauco Mauri, Clara Calamai, Eros Pagni, Piero Mazzinghi, Macha Méril, Nicoletta Elmi, Geraldine Hooper, Furio Meniconi u.a. | Drehbuch: Dario Argento, Bernardino Zapponi | Regie: Dario Argento

Der Amerikaner Marcus Daly ist Musiker und hält sich beruflich für einige Zeit in Rom auf. Er sorgt sich um seinen Freund und Kollegen Carlo, der sich immer öfter dem Alkohol ergibt. Nach einem Vortrag der Parapsychologin Helga Ullmann geschieht ein brutaler Mord und Daly versucht sich daran zu erinnern, welches Bild er am Tatort gesehen hat. Zusammen mit der Reporterin Gianna Brezzi recherchiert er im Umfeld der Toten, welche einem lange zurückliegenden Mord auf der Spur war. Einmal aufgescheucht, kommt der Mörder aus der Vergangenheit nicht mehr zur Ruhe....

"Gedanken hängen im Raum wie Spinnweben."

Dario Argento erzählt seine Geschichte in gemächlichem Tempo, wobei er besonders der Etablierung der männlichen Hauptfigur viel Zeit widmet und sich ausführlich mit den Problemen seines Freundes beschäftigt. Bereits in den ersten Minuten stellt sich eine unheilvolle Atmosphäre ein, die durch die litauische Seherin vorangetrieben wird, wobei das rapide Ende der Figur die flirrende Spannung erst einmal dämpft. Mit der Einführung der weiblichen Hauptfigur wird der Film zunächst wieder auf Normalniveau heruntergeholt, weil Daria Nicolodi den spröden David Hemmings erst einmal durch engelsgleiche Geduld zur Kooperation bewegen muss. Ihre Schlagfertigkeit beißt bei dem launischen Mann oft auf Granit, was sie durch humorige Bemerkungen zu überspielen versucht. Es dauert eine Weile, bis sich das Gleichgewicht unter den Akteuren einpendelt, weil die Interaktion anfangs doch sehr konstruiert wirkt. Eine angenehme Ergänzung des Casts ist Glauco Mauri als Professor Giordani, der als Bindeglied zwischen den einzelnen Fakten fungiert. Vollkommen überflüssig und penetrant führt Eros Pagni als Kommissar Calcabrini seinen Beruf ad absurdum; wohl, um die Privatermittler in besserem Licht erscheinen zu lassen. Was als heitere Überspitzung gedacht war, ist einfach nur peinlich.



Als die ersten Hinweise auf die geheimnisvollen Vorkommnisse in einer unbewohnten Villa eintreffen, nimmt die Handlung an Fahrt auf und gewinnt substantielle Tiefe. Nun rückt ein Schauplatz in den Mittelpunkt des Interesses, der alle menschlichen Akteure in den Schatten stellt: die Turiner Jugendstilvilla Scott, welche 1902 erbaut wurde. Die Opulenz der schlafenden Schönheit fasziniert vom ersten Moment an und bildet den perfekten Rahmen für die Suche nach den Hintergründen der Mordserie. Selbst wer David Hemmings nicht als charismatischen Darsteller empfindet, bangt nun doch mit ihm, da die Gefahr buchstäblich greifbar ist und jede Einstellung die Enthüllung einer grauenvollen Wahrheit andeutet. Die Brutalität der Morde lässt auf einen gestörten Verstand schließen, da die Opfer nicht nur endgültig zum Schweigen gebracht, sondern auch ihrer Würde beraubt werden. Exemplarisch dafür ist der Badezimmermord, dessen Sadismus genüsslich ausgekostet wird. Die Lösung des Falls ist beispielhaft und verdeutlicht die Bedeutung einer lückenlosen Aufklärung. Die Tragik, die hinter der verschütteten Familiengeschichte hervortritt, macht betroffen und hallt sehr lange nach. Positiv ist deshalb auch, wie man die Frage nach dem Paar Marcus / Gianna gelöst hat, weil es natürlich und nachvollziehbar bleibt.

Parade-Giallo aus der Schmiede von Dario Argento mit einem unkonventionellen Ensemble, verstörenden Morden, einem überzeugenden Hintergrundmotiv und einer Villa, in die man sich sofort verliebt. 3,5 von 5 Punkten

Gubanov Online




Beiträge: 14.917

11.06.2017 21:45
#26 RE: Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (1975) Zitat · antworten

Wieder eine recht niedrige Bewertung – schade. Ich habe auch die zweite Sichtung als sehr spannend und ergiebig empfunden und kann die unterstellten Längen und den angeblich schlechten Hauptdarsteller noch immer nicht finden.



Rosso – Die Farbe des Todes / Deep Red (Profondo rosso)

Thriller, IT 1974/75. Regie: Dario Argento. Drehbuch: Dario Argento, Bernardino Zapponi. Mit: David Hemmings (Marcus Daly), Daria Nicolodi (Gianna Brezzi), Glauco Mauri (Professor Giordani), Gabriele Lavia (Carlo), Macha Méril (Helga Ulmann), Eros Pagni (Inspektor Calcabrini), Giuliana Calandra (Amanda Righetti), Piero Mazzinghi (Bardi), Clara Calamai (Marta, Carlos Mutter), Nicoletta Elmi (Olga) u.a. Uraufführung (Italien): 7. März 1975. Uraufführung (Deutschland): 24. April 1991.

Zitat von Profondo Rosso – Die Farbe des Todes
Als eine telepathisch begabte Frau die Gedanken eines Mörders liest und dies auch offen verkündet, gerät sie prompt auf die Abschussliste des von einem Trauma geplagten Killers, der sich mit einem Kinderlied in Stimmung bringt, um seine Opfer dann mit einem Beil zu töten. Der Nachbar des Mediums, der Musiker Marcus Daly, wird zum Augenzeugen der Tat und gerät damit ebenfalls in Lebensgefahr. Da von der Polizei keine große Hilfe zu erwarten ist, stürzt sich Marcus gemeinsam mit der Journalistin Gianna in Ermittlungen, bei denen ein verschwundenes Gemälde, ein verfluchtes Haus und eine sinistre Kinderzeichnung eine Rolle spielen ...


Dario Argentos Filme zeichnen sich gegenüber ihren Genregenossen nicht nur durch außergewöhnlich hohe Produktionswerte, sondern auch durch inhaltliche Tiefe aus, die man bei einem Giallo so nicht unbedingt erwarten würde. Obwohl die Handlung mit ihrem im Dunkel römischer Herbstnächte bedrohten ausländischen Helden, der den Mörder finden muss, um seinen eigenen Kragen zu retten, im Wesentlichen den Grundstrukturen von „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ folgt, verwundert es den Zuschauer nicht, dass das Originaldrehbuch zu „Profondo Rosso“ ursprünglich 500 Seiten mächtig war. Nicht simpel und plakativ, sondern kleinteilig und realitätsnah greifen alle Rädchen des Storygetriebes ineinander, sodass der Zuschauer sich des Eindrucks nicht erwehren kann, hier lebensnahen Figuren, die nicht nur ermitteln, sondern auch lachen, streiten, Angst haben, bei der Bezwingung einer Gefahr zuzusehen, welche so tatsächlich über sie hineinbrechen könnte. Beiseitegefegt zugunsten eines urbanen Realismus ist die Märchenhaftigkeit eines durchschnittlichen Giallo, was der Bedrohlichkeit des Films in besonderem Maße zugute kommt. Nicht umsonst wollten Argento und Zapponi die Todesszenen diesmal „nachfühlbar“ für ihr Publikum ausgestalten und Schmerzen ansprechen, die man sich leichter vorstellen kann, als von blauen Bohnen durchsiebt zu werden.

Damit „Profondo Rosso“ nicht zu prosaisch ausfällt, reicherte sein Regisseur ihn mit inszenatorischen Raffinessen und latent übersinnlichen Elementen an. Das verfluchte Haus des schreienden Kindes mit seiner makabren Wandzeichnung und dem zugemauerten Raum, der ein schreckliches Geheimnis birgt, mag die Grenzen der Glaubwürdigkeit austarieren, doch gelingt der Balanceakt durch die weitsichtige Vorbereitung des Handlungsstrangs und die düstere Kameraarbeit dennoch glänzend. Weil man sich zu diesem Zeitpunkt im Film schon frappierend mit dem von David Hemmings trotz bzw. wegen all seiner künstlerischen Weicheiigkeit und seines gleichzeitigen aufgeblasenen Chauvinismus hervorragend dargestellten „Helden“ identifiziert, zerren die Spannungsmomente, die Marcus Daly betreffen, besonders an den Nerven. Wir bekommen jeden Zwischenschritt zur Aufklärung durch seine Augen präsentiert und müssen uns auf seine Wahrnehmung verlassen, was wie gewöhnlich bei Argento Herausforderung, Reiz und cineastischer Anspruch gleichermaßen ist:

Zitat von Oliver Nöding: Profondo Rosso (1975). In: Michael Flintrop, Marcus Stiglegger (Hrsg.): Dario Argento – Anatomie der Angst, Bertz-Fischer 2013, S. 194
Wie eigentlich alle frühen Filme Argentos handelt auch Profondo Rosso von (gestörter) Sinneswahrnehmung, (verschütteter) Erinnerung und der Wechselwirkung zwischen beiden. [...] Der Protagonist wird Zeuge eines Verbrechens und muss eine in seiner Erinnerung verschüttete Information bergen, um den Täter zu identifizieren. Er weiß, dass er etwas gesehen, aber eben nicht ‚wahrgenommen‘ hat. Seine anschließende detektivische Suche dient vor allem der Rekonstruktion des unvollständigen Erinnerungsbildes. In der Detektivgeschichte muss der Detektiv Informationen sammeln, um den Kontext zu schaffen, innerhalb dessen er die Hintergründe des Verbrechens begreifen kann; Argentos Helden haben das Problem, dass sie nicht objektiv, sondern selbst Teil dieses Kontextes sind. Der Mörder hat sich ganz buchstäblich im toten Winkel ihrer Wahrnehmung versteckt. Der Argento-Held kann sich auf seine Wahrnehmung nicht mehr verlassen.




Marcus Daly versucht im Verlauf des Films immer wieder, sich an das fehlende Gemälde in der Wohnung der Seherin zu erinnern, ebenso wie Sam Dalmas in den „Handschuhen“ die gesehene Szene in der Galerie immer wieder uminterpretieren muss. Dario Argento kann in diesem Fall nicht nur für die erfolgreiche Variation seiner Formel beglückwünscht werden, sondern vor allem für den Mut, den er bewies, indem er in Verbindung mit diesem Anhaltspunkt das Gesicht des Mörders schon nach 18 Minuten Spielzeit offen auf der Leinwand präsentierte. Dank des Adrenalinrausches, den der Zuschauer Marcus nachempfindet, wird er die wertvolle Information allerdings ebenso tief im Unterbewusstsein begraben wie der Filmprotagonist – welchen besseren Beleg für die filmische Klasse und wohlüberlegte Kalkulation von „Profondo Rosso“ könnte es geben?

Gianna, die weibliche Protagonistin, setzt den üblichen Screamqueens der Gialli eine selbstsichere und spielerische Antipode entgegen, die sie zu Marcus’ perfekter Begleiterin und Antreiberin macht und stellenweise sogar effektiv den Verdacht auf sich zieht, hinter den Verbrechen zu stecken. Aus ihrer Rolle und aus der androgynen Kindererscheinung in der Mordrückblende während des Vorspanns wird ersichtlich, dass Argento hier bewusst mit den Rollen der Geschlechter experimentierte und neben einer spannenden Story ‘mal eben Zweifel über patriarchalische Selbstverständlichkeiten, wie sie das Giallo-Genre und seine ersten zwei Erfolgsfilme im Besonderen kennzeichnen, einstreute. Daria Nicolodi prägt sich jedenfalls tief in die Gehirnwindungen jedes Giallo-Fans ein – wer sich allerdings über Overacting auf ihrer Seite beschwert, transferriert wahrscheinlich die Schuld einer nur mittelmäßigen Videosynchronisation aus den 1990er Jahren auf ihre eigentliche schauspielerische Leistung. Vom Kuriosen bis ins Liebenswerte rangierende Nebenrollen bieten derweil insbesondere Macha Méril, Clara Calamai, Gabriele Lavia und Glauco Mauri Möglichkeiten zur Profilierung über die Konventionen eines üblichen Krimis hinaus, was von den Darstellern ausnahmslos gut genutzt wird. Weniger eindrucksvoll kommt Nicoletta Elmi zum Einsatz, deren Auftritt lediglich wie ein pflichtschuldiges Zitat anderer Gialli wirkt und ohne die die verlassene Villa fraglos einen ebenso unheimlichen Eindruck hinterlassen hätte.

Nachdem der Film manchen highbrow-Kritiker ratlos zurückließ (die New York Times bezeichnete „Profondo Rosso“ als „bucket of axmurder-movie cliches thoroughly soaked in red paint that seems to represent fake blood“ und Argento als einen „director of incomparable incompetence“, Quelle), genießt er heute gemeinhin die Stellung, die ihm in Anbetracht seiner Qualitäten zukommt:

Zitat von John Townsend: Inside Dario Argento’s Deep Red, Starburst Magazine, Quelle
Profondo Rosso is not only the most important entry in Argento’s filmography, it is the key entry in the giallo canon. There are other great films from one of the most productive periods of Italian cinema, but none quite reach the heights of Profondo Rosso. [...] It is rare for a film to not only define a genre but an era in the way Profondo Rosso does. This is a seminal work from a director who was never more inspired [than] in 1975.


Der langen Rede kurzer Sinn: Mit „Profondo Rosso“ legte Argento ein mustergültiges Filmwerk, einen spannenden Krimi und einen hypnotisierenden Sinnesrausch zugleich vor und wurde damit nicht nur den Erwartungen gerecht, die man sich nach seinen Beiträgen der Tiertrilogie machte, sondern verlieh dem Giallo in einem Jahr, als dieser seinen großen (Massen-)Zenit bereits überschritten hatte, neue berauschende Impulse. 5 von 5 Punkten.



Die DVD von New Vision Films: Leider stellt sich die Auswertungssituation wie bei vielen Argentos im DVD-Bereich eher schwierig dar, da Altauflagen nur mehr gebraucht gehandelt werden. Mir liegt deshalb die erst Ende 2015 erschienene deutsche Ausgabe aus der „Dario Argento Collection“ von New Vision Films vor, die zwar den langen Director’s Cut enthält, aber wohl um ca. fünf Minuten gekürzt ist (121 statt 126 Minuten Laufzeit). Des Weiteren nicht mit Sprachwahl oder Extras versehen, macht die Scheibe einen sehr spartanischen Kaufhaus-für-10-Euro-Eindruck, der dem Film sicher nicht gerecht wird. Immerhin kann man das Bild als sehr gut bezeichnen und die Schnitte machen sich nicht in einer Weise bemerkbar, die den Filmgenuss massiv stören würde.

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