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Dieses Thema hat 107 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker international
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Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

14.05.2008 20:42
#46 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Da ich heute meine Box erhalten habe, möchte ich mich auch kurz dazu äußern. Wie ja dank elvis' Proklamationen hier im Forum jeder weiß, bin ich ein an den Filmen kein bisschen interessierter Verpackungsjunkie und werde daher meine ersten Bemerkungen den Äußerlichkeiten und dem technischen Schnickschnack der Collection widmen.

Im Prinzip ist die Box sehr schön aufgemacht: Die Farben sind stimmig, Schriftarten und Bilder ergeben ein passendes Konzept. Der Schuber hätte allerdings, was ja schonmal angesprochen wurde, ein gutes Stück dicker sein können, denn er verbiegt sich beim Herausnehmen der DVDs stark, vor allem an der Oberseite. Wenn mehrere DVDs fehlen, wird die Konstruktion auch etwas wackelig - aber nun gut, nobody oder besser: nothing is perfect.

Das Menü finde ich überaus nett; es ist mit Liebe zum Detail gestaltet worden. Natürlich ist es nicht ganz so professionell wie bei anderen Veröffentlichungen wie den Wallace-, oder Jeremy-Brett-DVDs, aber das liegt am jeweils verantwortlichen Label und seinen Design-Fähigkeiten. Man merkt trotzdem, dass sich KSM Mühe gegeben hat, das Flair der Filme aufzugreifen.

Und nun zum Nebensächlichen: Bisher habe ich eine Folge zur Hälfte gesehen. Es ist "They Do It with Mirrors" - von den mir bisher bekannten Miss-Marple-Romanen die mir liebste Erzählung. Bisher kannte ich nur den Roman selbst, der mir vor allem aufgrund der stimmungsvollen Lesung von Katja Brügger im Gedächtnis geblieben war. Wie es in den Fällen, in denen man das Buch vor der Verfilmung kennenlernt, aber immer so ist, entspricht keine einzige der Figuren in der Verfilmung meinen selbstgemachten Vorstellungen, nicht einmal Miss Marple. Trotzdem ist das, was ich bisher gesehen habe, sehr schön inszeniert und auch wirklich temporeich und mitreißend. Die Charaktere werden trotz der nötigen Umgewöhnung gut dargestellt und besonders die Figur des Edgar Lawson fällt einem - der Vorlage entsprechend - gleich ins Auge.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

16.05.2008 16:27
#47 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Alan McKee hat im "Museum of Broadcast Communications" einen interessanten Artikel über die Serie zusammengestellt. Klick mich!

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

16.05.2008 16:28
#48 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Inzwischen habe ich zwei Folgen gesehen und möchte meine Meinung über diese Filme etwas ausführlicher kundtun.

Gleich vornweg: Joan Hickson entspricht nicht meinen bisher etablierten Vorstellungen der Miss Marple, wohl aber denen von Agatha Christie, weshalb ich ihre Interpretation der Rolle ebenfalls zu schätzen weiß, besonders da ja die bislang von mir favorisierte Margaret Rutherford so "vorlagenuntreu" war. Sie, Hickson, wirkt, wie in den Büchern beschrieben, sehr gewitzt und clever und, als sie mit den Jungen in Stoneygates sprach, sogar ein wenig autoritär bis ungewollt komisch. Auf jeden Fall eine liebenswürdige und vielschichtige Interpretation der Rolle, die mir zu gefallen wissen wird. Auch konnte ich mir einige Male über ihre gedankenvollen Anmerkungen ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie ist nicht altklug sondern wirklich lebenserfahren und man sieht, dass viele ihrer Gesprächspartner dies auch zu schätzen wissen.



Zunächst einmal habe ich, wie beschrieben, "They Do It with Mirrors" geschaut und hatte somit gleich, quasi gezwungenerweise, die Gelegenheit, Joan Hickson und die anderen Darsteller im O-Ton zu erleben, was dem ganzen noch einmal etwas mehr britisches Flair verleiht. Obwohl die Charaktere logischerweise nicht meinen Buch-Vorstellungen entsprechend besetzt sind, wissen sie doch im Endeffekt sehr zu überzeugen; alle Darstellerleistungen sind so solide und verständnisvoll, wie man es von einer BBC-Qualitätsproduktion erwarten kann. Besonders heraus fällt, auch dies erwähnte ich schon, Neal Swettenham als Edgar Lawson - die schillerndste Figur der Geschichte und der tragische Charakter eines verwirrten jungen Mannes, der seinen wahren Vater sucht und sich dabei auch in tiefe Selbstzweifel verstrickt. Ebenfalls in positivem Sinne auffällig (vielleicht sogar schon zu auffällig für ihre Rolle) ist Gillian Barges Verkörperung der Mildred Strete. Einen guten Auftritt als Lewis Serrocold gibt auch Joss Ackland, den der wachsame Zuschauer bereits als Jephro Rucastle aus "Das Haus 'Zu den Blutbuchen'" kennt. Den einzigen Kritikpunkt bezüglich der Schauspieler, den ich eventuell anbringen könnte, ist, dass ich eine noch stärkere optische Betonung des Unterschiedes zwischen der schwachen alten Carrie-Louise und der rüstigen Ruth van Rydock geschaffen hätte, die sich für meine Begriffe etwas zu stark ähneln.

Der Kriminalfall von Christie wird akkurat und, soweit ich mich auf meine Erinnerung verlassen darf, ohne große Veränderungen geschildert, was dem Film natürlich sehr gut tut, denn die Geschichte halte ich für ausgesprochen gelungen. David Horovitch gibt den gereizten Chief Inspector Slack, der aber auf seine eigene Weise ursympathisch ist. Immerhin hat man hier das Zaubern, welches in dieser Erzählung eine große Rolle spielt, zu seinem geheimen Hobby gemacht, was selbst diesem strikten Mann angenehm menschliche Züge verleiht.

Einige Szenen sind zum Schmunzeln (Miss Marple und die jungen Kriminellen, erstes Treffen von Miss Marple und CI Slack), einige etwas fürs Herz (das Pferd als Geschenk für Gina, die Filmvorführung am Ende) und auch die Spannung kommt nicht zu kurz, sodass hier eine runder Krimi geschaffen wurde.



Ebenso enthusiastisch fällt auch meine zweite Bewertung aus, die sich auf "Ein Mord wird angekündigt" (A Murder Is Announced) bezieht. Diesen Fall kannte ich bisher nur aus der 2005er-Verfilmung mit Geraldine McEwan, wobei ich sowohl die Verfilmung als auch die erzählte Geschichte bisher für bestenfalls mittelmäßig hielt. Letzteres hat sich durch die Sichtung der Joan-Hickson-Verfilmung völlig verändert. Während ich beim einmaligen Sehen der McEwan-Adaption die Story für undurchsichtig und verworren hielt, konnte ich bei Hickson auf Anhieb allem folgen und jeden Zusammenhang nachvollziehen. Ich vermute nun wesentlich Besseres von diesem Christie-Roman und erkenne gleichzeitig die hervorragende Drehbuchgestaltung von Alan Plater an, die meilenweit über der der modernen ITV-Autoren liegt.

Hier muss ich auch sagen, dass sämtliche Charaktere "wie angegossen" besetzt sind. Ursula Howells als Letitia Blacklock macht ihre Sache hervorragend und ist kein Vergleich zu der in dieser Rolle eher drögen Zoe Wanamaker in der McEwan-Fassung. Die angeblichen Simmons-Geschister, gespielt von Samantha Bond und Simon Shepherd, sind sympathische Zeitgenossen und das Hausmädchen Hannah (Elaine Ives-Cameron) verdammt unterhaltsam. Aus der Jeremy-Brett-Serie bekannte Darsteller sind Matthew Solon (John Hector McFarlane in "Der Baumeister von Norwood") als Edmund Swettenham und John Castle (Mr. Carruthers in "Die einsame Radfahrerin") als Inspector Craddock. Seine Darbietung der Inspektorenrolle ist von der des Inspector Slack in "They Do It with Mirrors" grundverschieden; hier wird ein ruhiger und sensibler Ermittler gezeigt, der gut und bereitwillig zuhört und Miss Marple frei von Vorurteilen in die Ermittlungen mit einbezieht.

Es ist auch die schöne Atmosphäre des beschaulichen britischen Dorfes und seiner brav-altmodischen Bewohner, die diese Folge der Joan-Hickson-Serie so gemütlich macht. Man fühlt sich voll und ganz in die damalige Zeit versetzt (man mag nicht einmal glauben, dass das Geschehen schon nach dem Zweiten Weltkrieg spielt) und fühlt mit den Ereignissen im Dorf (und vor allem bei den Morden an den unschuldigen Frauen) mit.



Großes Lob an die Macher; ich hoffe, dass auch die übrigen Folgen so überzeugend sein werden wie die beiden von mir zuerst ausgewählten. Für die beiden oben geschilderten verteile ich auf jeden Fall jeweils 5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

18.05.2008 12:46
#49 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

"Bertrams Hotel"

Würdevoll, prunklos und unauffällig teuer - das war "Bertrams Hotel" im Herzen des Londoner Westends. Agatha Christie schrieb den Roman im Jahr 1965 und siedelte ihn zehn Jahre früher an. Miss Marple hat bei ihrem Neffen Raymond einen Wunsch frei und erbittet sich einen Aufenthalt in dem Treffpunkt geistlicher Würdenträger und vornehmer Witwen, da sie als junges Mädchen bereits einmal dort gewohnt hat. Seltsamerweise scheint sich das Haus nicht verändert zu haben. Selbst die Gäste machen noch den Eindruck eines Vorkriegspublikums. Einzige Ausnahme: die temperamentvolle Bess Segdwick, die als waghalsige Abenteuerin bekannt ist und kein Risiko - sowohl öffentlich als auch privat - scheut. Ihre Tochter Elvira Blake, die sie seit deren zweitem Lebensjahr nicht mehr gesehen hat, weilt auch gerade in "Bertrams Hotel", weshalb eine Begegnung der beiden grundverschiedenen Frauen nicht zu vermeiden ist.

Miss Marple entspannt sich beim Tratsch mit Selina Hazy, die über jeden Gast bestens Bescheid weiß und sorgt sich um den zerstreuten Kanonikus Pennyfather, bis plötzlich ein Mord die vermeintliche Idylle stört. Chefinspektor Fred Davy untersucht derweil eine Reihe rätselhafter Überfälle, wobei der Raubüberfall auf den irischen Postzug einen Höhepunkt darstellt. Eines scheint sicher: Bertrams Hotel ist die Zentrale für diese raffiniert geplanten Verbrechen.

Für Drehbuch und Regie zeichnen zwei Frauen verantwortlich: Jill Heym (Drehbuch) und Mary McMurray (Regie). Sie verstehen es glänzend, die Atmosphäre dieser verschwiegenen Londoner Institution einzufangen und den Ablauf der Handlung präzise und ohne unnötige Nebenschauplätze zu schildern. So wurde z.B. die Szene im Juwelierladen gestrichen, als Elvira vortäuscht, aus reiner Zerstreuung ein wertvolles Schmuckstück eingesteckt zu haben, während draußen auf der Straße ihre Freundin Bridget einen Autounfall provoziert.

Für die Rolle der Bess Sedgwick wählte man Caroline Blakiston, die von einer erstaunlichen Energie und Willenskraft beherrscht ist und die Rolle überzeugend ausfüllt. Elvira wird von Helena Michell gespielt, die sowohl als gut erzogene Internatsabgängerin, als auch als naiv verliebte Freundin des windigen Rennfahrers Ladislaus Malinowski zu überzeugen weiß. Sehr angenehm empfinde ich die Wahl der beiden männlichen Darsteller Preston Lockwood (als verwirrten, einsamen Kanonikus Pennyfather) und George Baker (als Chefinspektor Davy - ein aufmerksamer, sympathischer Ermittler, der Miss Marple gerne zuhört und mit ihr kollaboriert).

Einziger Kritikpunkt meinerseits: Die Szene im Frühstücksraum.

Zitat von Agatha Christie: Bertrams Hotel
Bess Sedgwick griff nach einem Krapfen und biss kräftig hinein. Tiefrote, echte Erdbeermarmelade quoll heraus und lief ihr über das Kinn. Bess warf den Kopf in den Nacken und lachte - eines der lautesten und heitersten Geräusche, das man seit geraumer Zeit in der Halle von Bertrams Hotel gehört hatte.


Soweit die Romanvorlage. Bess wischt sich daraufhin energisch mit einer Serviette das Kinn ab, steht auf und ruft: "Das nenne ich einen echten Krapfen. Prachtvoll!" Dann verlässt sie den Raum. Diese Szene wurde im Film umgesetzt, allerdings überspitzt. Caroline Blakiston hört gar nicht mehr auf, zu lachen, und benutzt etliche Papiertücher, um sich den Mund abzuwischen. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen.

Davon abgesehen halte ich die Verfilmung für sehr gelungen und das Ende wurde rasant und melancholisch zugleich umgesetzt. Entgegen der Romanvorlage wird die Person, die den Mord am Hotelportier verübte, eindeutig entlarvt und der Bestrafung zugeführt. Diese kleine, aber bedeutende Änderung halte ich für sehr wichtig.

Markus Offline



Beiträge: 658

19.05.2008 10:29
#50 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

@Gubanov: "Ein Mord wird angekündigt" möchte ich auch mal wieder sehen. Erinnere mich, dass die Mordszenen gut inszeniert waren. Gruselig auch die Spülszene.

Gruß
Markus

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

20.05.2008 20:07
#51 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

@Markus: Ja, "Ein Mord wird angekündigt" ist definitiv hervorragend gelungen. Schau ihn dir bei nächster Gelegenheit an!

Nun zu zwei weiteren Filmbesprechungen, zuerst zu "Karibische Affäre" (A Caribbean Mystery). Hiervon bin ich sehr enttäuscht. Zwar dachte ich mir schon, dass Miss Marple nicht in die Karibik passen würde, aber was ich dann in der Verfilmung sah, war tatsächlich noch weniger erbaulich als vermutet. Das Flair erinnert eher an einen modernen Columbo-Film als an einen klassischen Miss-Marple-Krimi und das ist nicht das, was man sehen möchte, wenn man einen Marple-DVD einlegt. Hinzu kommt, dass die Geschichte an sich eine sehr schwache ist, die die Laufzeit kaum überbrücken kann. Die Figuren sind nicht markant, sondern einfach nur reihum unliebenswürdig, von Jason Rafiel über Molly und Major Pelgrave bis zu dem Dienstmädchen Victoria und den diversen anderen Frauen, bei denen man sich immer fragen muss, zu welchem Mann sie nun eigentlich gehören. Dazu kommt, dass die Wahl der Schauspieler nicht die sorgsamste war und sich etwa Napier und der (Schmetterlings-)Forscher sehr ähneln. Ein schwarzer Inspektor in einem Miss-Marple-Krimi ist ebenfalls mehr als gewöhnungsbedürftig. Die Auflösung vor allem des Mordes an Major Pelgrave zieht die Geschichte letztenendes völlig ins Belanglose, denn mit exakt der gleichen Erklärung hätte auch jeder andere der Täter sein können. Eine schlechte Christie-Vorlage also, scheint mir, die auch durch die Verfilmung nicht aufgewertet werden konnte. 2 von 5 Punkten, da Joan Hickson gute Miene zum bösen Spiel macht und zumindest gen Ende wieder das schöne Musikthema der Serie einigermaßen präsent ist.



Wesentlich positiver fallen meine Anmerkungen zu "Ruhe unsanft" (Sleeping Murder) aus. Die Besetzung der Hauptrollen ist ansprechend und das Flair, das durch das alte Haus und die privaten Nachforschungen der Eheleute und Miss Marples erzeugt wird, macht die Folge wieder zu altvertrauter Christie-Kost, die bei mir den Etikettenschwindel der "Karibischen Affäre" auskurierte. Der Film hat Spannung und Tempo. Im zweiten Teil führt das dazu, dass es recht schwer ist, der Geschichte vollständig zu folgen. Hier hätte man sich besser bei den Erklärungen etwas mehr Zeit gelassen und die Geschichte in drei Teilen verfilmt; sie hätte es vertragen. Auch die Auflösung wird leider etwas zu kurz behandelt, man hätte sich noch einige Erklärungen mehr gewünscht. So wird zum Beispiel nicht mehr Bezug genommen auf die Hände des Mörders, die die kleine Gwenda für "Affenpfoten" hielt und die, wie sich herausstellt, ...
... die Hände des Arztes in den für seinen Beruf typischen Gummihandschuhen waren.

Die Überrumpelung des Mörders durch Miss Marple mit dem Unkrautvernichter halte ich für albern und klamaukig, sodass der atmosphärische und sehr ernste Schluss leider stark von seiner Wirkung einbüßt. Hier hätte man sich zwingend etwas anderes ausdenken müssen. Ansonsten ist alles sehr stimmig und meine geliebte Musik wieder reichlich vorhanden. Das macht unterm Strich 4 von 5 Punkten für "Ruhe unsanft".

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

21.05.2008 20:20
#52 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Ich stimme Dir zu, dass sich die Auflösungen meistens sehr zügig gestalten und dem Nichtkenner der Romanvorlage einiges Grübeln bereiten. Miss Marple erklärt meist nur kurz, weshalb der Mörder oder die Mörderin tötete. Vor allem die Zerknirschtheit des Verhafteten fehlt. Man sieht oftmals nicht einmal, wie der Täter abgeführt wird.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

22.05.2008 16:52
#53 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Nun einige Anmerkungen zu "16 Uhr 50 ab Paddington" (4:50 from Paddington):

Diese Verfilmung hat es in doppelter Hinsicht schwer. Erstens handelt es sich bei der gleichnamigen Buchvorlage sicherlich nicht um eines von Christies Meisterwerken und ebenso wenig um ein Werk aus ihrem guten Mittelfeld. Es bietet einen uninteressanten Mord an einer uninteressanten Frau und darüber hinaus uninteressante Verdächtige. Zweitens wurde dieser Roman schon über sein eigentliches Potenzial hinaus verfilmt, in der unterhaltsamen Version mit Margaret Rutherford, die zu übertrumpfen in Anbetracht der Buchqualität von Anfang an ziemlich aussichtslos war.

Dementsprechend schwerfällig erscheint dann auch die Hickson-Version, wobei man noch einiges herausholte. Sie besitzt im Grunde genommen zwei Asse: zunächst einmal das mehr als sympathische Paar Brian Eastley - Lucy Eyelesbarrow, ein Joker, der leider durch die Kussszene mit Cedric Crackenthorpe, zu dem ich mich später noch genauer äußern möchte, zu stark aufs Spiel gesetzt wird, und außerdem ein brillantes Zusammenspiel zwischen Hickson und Horovitch als mürrisch-sympathischem Chief Inspector Slack. Seine Interpretation der Rolle ist immer für einen Lacher gut; man muss ihn trotz seiner vielen schlechten Eigenschaften als Running Gag der Serie einfach lieben ...

Auch der Rest der Besetzung ist überwiegend gut, wenngleich nicht herausragend. Leider, ebenfalls aber erwartungsgemäß, kommt der Eastley-Sohn bei weitem nicht an die Gewitztheit des Alexander aus der Rutherford-Verfilmung heran. Ähnlich schwach wie bei dieser Version präsentiert sich auch hier ein Großteil der Verwandtschaft, die (hier vor allem in der Gestalt von Harold bzw. Alfred) völlig austauschbar und von keinerlei Interesse ist. Dazu kommt, dass der Mord an Harold Crackenthorpe keinen besonderen Sinn und Zweck für die Handlung hat, als einfach den miesen Mittelteil zu überbrücken, was aber nicht Fehler der Verfilmung sondern des Originals ist. Dabei bleibe ich auch gleich, denn ebenso tut die Figur der Mrs. Gillicuddy dem Erzählfluss einfach keinen Gefallen. Manchmal müsste man sich auch in der originalgetreuesten Serie dazu aufraffen, das Wohl einer Geschichte auch durch die Eliminierung einer Person selbst in die Hand zu nehmen. Sicherlich hätte dieses Mal auch eine etwas kürzere Verfilmung (90 Minuten wären wohl angebracht gewesen) eine Verbesserung gebracht.

Einen eigenen Absatz widme ich der Figur des Cedric Crackenthorpe, dem widerlichsten und ekligsten Charakter der Verfilmung. Er ist einfach abstoßend und die Tatsache, dass man ihm eine solche halb romantische, halb vergewaltigungsähnliche Szene mit Lucy Eyelesbarrow gab, ist eine glatte Unverschämtheit. Diese Figur hätte man viel gesitteter spielen müssen, denn einen solchen Charakter, wie er hier porträtiert wurde, möchte ich in einem Marple-Film nicht sehen!

Insgesamt bietet die Verfilmung also viel Angriffsfläche für Kritik, die aber meist nicht auf dem Mist der Adaption an sich, sondern auf der Buchvorlage und dem Vorgängerfilm basiert. Daher, aus Gründen der teilweise sehr guten Besetzung (Hickson, Horovitz, die Darsteller der Lucy, der Emma und des Brian Eastley) und der abermals wunderbaren Musik und weil es schließlich doch das von mir geradezu herbeigeflehte Happy-End bezüglich der Liebschaften der Miss Eyelesbarrow gab, kann ich hier (knappe) 4 von 5 Punkten vergeben.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

23.05.2008 22:12
#54 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Heute gesehen: "Die Tote in der Bibliothek" (The Body in the Library).

Auch hier muss ich sagen, dass die Geschichte an sich mir nicht allzu sehr zusagt, doch wenigstens ist sie stabil, logisch und hält sogar über die mehr als 150 Minuten Spielzeit den Spannungsbogen aufrecht. Miss Marple stellt mit ihrer Bekannten Dolly Bantry Ermittlungen in einem Luxushotel an, während mein Liebling, Chief Inspector Slack, gegen die Zeit (also gegen Miss Marple) arbeiten muss und natürlich wieder einmal (was heißt eigentlich "wieder einmal", es war doch der Pilotfilm der Hickson-Reihe!) verliert ...

Die Darsteller sind allesamt passend und es gibt keine Ausfälle. Waren in der McEwan-Verfilmung die vielen Charaktere sehr unübersichtlich, wird hier durch eine kluge Besetzung und Verfilmung, ähnlich wie bei "Ein Mord wird angekündigt", jede einzelne Person wiedererkennbar ins Licht gerückt. Zwar gibt es keinen Star vom Kaliber eines Ian Richardson wie bei McEwan, aber dafür werden viele kleinere Glanzlichter durch Slack, die Bantrys, Adelaide Jefferson, Mark Gaskell und Sir Henry Clithering, den alten Freund Miss Marples, gesetzt.

Die Drehorte sind schön anzuschauen und die Exotik der Figuren um Basil Blake wird hervorragend verdeutlicht. Die Musik ist wieder einmal himmlisch und glücklicherweise großzügig eingesetzt. Das macht unterm Strich wieder einmal 5 von 5 Punkten.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

24.05.2008 14:20
#55 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Noch eine kleine Anmerkung meinerseits zu "16 Uhr 50 ab Paddington":

Lucy Eyelesbarrow handelt unter dem Vorsatz der Täuschung. Sie wurde von Miss Marple als Haushaltshilfe in den Ansitz der Familie Crackenthorpe geschickt, bandelt dort mit dem gutmütigen Brian Eastley an und straft ihn dann ab, indem sie den unsäglichen Cedric Crackenthorpe küsst. Am Ende des Films, als Cedric als Schürzenjäger entlarvt ist, wendet sie sich wieder Eastley zu. Miss Marple spricht mit Cedric und klärt ihn auf: "Lucy ist nicht in Brian Eastley verliebt, sie fühlt sich mehr zu Ihnen hingezogen, aber sie wird ihn heiraten und aus ihm machen, was sie will."

Nach einem glücklichen Ende hört sich das nicht an, sondern nach dem Plan einer berechnenden Frau, die sich eine gesicherte Zukunft vorstellt. Dass Cedric am Ende auch noch Gewissensbisse zeigt, macht die Angelegenheit noch unglaubwürdiger. Schade um die vergebene Chance: Zuerst zeigt man Lucy als moderne, unabhängige Frau, die einem Seelenverwandten begegnet und dann wählt sie am Ende doch den Weg einer Versorgerehe, indem sie die Verliebtheit ihres Freundes ausnützt, um an seinen Namen, seine Position und sein Geld zu gelangen.

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

24.05.2008 14:28
#56 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Meine Lesart der Szene ist eher, dass Miss Marple ausdrückt, Lucy würde in einer Beziehung mit Bryan die Oberhand haben, so wie Frauen es in vielen anderen Beziehungen auch zukommt. Lucy ist offen, modern und sehr willensstark, wohingegen Bryan unstet und nicht besonders reif, eben ein freundlicher, formbarer Mensch ist. Ich denke, es war eher so gemeint, dass Lucy ihm etwas mehr Vernunft beibringen wird, sodass sie ein geregelteres Leben führen werden.

Das ist eben die Frage, weil es unklar ist, wie der Drehbuchautor (oder der Synchronautor?) es gemeint hat ...

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

24.05.2008 14:41
#57 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Genau: eine berechtigte Frage ... Ich habe die betreffende Stelle noch nicht im englischen Original gesehen, aber der Verantwortliche für diese Textstelle bekommt schon einmal den Kaktus des Jahres. In der Romanvorlage macht Miss Marple am Ende geheimnisvolle Andeutungen über die Zukunftspläne von Lucy. Dass Miss Marple in der Hickson-Verfilmung jedoch ausgerechnet mit Cedric Crackenthorpe plaudert, als ob er der bedauernswerte, verlassene Liebhaber wäre, ist äußerst merkwürdig.

Man hätte die Sequenz aus dem Film entfernen sollen und lieber eine Schluss-Einstellung zeigen sollen, in der Lucy und Brian durch den Park flanieren - gleichberechtigt, stark und zufrieden.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

24.05.2008 14:55
#58 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Und noch etwas: Mir hat es schon beim Lesen des Buches nicht behagt, dass ich die Zugfahrt mit der schottischen Mrs.McGillicuddy antreten musste, anstatt gemütlich mit Miss Marple zu reisen. In solch einer wichtigen Szene muss eine kluge, handelnde Person wie Jane Marple zugegen sein. Dies ist sicher einer der Schwachpunkte der Vorlage. Alles, was für den Fall relevant ist, erledigen bzw. erleben andere. Der erste Mord geschieht vor den Augen von Mrs. McGillicuddy. Die Nachforschungen erledigt die emsige Lucy. Agatha Christie begründete dies mit dem Alter und der nachlassenden Kräfte von Miss Marple.

Nichtsdestotrotz: Der Film "Murder She Said" aus dem Jahr 1961 lebt durch die Performance von Margaret Rutherford. Sie ist es, die das Heft selbst in die Hand nimmt und deshalb ist dieser Film bis heute erste Klasse! Durch ihr energisches Auftreten ist sie prädestiniert für die Rolle einer aktiven und klugen Ermittlerin. Dabei ist auch sie bereits im reifen Alter ...

Gubanov Offline




Beiträge: 16.319

24.05.2008 15:00
#59 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

Gegen die Präsenz von Lucy habe ich nichts. Sie hat Grund, im Buch aufzutauchen, und ist eine eigenständige Figur. Mrs. McGillicuddy hingegen ist eigentlich nur eine zweite Miss Marple, eben nur etwas dümmer. Ansonsten nehmen sich die Charaktere nicht viel, ergänzen sich aber auch nicht. Lediglich die Überführung des Mörders gibt Mrs. McGillicuddy ein Motiv, überhaupt in dem Buch aufzutreten. Dass der amerikanische Titel des Romans sogar ihren Namen trägt ("What Mrs. McGillicuddy Saw"), halte ich für blanke Unverschämtheit.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

25.05.2008 13:22
#60 RE: Miss Marple mit Joan Hickson Zitat · Antworten

"Ein Mord wird angekündigt"

Der Film beruht auf dem Roman "A Murder Is Announced" aus dem Jahr 1950. Klugerweise hält er sich daran und hat jeder Modernisierung der handelnden Personen oder der Lokalitäten getrotzt. Wir finden in dieser Verfilmung eines der originalgetreuesten Dorfporträts der gesamten Miss-Marple-Reihe. Das Haus von Letitia Blacklock, das mit reizenden Antiquitäten und Zierat ausgeschmückt ist, die einfache Farm der Freudinnen Hinchcliffe und Murgatroyd mit ihren Schweinekoben, der Garten des verschrobenen Obersten Easterbrook, das Gewächshaus, in dem Mrs. Haymon arbeitet und die gemütliche Gaststube "Zum blauen Vogel", wo Miss Marple und Miss Bunner ein wichtiges Gespräch führen.

Die Handlung ist relativ lang, da sehr viele Personen für die Morde in Frage kommen und sich Inspektor Craddock sogar nach Schottland begeben muss, um Nachforschungen anzustellen. Die Rolle des Polizeiermittlers wurde mit John Castle besetzt, der treuen Sherlock-Holmes-Verehrern bereits als Mr. Carruthers aus "Die einsame Radfahrerin" bekannt ist. Er meistert seinen Part mit der ihm eigenen Gelassenheit und Zurückhaltung. Ab und zu huscht ein Schmunzeln über seine Lippen und er begegnet Miss Marple mit Respekt und ehrlichem Interesse. Er ist das Gegenstück zu Inspektor Slack, der bekanntlich wenig Verständnis für die alte Dame zeigt.

Die Hauptrolle wurde mit Ursula Howells besetzt, die ihre Sache gut macht und die Rolle der auf Vorsicht und Ausgeglichenheit bedachten starken Persönlichkeit mit Würde spielt. Samantha Bond, die einigen aus den James-Bond-Filmen bekannt sein dürfte, spielt neben Nicola King die Rolle der potenziell verdächtigen jungen Frau. Als "roten" Edmund Swettenham, der den schüchternen Liebhaber gibt, sehen wir Matthew Solon, der aus "Der Baumeister von Norwood" (Sherlock Holmes) bekannt ist. Die Vereinigung der beiden ruhigen Charaktere am Ende des Films wird sicher wieder für die eine oder andere Diskussion sorgen.

Dem kernigen, resoluten Britannien begegnen wir in Miss Hinchcliffe (Paola Dionisotti), die den Gegenpart zu Miss Blacklock spielt. Sie ist keine "feine Dame", sondern eine ehrliche, tüchtige Bäuerin, die parallel zu Miss Marple Überlegungen anstellt. Leider muss ihre Freundin dies mit dem Tod bezahlen.

Alan Plater, der das Drehbuch schrieb, war klug genug, gewisse Schrullen der Dorfbewohner zu stutzen. So änderte er die Köchin Mizzi in Hannah um und ließ sie zwar temperamentvoll, jedoch nicht hysterisch agieren. Mit der Doppelhochzeit am Ende des Films setzte er sich über das Buch von Mrs. Christie hinweg (wo Julia am Ende des Films nach Australien geht und Patrick verlässt), was dem Geschehen einen runden Abschluss und Miss Marple eine nette letzte Einstellung mit Inspektor Craddock beschert.

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