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Dieses Thema hat 426 Antworten
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 Edgar-Wallace-Forum
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Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 3

08.10.2017 21:06
#421 RE: Romane Zitat · antworten

Mit großem Interesse habe ich immer die Beiträge dieses Themas gelesen und möchte nun auch mal was beisteuern:
Heute will ich den Roman: Der Mann von Marokko " vorstellen.

Der Mann von Marokko

Originaltitel: The Man from Marocco
Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung: 1925

Hauptpersonen:
James Morlake - vermögender Gentlemen-Einbrecher
Ralph Hamon - zwielichtiger Geschäftsmann
Captain Welling - Kriminalbeamter von Scotland Yard
Lord Creith - verarmter Landadliger
Joan Creith - seine Tochter
Ferdinand Farringdon - ein junger Trunkenbold
Inspektor Marborne - Polizeiinspektor mit zweifelhaften Ruf
Sadie Hafiz - arabischer Fürst


Inhalt:
Der geheimnisvolle „Schwarze“ verübt in London eine Serie perfekter Bank- und sonstiger Einbrüche. Allerdings scheinen diese nur in Verbindung von Konten oder Bekannten des Geschäftsmannes Ralph Hamon zu stehen. Recht bald stellt sich heraus, dass der „Schwarze“ James Morlake ein dunkles Geheimnis dieses Geschäftsmannes kennt. Es steht auf einem Dokument, welches er mit allen Mitteln zu finden versucht. Hamon wiederum versucht, den anderen als Einbrecher bloßzustellen, auch mit Hilfe bestechlicher Polizisten. Nebenher begehren die beiden Männer (wie könnte es anders sein) die selbe Frau, die schöne adelige, wenngleich nicht reiche Joan Creith. Natürlich fühlt sie sich mehr zu Morlake hingezogen, während sie für Hamon nur Verachtung empfindet. Beide Männer haben Verbindungen nach Marokko, in welchem Land letztlich auch fast das gesamte Finale stattfindet. Nach einigen Verwicklungen, Drohungen und Todesfällen lässt Hamon seine widerspenstige Angebetete nach Marokko entführen, wo er eine Schar mehr oder weniger zuverlässiger Helfer hat. Nach einer dramatischen Befreiung kommt es schließlich dann wieder in England zur Auflösung des Rätsels um Hamons Geheimnis, und einer glücklichen Hochzeit zwischen James Morlake und Joan Creith steht nichts mehr im Wege.

Kritik:
„Der Mann von Marokko“ ist ein Roman, der in späteren Goldmann-Ausgaben offenbar sehr stark gekürzt wurde, besonders die Passagen, die in Marokko spielen, sind sehr stark reduziert, ja, das Ende ist förmlich umgeschrieben und verstümmelt wurden. Was sicher unhaltbar ist – andererseits ist das „Verschlanken“ des Romanes irgendwie fast auch verständlich. Zu sehr plätschert die Handlung streckenweise dahin, wenngleich auch die Szenen mit dem korrupten Inspektor Marborne, der Morlake gefälschte Beweise unterschieben soll, mir persönlich sehr gut gefallen haben. Große Geheimnisse über Identitäten gibt es eigentlich nicht zu lüften, die Guten und die Bösen stehen relativ schnell fest. Daran ändern auch einige halbherzig vorgenommene Verwirrversuche seitens des Autors nichts. Gibt dem Ganzen irgendwie doch einen realistischeren Touch. Immer wieder kommt die Rede auf ein Dokument, das Mr. Hamons strafwürdiges Geheimnis beinhalten soll und von welchem er sich einfach nicht trennen will. Immer mehr entpuppt sich Hamon als Finsterling, der auch vor Mord oder Drahtzieher von Morden nicht zurückschreckt, während James Morlake eben doch eine (auch ansonsten gutaussehende) Lichtgestalt ist, die durch Zufall von einem großen Unrecht erfuhr und jetzt stellvertretend Rache üben will. Naja, das ist irgendwie wenig überzeugend. Auch ist Mr. Morlake, der lange als Geheimagent unter Arabern gelebt und auch sonst ein abenteuerliches Leben geführt hat, nicht ohne seine Diener oder weibliche Unterstützung in der Lage, sich selber ein paar Rühreier zu kochen. Was hat sich der Autor da wohl gedacht ?
Währenddessen entwickelt sich die obligate Liebesgeschichte zwischen Joan und James und drängt sich mitunter arg in den Vordergrund. Da kann auch Joans plötzlich ans Tageslicht kommendes Geheimnis einer frühen unglücklichen Verheiratung mit einem schwächlichen Trinker nichts dran ändern, zumal der letztere praktischerweise auch bald ziemlich rabiat „entsorgt“ wird.
Irgendwann hat Wallace wohl auch eingesehen, dass er die Handlung etwas mehr vorantreiben muss und hat sie dann, wie schon erwähnt, kurzerhand direkt nach Marokko verlegt. Der Übergang zwischen diesen
Romanteilen ist eher schlecht gekittet – der Bösewicht lädt Lord Creith und seine Tochter auf eine Ferientour mit seiner Yacht ein. Obwohl sie Vorbehalte gegen ihn haben und auch seinen verbrecherischen Charakter erahnen, gehen sie dann doch auf sein Angebot ein, eben um dann in die doch ziemlich durch sichtige Falle zu tappen. Das ist eben wenig logisch, aber darum hat sich der alte Krimimeister ja oft nicht sonderlich geschert. Immerhin gibt es in der ungekürzten Weltbild-Ausgabe einen Überfall maurischer Piraten auf die Luxusyacht. Das ist bei Wallace immer mal ein gern gewähltes Thema. Wenngleich der Überfall auch abgewehrt werden kann, so wird Lady Joan dann irgendwann doch entführt und nach vielen dramatischen Verwicklungen an Land schließlich doch gerettet. Dieser Teil in Marokko ist denn mehr ein Abenteuer- als ein Kriminalroman, liest sich aber ganz gefällig, zumal Wallace auch ein wenig Lokalcolorit mit einfließen läßt. Immer mal in der Handlung taucht der ältere Kriminalinspektor Welling auf, der natürlich irgendwie schon die ganzen Zusammenhänge kennt und James Morlake auf seinem privaten Rachefeldzug stillschweigend weitermachen lässt.
Das Ende birgt eigentlich wenig Überraschungen, Hamons Geheimnis wird geklärt und der Bösewicht in einem knalligen Showdown unschädlich gemacht. Das wars dann auch schon.
Tja, muss man den Roman gelesen haben ? Als Wallace-Fan sicherlich schon, aber auch dann nur in der ursprünglichen, obgleich etwas zäheren Fassung. Alle anderen Krimileser sollten sich sicher anderen Werken aus Wallace‘ Feder zuwenden.

Buch:
Ich habe eine auf etwa 180 Seiten gekürzte Goldmann-Jubiläums-Ausgabe sowie eine Sammler-Edition von Weltbild (zusammen mit dem Roman „Hands up“), bei der der Roman noch eine Seitenzahl von 400 hat.

Verfilmung:
Eine deutsche Verfilmung des Stoffes existiert nicht.

Ray Offline



Beiträge: 732

09.10.2017 12:43
#422 RE: Romane Zitat · antworten

Danke für die tolle Besprechung, gerne mehr davon! Lese nach längerer Zeit aktuell auch mal wieder einen Wallace-Roman ("Töchter der Nacht") und werde dann ebenfalls mal ein paar Zeilen dazu schreiben, wenn ich fertig bin.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.783

10.10.2017 12:00
#423 RE: Romane Zitat · antworten

Hallo Dr. Oberzohn,

ein sehr schöner erster Beitrag, dem hoffentlich noch viele folgen werden. Naheliegend wäre ja z.B. ein Blick auf "Die drei Gerechten".

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 3

12.10.2017 21:02
#424 RE: Romane Zitat · antworten

Ja, das liegt natürlich nahe. Tatsächlich habe ich den Roman vor gar nicht so langer Zeit noch einmal gelesen. Momentan arbeite ich aber an einer anderen Buchvorstellung. Da müssen die "Drei Gerechten" samt ihrem fürchterlichen Widersacher noch ein wenig warten...

Mr. Igle Offline




Beiträge: 68

13.10.2017 18:53
#425 RE: Romane Zitat · antworten

Eine wirklich sehr schöne Besprechung dieses mir persönlich noch unbekannten Wallace-Romans! Ich schließe mich dem Lob meiner Vorschreiber gerne an und würde mich sehr freuen, weitere so gelungene Rezensionen von Ihnen zu lesen, Dr. Oberzohn.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 3

15.10.2017 20:31
#426 RE: Romane Zitat · antworten

Na, bei so viel nettem Lob muss ich doch noch einen hinterherschieben ....
Heute ein eher wenig bekannter Roman aus der Feder des verehrten Krimimeisters:

Hands up!

Originaltitel: Hands up!
Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung: 1928

Hauptpersonen:
Luke Maddison - vermögender junger Mann
Margaret Leferre - seine Verlobte
„Gunner“ Haynes - schießkundiger Gentlemen-Dieb
Danton Morell - zweifelhafter Freund von Margaret
Mr. Connor - Anführer einer Verbrecherbande
Inspektor Bird (der Spatz) - Kriminalbeamter von Scotland Yard

Inhalt:

Die Wege des vermögenden Luke Maddison und des besitzlosen „Gunner“ Haynes kreuzen sich kurz, wobei der letztere den ersten vor einem Unfall rettet und Maddison den Gauner aus Dankbarkeit vor seiner drohenden Verhaftung durch Inspektor Bird warnen will. Währenddessen erschießt sich der schuldengeplagte Bruder von Margaret Leferre, der Verlobten von Luke Maddison. Margaret glaubt nun aber, dass Luke ihren Bruder förmlich in den Selbstmord getrieben hat. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Bekannten Danton Morell, der sich bald als sehr zwielichtige, ja schon verbrecherische Natur entpuppt und seine eigenen finsteren Pläne verfolgt. Luke verschwindet aus Enttäuschung freiwillig von der Bildfläche und findet sich aus einer Reihe von Umständen plötzlich „ganz unten“ wieder, ohne Geld und ohne Freunde, dafür in den Fängen einer rücksichtslosen Diebesbande. Dabei kommt er wieder in den Dunstkreis von Gunner Haynes, der selber auf der Suche nach einem ehemaligen verräterischen Komplizen ist und nebenbei auch noch zum Schutzengel von Luke Maddison wird. Natürlich hängen alle beteiligten Personen irgendwie zusammen, und zum Schluss klären sich die Beziehungen alle auf, letzten Endes wird auch geklärt, ob Luke Maddison wirklich der herzlose Mensch war, als den ihn seine Verlobte zumindest vorrübergehend angesehen hat. Wenn das mal nicht nach Happy End klingt…

Kritik:

Ob mir das Buch gefallen hat oder nicht, darüber bin ich mir nicht so ganz schlüssig. Es gibt wieder eine sehr große Menge Wallace-typischer Zufälle, aber daran muss man sich eben gewöhnen. Es ist wieder ein Roman, wo es keinen „großen Unbekannten“ im Hintergrund gibt, dafür das eine oder andere Geheimnis, das es zu lüften gilt. Nebenher sind viele Stellen zu finden, die einen vor Spannung nun nicht gerade vom Hocker reißen. Nein, die eigentliche Geschichte ist nicht unbedingt überragend, um es mal vorsichtig zu formulieren. Sehr interessant fand ich aber die Beschreibung des sozialen Abstiegs von Luke Maddison, gestern noch Millionär, heute plötzlich auf der Straße und dann mitten in einem besonders üblen Viertel in London. So gerät er prompt auch in eine Abrechnung unter Gangstern, wobei er selber auch schwer verletzt wird. Aus einer Verwechslung heraus wird er aber nach seiner Genesung in die Bande eines gewissen Connor aufgenommen, die ihn für einen amerikanischen Verbrecher hält. Die Geschichte erinnert ein bisschen an Oliver Twist. Eine reine unbefleckte Seele, die aber unter üblen Gesellen leben muss. Die elenden Lebensverhältnisse der unteren Schichten, die Armut, die ständige Gewalt – all das wird recht ungeschminkt dargestellt. Nicht für alle waren die goldenen Zwanziger so richtig golden. So sieht sich Inspektor Bird selber auch als Engel der Armen, der die schwer arbeitende „Under Class“ vor Kriminellen schützen muss, die lieber arme Leute bestehlen, bedrohen und überfallen, weil die Reichen sich eben viel besser vor ihnen schützen können und schwer erreichbar sind. Aber auch er kann nicht viel ausrichten. Dabei ist Wallace aber beileibe kein Revolutionär, der die bestehenden Zustände grundlegend ändern will, die er beschreibt, ich glaube, er ist im Grunde fest dem englischen Klassendenken verhaftet. Arm ist eben arm, reich ist eben reich, nur Kriminelle sind halt böse und nicht gesellschaftskonform.
Irgendwann treffen Gunner Haynes und Luke Maddison wieder zusammen, wobei ihm der erstere aus Dankbarkeit mehrmals aus der Patsche hilft. Natürlich findet Haynes auch seinen verräterischen Ex-Komplizen wieder, der eine dem Leser sehr vertraute Negativgestalt des Romanes ist. Das alles ist nicht wirklich überraschend, auch nicht die Aufklärung der schurkischen Machenschaften des Danton Morell. Die Rolle des Inspektor Birds ist fast überflüssig, er taucht immer mal im Buch auf, aber tut selten etwas für die Handlung Entscheidendes. Zum Schluss gibt es (Achtung Spoiler) natürlich ein Happy End, nicht nur für Luke und seine Verlobte Margaret, sondern sogar für den „Gunner“ hört man schon in Ferne die Hochzeitsglocken läuten… Allerdings ist das Ende nicht ganz so kitschig, wie es sich anhört, es kommt eher abrupt und ist für die Beteiligten nicht völlig befriedigend.
Für einen Wallace-Fan sollte das Buch schon mal auf dem Leseziel stehen, wenn es dann doch nicht erreicht wird, ist es aber wohl auch nicht schlimm.

Buch:
Gelesen habe ich die Sammler-Edition von Weltbild (zusammen mit dem Roman „Der Mann von Marokko“) hat. Der Roman hat dort etwa 230 Seiten.

Verfilmung:
Eine deutsche Verfilmung des Stoffes existiert nicht. Möglicherweise wurde der im Roman beschriebene Trick, einen Körper mit einem Salzblock am Bein in die Themse zu werfen, auf dass die Leiche dann irgendwann irgendwo wieder auftaucht, in dem Wallace-Film „Die Toten Augen von London“ von 1961 übernommen.

Mr. Igle Offline




Beiträge: 68

21.10.2017 11:40
#427 RE: Romane Zitat · antworten

Wieder eine sehr gelungene Besprechung dieses von mir persönlich sehr geschätzten Romans.

"Entspannen Sie sich, durch Hochspannung!"

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