Nachdem ich den Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr mit Begeisterung verfolgt habe, war der diesjährige Termin natürlich Pflicht. Insgesamt muss man dem Team in Aserbaidschan bescheinigen, gute Arbeit geleistet zu haben. Ein großes Verdienst für die Vorarbeit gebührt hier Deutschland, das Anregungen, Technik und Logistik lieferte. Nicht nur der Aufbau der Kristallhalle wurde von deutscher Hand ausgeführt, sondern auch die beeindruckenden Lichteffekte stammten wie im Vorjahr von einem Bühnen-Designer aus Bayern. Am Moderatorenpult stand mit dem überaus höflichen Eldar Qasimov und den charmanten Damen Leyla Aliyeva und Nargiz Berk-Petersen ein Trio, das zwar nicht so überdreht-quirlig wirkte wie Anke Engelke, Judith Rakers und Stefan Raab in Düsseldorf, dafür jedoch mit Zurückhaltung und Stil punktete. Die farbenfrohen Postkarten-Einblendungen von Baku und dem aserbaidschanischen Umland sollten zeigen, dass die Bevölkerung trotz Repressalien von Seiten der Regierung stolz auf ihr Land ist und sich dem Westen öffnen möchte.
Lange Zeit sah es aus, als würde der 57. ESC keine großen musikalischen Highlights aufweisen. Irgendwie zündete der Funke trotz furioser Flammenwerfer, akrobatischer Tanzeinlagen und gefühlsbetonter Performances nicht richtig. Erst als sich der Wettbewerb den ersten zehn Beiträgen näherte, stellte sich das Wohlfühlgefühl ein. Wie schon erwartet, kochte der Saal zwar bereits beim Auftritt der Großmütter aus Russland, deren "Party for Everybody" mit kindlicher Fröhlichkeit und dem Vermitteln einer Herdwärme das vorwiegend junge Publikum für sich einnehmen konnte. Gute-Laune-Songs werden -gerade wenn sie von knuffigen Personen an den Extremen der Altersskala vorgetragen werden- meistens wohlwollend goutiert. Die überwiegend weiblichen Anwärter setzten auf ihre Power-Stimmen und zogen das Publikum auch durch unkonventionelle Individualität (Albanien) oder verführerische Wallemähnen und fließende Kleider in ihren Bann. Mit Ausnahme des drittplazierten Beitrags "Nije ljubav stvar" aus Serbien waren die ersten Ränge fest in Frauenhand. Die Herren-Formationen aus Norwegen, Großbritannien und Irland fanden sich sehr weit abgeschlagen auf den letzten Rängen. Gerade im Falle von Norwegen, das mit "Stay" und dem charismatischen "persischen Prinzen" Tooji antrat und der nicht einmal so schlechten Ballade "Love will set you free" des Altbarden Engelbert Humperdinck aus Großbritannien, scheinen die Ergebnisse verwunderlich. Die Gebrüder Jedward konnten mit "Waterline" dieses Jahr wenig Staat machen. Der Zauber war verflogen.
Meine persönlichen Favoriten lauten wie folgt:
* 12 points: Loreen für SCHWEDEN: Euphoria * 10 points: Ott Lepland für ESTLAND: Kuula * 8 points: Nina Zilli für ITALIEN: L'amore è femmina * 7 points: Ivi Adamov für ZYPERN: La La Love * 6 points: Pastora Soler für SPANIEN: Quédate commigo
Ein besonderer Höhepunkt war für mich der Auftritt von Amaury Vassili, der die Punktvergabe für Frankreich durchgab. Er war 2011 mein großer Favorit und sein Album "Canterò" liegt bei mir seitdem regelmäßig im CD-Player (besondere Empfehlungen: "Amapola" und "Danza con me").
Komisch das alles "Jane" so toll finden ich habe ja immer auf "Tarzan" gewartet.
Also ich muss schon sagen, der Grand Prix dieses Jahr war stellenweise wirklich unerträglich, man hätte am liebsten den Bildschirm zerschlagen können^^
Selbst Italien die vorheriges Jahr diese wunderschöne leicht Jazzig angehauchte Nummer hatten, haben mich dieses Jahr entäuscht.
Also zum Aufregen und laut Schreien war dieser Grand Prix auf jeden Fall geeignet !
Ich möchte mich nur ganz kurz zum Finale zu Wort melden. Mit Schweden hat das richtige Lied gewonnen, um die Organisation des nächstjährigen Events muss man sich wohl keine Sorgen machen. Die Schweden sind so heiß auf die Eurovision, dass sie die bestmögliche Show produzieren werden. Auch um Menschenrechte oder Vetternwirtschaft muss man sich dann 2013 wohl keine Gedanken mehr machen – ich sehe es jedenfalls nicht kommen, dass Königin Silvia als Interval-Act auftreten möchte.
Aller Unkenrufe und hyperkritischen Berichterstattung zum Trotz gestaltete sich auch das diesjährige Finale in Baku zu einem tollen Erlebnis. Die Sendung am Samstag war noch einmal eine eindeutige Steigerung gegenüber den Semifinals, was einmal an der schönen Eröffnung, der guten Qualität der Finalbeiträge und, ja, nicht zuletzt auch an dem höllisch eingängigen Song lag, den Emin da nach Ablauf des Votingfensters präsentierte. Sogar die Spokespersons, die die Punkte vergeben, waren gut aufgelegt, unter ihnen Highlights wie Getter Jaani, Amaury Vassili, Sarah Dawn Finer alias Lynda Woodruff of the EBU*, Anke Engelke und Mr. Lordi himself.
Die Ergebnisse stellen mich mehr als zufrieden. Aus meinen Wunsch-Top-6 fanden vier (!) Beiträge tatsächlich den Weg in die Ergebnis-Top-6, die anderen beiden landeten auf der linken Seite des Scoreboards. Ich möchte – und kann des Umfangs wegen – mich nicht zu allen Songs im Detail äußern, deshalb nur meine positivsten und negativsten Überraschungen:
(+) Wer hätte gedacht, dass Albaniens Klage sofort solchen Anklang bei den Zuschauern findet? Toll, dass die Albaner ein würdiges Aushängeschild als ihren besten bisherigen Platz haben. 5 von 5 Punkten. (+) Ott Lepland meisterte sein „Kuula“ mit besonderer Energie. Man merkte ihm an, wie bemüht er war, fürs Heimatland Estland eine gute Platzierung einzufahren. 5 von 5 Punkten. (+) Kaliopi ist die heimliche Königin des Jahres. Tolle Performance, tolle Persönlichkeit. Und ein höchst professioneller Umgang mit lästigen griechischen Reportern**. 5 von 5 Punkten. (+) Ukraines Gaitana musste nach dem Halbfinale viel Häme von mir einstecken. Ich krieche zu Kreuze. Ihre Stimme im Finale war nahezu perfekt. So machte der Song wirklich Spaß. Schade um die hintere Platzierung, wenn man vergleicht, mit welchen Rohrkrepierern die Ukraine in den letzten beiden Jahren Erfolge feierte. 4 von 5 Punkten.
(–) Nina Zillis Liveperformance war dagegen nicht besonders beeindruckend. Zu statisch im Aufbau, zu flackerig im Hintergrund, zu schief in den Tönen. Kostete sie den ersten Platz in meiner Liste des Abends. Aus Trotz und des Landes wegen 5 von 5 Punkten. (–) Tooji. Nicht der Auftritt. Das Ergebnis. Er machte die Getter von 2012. Warum nur, warum?! 4,5 von 5 Punkten. (–) Unauthentizität. Das trifft einerseits auf Spanisch singende Rumäninnen zu, andererseits auch auf Spanierinnen mit einer schwedischen Komposition. Beides nicht mein Fall. 2,5 bzw. 3 von 5 Punkten.
Meine Votes waren nicht sonderlich effektiv und dürften das Ergebnis nicht beeinflusst haben. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, weil ich mir vorher keine Gedanken über die Abstimmung gemacht habe. Deshalb für Moldau 1 SMS, je 1 weitere für die Punkte 8 bis 1, 4 für Italien und 5 für Mazedonien.
Janek, deine Kommentare belegen wunderbar die halsstarrige, vermuffte deutsche ESC-Durchschnittsmeinung, die sich weder informiert noch überhaupt das wertschätzt, womit sie sich befasst. Wir sollten uns ein Beispiel an der Begeisterung für den Wettbewerb nehmen, wie sie in Schweden, Island oder Malta herrscht.
Niemand muss den ESC mögen, aber oberflächliche, pauschale Abkanzelungen der diesjährigen Lieder sind nun wirklich so überflüssig wie der sprichwörtliche Kropf. Die musikalische Bandbreite des diesjährigen Contest war erneut breit gefächert; da war nahezu alles dabei: moderner Clubdisco-Sound, typischer ESC-Trash, Radio-Mainstream, Retrosoul, Balkan-Pop, aber auch sperrig-faszinierendes á la Albanien, das alle Kritiker Lügen straft, die mal wieder vom "unerträglichen Einheitsbrei" faseln. Ich zumindest habe die Melodie von "Euphoria" sehr wohl noch im Kopf, aber auch zahlreiche andere Beiträge spuken aktuell noch in meinen Gehirnwindungen herum.
Zitat von Gubanov (–) Unauthentizität... andererseits auch auf Spanierinnen mit einer schwedischen Komposition. Beides nicht mein Fall. 2,5 bzw. 3 von 5 Punkten.
Einspruch. Dass der spanische Beitrag nicht deinen Geschmack trifft, ist selbstredend akzeptiert, aber ausgerechnet hier aufgrund der Herkunft der Komponisten einen Mangel an Authentizität zu attestieren - das halte ich für falsch. Spanien war bei weitem nicht das einzige Land, das auf schwedische Songschreiber zurückgriff. Und warum auch nicht, oder ist ein spanischer Eurovision-Song für dich nur mit Flamenco-Gitarren authentisch?
Sicher lag es nicht nur am Lied und erst recht nicht an der Instrumentierung. Insgesamt habe ich bei dem Beitrag von Pastora Soler einfach echtes Herzblut vermisst. Das Wort "gekünstelt" trifft es nach meinem Dafürhalten ganz gut. Trotzdem spielt die Nationalität des Komponisten schon eine Rolle, siehe ebenso die Beiträge von Portugal, Aserbaidschan, San Marino oder auch Deutschland. Ich würde es deshalb sehr begrüßen, wenn Tim Bendzko seiner Andeutung in der Aftershow-Party Taten folgen lassen würde. Er mit einem deutschsprachigen Song - das wäre doch einmal eine gelungene Abwechslung fürs nächste Jahr.
Das fände ich auch gut. Warum nicht einmal wieder ein deutschsprachiger Song? Wahrscheinlich wird der Teilnehmer allerdings erneut im Rahmen einer Casting-Show gesucht werden. Dass dieser dann mit einem englisch gesungenen Lied ins Rennen geht (weil es sich bewährt hat), sollte wirklich nicht zum Dogma erhoben werden.
Ich fände einen deutsch Sprachigen Song auch nicht schlecht. Gab es nicht früher mal eine Auflage das die Songs in der Muttersprache des Sängers gesungen werden mussten? Ich finde sowas sollte man mal wieder versuchen das wäre dann noch ein bisschen multikultureller und mal eine andere Erfahrung.
Die Landessprachenregel war von 1966 bis 1972 sowie von 1977 bis 1998 in Kraft. Ich finde nicht, dass es einen Sprachenzwang in irgendeiner Form geben sollte, freue mich aber auch immer über die Verwendung möglichst zahlreicher, andererseits aber auch möglichst passender Sprachen. Manche Lieder klingen einfach auf Englisch schöner, manche in einer anderen Sprache. Auch sollte nicht vergessen werden, dass eine Sprachenregelung bestimmte Länder (v.a. Großbritannien, Irland, Malta) bevorzugt, während z.B. Deutsch, Finnisch oder Norwegisch als weniger klangvoll empfunden werden.
Das ist nicht unbedingt nötig, Jacob. Englisch ist die Sprache der Popmusik und wird nahezu überall verstanden. Dass man mit Songs in der Muttersprache dennoch Erfolg haben kann, konnte man dieses Jahr beispielsweise bei den Beiträgen aus Serbien und Albanien beobachten.
Naja ich meine nicht zwingend in der Muttersprache aber es wäre doch schön wenn trotzdem mehr Teilnehmer wenigstens einige Worte in der eigenen Sprache einbauen würden.
Zitat von MarmstorferDas ist nicht unbedingt nötig, Jacob. Englisch ist die Sprache der Popmusik und wird nahezu überall verstanden. Dass man mit Songs in der Muttersprache dennoch Erfolg haben kann, konnte man dieses Jahr beispielsweise bei den Beiträgen aus Serbien und Albanien beobachten.
Ich meine doch nach solchen Erfolgen könnte man es wenigstens mal versuchen von Pflicht rede ich ja gar nicht. Ich meine nur es währe mal was anderes.