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Dieses Thema hat 115 Antworten
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 Filmbewertungen
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Jan Offline




Beiträge: 1.187

12.09.2015 14:47
#106 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Zitat von brutus im Beitrag #104
Und an eine Rückkehr zur alten Inszenierung a la Abt, Hexer oder selbst Glasauge war in den 70ern nun wirklich nicht mehr zu denken.

Vielleicht habe ich mich etwas ungeschickt ausgedrückt oben: Ich meinte mit meinem Statement nicht, dass ein Zurück zu alten Inszenierungsstilen eine Chance gewesen wäre. Vielmehr meine ich, dass auch die Deutschen Filme im Stile der Galli hätten machen können. Dieses Feld wurde alleinig den Italienern überlassen und die waren, wenn ich mich recht entsinne, auch international z.T. recht erfolgreich. Sicher hätte man den Etikettenschwindel Edgar Wallace, den es ja letztendlich schon bei einer Reihe sog. Klassiker der Serie gab, unbedingt beiseite lassen müssen. Ebenso wie man den Namen Karl May besser aus dem Old-Firehand-Film gestrichen hätte. Aber da fehlte es letztendlich am letzten Quäntchen Mut und man bediente sich im Falle Krimi lieber der Coproduktionen und damit auch der ausländischen Filmemacher.

Gruß
Jan

Blinde Jack Offline




Beiträge: 2.000

28.09.2015 18:57
#107 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Zu diesem Film gibt es nicht mehr viel zu sagen.
Ich fand ihn absolut spannend, toll inszeniert und überraschend!

Immer wieder gerne...

Klare

5 von 5 Punkten!

Ray Offline



Beiträge: 642

15.12.2015 20:25
#108 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (I/BRD 1969)

Regie: Dario Argento

Darsteller: Tony Musante, Suzy Kendall, Eva Renzi, Enrico Maria Salerno, Werner Peters, Mario Adorf u.a.



Eine Mordserie beschäftigt ganz Rom, mehrere Frauen wurden durch Stichwerkzeuge getötet. Als ein Mann (Tony Musante) einen weiteren Tötungsversuch beobachtet, wird er in die Geschehnisse hineingezogen und ermittelt auf eigene Faust...

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich bei meiner Erstsichtung ein klein wenig enttäuscht war. Wahrscheinlich hätte ich dem Film damals 3,5 Punkte gegeben. Er erschien mir zwar "interessant", trotzdem hatte er mich nicht vollends überzeugt. Das war dieses Mal ganz anders.

Unter dem Etikett "Bryan Edgar Wallace" veröffentlicht, scheint der Film auf den ersten Blick und nach Ansicht Vieler auch auf den zweiten wenig bis gar nichts mit (Bryan) Edgar Wallace zu tun zu haben. Vergleicht man den Film aber mit "Das Ungeheuer von London-City", so ergeben sich doch einige Parallelen, allen voran beim Täter. Auch im "Ungeheuer" ist dieser mit Hut und dunklem Mantel bekleidet und benutzt eine Rasierklinge als Tatwaffe. Da die Wallace-Filme auch international - jedenfalls für "Kenner" - bekannt waren, ist durchaus anzunehmen, dass neben Mario Bava und Alfred Hitchcock auch die (Bryan) Edgar Wallace-Filme als Inspiration dienten. Diese These wird auch durch den Filmhistoriker Fabio Melelli, der auf der Bonus-DVD der Koch Media-Veröffentlichung eine sehr interessante 30-minütige Analyse des Films liefert, bestätigt: er sieht nämlich in der Figur Mario Adorfs eine Parallele zu Eddi Arent, Adorf fungiere quasi als (kuriose) humoristische Entspannung kurz vor dem großen Finale, wie es auch Arent in den Wallace-Filmen - freilich frequentiver - tat.

Zurück zum Film an sich, der direkt "in medias res" geht. Gleich nach zirka drei Minuten bekommt der Zuschauer die Schlüsselszene serviert, durch die der Film seinen entscheidenden Anstoß bekommt. Tony Musante und der Zuschauer sehen vermeintlich alles - und doch wieder nicht, wie der Film im Folgenden zeigt. Die Szene gerät derart beklemmend und spannend, dass sie nicht nur der Hauptfigur noch tagelang nachgeht.

Von dieser grandiosen Schlüsselszene abgesehen, streut Argento immer wieder kleine optische Leckerbissen ein, die den Film immer wieder aufs Neue sehenswert erscheinen lassen.

Tony Musante und Suzy Kendall geben ein höchst sympathisches und natürliches Paar ab, mit dem sich der Zuschauer leicht identifizieren kann. Auch wenn es in diesem Genre häufig abstruse Auflösungen gibt, erscheinen die beiden doch nie verdächtig. Die Szenen in der Wohnung vermitteln eine wunderbare Endsechziger-Atmosphäre, die man in der Form selten antrifft. Werner Peters und Mario Adorf haben kleine Gastauftritte, wobei einer skuriller als der andere herüberkommt. Eva Renzi, damals Ehegattin Paul Hubschmids, spielt das von Musante beobachtete Opfer. Sie gibt in dem ebenfalls auf der Bonus-DVD enthaltenen Interview, welches 2005 kurz vor ihrem Tode aufgenommen wurde, zu Protokoll, dass der Film ihre Karriere zu Nichte gemacht habe. Was man wohl sagen kann, ist, dass Argento ihre wie auch die anderen Figuren nicht allzu ernst nimmt und auf tiefere Charakterisierungen und psychologische Einblicke weitgehend verzichtet, was den Film zu einem recht "oberflächlichen" Vergnügen macht, der Qualität des Werks insgesamt jedoch kaum einen Abbruch tut.

Im Grunde das Gleiche gilt für die mehr oder weniger austauschbare und dünne Story sowie die schon erwähnten skurillen Nebencharaktere, die den Zuschauer mitunter zu sehr aus dem Albtraum "hinausziehen", welcher von Ennio Morricone erstklssig untermalt wurde. Vor allem der Herr "Servus" - ich hoffe, dass das nur in der Synchronisation so dämlich wirkt - ist dann doch ein wenig überzogen.

Lässt man die (psycho)logische Glaubwürdigkeit außer Betracht, gerät schließlich die Auflösung dramaturgisch wie inszenatorisch höchst überzeugend und stößt den Zuschauer im positiven Sinne vor den Kopf. Auch von der Warte her lohnt sich mindestens eine Zweitsichtung.

Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass der Film auch ungeschnitten vergleichsweise wenige explizite Szenen aufweist, daher trotz seines geringen Budgets stilvoll daherkommt und sich so von seinen teilweise arg überzogenen B-Movie-Trittbrettfahrern wohltuend abhebt.


Fazit: Argento gelingt ein cineastischer Albtraum voller unvergesslicher Momente, dessen optische Reize manch lächerliche Figur(en) und/oder Szene(n) "ausbügeln". 5/5 Punkten.

Ray Offline



Beiträge: 642

03.03.2016 19:14
#109 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Da ich die BEW-Filme erstmals innerhalb kurzer Zeit in chronologischer Reihenfolge gucken wollte, habe ich mir auch diesen Film nochmal angesehen. Insgesamt fällt mir auf, dass mich die etwas seltsamen Nebenfiguren inzwischen immer weniger stören, nachdem ich ein paar Argento-Filme (mehrmals) gesehen habe.

Meine Wertung bleibt bei 5/5 Punkten.

patrick Offline




Beiträge: 2.707

23.04.2017 13:44
#110 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1969)



Regie: Dario Argento

Produktion: Salvatore Argento, Artur Brauner/Italien, BRD August bis Oktober 1969

Mit: Tony Musante, Suzy Kendall, Enrico Maria Salerno, Eva Renzi, Mario Adorf, Reggie Nalder, Umberto Raho, Renato Romano, Giuseppe Castellano, Werner Peters


Handlung:

Der in Italien lebende amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas wird zufällig Zeuge, wie eine junge Frau in einer Kunstgallerie von einer schwarzgekleideten Gestalt niedergestochen wird. Da er durch eine Glaswand vom Geschehen getrennt ist, kann er nicht eingreifen und muss die Polizei rufen, welche ihn prompt verdächtigt. In der Vergangenheit haben sich bereits 3 brutale Morde an Frauen ereignet, bei denen es nicht bleiben sollte. Auf Sam werden ebenfalls Anschläge verübt und dabei auch das Leben seiner Freundin Julia bedroht. Der offenbar psychopathische Täter ruft erst anonym bei der Polizei an und dann bei Sam und legt ihm nahe, das Land zu verlassen, wovon er aber nichts wissen will. Er fährt mit seinen eigenen Recherchen fort und bringt damit sowohl sich selbst als auch Julia in allerhöchste Lebensgefahr. Der Schlüssel zur Auflösung scheint mit einem Gemälde zusammenzuhängen, das sich aus unerfindlichen Gründen in Sams Bewusstsein verankert hat...


Anmerkungen:

Dieser Film markiert einen Wendepunkt, oder besser gesagt eine völlig neue Phase, der BEW-Filme, da es sich nämlich stilistisch gar nicht mehr um einen solchen handelt und auch sonst keinerlei Bezüge mehr zur ursprünglichen Reihe und zu Wallace-Junior erkennbar sind. Der Name Wallace diente hier nur noch Werbezwecken und sämtliche typische Charakteristika der Reihe und damit deren Wiedererkennungsmerkmale sucht man vergeblich. Als deutsche Schauspieler treten lediglich Mario Adorf und Werner Peters in kleinen Nebenrollen in Erscheinung. Regisseur Dario Argento, der auch die Geschichte entwarf, verneinte selbst einmal in einem Interview jeglichen Bezug zur Wallace-Reihe. Vorliegender Streifen ist dagegen eindeutig dem Giallo zuzuordnen, einem Genre, dass Mario Bava noch in der ersten Hälfte der 60er-Jahre in’s Leben rief. Ich nehme mir daher die Freiheit, den Film abzukoppeln und nicht als Wallace-Beitrag zu besprechen.

Der damals noch nicht 30-Jährige Regie-Debutant Dario Argento (geb.1940) wird von Fans gerne als italienischer Hitchcock bezeichnet. Ein Umstand, den ich als ziemlich vermessen betrachte. Auch gelten die "Handschuhe" unter den Giallo-Fans als Kultfilm. Nun, meine Sichtweise ist da etwas verhaltener. Zwar kann diesem Werk ein gewisser Spannungsbogen keinesfalls abgesprochen werden, doch schleichen sich, bedingt durch den gemächlichen Verlauf, durchaus auch Längen ein. An Tempo gewinnt der Streifen erst gegen Schluss hin. Sehr befremdlich wirkt die ungewohnt surreale, fast Traumsequenz-artige Inszenierung, welche mir ehrlich gesagt nicht sonderlich liegt. Persönlich gebe ich da den in späteren Jahren entstandenen lineareren Psychothrillern mit sorgfältigeren Personenzeichnungen und wirkungsvollerer Atmosphäre den Vorzug, aber auch vielen Werken Hitchcocks, welche mich allesamt mehr zu fesseln vermögen. Irgendwie vermittelt der Film aufgrund seines merkwürdigen, bemüht künstlerich wirkenden Stils das Gefühl, weit weg zu sein. Mit anderen Worten baut er eine Barriere oder Distanz auf, die mir nicht so recht ermöglich, mich in die Geschichte hineinzuversetzen. Ich fühle mich einfach zu wenig abgeholt. Fairerweise möchte ich aber betonen, dass sich dieser Effekt bei einer weiteren Sichtung abschwächte. Für einen modernen Thriller, was der Streifen offensichtlich bestrebt ist zu sein, erscheint mir das ganze darüber hinaus inszenatorisch einfach zu wenig ausgereift und wirkt auch eher billig. Zum Entstehungszeitpunkt waren Argentos "Handschuhe" sicherlich innovativ, doch blühte der "Neo-Thriller" erst in späteren Jahren richtig auf, was auf dieses Werk mittlerweile einen langen Schatten wirft. Die Kills sind grundsätzlich deutlich härter als in den SW-BEW’s, wobei aber bereits „Das Ungeheuer von London City“ in diese Richtung tendierte.

An den Darstellern hab ich im Großen und Ganzen nicht sonderlich viel auszusetzen. Tony Musante (1936-2013) ist ziemlich glaubwürdig in der Rolle des flotten, jungen Amerikaners, welcher zu Beginn zwar ziemlich niedergedrückt wirkt, dann aber die Herausforderungen, vor welche ihn die Umstände stellen, mutig und nicht ohne Humor annimmt. Mario Adorfs sehr skurriler Auftritt als exzentrischer Maler, der Katzen im wahrsten Sinne des Wortes zum Fressen gern hat, regt durchaus zum Lachen an. Die beiden Damen Suzy Kendall (geb.1944) und Eva Renzi (1944-2005) sind eher mittelmäßig. Erstere spielt die treuherzige und gutmütige, aber auch tempramentvolle Freundin des Hauptprotagonisten recht zufriedenstellend, Letztere ist in jeder Hinsicht austauschbar und gibt ihrer eigentlich sehr interessanten Rolle nicht den befriedigenden Tiefgang. Enrico Maria Salerno (1926-1994) füllt seine nicht sonderlich gewichtige Rolle als kühler, sachlicher und besonnener Inspektor stimmig aus. Auf Werner Peters lächerlichen Auftritt hätte man getrost verzichten dürfen.

Die Auflösung und die Mordmotive wirken nicht unbedingt im Übermaß überzeugend. Die geisterhafte schwarze Mördergestalt gibt der Atmosphäre dagegen deutlichen Auftrieb.

Fazit:


In gewissem Ausmaß unterhaltsamer Durchschnitts-Thriller, den ich als Kultfilm jedoch nicht annehmen kann. Für ein Erstlingswerk sicherlich beeindruckend, im großen und weiten Psychothriller-Universum aber ein Film, den man schnell wieder vergisst. Mit zugedrücktem Wallace-Auge sichere 3 von 5.

Gubanov Offline




Beiträge: 14.585

23.04.2017 13:45
#111 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten



Bryan Edgar Wallace: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
(The Bird with the Crystal Plumage / L’uccello dalle piume di cristallo)



Kriminalfilm, IT / BRD 1969/70. Regie und Drehbuch: Dario Argento (frei nach Bryan Edgar Wallace, Vorlage „The Screaming Mimi“, 1949: Fredric Brown). Mit: Tony Musante (Sam Dalmas), Suzy Kendall (Giulia Movita), Enrico Maria Salerno (Kommissar Morosini), Eva Renzi (Monica Ranieri), Umberto Raho (Alberto Ranieri), Raf Valenti (d.i. Renato Romano) (Professor Carlo Dover), Giuseppe Castellano (Monti), Mario Adorf (Berto Consalvi), Werner Peters (Antiquitätenhändler), Gildo di Marco (Zuhälter Garullo) u.a. Uraufführung (IT): 27. Februar 1970. Uraufführung (BRD): 24. Juni 1970. Eine Produktion der Seda Spettacoli Rom und der CCC-Filmkunst Berlin im Constantin-Filmverleih München.

Zitat von Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
Am Vorabend seiner Abreise aus Rom schlendert der amerikanische Autor Sam Dalmas durch die Straßen der Tiberstadt. Aus Zufall beobachtet er durch ein hell erleuchtetes Schaufenster den Kampf zwischen einer Frau und einem maskierten Mann in einer Kunstgalerie. Er will der Frau zu Hilfe eilen, wird aber zwischen zwei Scheiben des Schaufensters gefangen und muss mit ansehen, wie der Unbekannte flüchtet, nachdem er der Frau, der Galeriebesitzerin Monica Ranieri, eine Stichwunde beigebracht hat. Die Polizei zieht Dalmas als wichtigem Augenzeugen daraufhin die Papiere ein, denn sie vermutet, dass der Anschlag auf Monica Ranieri zu einer Mordserie an jungen Frauen gehört, die die Polizei von Rom seit einigen Wochen vor Rätsel stellt. Da Dalmas nun ebenfalls ins Visier des Killers geraten ist, muss er möglichst rasch herausfinden, wer hinter den Verbrechen steht …


Wenige Krimiklassiker genießen weltweit einen solchen Ikonenstatus wie die italienischen Gialli, jene unverfroren direkten und doch künstlerisch verbrämten Gewaltkrimis, die zahllose Filmstudios im Stiefelland zwischen den späten 1960er und frühen 1980er Jahren produzierten. Wie bei speziellen Genreausformungen üblich entstanden Gialli nicht am Reißbrett, sondern entwickelten sich organisch aus vielen Einflussquellen – traditionellen italienischen und internationalen Krimis, der deutschen Edgar-Wallace-Welle und Psychothrillern nach Hitchcock-Manier – heraus. Während man die grundlegenden Merkmale dieser Filmgruppe bis zu den frühen Mario-Bava-Streifen „The Girl Who Knew too Much“ (1963) und „Blutige Seide“ (1964) zurückverfolgen kann, erhielt der bis dato unsystematische Giallo-Output mit Dario Argentos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (gedreht 1969, veröffentlicht Anfang 1970) Fokus, Publikumswirksamkeit und neue künstlerische Meriten. Heute gilt Argento, der dem Genre mit Nachfolgewerken wie „Die neunschwänzige Katze“ (1970/71), „Vier Fliegen auf grauem Samt“ (1971) und „Rosso – Die Farbe des Todes“ (1975) die Treue hielt, als Giallo-Übervater, dessen Wirken eine schier unüberschaubare Zahl an Nachahmern provozierte.

Tatsächlich muss „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ dem Zuschauer basses Erstaunen über die handwerkliche Begabung Argentos entlocken, der schon in seinem ersten Film ein sehr feinsinniges Gespür für das Zusammenwirken von Licht und Kamerawinkeln, von Musik und Toneffekten, von gutem Krimi und überraschenden Schauermomenten unter Beweis stellte. Im Vergleich mit anderen Früh-Gialli spielen die „Handschuhe“ auf einem ungleich höheren Niveau, das den Status dieses Films als Prototyp des Genres auch und gerade bei wiederholtem Sehen in jeder einzelnen, vorsichtig ausgewogenen und hochwertig komponierten Szene rechtfertigt. Argento hangelt sich nicht nur von Mord zu Mord, obwohl seine Todes- und Anschlagssequenzen verdienterweise zu besonderen Markenzeichen wurden, sondern füllt die Zwischenzeit mit inhaltlicher Substanz und atmosphärischer Güte. Zahlreiche beliebte Versatzstücke aus Klassikern, die sich daraufhin auch zu speziellen Merkmalen von Gialli entwickelten, – die Serienmörderhandlung, der unschuldig verdächtigte Privatmann, der als Amateurdetektiv gegen die Polizei antritt, der desillusionierte Beamte, der seiner Aufgabe nicht recht gewachsen zu sein scheint, der Anschlag des Mörders auf die Freundin der Hauptfigur – finden sich in diesem Film in exzellenter Abstimmung aufeinander wieder.

Artur Brauners Entschluss, den Film in Deutschland als Bryan-Edgar-Wallace-Krimi zu vermarkten, ist eine unverkennbare Folge der Inklusion einer deutsch-italienischen Koproduktion („Das Gesicht im Dunkeln“) in die Edgar-Wallace-Serie der Rialto. Im Gegensatz zum „Gesicht“ schafften es die „Handschuhe“ umgehend, der etablierten Marke ein überzeugendes modernes Gesicht zu verleihen, das zu einem baldigen Nachschub ähnlich gelagerter Titel bei CCC und Rialto führte. Dass letztere, als sie dann „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ und „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ mitrealisierte, erstmals von Brauner abschaute und nicht umgekehrt, belegt die wegweisende Natur der Argento-Thriller, die unter dem Banner „BEW“ auch deshalb problemlos funktionieren, weil die früheren Bryan-Edgar-Wallace-Filme genauso wenig mit den Büchern des gleichnamigen Autors zu tun hatten.

In der Rückschau fällt es schwer, sich für einen der im Film zu sehenden Schauspieler eine Alternativbesetzung vorzustellen. Das gesamte Zusammenspiel des Cast überzeugt durch eine harmonische Ensembleleistung, wobei Tony Musante und Suzy Kendall als romantisches, aber in seiner Idylle bedrohtes Ermittlerpärchen überaus sympathische Akzente setzen. Ähnliches gilt für Enrico Maria Salerno, der diverse Pluspunkte beim Zuschauer sammelt, obwohl seine Polizistenrolle eigentlich in Antagonistenform angelegt ist. Weitere besonders interessante Auftritte legen Eva Renzi als verletzliche Galeristin, Werner Peters als tuntiger Antiquitätenhändler und Gildo di Marco als stotternder Zuhälter ab. Mario Adorfs Gastauftritt ist als Konzession an die deutschen Produktionspartner zu verstehen und fügt dem Film eher eine zusätzliche Schicht Kuriosität als einen veritablen künstlerischen Verdienst hinzu.

In der Tat kann dem „Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aber eben gerade eine einzigartige Vielschichtigkeit attestiert werden, die den Film weit über einige Wegwerf-Gialli erhebt. Argento schuf einen Film mit tausend Facetten, der in seiner Dichte den großen Werken Hitchcocks nahekommt. Die fundamental überraschende Auflösung, die mit gesellschaftlichen Vorurteilen und Trugschlüssen spielt, wird darüber hinaus ihr Schärfchen zum Erfolg des Films ebenso beigetragen haben wie die Spannung, die Argento am Ende heraufbeschwört, als er seinen Protagonisten auf Umwegen dorthin zurückkehren lässt, wo die Alptraumreise für ihn begann.

Ein Klassiker wie aus dem Bilderbuch. Die Vorbildfunktion, die „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ auf eine ganze Stilrichtung von Filmen über mehr als zehn Jahre hinweg ausübte, ist sowohl handwerklich als auch inhaltlich lückenlos gerechtfertigt. Ein bärenstarkes Regiedebüt des Ausnahmetalents Dario Argento mit spannungsgeschwängerter Wohlfühlatmosphäre und einer Besetzung ohne Fehl und Tadel. 5 von 5 Punkten.

Lord Low Offline




Beiträge: 439

11.07.2017 01:31
#112 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Kann mir jemand die Hintergründe der von Reggie Nalder dargestellten Figur erklären?

Peter Offline




Beiträge: 2.757

11.07.2017 09:27
#113 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Zitat von Lord Low im Beitrag #112
Kann mir jemand die Hintergründe der von Reggie Nalder dargestellten Figur erklären?

Nach meinem Verständnis spielt Reggie Nalder einen Auftragskiller, der den unbequemen Privat-Ermittler Sam Dalmas erledigen soll, während der 'wahre' Killer sich lieber seinen eigentlichen Zielpersonen widmen möchte. Gut möglich aber nicht zwingend erforderlich, dass die beiden sich schon seit längerem kannten. Als Mitwisser muss Reggie dann natürlich beseitigt werden, zumal diese Lösung auch deutlich preisgünstiger ist...

Lord Low Offline




Beiträge: 439

11.07.2017 11:10
#114 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Zitat von Peter im Beitrag #113
Zitat von Lord Low im Beitrag #112
Kann mir jemand die Hintergründe der von Reggie Nalder dargestellten Figur erklären?

Nach meinem Verständnis spielt Reggie Nalder einen Auftragskiller, der den unbequemen Privat-Ermittler Sam Dalmas erledigen soll, während der 'wahre' Killer sich lieber seinen eigentlichen Zielpersonen widmen möchte. Gut möglich aber nicht zwingend erforderlich, dass die beiden sich schon seit längerem kannten. Als Mitwisser muss Reggie dann natürlich beseitigt werden, zumal diese Lösung auch deutlich preisgünstiger ist...


Ich finde es nur schade, dass man diese Figur im Lauf der Story praktisch wegwirft und nichts draus macht. Denn so wie es ist, hätte man die Figur eigentlich gleich weglassen können. Es wirkt auf mich, als hätte Argento nur eine richtige Action-Szene gebraucht und deshalb noch schnell diese Figur dazugeschrieben.

Peter Offline




Beiträge: 2.757

11.07.2017 11:31
#115 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Zitat von Lord Low im Beitrag #114
Ich finde es nur schade, dass man diese Figur im Lauf der Story praktisch wegwirft und nichts draus macht. Denn so wie es ist, hätte man die Figur eigentlich gleich weglassen können. Es wirkt auf mich, als hätte Argento nur eine richtige Action-Szene gebraucht und deshalb noch schnell diese Figur dazugeschrieben.

Ja, klar. Zwingend nötig war Reggies Auftauchen nicht. Aber doch gelungen und spannend, wie ich finde, allein schon wegen seiner für einen Killer perfekten Physiognomie.
Eine tiefe Figuren-/Charakterentwicklung, eine ausgefeilte Dramaturgie mit klarer Storyline war Argentos Sache ja nie so richtig. Er spielte lieber andere (sehr beachtliche) Stärken aus, setzte auf Spannungsentwicklung und inszenatorische Highlights - und ließ Figuren wie die des Reggie einfach zwischendurch als düster-gemeine Unheilsbringer in die Ermittlung eingreifen....

Lord Low Offline




Beiträge: 439

11.07.2017 15:20
#116 RE: Bewertet: "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1969, BEW 7) Zitat · antworten

Es ist eben merkwürdig, dass der Tod dieser Figur die Protagonisten (also Sam und Inspector Morosini) überhaupt nicht zu interessieren scheint. Und das, obwohl es ja immerhin möglich gewesen wäre, dass es sich bei ihm um den Haupttäter handelt.

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