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Dieses Thema hat 77 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Gubanov Offline




Beiträge: 16.203

06.02.2020 10:49
#76 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Hmm, leider auch "nur" eine Fernsehproduktion. Diesbezüglich ist ja schon viel auf dem Markt. Ich würde mich über weitere Kinokrimis aus der DDR freuen. Wie wäre es z.B. mal mit "Flucht ins Schweigen" (1965/66)?

Billyboy03 Offline




Beiträge: 705

07.02.2020 13:22
#77 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #76
Wie wäre es z.B. mal mit "Flucht ins Schweigen" (1965/66)?


Ich kenne den Film nicht, habe aber vor über 30 Jahren die Romanvorlage dazu gelesen. Auch eher mäßig spannend und sehr politisch. Grundsätzlich stimme ich dir zu, Kinoproduktionen sind oft aufwändiger und besser ausgestattet und wirken edler als die Studio-Produktionen jener Jahre.

BillyBoy03

Gubanov Offline




Beiträge: 16.203

15.02.2020 10:45
#78 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten



Der Prozess wird vertagt

Kriminaldrama, DDR 1958. Regie und Drehbuch: Herbert Ballmann (Romanvorlage „Michaels Rückkehr“, 1957: Leonhard Frank). Mit: Gisela Uhlen (Marie Jäger), Raimund Schelcher (Michael Vierkant), Gerhard Bienert (Gefängnisdirektor), Gerry Wolff (John Crossert), Friedrich Richter (Dr. Waldegg), Peter Kiwitt (d.i. Albert Kiwitt) (Dr. Seift), Waltraut Kramm (Sophie), Brigitte Krause (Lotti), Alexander Hegarth (Puntschi), Kurt Steingraf (Dr. Korn) u.a. Uraufführung: 25. September 1958. Eine Produktion des DEFA Studios für Spielfilme Potsdam im Progress-Filmverleih Berlin.

Zitat von Der Prozess wird vertagt
Aus Zufall flüchtet Michael Vierkant in die benachbarte Wohnung von Marie Jäger, nachdem er Dr. Korn erschossen hat. Die Polizei ist ihm auf den Fersen und verhaftet ihn vom Fleck weg. Seine Geschichte aber lässt Marie nicht mehr los: Sie bemerkt bei ihren Ermittlungen auf eigene Faust, dass die Kriminalpolizei der BRD mit klarer Intention Vierkant, einem remigrierten Juden aus einer verfolgten Familie, einen politischen Mord unterschieben will. Es entspinnt sich ein Duell zwischen Maries Gerechtigkeitsempfinden und der Entschlossenheit des Untersuchungsrichters Dr. Seift, den Fall Vierkant für das geplante Verbot der KPD auszunutzen ...


Es ist bekannt, dass die DEFA in den Zeiten vor dem Mauerbau, als das Risiko der Republikflucht noch immanent war, mit filmischer Propaganda besonders eifrig gegen den deutschen Schwesterstaat zu Felde zog. Ein wirksames Themenfeld, dem zumindest ein wahrer Kern nicht abgesprochen werden kann, war die lasche Entnazifizierung in der BRD nach dem Krieg, durch die es möglich war, dass verschiedene ehemalige NS-Mitverantwortliche schnell wieder in Amt und Würden kamen. Des Weiteren störte sich das sozialistische Land am Verbot der Kommunistischen Partei, welches das Bundesverfassungsgericht 1956 beschlossen hatte. „Der Prozess wird vertagt“ ist im Vorfeld dieses Ereignisses angesiedelt und vermischt die beiden Themen auf eine recht effektive, wenn auch spekulative und geschmacklose Weise miteinander und mit der Trumpfkarte der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Als Zuschauer wundert man sich in erster Linie darüber, dass suggeriert wird, die westdeutschen Strafverfolgungsbehörden würden zu schmutzigen Tricks greifen, um eine politische Agenda zu forcieren – entsprechende Vorwürfe dürften unter umgekehrten Vorzeichen eher auf der anderen Seite der deutsch-deutschen Grenze angebracht gewesen sein.

Natürlich liegt der Geschichte von Michael Vierkant, mit der sich der Film als Hauptaugenmerk befasst, ein bedauernswertes Familienschicksal zugrunde. Mit den Referenzen an die unrechtmäßig zum Tode verurteilte Schwester gelingt es der Produktion, den Zuschauer auf die Seite Vierkants zu ziehen, wenngleich seine Abrechnung mit dem damals verantwortlichen Dr. Korn nach dem Krieg doch deutlich eher von selbstjustizialen Absichten als von Notwehr bestimmt ist. Raimund Schelcher und Kurt Steingraf spielen die zentrale Szene, in der aufgestauter Hass und die unveränderte Fratze des Antisemitismus aufeinandertreffen, sehr intensiv. Im Weiteren Fortlauf des Films stört allerdings die moralische Überlegenheit, die Schelchers Figur offensiv an den Tag legt, obwohl sie für die angeblich ungeplante Auslöschung eines Lebens verantwortlich ist. Es hätte Michael Vierkant gut zu Gesicht gestanden, nach seiner Affekttat kleinere Brötchen zu backen, anstatt selbst den Ankläger zu spielen – aber dann hätte man sich eben nicht in einem DEFA-Streifen befunden.



Neben Schelcher bietet der Film eine sehr dankbare Rolle für Gisela Uhlen, die als Ehefrau des Regisseurs Herbert Ballmann besonders ausgiebig ins rechte Licht gerückt wird. Ernst und entschlossen, aber zerbrechlich wirkt Marie Jäger, etwas weltfremd, aber idealistisch – so wird sie zur idealen Revolutionärin gegen institutionelles Agieren. Unter falschen Vorwänden schmuggelt sie sich ins Untersuchungsgefängnis ein, unterstützt Michael Vierkant bei dessen Flucht aus der Haft und möchte sich sogar mit ihm ins Ausland absetzen. Andere spannende Facetten ihres Charakters sind jedoch das Träumerische, das Rückbesinnen auf eigenes familiäres Unglück und die Freundschaft zur labilen Sophie. In Dr. Waldegg hat Marie einen vertrauenswürdigen rechtlichen Vertreter, der von Friedrich Richter mit beinahe väterlichem Auftreten verkörpert wird. Auch Gerhard Bienert demonstriert als Gefängnisdirektor die Bereitschaft zum Widerstand, wenn er einer guten Sache dient. Demgegenüber baut Albert Peter Kiwitt den Untersuchungsrichter zum verabscheuungswürdigen Paragrafenreiter und Demagogen aus, legt Zeugen Worte in den Mund, die die eigene Sicht der Dinge bestätigen, und wandelt nicht nur optisch auf den Spuren des von der DEFA sieben Jahre zuvor adaptierten „Untertans“.

Eingebettet wird die Kriminalgeschichte um den Mord an Dr. Korn allerdings in ein kompliziertes Flechtwerk aus Rückblenden und Nebenhandlungen, die sich auf den Freundeskreis von Marie Jäger konzentrieren und teilweise unnötig melodramatisch wirken. Herbert Ballmann, der den Stoff offensichtlich nicht als Krimi, sondern als gesellschaftskritisches Drama angelegt hat, verzettelt sich teilweise im Gefühlsleben seiner Charaktere sowie überflüssigen Randfiguren und hemmt damit stellenweise den Fortlauf der eigentlich relevanten Storyline. Der Tand soll ebenso wie die enervierende Klimpermusik von Jean Kurt Forest ein säuberlich auf die Belange der DEFA zugeschnittenes BRD-Zerrbild erzeugen, sagt aber letztlich mehr über die Maler als über die Porträtierten aus.

Das ernste Thema der späten Gerechtigkeit für verfolgte jüdische Familienangehörige bildet die hochinteressante Grundlage für „Der Prozess wird vertagt“, wird aber durch zweifelhafte propagandistische Nebenelemente sowie eine überambitionierte Regie verwässert. Das ändert wenig daran, dass die Leistungen von Raimund Schelcher und Gisela Uhlen garantiert einen Blick wert sind und man auch in den Nebenrollen handwerklich versierten Mimen begegnet. 3,5 von 5 Punkten.

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