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Dieses Thema hat 67 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 2.885

10.01.2016 21:49
#61 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

RESERVIERT FÜR DEN TOD
DDR 1962/ 63

Mit Hans-Peter Minetti, Peter Herden, Irma Münch, Martin Flörchinger, Hannjo Hasse, Peter Sturm, Herbert Köfer, Klaus Gendries u. v. a.

Buch: Gerhard Bengsch
Musik: Helmut Nier
Kamera: Horst E. Brandt
Regie: Heinz Thiel

Ingenieur Erich Becker ist einst aus der DDR geflohen und arbeitet nun für den Geheimdienst. Er soll mit dem Zug von der BRD in die DDR fahren, nach Erfurt, wo er selbst herstammt. Genauere Details weiß er nicht, erst auf der Fahrt soll er erfahren, worum es geht. Mit ihm soll ein Mann im Abteil sitzen, der für die Spionageabwehr hoch interessant ist. Es handelt sich dabei angeblich um einen Spitzel. Becker soll ihn während der Zugfahrt erledigen. Doch dann stellt er fest, dass der Unbekannte ein alter Freund von ihm ist ...

Reserviert für den Tod ist ein sehr spannender DDR-Spionagekrimi, der von der Thematik, aber auch von der Machart her hervorragend in die BRD-TV-Serie Die fünfte Kolonne gepasst hätte. Gute 80% des Films spielen während einer nächtlichen Zugfahrt, was für eine besondere Atmosphäre sorgt. Dem Regisseur gelingt es, Spannung aufzubauen und die Hauptcharaktere gut in Szene zu setzen. Minetti ist eine Idealbesetzung.
Kritiker waren sich über den Film einig. Cinema.de schreibt: "Dicht inszenierter Defa-Reißer", der Filmdienst meint, es sei ein "reißerischer, dicht inszenierter und schauspielerisch ansehnlicher Agentenfilm, dessen Handlung beinahe ausschließlich auf engstem Raum im Zug spielt" und die zeitgenössische Kritik schrieb laut Wikipedia: "Reserviert für den Tod ist ein über dem Durchschnitt des Kinoalltags stehender Kriminalfilm, dessen gute Aufnahme beim Publikum gewiß sein dürfte"

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

18.11.2016 20:29
#62 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

BEWERTET: "Schwarzer Samt" (DDR 1963)
mit: Fred Delmare, Günther Simon, Christa Gottschalk, Christine Laszar, Herbert Köfer, Erich Gerberding, Rudolf Ulrich, Christoph Engel, Vera Oelschleger u.a. | Drehbuch: Gerhard Bengsch nach Motiven des Kriminalromans "Der scharlachrote Domino" von Fred Unger | Regie: Heinz Thiel

Alexander Berg, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, sitzt im Zug auf dem Weg in einen Wintersportort. Gerade hat er einen verzwickten Fall gelöst. Als Kurier getarnt, klinkte er sich in Schiebergeschäfte um Autos und falsche Pässe ein, um Manfred Sibelka, Ingenieur, auf die Schliche zu kommen. Der Mann plante, die DDR in Richtung Hamburg zu verlassen, um sein Wissen dem Westen zur Verfügung zu stellen. Er hatte dabei jedoch die Rechnung ohne seine eifersüchtige Ehefrau Helma gemacht....

"Auch kleine Fische müssen wissen, wohin sie schwimmen sollen."



Der Nährboden für das Verbrechen, das Fred Sibelka plant, ist übersteigerter Ehrgeiz, gepaart mit Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Staat, dem er durch einen Sabotageakt gegen seine Firma, die bei der Leipziger Messe - einem Aushängeschild für ausländische Investoren - vertreten ist, schaden will. Seine moralische Zweifelhaftigkeit unterstreicht das Drehbuch durch rücksichtsloses Verhalten gegenüber seiner Ehefrau und ein halbgares Verhältnis mit seiner Sekretärin. Der patente Beamte Alexander Berg wird als flink, clever und geschickt zwischen beiden Seiten lavierend, dargestellt. Kalt ist es im Osten: die Frauen tragen Kopftücher und wärmende Noppentweedmäntel, die Männer Hut und hochgeschlagene Mantelkrägen. Heimlichkeiten verheißen nichts Gutes und auch die Beziehungen zwischen den Personen sind von Vorsicht, Misstrauen und Rivalitäten bestimmt. Es dauert ein wenig, bis man sich mit den Figuren anfreunden kann. Bezeichnenderweise sind es auch nicht die Sibelkas, mit denen man warm wird, sondern der pfiffige Mann vom MfS. Da er nicht verbissen politische Botschaften verbreitet, sondern seinen Auftrag recht eigenmächtig erledigt, übernimmt er die Rolle der Identifikationsfigur. Seine Kombinationsgabe und die Fähigkeit, um drei Ecken denken zu können, lassen den Fall zu einer interessanten Nuss für das Publikum werden. Der psychologische Aspekt des Unternehmens, die Frage, für welche Frau sich Manfred Sibelka entscheiden wird, nimmt im Verlauf der Handlung größeren Raum ein und sorgt für ein spannendes, ausdauerndes Finale mit dem einen und anderen überraschenden Kniff. Dabei sei vor allem auf die gute Kameraarbeit und das Spiel mit Hell und Dunkel hingewiesen, die dem Kriminalfilm einen modernen Anstrich verpassen. Während der Mief und die Enge der Schauplätze in Fernsehproduktionen wie "Blaulicht" aufs Gemüt drücken, so freut man sich bei diesem DEFA-Film über seine Frische. Klassische Musikuntermalung von Telemann und Tschaikowsky sorgen des weiteren für eine angenehme Atmosphäre.

Neben dem morbiden Grusel, den ein Zuschauer heute empfindet, wenn er einen Kriminalfilm aus der Schmiede des "Arbeiter-und Bauernstaats" sieht, ist es neben den zeitgeschichtlichen Elementen auch die ansprechende Geschichte, die punktet. Die herbe Entschlossenheit der Charaktere, die vom Umfeld geformt ebenso bitterkalt daherkommen wie die eisige Luft vor dem Leipziger Hauptbahnhof, entspricht dem Ernst der Lage und verleiht dem Film Authentizität. 4 von 5 Punkten

Billyboy03 Offline




Beiträge: 699

24.11.2016 23:23
#63 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

Danke an Percy Lister für diesen interessanten Beitrag. Das Genre der DDR-Krimis kommt ja (mangels Interesse im Westen?) etwas kurz, dabei ist es eine interessante Ergänzung, nachdem ja das Feld des westdeutschen oder westeuropäischen s/w-Kriminalfilms relativ abgegrast scheint. Und man kann so manche positive Überraschung erleben - so wie den besprochenen Film "Schwarzer Samt".

Einige gute DDR-Krimis gibt es leider noch immer nicht auf DVD, aber online zum Anschauen. Einer meiner Favoriten ist "Die Premiere fällt aus", ebenfalls eine Romanverfilmung. "Aus dem Versuchslabor eines Chemiebetriebes im fiktiven Städtchen Bärenfurt in der DDR werden Forschungsergebnisse von enormem Wert gestohlen und an der Berliner Sektorengrenze sichergestellt. Die Spur führt zu dem Agenten "Haas" ans Bärenfurter Stadttheater. Um seine Identität aufzudecken und ihn festzunehmen, ist Hauptmann Jentsch im Theater. Während der "Fiesco"-Premiere geschieht ein Mord. Verdächtig machen sich viele, z.B. der mit der Schauspielerin Vera verlobte Oberspielleiter Born, dessen bemüht unpolitische Haltung auffällig ist. Es ist keine leichte Aufgabe für die Sicherheitsbeamten, in diesem Milieu Sein und Schein auseinanderzuhalten. Durch präzise Arbeit gelingt es ihnen, den Täter zu entlarven und nach einer Verfolgungsjagd durchs Theater zu verhaften."
(Quelle: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992)

Fazit: Ein wirklich guter whodonit, mit einem Schuss Humor.

Video "Die Premiere fällt aus"

BillyBoy03

Georg Offline




Beiträge: 2.885

26.11.2016 11:46
#64 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

Zitat von Billyboy03 im Beitrag #63
Das Genre der DDR-Krimis kommt ja (mangels Interesse im Westen?) etwas kurz, dabei ist es eine interessante Ergänzung, nachdem ja das Feld des westdeutschen oder westeuropäischen s/w-Kriminalfilms relativ abgegrast scheint. Und man kann so manche positive Überraschung erleben - so wie den besprochenen Film "Schwarzer Samt".

Vor ca. 16 Jahren habe ich damit begonnen, mich auch für den ostdeutschen Krimi zu interessieren und zunächst alle DDR-Polizeirufe geschaut, später dann, sofern sie verfügbar waren, TV-Krimis und -Mehrteiler und Kinofilme. Da sind schon gute Sachen dabei, es stimmt schon, aber in vielen Krimis stört mich doch der propagandistische Ton. Krimis, die REIN kriminalistisch sind und die ohne Westkritik auskommen, gibt es ja de facto fast nicht, außer es sind wirklich klassische Theaterstückadaptionen wie "Gaslicht", "Der Hexer" oder Durbridges "Der elegante Dreh". Selbst die hier im Forum besprochenen guten Krimis haben ja immer einen Klassenfeind im Nacken.
Übrigens gibt es auch ganz arge Sachen, die man vor Propaganda nur schwer ertragen kann, wie etwa MORD IN RIVERPORT, ein Dreiteiler von Hans-Joachim Hildebrandt aus dem Jahr 1963. (http://krimiserien.heimat.eu/fernsehspie...inriverport.htm, siehe meine Kritik dort).

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

26.11.2016 14:43
#65 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

Ich empfinde die Sichtung eines propagandistisch gefärbten Films (sei es nun aus der NS-Zeit oder der ehemaligen DDR) immer als Lehrstunde in Zeitgeschichte. Man macht sich ein Bild über die Stilmittel, die angewandt wurden, um die Zuschauer zu manipulieren. Man sieht hinter die Dinge und wundert sich über die Verzerrung von Tatsachen (z.B. im Fall der "Titanic"-Verfilmung unter der Regie von Herbert Selpin) und die plumpen Versuche, das Publikum zu beeinflussen. Ich möchte mir gern selbst ein Bild machen und finde es deshalb nicht unbedingt förderlich, gewisse Filme von vornherein im Giftschrank einzuschließen.

Billyboy03 Offline




Beiträge: 699

27.11.2016 13:23
#66 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

@Georg: Ich verstehe dich da gut. Allerdings waren damals auch im Westen viele Produktionen ideologisch eingefärbt (und wären es sicher noch, wenn es den sozialistischen deutschen Staat noch geben würde). Zahlreiche Krimi- und Agentenserien aus Westdeutschland oder den USA sind auch in den 50er oder 60er Jahren plumpe antikommunistische Machwerke. Sie haben vielleicht einen leichten Vorteil: Sie waren in Teilen unterhaltsamer oder weniger belehrend inszeniert - hier stand sich die aufklärerische Absicht des Ostens selber im Weg. Das Gute an unserer heutigen Zeit ist, dass wir das beim Sehen einordnen können und nicht für bare Münze nehmen, im Gegensatz vielleicht zum Zuschauer der damaligen Zeit. Insofern schaue ich darüber gern hinweg, solange die handwerkliche Leistung des Films an sich überzeugt. Und das tut sie in den allermeisten Produktionen, die ich mir angesehen habe. PS: Derzeit liegt in meinem Player besagte Serie "Mord in Riverport". Als Nostalgiker mag ich das Wiedersehen mit vielen mir vertrauten Schauspielern, außerdem achte ich darauf, wie man diesen "exotischen " Schauplatz inszeniert. Und durch die Vielzahl an Personen ergeben sich auch zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten in Bezug auf den Plot - also ich kann den Film geniessen ;-)

BillyBoy03

Gubanov Online




Beiträge: 15.291

03.12.2016 00:15
#67 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

Schön, dass dieser Thread ’mal wieder ausgegraben wurde! Da fällt mir doch direkt auf, dass ich schon seit Längerem einen weiteren DEFA-Bericht in der Warteschleife habe:



Tanz am Sonnabend – Mord?

Kriminalfilm, DDR 1961. Regie: Heinz Thiel. Drehbuch: Lothar Creutz, Carl Andrießen. Mit: Gerry Wolff (Oberleutnant Schneider), Albert Garbe (Wilhelm Züllich), Ruth Kommerell (Erna Gäbler), Rudolf Ulrich (Fritz Gäbler), Johannes Arpe (Paul Gäbler), Hans Lucke (VP-Meister Lucke), Kurt Conradi (Leutnant Anders), Manfred Borges, Elfriede Florin, Hans Finohr u.a. Uraufführung: 18. Januar 1962. Eine Produktion des DEFA Studio für Spielfilme.

Zitat von Tanz am Sonnabend – Mord?
Die Scheune des Bauern Paul Gäbler steht in Flammen. Gäbler selbst hat sich offenbar erhängt. Über die Ursache des Brandes kursieren verschiedene Theorien im Dorf: Entweder wird ein einschlägig bekannter Radaubruder für die Brandstiftung verantwortlich gemacht oder darüber spekuliert, ob Gäbler selbst aus Trotz über den Beitritt zur LPG vor seinem Tod seine Scheune anzündete. Doch dann stellt die VoPo fest: Der Bauer war schon vor dem Feuer tot und kann sich unmöglich selbst umgebracht haben ...


Gäbe es einen Preis für die ungelenkste Titelgebung in der deutsch-deutschen Filmgeschichte, so hätte dieser Film großen Anspruch auf einen Treppchenplatz. Der anfängliche Tanz im örtlichen Gasthof sorgt zwar für eine beschwingte Anfangsstimmung und stellt wichtige Charaktere der Dorfgemeinschaft vor (die man allerdings bis hin zum Ende nie so ganz überblicken kann), hat für die Handlung an sich aber keine Relevanz, sodass schon sehr verwundert, warum ausgerechnet das Tanzvergnügen im Namen des Films erscheinen muss.

Der Tod des Bauern Gäbler hat mit der anfänglichen Atmosphäre dann auch wenig zu tun. Nach einigen recht spektakulären Bildern von Brand und Löschaktion versumpft der Film in veraltet und trostlos wirkenden Stuben und Küchen, in denen von austauschbaren Figuren vorgestrige Meinungen vorgetragen werden. Der Fall wartet zwar mit einer Reihe netter Aspekte auf (die versteckten Waffen, die Selbstmord-Berechnung mit Balkenhöhe, Stricklänge und anderen Variablen), erregt durch die blassen Verdächtigen jedoch keine besondere Aufmerksamkeit und plätschert folglich eher uninteressant dahin. Spannender ist es, zu beobachten, wie immer wieder Spitzen gegen unerwünschtes Fernweh gestreut werden, wenn im Wohnzimmer des zweifelhaften Toten Alpengemälde hängen und der streitsüchtige Wilhelm Züllich Bier aus einem HB-Krug trinkt.

In Rückblenden arbeitet die Kamera – für den Entstehungszeitpunkt recht fortschrittlich – mit Point of View-Einstellungen des Erzählenden. Auch die Rückschau auf das Mordgeschehen ist eindringlich in Szene gesetzt, dafür aber dramaturgisch ungeschickt eingebaut. Der Täter wird zu früh überführt, woran sich zu lange Erläuterungssequenzen über sein Vorgehen und die Vorgeschichte des Verbrechens anschließen. Vielleicht fällt dieses etwas unglückliche Detail aber auch nur auf, weil Gerry Wolff als kränkelnder Ermittler die Begeisterung des Zuschauers ebenso wenig entfachen kann wie die anderen Protagonisten.

Man kann dem Film nicht vorwerfen, als Krimi nichts herzugeben, denn die verschachtelte Mordgeschichte ist nicht gerade simpel gestrickt. Dennoch überzeugt „Tanz am Sonnabend – Mord?“ deutlich eher durch seine Funktion als sozialistisches Zeitdokument kurz nach dem Bau der Mauer. Hier werden Fluchtpläne und Unzufriedenheit über Kollektivierung offen angesprochen, aber gleichzeitig in ein so negatives Licht gerückt, dass eine Beeinflussung in die opportune Richtung ganz klar spürbar wird. Leider verliert der Film viel an seiner kalt-morastigen Dorfatmosphäre mit unüberschaubarem und unleidlichem Cast.

★★★★★ Filmwertung: 3 von 5 Punkten
★★★★Rote-Socken-Faktor: 4 von 5 Punkten (Der Film sendet eine klare Botschaft pro Kollektivierung. Ein Republikflüchtling in spe wird als verkappter Nazi und Familientyrann porträtiert und diskreditiert.)

DDR-Produkt zum Film: die LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Die Kollektivierung in der für die DDR besonders wichtigen Branche der Landwirtschaft („Arbeiter- und Bauernstaat“) begann 1952 – zunächst auf freiwilliger Basis. Dass später auch Zwangskollektivierungen stattfanden und kaum ein unabhängiger landwirtschaftlicher Betrieb übrig blieb, klingt im Film natürlich nicht an. Information zu LPGs auf Wikipedia.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.491

25.04.2018 14:16
#68 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · antworten

BEWERTET: "Ware für Katalonien" (DDR 1959)
mit: Hartmut Reck, Eva Maria Hagen, Heinz-Dieter Knaup, Hanna Rimkus, Wilfried Ortmann, Ivan Malré, Gerlind Ahnert, Heinz Scholz, Carola Braunbock, Jean Brahn, Horst Buder u.a. | Drehbuch: Lothar Creutz, Carl Andrießen und Richard Groschopp nach einer wahren Begebenheit | Regie: Richard Groschopp

Der Mord an einem Mann namens Holzapfel weist auf einen Schmugglerring hin, dem auch eine alte Frau angehört, die im Auftrag ihres Neffen Ferngläser in der S-Bahn von Ost- nach Westberlin bringt. Durch den Hinweis einer findigen Optikverkäuferin kommen Unterleutnant Schellenberg und sein Kollege Leutnant Hasselbach den Hintermännern der Bande auf die Spur: Hasso Teschendorf und Bob Georgi, der längst seine eigenen Geschäfte abwickelt: mithilfe einer naiven jungen Frau aus dem Osten will er seinen Kompagnon übervorteilen und verspricht ihr die Heirat. Zunächst glaubt Marion Stöckel an die ehrlichen Absichten des "dicken Bob", doch eine Reise nach Spanien öffnet ihr die Augen....

"Es ist unmöglich, nicht von Ihnen gefesselt zu sein."



Der Zuschauer wähnt sich kurz in einem Edgar-Wallace-Film der Konkurrenz aus dem Westen, als Heinz-Dieter Knaup diese Worte an Hanna Rimkus richtet. Der besondere Charme, den die Nebenhandlung um die Verkäuferin Sabine und ihre beiden Verehrer von der Polizei ausstrahlt, wertet den Film positiv auf, da er die steife Atmosphäre der muffigen Amtsstuben aufbricht. Hartmut Reck ist der Sympathieträger der Produktion, die als zweitbesuchter Film des Jahres 1959 ein großer Kassenerfolg in der DDR wurde. Die Recherchen, die er mit agiler Frische anstellt, bringen den nötigen Schwung in die Mühlen der Bürokratie, für die das Auswerten der gefälschten Personalausweise und die Befragung der tumb auftretenden Phlegmatiker aus dem Heer der Kleinkriminellen, tägliche Routine darstellen. Reck zeichnet seinen ehrgeizigen Unterleutnant Schellenberg als Mann mit Ambitionen, aus seinem Beruf mehr als nur eine Pflichterfüllung zu machen. Die sportliche Konkurrenz mit seinem Kollegen Hasselbach beflügelt ihn und ist mehr als einmal Anlass für schlagfertige Rededuelle mit der gewitzten Hanna Rimkus. Reck empfiehlt sich hier bereits als Mann der kontroversen Entschlusskraft und hebt sich insofern von seinen ostdeutschen Kollegen ab, als er bald selbst "in den Westen gehen" wird. Eva Maria Hagen als Tochter aus gutbürgerlichem Hause erhält erst gegen Ende die Möglichkeit, aus ihrem Kokon der Gutgläubigkeit auszubrechen und sich gegen den aalglatten Ivan Malré und ihre Filmmutter aufzulehnen. Die Verflechtungen von Geschäft und Privatem heben den Film von einer sterilen Schilderung der Ermittlungen ab und schaffen Raum für Fallstricke. Die Frage, ob und wie schnell Marion hinter die windigen Schmuggelaktivitäten ihres Verlobten kommt, schafft eine latente Bedrohung für die junge Frau, die aber durchaus auf die Spitze getrieben werden hätte können. Die Szenen in Spanien mit dem finsteren Teschenberg werden zu rasch in geordnete Bahnen zurückgeführt. Ebenso kann die Bedrohung durch den verärgerten Bob umgehend vom Zugriff der Beamten abgewendet werden. Angesichts der Physiognomie des korpulenten Darstellers hätte man hier mehr Suspense schaffen können, indem die Einschüchterung der Mitwisser betont wird.

Das spannende Finale am geschichtlich exponierten Freiluftschauplatz setzt angenehme Akzente. Ein beeindruckendes Monument wie das Brandenburger Tor drückt einer Verfolgungsjagd selbstredend seinen Stempel auf. Der Film bearbeitet den Fall Schützendorf, den der Regisseur Richard Groschopp mit leichter Hand inszeniert und ihm Struktur gibt, was der echte Optikschieber in späteren Briefen an Groschopp bemängelte. Alles wäre zu bürgerlich gewesen, er selbst habe vier Villen besessen und nicht nur ein schlichtes Landhaus in Spanien etc. Die Hintergründe werden von Filmpublizist Ralf Schenk im Bonusmaterial der DVD anschaulich erläutert. Aufmerksam wurde ich auf die Produktion durch das sehr einnehmende Cover, auf dem Hartmut Reck über dem Brandenburger Tor thront und den ungewöhnlichen Titel, der Assoziationen zu jüngeren politischen Ereignissen herstellt und alles oder nichts bedeuten kann. Im Endergebnis präsentiert sich ein Film, der Anleihen beim "Stahlnetz" nimmt, seine Handlung aber mit charismatischen Elementen bestückt, welche die verkniffene Ernsthaftigkeit, an der viele DDR-Stoffe kranken, mildert und den Stoff lüftet. Die kleinen Fische der Organisation mit ihren Alltagsgesichtern sorgen für Realismus, während exaltiert aussehende Gangster im Anzug eines Ivan Malré exotische Farbtupfer liefern. Der überdurchschnittliche Unterhaltungswert rührt aus der Kombination von liebenswerten Charakteren und üblen Gaunern und einer Handlung, die trotz ihrer Länge von 95 Minuten bei Laune hält. Wenn selbst Erich Honecker in einem Interview, das er im Juni 1971 dem Parteiblatt "Neues Deutschland" gab, klagte, das DDR-Fernsehen verbreite "eine gewisse Langeweile", so ist es recht und billig, dass Kinofilme, die um Zuschauerzahlen buhlten, ihre Handlungen farbiger und effektvoller gestalteten. Naturgemäß beschränken sich die Panoramafahrten durch Europa auf eine französische Straßencafé-Szene mit Baskenmütze, einem Pflümli-Wasser in einem Schweizer Büro und eine gottesfürchtige, schwarzgewandete katalanische Hausangestellte, der das Sonnenbad der jungen ostdeutschen Frau gegen ihre katholischen Prinzipien geht.

Der Mordfall Holzapfel mündet unmittelbar in die aufregendere Geschichte des Optikschmuggels, der vom doppelten Spiel seiner Mitwirkenden lebt. Überzeugende Leistungen von Reck, Malré und Rimkus sorgen für anhaltendes Interesse beim Zuschauer, der diesmal fast ohne ideologische Belehrungen auskommen muss - mit der Ausnahme, dass das Bild der Polizei sehr positiv gezeichnet wird - in dieser Hinsicht stehen jedoch Produktionen wie Jürgen Rolands "Stahlnetz" dem Kollegen Groschopp in nichts nach. 4 von 5 Punkten

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