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Dieses Thema hat 73 Antworten
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 Film- und Fernsehklassiker national
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Georg Offline




Beiträge: 3.044

10.01.2016 21:49
#61 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

RESERVIERT FÜR DEN TOD
DDR 1962/ 63

Mit Hans-Peter Minetti, Peter Herden, Irma Münch, Martin Flörchinger, Hannjo Hasse, Peter Sturm, Herbert Köfer, Klaus Gendries u. v. a.

Buch: Gerhard Bengsch
Musik: Helmut Nier
Kamera: Horst E. Brandt
Regie: Heinz Thiel

Ingenieur Erich Becker ist einst aus der DDR geflohen und arbeitet nun für den Geheimdienst. Er soll mit dem Zug von der BRD in die DDR fahren, nach Erfurt, wo er selbst herstammt. Genauere Details weiß er nicht, erst auf der Fahrt soll er erfahren, worum es geht. Mit ihm soll ein Mann im Abteil sitzen, der für die Spionageabwehr hoch interessant ist. Es handelt sich dabei angeblich um einen Spitzel. Becker soll ihn während der Zugfahrt erledigen. Doch dann stellt er fest, dass der Unbekannte ein alter Freund von ihm ist ...

Reserviert für den Tod ist ein sehr spannender DDR-Spionagekrimi, der von der Thematik, aber auch von der Machart her hervorragend in die BRD-TV-Serie Die fünfte Kolonne gepasst hätte. Gute 80% des Films spielen während einer nächtlichen Zugfahrt, was für eine besondere Atmosphäre sorgt. Dem Regisseur gelingt es, Spannung aufzubauen und die Hauptcharaktere gut in Szene zu setzen. Minetti ist eine Idealbesetzung.
Kritiker waren sich über den Film einig. Cinema.de schreibt: "Dicht inszenierter Defa-Reißer", der Filmdienst meint, es sei ein "reißerischer, dicht inszenierter und schauspielerisch ansehnlicher Agentenfilm, dessen Handlung beinahe ausschließlich auf engstem Raum im Zug spielt" und die zeitgenössische Kritik schrieb laut Wikipedia: "Reserviert für den Tod ist ein über dem Durchschnitt des Kinoalltags stehender Kriminalfilm, dessen gute Aufnahme beim Publikum gewiß sein dürfte"

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

18.11.2016 20:29
#62 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

BEWERTET: "Schwarzer Samt" (DDR 1963)
mit: Fred Delmare, Günther Simon, Christa Gottschalk, Christine Laszar, Herbert Köfer, Erich Gerberding, Rudolf Ulrich, Christoph Engel, Vera Oelschleger u.a. | Drehbuch: Gerhard Bengsch nach Motiven des Kriminalromans "Der scharlachrote Domino" von Fred Unger | Regie: Heinz Thiel

Alexander Berg, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, sitzt im Zug auf dem Weg in einen Wintersportort. Gerade hat er einen verzwickten Fall gelöst. Als Kurier getarnt, klinkte er sich in Schiebergeschäfte um Autos und falsche Pässe ein, um Manfred Sibelka, Ingenieur, auf die Schliche zu kommen. Der Mann plante, die DDR in Richtung Hamburg zu verlassen, um sein Wissen dem Westen zur Verfügung zu stellen. Er hatte dabei jedoch die Rechnung ohne seine eifersüchtige Ehefrau Helma gemacht....

"Auch kleine Fische müssen wissen, wohin sie schwimmen sollen."



Der Nährboden für das Verbrechen, das Fred Sibelka plant, ist übersteigerter Ehrgeiz, gepaart mit Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Staat, dem er durch einen Sabotageakt gegen seine Firma, die bei der Leipziger Messe - einem Aushängeschild für ausländische Investoren - vertreten ist, schaden will. Seine moralische Zweifelhaftigkeit unterstreicht das Drehbuch durch rücksichtsloses Verhalten gegenüber seiner Ehefrau und ein halbgares Verhältnis mit seiner Sekretärin. Der patente Beamte Alexander Berg wird als flink, clever und geschickt zwischen beiden Seiten lavierend, dargestellt. Kalt ist es im Osten: die Frauen tragen Kopftücher und wärmende Noppentweedmäntel, die Männer Hut und hochgeschlagene Mantelkrägen. Heimlichkeiten verheißen nichts Gutes und auch die Beziehungen zwischen den Personen sind von Vorsicht, Misstrauen und Rivalitäten bestimmt. Es dauert ein wenig, bis man sich mit den Figuren anfreunden kann. Bezeichnenderweise sind es auch nicht die Sibelkas, mit denen man warm wird, sondern der pfiffige Mann vom MfS. Da er nicht verbissen politische Botschaften verbreitet, sondern seinen Auftrag recht eigenmächtig erledigt, übernimmt er die Rolle der Identifikationsfigur. Seine Kombinationsgabe und die Fähigkeit, um drei Ecken denken zu können, lassen den Fall zu einer interessanten Nuss für das Publikum werden. Der psychologische Aspekt des Unternehmens, die Frage, für welche Frau sich Manfred Sibelka entscheiden wird, nimmt im Verlauf der Handlung größeren Raum ein und sorgt für ein spannendes, ausdauerndes Finale mit dem einen und anderen überraschenden Kniff. Dabei sei vor allem auf die gute Kameraarbeit und das Spiel mit Hell und Dunkel hingewiesen, die dem Kriminalfilm einen modernen Anstrich verpassen. Während der Mief und die Enge der Schauplätze in Fernsehproduktionen wie "Blaulicht" aufs Gemüt drücken, so freut man sich bei diesem DEFA-Film über seine Frische. Klassische Musikuntermalung von Telemann und Tschaikowsky sorgen des weiteren für eine angenehme Atmosphäre.

Neben dem morbiden Grusel, den ein Zuschauer heute empfindet, wenn er einen Kriminalfilm aus der Schmiede des "Arbeiter-und Bauernstaats" sieht, ist es neben den zeitgeschichtlichen Elementen auch die ansprechende Geschichte, die punktet. Die herbe Entschlossenheit der Charaktere, die vom Umfeld geformt ebenso bitterkalt daherkommen wie die eisige Luft vor dem Leipziger Hauptbahnhof, entspricht dem Ernst der Lage und verleiht dem Film Authentizität. 4 von 5 Punkten

Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

24.11.2016 23:23
#63 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Danke an Percy Lister für diesen interessanten Beitrag. Das Genre der DDR-Krimis kommt ja (mangels Interesse im Westen?) etwas kurz, dabei ist es eine interessante Ergänzung, nachdem ja das Feld des westdeutschen oder westeuropäischen s/w-Kriminalfilms relativ abgegrast scheint. Und man kann so manche positive Überraschung erleben - so wie den besprochenen Film "Schwarzer Samt".

Einige gute DDR-Krimis gibt es leider noch immer nicht auf DVD, aber online zum Anschauen. Einer meiner Favoriten ist "Die Premiere fällt aus", ebenfalls eine Romanverfilmung. "Aus dem Versuchslabor eines Chemiebetriebes im fiktiven Städtchen Bärenfurt in der DDR werden Forschungsergebnisse von enormem Wert gestohlen und an der Berliner Sektorengrenze sichergestellt. Die Spur führt zu dem Agenten "Haas" ans Bärenfurter Stadttheater. Um seine Identität aufzudecken und ihn festzunehmen, ist Hauptmann Jentsch im Theater. Während der "Fiesco"-Premiere geschieht ein Mord. Verdächtig machen sich viele, z.B. der mit der Schauspielerin Vera verlobte Oberspielleiter Born, dessen bemüht unpolitische Haltung auffällig ist. Es ist keine leichte Aufgabe für die Sicherheitsbeamten, in diesem Milieu Sein und Schein auseinanderzuhalten. Durch präzise Arbeit gelingt es ihnen, den Täter zu entlarven und nach einer Verfolgungsjagd durchs Theater zu verhaften."
(Quelle: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992)

Fazit: Ein wirklich guter whodonit, mit einem Schuss Humor.

Video "Die Premiere fällt aus"

BillyBoy03

Georg Offline




Beiträge: 3.044

26.11.2016 11:46
#64 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Zitat von Billyboy03 im Beitrag #63
Das Genre der DDR-Krimis kommt ja (mangels Interesse im Westen?) etwas kurz, dabei ist es eine interessante Ergänzung, nachdem ja das Feld des westdeutschen oder westeuropäischen s/w-Kriminalfilms relativ abgegrast scheint. Und man kann so manche positive Überraschung erleben - so wie den besprochenen Film "Schwarzer Samt".

Vor ca. 16 Jahren habe ich damit begonnen, mich auch für den ostdeutschen Krimi zu interessieren und zunächst alle DDR-Polizeirufe geschaut, später dann, sofern sie verfügbar waren, TV-Krimis und -Mehrteiler und Kinofilme. Da sind schon gute Sachen dabei, es stimmt schon, aber in vielen Krimis stört mich doch der propagandistische Ton. Krimis, die REIN kriminalistisch sind und die ohne Westkritik auskommen, gibt es ja de facto fast nicht, außer es sind wirklich klassische Theaterstückadaptionen wie "Gaslicht", "Der Hexer" oder Durbridges "Der elegante Dreh". Selbst die hier im Forum besprochenen guten Krimis haben ja immer einen Klassenfeind im Nacken.
Übrigens gibt es auch ganz arge Sachen, die man vor Propaganda nur schwer ertragen kann, wie etwa MORD IN RIVERPORT, ein Dreiteiler von Hans-Joachim Hildebrandt aus dem Jahr 1963. (http://krimiserien.heimat.eu/fernsehspie...inriverport.htm, siehe meine Kritik dort).

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

26.11.2016 14:43
#65 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Ich empfinde die Sichtung eines propagandistisch gefärbten Films (sei es nun aus der NS-Zeit oder der ehemaligen DDR) immer als Lehrstunde in Zeitgeschichte. Man macht sich ein Bild über die Stilmittel, die angewandt wurden, um die Zuschauer zu manipulieren. Man sieht hinter die Dinge und wundert sich über die Verzerrung von Tatsachen (z.B. im Fall der "Titanic"-Verfilmung unter der Regie von Herbert Selpin) und die plumpen Versuche, das Publikum zu beeinflussen. Ich möchte mir gern selbst ein Bild machen und finde es deshalb nicht unbedingt förderlich, gewisse Filme von vornherein im Giftschrank einzuschließen.

Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

27.11.2016 13:23
#66 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

@Georg: Ich verstehe dich da gut. Allerdings waren damals auch im Westen viele Produktionen ideologisch eingefärbt (und wären es sicher noch, wenn es den sozialistischen deutschen Staat noch geben würde). Zahlreiche Krimi- und Agentenserien aus Westdeutschland oder den USA sind auch in den 50er oder 60er Jahren plumpe antikommunistische Machwerke. Sie haben vielleicht einen leichten Vorteil: Sie waren in Teilen unterhaltsamer oder weniger belehrend inszeniert - hier stand sich die aufklärerische Absicht des Ostens selber im Weg. Das Gute an unserer heutigen Zeit ist, dass wir das beim Sehen einordnen können und nicht für bare Münze nehmen, im Gegensatz vielleicht zum Zuschauer der damaligen Zeit. Insofern schaue ich darüber gern hinweg, solange die handwerkliche Leistung des Films an sich überzeugt. Und das tut sie in den allermeisten Produktionen, die ich mir angesehen habe. PS: Derzeit liegt in meinem Player besagte Serie "Mord in Riverport". Als Nostalgiker mag ich das Wiedersehen mit vielen mir vertrauten Schauspielern, außerdem achte ich darauf, wie man diesen "exotischen " Schauplatz inszeniert. Und durch die Vielzahl an Personen ergeben sich auch zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten in Bezug auf den Plot - also ich kann den Film geniessen ;-)

BillyBoy03

Gubanov Online




Beiträge: 16.101

03.12.2016 00:15
#67 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Schön, dass dieser Thread ’mal wieder ausgegraben wurde! Da fällt mir doch direkt auf, dass ich schon seit Längerem einen weiteren DEFA-Bericht in der Warteschleife habe:



Tanz am Sonnabend – Mord?

Kriminalfilm, DDR 1961. Regie: Heinz Thiel. Drehbuch: Lothar Creutz, Carl Andrießen. Mit: Gerry Wolff (Oberleutnant Schneider), Albert Garbe (Wilhelm Züllich), Ruth Kommerell (Erna Gäbler), Rudolf Ulrich (Fritz Gäbler), Johannes Arpe (Paul Gäbler), Hans Lucke (VP-Meister Lucke), Kurt Conradi (Leutnant Anders), Manfred Borges, Elfriede Florin, Hans Finohr u.a. Uraufführung: 18. Januar 1962. Eine Produktion des DEFA Studio für Spielfilme.

Zitat von Tanz am Sonnabend – Mord?
Die Scheune des Bauern Paul Gäbler steht in Flammen. Gäbler selbst hat sich offenbar erhängt. Über die Ursache des Brandes kursieren verschiedene Theorien im Dorf: Entweder wird ein einschlägig bekannter Radaubruder für die Brandstiftung verantwortlich gemacht oder darüber spekuliert, ob Gäbler selbst aus Trotz über den Beitritt zur LPG vor seinem Tod seine Scheune anzündete. Doch dann stellt die VoPo fest: Der Bauer war schon vor dem Feuer tot und kann sich unmöglich selbst umgebracht haben ...


Gäbe es einen Preis für die ungelenkste Titelgebung in der deutsch-deutschen Filmgeschichte, so hätte dieser Film großen Anspruch auf einen Treppchenplatz. Der anfängliche Tanz im örtlichen Gasthof sorgt zwar für eine beschwingte Anfangsstimmung und stellt wichtige Charaktere der Dorfgemeinschaft vor (die man allerdings bis hin zum Ende nie so ganz überblicken kann), hat für die Handlung an sich aber keine Relevanz, sodass schon sehr verwundert, warum ausgerechnet das Tanzvergnügen im Namen des Films erscheinen muss.

Der Tod des Bauern Gäbler hat mit der anfänglichen Atmosphäre dann auch wenig zu tun. Nach einigen recht spektakulären Bildern von Brand und Löschaktion versumpft der Film in veraltet und trostlos wirkenden Stuben und Küchen, in denen von austauschbaren Figuren vorgestrige Meinungen vorgetragen werden. Der Fall wartet zwar mit einer Reihe netter Aspekte auf (die versteckten Waffen, die Selbstmord-Berechnung mit Balkenhöhe, Stricklänge und anderen Variablen), erregt durch die blassen Verdächtigen jedoch keine besondere Aufmerksamkeit und plätschert folglich eher uninteressant dahin. Spannender ist es, zu beobachten, wie immer wieder Spitzen gegen unerwünschtes Fernweh gestreut werden, wenn im Wohnzimmer des zweifelhaften Toten Alpengemälde hängen und der streitsüchtige Wilhelm Züllich Bier aus einem HB-Krug trinkt.

In Rückblenden arbeitet die Kamera – für den Entstehungszeitpunkt recht fortschrittlich – mit Point of View-Einstellungen des Erzählenden. Auch die Rückschau auf das Mordgeschehen ist eindringlich in Szene gesetzt, dafür aber dramaturgisch ungeschickt eingebaut. Der Täter wird zu früh überführt, woran sich zu lange Erläuterungssequenzen über sein Vorgehen und die Vorgeschichte des Verbrechens anschließen. Vielleicht fällt dieses etwas unglückliche Detail aber auch nur auf, weil Gerry Wolff als kränkelnder Ermittler die Begeisterung des Zuschauers ebenso wenig entfachen kann wie die anderen Protagonisten.

Man kann dem Film nicht vorwerfen, als Krimi nichts herzugeben, denn die verschachtelte Mordgeschichte ist nicht gerade simpel gestrickt. Dennoch überzeugt „Tanz am Sonnabend – Mord?“ deutlich eher durch seine Funktion als sozialistisches Zeitdokument kurz nach dem Bau der Mauer. Hier werden Fluchtpläne und Unzufriedenheit über Kollektivierung offen angesprochen, aber gleichzeitig in ein so negatives Licht gerückt, dass eine Beeinflussung in die opportune Richtung ganz klar spürbar wird. Leider verliert der Film viel an seiner kalt-morastigen Dorfatmosphäre mit unüberschaubarem und unleidlichem Cast.

★★★★★ Filmwertung: 3 von 5 Punkten
★★★★Rote-Socken-Faktor: 4 von 5 Punkten (Der Film sendet eine klare Botschaft pro Kollektivierung. Ein Republikflüchtling in spe wird als verkappter Nazi und Familientyrann porträtiert und diskreditiert.)

DDR-Produkt zum Film: die LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Die Kollektivierung in der für die DDR besonders wichtigen Branche der Landwirtschaft („Arbeiter- und Bauernstaat“) begann 1952 – zunächst auf freiwilliger Basis. Dass später auch Zwangskollektivierungen stattfanden und kaum ein unabhängiger landwirtschaftlicher Betrieb übrig blieb, klingt im Film natürlich nicht an. Information zu LPGs auf Wikipedia.

Percy Lister Offline



Beiträge: 3.586

25.04.2018 14:16
#68 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

BEWERTET: "Ware für Katalonien" (DDR 1959)
mit: Hartmut Reck, Eva Maria Hagen, Heinz-Dieter Knaup, Hanna Rimkus, Wilfried Ortmann, Ivan Malré, Gerlind Ahnert, Heinz Scholz, Carola Braunbock, Jean Brahn, Horst Buder u.a. | Drehbuch: Lothar Creutz, Carl Andrießen und Richard Groschopp nach einer wahren Begebenheit | Regie: Richard Groschopp

Der Mord an einem Mann namens Holzapfel weist auf einen Schmugglerring hin, dem auch eine alte Frau angehört, die im Auftrag ihres Neffen Ferngläser in der S-Bahn von Ost- nach Westberlin bringt. Durch den Hinweis einer findigen Optikverkäuferin kommen Unterleutnant Schellenberg und sein Kollege Leutnant Hasselbach den Hintermännern der Bande auf die Spur: Hasso Teschendorf und Bob Georgi, der längst seine eigenen Geschäfte abwickelt: mithilfe einer naiven jungen Frau aus dem Osten will er seinen Kompagnon übervorteilen und verspricht ihr die Heirat. Zunächst glaubt Marion Stöckel an die ehrlichen Absichten des "dicken Bob", doch eine Reise nach Spanien öffnet ihr die Augen....

"Es ist unmöglich, nicht von Ihnen gefesselt zu sein."



Der Zuschauer wähnt sich kurz in einem Edgar-Wallace-Film der Konkurrenz aus dem Westen, als Heinz-Dieter Knaup diese Worte an Hanna Rimkus richtet. Der besondere Charme, den die Nebenhandlung um die Verkäuferin Sabine und ihre beiden Verehrer von der Polizei ausstrahlt, wertet den Film positiv auf, da er die steife Atmosphäre der muffigen Amtsstuben aufbricht. Hartmut Reck ist der Sympathieträger der Produktion, die als zweitbesuchter Film des Jahres 1959 ein großer Kassenerfolg in der DDR wurde. Die Recherchen, die er mit agiler Frische anstellt, bringen den nötigen Schwung in die Mühlen der Bürokratie, für die das Auswerten der gefälschten Personalausweise und die Befragung der tumb auftretenden Phlegmatiker aus dem Heer der Kleinkriminellen, tägliche Routine darstellen. Reck zeichnet seinen ehrgeizigen Unterleutnant Schellenberg als Mann mit Ambitionen, aus seinem Beruf mehr als nur eine Pflichterfüllung zu machen. Die sportliche Konkurrenz mit seinem Kollegen Hasselbach beflügelt ihn und ist mehr als einmal Anlass für schlagfertige Rededuelle mit der gewitzten Hanna Rimkus. Reck empfiehlt sich hier bereits als Mann der kontroversen Entschlusskraft und hebt sich insofern von seinen ostdeutschen Kollegen ab, als er bald selbst "in den Westen gehen" wird. Eva Maria Hagen als Tochter aus gutbürgerlichem Hause erhält erst gegen Ende die Möglichkeit, aus ihrem Kokon der Gutgläubigkeit auszubrechen und sich gegen den aalglatten Ivan Malré und ihre Filmmutter aufzulehnen. Die Verflechtungen von Geschäft und Privatem heben den Film von einer sterilen Schilderung der Ermittlungen ab und schaffen Raum für Fallstricke. Die Frage, ob und wie schnell Marion hinter die windigen Schmuggelaktivitäten ihres Verlobten kommt, schafft eine latente Bedrohung für die junge Frau, die aber durchaus auf die Spitze getrieben werden hätte können. Die Szenen in Spanien mit dem finsteren Teschenberg werden zu rasch in geordnete Bahnen zurückgeführt. Ebenso kann die Bedrohung durch den verärgerten Bob umgehend vom Zugriff der Beamten abgewendet werden. Angesichts der Physiognomie des korpulenten Darstellers hätte man hier mehr Suspense schaffen können, indem die Einschüchterung der Mitwisser betont wird.

Das spannende Finale am geschichtlich exponierten Freiluftschauplatz setzt angenehme Akzente. Ein beeindruckendes Monument wie das Brandenburger Tor drückt einer Verfolgungsjagd selbstredend seinen Stempel auf. Der Film bearbeitet den Fall Schützendorf, den der Regisseur Richard Groschopp mit leichter Hand inszeniert und ihm Struktur gibt, was der echte Optikschieber in späteren Briefen an Groschopp bemängelte. Alles wäre zu bürgerlich gewesen, er selbst habe vier Villen besessen und nicht nur ein schlichtes Landhaus in Spanien etc. Die Hintergründe werden von Filmpublizist Ralf Schenk im Bonusmaterial der DVD anschaulich erläutert. Aufmerksam wurde ich auf die Produktion durch das sehr einnehmende Cover, auf dem Hartmut Reck über dem Brandenburger Tor thront und den ungewöhnlichen Titel, der Assoziationen zu jüngeren politischen Ereignissen herstellt und alles oder nichts bedeuten kann. Im Endergebnis präsentiert sich ein Film, der Anleihen beim "Stahlnetz" nimmt, seine Handlung aber mit charismatischen Elementen bestückt, welche die verkniffene Ernsthaftigkeit, an der viele DDR-Stoffe kranken, mildert und den Stoff lüftet. Die kleinen Fische der Organisation mit ihren Alltagsgesichtern sorgen für Realismus, während exaltiert aussehende Gangster im Anzug eines Ivan Malré exotische Farbtupfer liefern. Der überdurchschnittliche Unterhaltungswert rührt aus der Kombination von liebenswerten Charakteren und üblen Gaunern und einer Handlung, die trotz ihrer Länge von 95 Minuten bei Laune hält. Wenn selbst Erich Honecker in einem Interview, das er im Juni 1971 dem Parteiblatt "Neues Deutschland" gab, klagte, das DDR-Fernsehen verbreite "eine gewisse Langeweile", so ist es recht und billig, dass Kinofilme, die um Zuschauerzahlen buhlten, ihre Handlungen farbiger und effektvoller gestalteten. Naturgemäß beschränken sich die Panoramafahrten durch Europa auf eine französische Straßencafé-Szene mit Baskenmütze, einem Pflümli-Wasser in einem Schweizer Büro und eine gottesfürchtige, schwarzgewandete katalanische Hausangestellte, der das Sonnenbad der jungen ostdeutschen Frau gegen ihre katholischen Prinzipien geht.

Der Mordfall Holzapfel mündet unmittelbar in die aufregendere Geschichte des Optikschmuggels, der vom doppelten Spiel seiner Mitwirkenden lebt. Überzeugende Leistungen von Reck, Malré und Rimkus sorgen für anhaltendes Interesse beim Zuschauer, der diesmal fast ohne ideologische Belehrungen auskommen muss - mit der Ausnahme, dass das Bild der Polizei sehr positiv gezeichnet wird - in dieser Hinsicht stehen jedoch Produktionen wie Jürgen Rolands "Stahlnetz" dem Kollegen Groschopp in nichts nach. 4 von 5 Punkten

Billyboy03 Offline




Beiträge: 703

06.07.2018 16:45
#69 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Und weitere tolle Filme und Serien sind angekündigt. Die Reihe "DDR-TV-Archiv" wird fortgesetzt.

1. "Er ging allein", DDR 1967, 165 min) von und mit Werner Toelcke.

Zum Inhalt: Eine kleine Stadt in Westdeutschland. Material für eine Ausstellung mit Dokumenten aus der Nazi-Zeit wurde Herbert Geerts gestohlen, nur die Negative der Fotos fielen dem Täter nicht in die Hände. Geerts wird ermordet aufgefunden, verdächtig ist der Personenkreis, der durch die Dokumente belastet war. Detektiv Weber übernimmt den Fall, der sich als "Griff in die Kiste mit Feuerwerkskörpern" erweist und verfolgt die Spur eines NS-Verbrechers ...

Was sich liest wie ein Auszug aus einer Broschüre zum SED-Parteilehrjahr ist in Wirklichkeit ein spannender Kriminal-Zweiteiler mit geschichtlichem Bezug und vor allem ein gut gemachter whodunit mit einer überraschenden Auflösung. Toelcke, der die Figur des toughen Hamburger Privatermittlers Weber kreiert und selber spielt, erweist sich auch mit diesem Film als echter Könner.

Cast & Crew:
Darsteller
Werner Toelke, Jelena Zigon, Klaus Piontek, Martin Hein, Herbert Köfer, Horst Schön, Heinz Hinze, Hans-Joachim Hanisch, Walter Niklaus, Harry Hindemith, Erich-Alexander Winds, Horst Drinda, Traute Sense, Hubert Hoelzke, Heinz Scholz, Karin Beewen, Erika Funk, Frank Michelis, Albert Zahn, Günther Polensen, Andreas Köfer, Gisela Naumann, Gerd Preusche, Hans-Joachim Hildebrandt, Willi Neuenhahn, Günter Drescher, Hans Krebs, Ernst Steiner, Kurt Schmengler, Max Adalbert Schleyer, Walter Wystemp, Lothar Schönbrodt
Regie
Hans-Joachim Hildebrandt
Drehbuch
Hans-Joachim Hildebrandt, Günter Kaltofen, Werner Toelke
Kamera
Horst Hardt
Schnitt
Thea Richter
Musik
Gerhard Siebholz

2. "Mord in Riverport", DDR 1962, 155 min) von Hans Joachim Hildebrandt und Hans-Albert Pederzani.

Zum Inhalt: Als der schwimmende Nachtclub "Riverboat" kurz vor den Wahlen in Flammen aufgeht, ist das nur der Auftakt einer Reihe von Verbrechen in der Stadt Riverport. Die Spuren führen zu Senator Holding, der bei dem Brand ums Leben kam und außerdem einiges zu verbergen hatte. Ebenso wie viele andere prominente Persönlichkeiten der Stadt. Sie alle sind hinter einer Tasche mit Fotos her, die sie schwer belasten. Kriminalleutnant Fred Massenger ist neu in der Stadt und bekommt den Rat, sich herauszuhalten. Bald wird er bereuen, dass er nicht auf diesen Rat gehört hat ...

Der Dreiteiler mit Handlungsort Südstaaten der USA hat die Aufgabe, die moralische Verkommenheit des US-kapitalistischen Systems darzustellen. Die Autoren bedienen sich dabei allerdings der konventionellen Erzählweise gängiger Gangster-Romane oder -filme dieser Zeit. Verruchte Casinos, zwielichtige "Damen", korrupte Polizisten und Politiker - sie alle bevölkern diesen teils spannenden, teils auch langatmigen DDR-Krimi. Die Frage, wer wen ermordete, spielt im Laufe der Handlung eine immer nebensächlichere Rolle, obwohl es so manche überraschende Wendung gibt.

Cast & Crew:

Darsteller
Annegret Golding, Werner Toelke, Ivan Malré, Adolf Peter Hoffmann, Hugo Kaminský, Herbert Köfer, Eberhard Esche, Gerhard Rachold, Evelyn Cron, Hans-Dieter Schlegel, Ruth Kommerell, Siegfried Weiß, Günther Haack, Paul Berndt, Kurt Müller-Reitzner, Christine Laszar, Evamaria Bath, Hans Ulrich Laufer, Erich Altrock, Wolfgang Brunecker, Jochen Diestelmann, Hildegard Röder, Fritz Giese, Willi Neuenhahn, Erika Müller-Fürstenau, Joachim Tomaschewsky, Georg Gudzent, Jutta Klöppel, Rudolf Napp, Hans-Hartmut Krüger
Regie
Hans-Joachim Hildebrandt, Manfred Mosblech
Drehbuch
Hans-Joachim Hildebrandt, Hans-Albert Pederzani
Kamera
Erwin Anders
Schnitt
Ursula Zweig
Musik
Wolfgang Hohensee

3. "Mord in Gateawy", DDR 1962, 128 min von Hans-Albert Pederzani.

Zum Inhalt: Im Dunkel der Nacht wird Helen MacDuff vor ihrer Villa erschossen. Die Ehefrau des um einige Jahre älteren Politikers Kyle MacDuff war für ihren leichten Lebenswandel bekannt. Am Tatort wird der junge Bill Westin aufgegriffen. Für MacDuff ist die Sache klar, notfalls sollen die Polizisten ein Geständnis aus dem jungen Mann herausprügeln. Hauptsache, es dringt nichts an die Presse, denn einen Skandal kann der mächtigste Mann in Gateway so kurz vor den Wahlen nicht gebrauchen. Als Detektivleutnant Wierlock den Fall übernimmt, stößt er auf ein kaum durchdringbares Geflecht aus Politik, Geschäft und Verbrechen. Und keiner scheint ein Interesse an der Auflösung des Falls zu haben ...

Im Gegensatz zu den obigen Filmen habe ich "Mord in Gateaway" noch nicht gesehen. Der Autor Hans-Albert Pederzani, der bereits Drehbücher für einige Spiel- und Fernsehfilme verfasst hat, bietet jedoch die Gewähr für ein spannendes Krimi-Vergnügen mit exotischer Kulisse, vielen Verwicklungen und der in Ost-Krimis üblichen Kapitalismuskritik.

[rot) Cast & Crew[/rot]

Darsteller
Otto Dierichs, Eberhard Esche, Hannes Fischer, Martin Flörchinger, Annegret Golding, Wilhelm Gröhl, Dorit Gäbler, Wilhelm Koch-Hooge, Ivan Malré, Klaus Piontek, Antje Ruge, Marion van de Kamp, Else Wolz
Regie
Werner W. Wallroth
Drehbuch
Hans-Albert Pederzani
Kamera
Hans Heinrich
Musik
Gerhard Rosenfeld

Auch zahlreiche weitere VÖs sind gerade erfolgt, Harry Thürk-Fans freuen sich über eine DVD-Reihe mit dem sperrigen Untertitel: "Aus der Arbeit der Staatssicherheitsorgane". Mir persönlich hat es vor allem die Folge "Istanbul Masche" angetan, die ich als Jugendlicher mal im TV gesehen habe. Ein schön schmieriger Kleinküstler, verkörpert von Wolf Kaiser, wird in einen Spionagefall verwickelt, der in Bulgarien spielt. Dort tummeln sich Vertreter unterschiedlicher Geheimdienste und versuchen, dem Ostblock zu schaden.

(Quelle: Media-dealer.de)

BillyBoy03

Georg Offline




Beiträge: 3.044

07.07.2018 09:33
#70 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

Ich empfand “Mord in Riverport“ als übelste und schwachsinnigste Propaganda, so dass ich - was selten vorkommt - den Film nach dem ersten Teil gar nicht weiter geschaut habe.

Die Toelcke-Krimis hingegen sind in der Regel anständige Ware. Natürlich muss man auch hier die Anti-West-Propaganda ausblenden, ohne die diese Filme ja leider gar nicht produziert werden durften.

Georg Offline




Beiträge: 3.044

02.09.2018 18:01
#71 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten

In der letzten Zeit sah ich ein paar DDR-Krimis. Ein paar kurze Worte dazu.

HEROIN
DDR/ Ungarn/ Jugoslawien 1967/ 68
Regie: Heinz Thiel, Horst E. Brandt
Mit Günther Simon, Werner Dissel, Sylvia Schüler, Günter Wolf, Fredy Barten

Ein Zollfahnder, will als Bahnschaffner getarnt auf der Strecke Berlin-Budapest einen Heroinhändlerring ausfindig machen.

Die Regisseure Heinz Thiel und Horst E. Brandt erzählen die Geschichte recht spannend, auch wenn es an manchen Stellen einige Durchhänger gibt. Interessant ist der Film wegen der vielen Originalaußenaufnahmen in Budapest, Belgrad und in Montenegro.



WARE FÜR KATALONIEN
DDR 1958/ 59
Regie: Richard Groschopp
Mit Eva-Maria Hagen, Hartmut Reck, Hanna Rimkus, Ivan Malré, Hans-Dieter Knaup

Basierend auf einer wahren Begebenheit: Ende der 1950er Jahre hat die Optik-Herstellung in der DDR eine Spitzenqualität erreicht, die auch im Westen Begehrlichkeiten weckt. Als es im Inland plötzlich zu einer wachsenden Nachfrage kommt, während gleichzeitig der Export nach Südamerika stark abnimmt, wird die Volkspolizei aufmerksam. Zwei scheinbar unzusammenhängende Fälle dienen Unterleutnant Schellenberg vom Dezernat für Optikverschiebung als Ausgangspunkt für seine Ermittlungen: eine alte Frau, die in der Berliner S-Bahn festgenommen wird, weil sie ein Fernglas nach Westberlin schmuggeln wollte, und ein Toter in einer Laubenkolonie, der einen undurchsichtigen Handel mit optischen Geräten betrieben hat. (Text: Filmportal.de)

Hartmut Reck, später oft westdeutscher TV-Kommissar, spielt hier einen Volkspolizisten. Sehr authentischer Fall aus dem geteilten, aber noch nicht getrennten Berlin. Authentisch gespielt und inszeniert, nicht unspannend. Percy Lister hat den Film, wie ich sehe, weiter oben besprochen. Der positiven Kritik kann ich mich anschließen.



FLUCHT INS SCHWEIGEN
DDR 1965/66
Regie: Siegfried Hartmann
Mit Fritz Diez, Dieter Wien, Marita Böhme, Regine Albrecht, Jiří Vršt'ála

Irgendwo in Thüringen werden bei Grabungsarbeiten zwei Skelette gefunden, es stellt sich heraus, dass es wahrscheinlich ehemalige SS-ler sind. Wer sind die Toten?

Auch dieser Film authentisch und sehr stark gespielt. Die Musik ist großartig und sorgt für Spannung, die s/w-Bilder sind für das Genre Krimi sehr zuträglich. Hat mir nicht schlecht gefallen.


und schließlich: ...INKLUSIVE TOTENSCHEIN und DOPPELT ODER NICHTS, beide seit heute auf meiner Krimihomepage besprochen.

Gubanov Online




Beiträge: 16.101

06.10.2019 09:00
#72 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten



Der Frühling braucht Zeit

Kriminaldrama, DDR 1965. Regie: Günter Stahnke. Drehbuch: Hermann O. Lauterbach, Konrad Schwalbe, Günter Stahnke. Mit: Eberhard Mellies (Heinz Solter), Günther Simon (Erhard Faber), Rolf Hoppe (Rudi Wiesen), Doris Abeßer (Inge Solter), Kurt Barthel (Jensen), Erik S. Klein (Staatsanwalt), Friedrich Richter (Dr. Kranz), Hans Hardt-Hardtloff (Kuhlmey), Horst Schön (Schellhorn), Karla Runkehl (Luise Faber) u.a. Uraufführung (DDR): 26. November 1965. Eine Produktion des DEFA Studios für Spielfilme Potsdam im Progress-Filmverleih Berlin.

Zitat von Der Frühling braucht Zeit
Für die fahrlässige Abnahme einer nicht gegen Frostschäden gesicherten Gasleitung wird Ingenieur Heinz Solter verhaftet und dem Staatsanwalt vorgeführt. Erst als sich der technische Direktor des Betriebs, Dr. Kranz, für den beherzten Ingenieur einsetzt, wird der Fall aus einer zweiten Perspektive heraus geprüft. Nun gerät der Betriebsleiter Faber ins Visier, der für Karriereerfolge und sozialistische Auszeichnungen über Leichen zu gehen bereit ist. In einer nervenaufreibenden Konferenz zeigt sich, auf wessen Seite die Mitarbeiter und Gremienvorsitzenden wirklich stehen ...

Zitat von Maria Bartholomäus: „Der Frühling braucht Zeit“ bei DDR-Museum.de, Quelle
Der Frühling braucht Zeit ist einer der zahlreichen Filme, die Mitte der 60er Jahre von der DEFA produziert wurden, jedoch aufgrund ihrer zum Teil ausgeprägten systemkritischen Ausrichtung dem sogenannten Kahlschlagplenum zum Opfer fielen und aufgrund der bestehenden „Gefährdung für den sozialistischen Staat“ von der Parteiführung als „politisch falsch“ eingestuft und entsprechend verboten wurden.


Trotz der Behauptung, es gebe keine Zensur in der DDR, reiht sich das Justizdrama „Der Frühling braucht Zeit“ mit seinem Giftschrankschicksal in eine ganze Gruppe ungemütlicher Filme wie Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“ und Frank Beyers „Spur der Steine“ ein, die nicht öffentlich aufgeführt werden durften. Einige Quellen weisen für die vorliegende Produktion eine Laufzeit von 96 Minuten aus; überlebt hat ein 70-minütiges Rumpfstück, das einen lebhaften Eindruck davon vermittelt, weshalb Günter Stahnkes Filmprojekt den verantwortlichen Stellen damals ein Dorn im Auge gewesen sein muss: Es wendet sich gegen den Führungsstil hochrangiger Sozialisten, deren echte Interessen mit den vorgegebenen Sonntagsreden von Arbeiter- und Bauernmacht wenig zu tun hatten:

Zitat von Maria Bartholomäus: „Der Frühling braucht Zeit“ bei DDR-Museum.de, Quelle
Der Film thematisiert betriebliche Intrigen, überbetrieblichen Wettbewerb und Planerfüllung um jeden Preis. Jeder Volkseigene Betrieb in der DDR war in der Pflicht, den zu Jahresbeginn festgelegten Haushaltsplan zu erfüllen. Die Planverteidigung, Durchführung und Planerfüllung wurde von der Staatlichen Plankommission überwacht. [...] Der Film entlarvt die teils schonungslosen und unehrlichen Arbeitsweisen von VEB-Direktoren im Dienste der eigenen Karriere und des Wettbewerbserfolgs gegenüber anderen Betrieben. Er führt vor, dass häufig Wettbewerbsstatistiken und Erfolgsberichte im Vordergrund standen, wobei jedoch die Berufsethik und der Respekt vor dem einfachen Arbeiter häufig auf der Strecke blieben.




Stahnke ließ die etwas technokratisch-unterkühlt erzählte Geschichte in beeindruckende Bilder kleiden, die sich auf die exzeptionelle Schwarzweißfotografie von Hans-Jürgen Sasse und auf akzentuierte Szenenbilder von Georg Granz stützen. Mit seiner Optik unterstreicht „Der Frühling braucht Zeit“ die völlige Entfremdung der Führungselite von den Zielen des Sozialismus, die der Film als solche jedoch keineswegs verrät. Er kritisiert vielmehr deren mangelhafte Umsetzung durch verlockte und verlogene Bonzen, was zu Zeiten des SED-Unrechtsstaates natürlich eine ebenso inopportune Botschaft war. Ganz klar legen Drehbuch und Dramaturgie einen Kontrast zwischen dem geradlinigen Ingenieur Solter und dem glitschigen Direktor Faber offen, der sich in der Bildgestaltung durch starke Hell-Dunkel-Abstufungen, angeschnittene Perspektiven auf beide Figuren, abrupte Schnitte und das Fortlassen unnötiger Raumausstattung widerspiegelt. Die eleganten, aber kargen Sets erwecken den Eindruck von Gefängnisräumen, was mit der trostlosen Schilderung der Arbeitsdrohnen unter Direktor Faber Hand in Hand geht.

Als Antagonisten schenken sich Eberhard Mellies und Günther Simon nichts. Mit unverhohlener Antipathie und ähnlich großem Kampfgeist verfolgen beide Darsteller die Ziele ihrer jeweiligen Charaktere – der eine das moralisch und technisch Richtige, der andere das Profitable und Gesichtwahrende. Simon betont mit jeder weiteren Szene seinen aalglatten Karrierismus, versteckt sich hinter seiner Machtposition, seinem respekteinflößenden Habitus und den Insignien staatlicher Macht (die Kamera fängt ihn bevorzugt vor Flaggen ein). Mellies wird dagegen im Laufe der sauber gesponnenen Rückblendenstruktur immer mehr zum Spielball höherer Mächte; auch nach seiner Rehabilitierung bleiben die Zukunftsaussichten für ihn wenig rosig. Um wenigstens die Chance zu haben, fertig produzieren zu dürfen, warteten die Macher zudem mit einer sehr positiv konnotierten Staatsanwalt-Rolle für Erik S. Klein auf, der neben weiteren honorigen Herren (Hans Hardt-Hardtloff als Parteivertreter, Friedrich Richter als Urgestein im Energiebetrieb) und dem hemdsärmeligen Rolf Hoppe zu den überzeugenden Persönlichkeiten in der zweiten Reihe des Films gehört.

Ein wenig mehr Leidenschaft hätte dagegen die Seitenhandlung um Solters Tochter Inge und ihren zwischen beruflichen und amourösen Interessen hin- und hergerissenen Freund vertragen können. Sie bietet immerhin die Gelegenheit, den eindringlichen instrumentalen Titelschlager der Musikgruppe Sputniks immer wieder einmal zu Gehör zu bringen, bleibt jedoch sonst wie auch einige andere Konflikte von Nebenfiguren etwas blutarm.

Ein Plädoyer gegen selbstsüchtige Personen an den Schalthebeln der angeblich so demokratischen Republik zwischen Rostock und Zwickau durfte es 1965 für Otto-Normal-Kinozuschauer nicht geben. Günter Stahnkes Film (wiederentdeckt zur Berlinale 1990) ist ein interessanter Blick hinter die Kulissen von Macht und Planwirtschaft in der DDR und zumindest in zweiter Hinsicht auch ein sehenswertes justiziales Kräftemessen. Eberhard Mellies und Günther Simon agieren in Hochform. 4,5 von 5 Punkten.

Gubanov Online




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13.10.2019 19:00
#73 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten



Reserviert für den Tod

Spionagekrimi, DDR 1962/63. Regie: Heinz Thiel. Drehbuch: Gerhard Bengsch. Mit: Hans-Peter Minetti (Erich Becker alias Richard Müller), Peter Herden (Harry Korb alias Harald Körber), Irma Münch (Hanna Melvien), Martin Flörchinger (Dr. Jadenburg), Heinz Hinze (Paul Renier), Hannjo Hasse (Donath, Hauptmann des MfS), Gertrud Brendler (Haushälterin Frau Simmel), Horst Schönemann (Stein), Harry Studt (Grott), Peter Sturm (Zugschaffner) u.a. Uraufführung (DDR): 6. Juni 1963. Eine Produktion des DEFA Studios für Spielfilme Potsdam im Progress-Filmverleih Berlin.

Zitat von Reserviert für den Tod
Der Ingenieur Erich Becker hat sich nach seiner Republikflucht mit den westlichen Geheimdiensten eingelassen. Diese Entscheidung bereut er spätestens mit seinem neuesten Auftrag: An Bord des Interzonenzuges von Frankfurt nach Leipzig soll er einen Kollegen treffen – in dem Glauben, mit diesem einen Auftrag in Erfurt auszuführen. In Wahrheit soll er den anderen, einen alten Bekannten namens Harry Korb, kurz vor der deutsch-deutschen Grenze durch einen gezielten Stoß aus dem Zug töten. Becker will nicht zum Mörder werden, doch es ist ihm nicht möglich, einen Ausweg aus seiner Zwangslage zu finden. Kann ihm die ebenfalls in den Plan eingeweihte Mitreisende Hanna Melvien helfen?


Es entbehrt nicht eines gewissen Zynismus, dass ausgerechnet die DDR mit ihrer filmischen Propagandaindustrie den westlichen Staaten ausgeprägte Spitzel- und Spionagetätigkeiten unterstellte, während das landeseigene Ministerium für Staatssicherheit als rettende Instanz glorifiziert wird. In „Reserviert für den Tod“ sieht die Rahmung der Handlung im Wesentlichen so aus, dass alle Charaktere, die sich dazu entschieden haben, die DDR zu verlassen, in ihrer neuen Heimat in die Fänge ruchloser Alliierten-Geheimdienste gerieten, welche sie nun mit erpresserischen Methoden zu Täuschung und Mord zwingen. Mit diesem Narrativ sollten anderthalb Jahre nach dem Mauerbau wohl beim Kinopublikum die allerletzten Gedanken an eine Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat getilgt werden – und so zweifelhaft die Prämisse auch sein mag, so interessant gestaltet sich die auf ihr fußende Handlung.

Als Zuschauer begleitet man den eigentlich einigermaßen aufrichtigen Erich Becker, der jedoch – durch finanzielle Anreize bedingt – bis zum Hals in einem Spionageschlamassel steckt. Man leidet mit ihm mit, obwohl die Gesichtszüge von Hans-Peter Minetti für einen Sympathieträger eigentlich zu scharf geschnitten sind. Doch Minetti gelingt es, die Zerrissenheit der Rolle über den diesmal zu weit gehenden Plan perfekt auf den Punkt zu bringen, sodass er als Konstante in fast allen Szenen des Films überzeugt. Die Bindung an Minetti lässt darüber hinwegblicken, dass Regisseur Heinz Thiel das anfängliche Tempo etwas zu niedrig ansetzte und der Film, obwohl die Spannungsschraube stetig behutsam angezogen wird, kaum wie in offiziellen Kritiken als „Reißer“ bezeichnet werden kann.



Vielmehr präsentiert sich „Reserviert für den Tod“ als Kammerspiel auf Rädern: Der Interzonenzug ist ein perfektes Sammelbecken für die gepeinigten Agenten, die sich gegenseitig bekriegen müssen, obwohl ihnen gar nicht der Sinn danach steht. Thiel schafft in Beckers Abteil, dem Speisewagen und auf den Bahnsteigen eine dichte Atmosphäre, in die das Drehbuch auch einige Schlenker zu investieren bereit ist. Selbst die vorgesehene Mordmethode – ein gezielter Stoß durch die Tür aus dem Zug über ein Brückengeländer – passt ins Gesamtbild; darüber hinaus bereitet den Protagonisten die Frage Bauchschmerzen, ob sie trotz möglicher Verfolgung in der BRD aussteigen sollen, um den Mord zu verhindern, oder pflichtgemäß in die DDR weiterreisen.

Neben Minetti übernehmen im zentralen Trio Peter Harden und Irma Münch wichtige Rollen. Während Harden in seinen besseren Momenten an einen ‘mal jovialen, ‘mal durchtriebenen Viktor de Kowa erinnert, schwebt über Irma Münch eine deprimierende Qualität. Als einzige Frau mit einer bedeutenden Rolle im Film zeigt ihre Hanna Melvien auf, dass die bösen West-Spione auch vor Frauen nicht Halt machen, um ihre angeblichen Ziele zu erreichen. Ebenso wie Erich Becker ist Hanna Melvien eine Getriebene ihres Schicksals, was sich in Münchs Schauspiel ausdrucksstark bemerkbar macht. Leider meinten Kostüm- und Maskenabteilung, sie mit einer äußerst unvorteilhaften Kombination von Hut und Stromschlagfrisur handicappen zu müssen, was es stellenweise erschwert, ihren Part gänzlich ernstzunehmen.

Durch die Unsicherheit darüber, wie Harry Korb und Erich Becker zueinander stehen, sowie durch die genaue Ankündigung des 0:15-Uhr-Attentats hält „Reserviert bis zum Tod“ die Spannung bis zum Schluss. Zwischenzeitlich werden zwar einige Rückblenden eingestreut, um die Handlung zu erläutern; sie sorgen jedoch eher für zusätzliche Fragezeichen und man wünscht sich, Gerhard Bengsch wäre beim Verfassen des Drehbuchs mit etwas weniger gespaltener Zunge und mehr Klarheit zu Werke gegangen. Insbesondere die Rolle des Dr. Jadenburg, aber auch die anderen Geheimdienstmitarbeiter (z.B. der nur am Anfang auftauchende Dr. John, der nicht einmal in den Besetzungslisten auftaucht) hätten mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Es bleibt zwar fraglich, ob zusätzliche Seitenarme und Erklärungen die Handlung bereichert oder verwässert hätten; aber es hätten sich auf jeden Fall noch einige spannungsfördernde Optionen geboten, die aus einem guten vielleicht einen sehr guten Film hätten machen können.

Für Agentenfans, Nostalgiker und Eisenbahn-Liebhaber gleichermaßen ist „Reserviert für den Tod“ eine Empfehlung wert. Als etwas kryptischer und reichlich ideologisch aufgeladener Spionagefilm vertritt er zwar die DDR-Agenda auf ganzer Linie, schafft es als Zeitdokument aber dennoch, den Zuschauer für sich einzunehmen und mit Hans-Peter Minetti mitfiebern zu lassen. 4 von 5 Punkten.

Gubanov Online




Beiträge: 16.101

20.10.2019 17:45
#74 RE: DEFA- und DDR-Kriminalfilme Zitat · Antworten



Ware für Katalonien

Kriminalfilm, DDR 1958/59. Regie: Richard Groschopp. Drehbuch: Lothar Creutz, Carl Andrießen, Richard Groschopp. Mit: Hartmut Reck (Unterleutnant Schellenberg), Hanna Rimkus (Sabine Falk), Hans-Dieter Knaup (Leutnant Hasselbach), Eva-Maria Hagen (Marion Stöckel), Loni Michelis (Johanna Stöckel), Ivan Malré (Bob Georgi), Wilfried Ortmann (Hasso Teschendorf), Herwart Grosse (Hauptmann Polland), Albert Garbe (Bachmann), Manfred Krug (junger Optikschmuggler) u.a. Uraufführung (DDR): 6. März 1959. Eine Produktion des DEFA Studios für Spielfilme Potsdam im Progress-Filmverleih Berlin.

Zitat von Ware für Katalonien
Schmuggler, die optische Erzeugnisse wie Fotokameras oder Ferngläser aus der DDR gen Westen verbringen, schädigen die sozialistische Wirtschaft um Millionenbeträge. Leutnant Hasselbach und der ihm neu zugeteilte Unterleutnant Schellenberg stellen einen Schurken, der gerade bei der hellwachen Sabine Falk eine Kamera erwerben will. Dies ist aber nur der erste Schlag gegen eine ganze Organisation, deren Fäden in der Kant-Klause in West-Berlin zusammenlaufen und an der auch die beiden Strippenzieher „der Spanier“ und „der dicke Bob“ beteiligt sind. Besagter Bob macht sich, um sein Schmugglergeschäft voranzutreiben, soeben an die ahnungslose Marion Stöckel heran ...


Man sollte hellhörig werden, wenn Schwarzkanal-Tröte Karl-Eduard von Schnitzler einen Film lobt. Tatsächlich bezeichnete er „Ware für Katalonien“ als „beste[n] Kriminalfilm, den unsere DEFA (sic!) bisher gedreht hat“ und hob dabei besonders die „Treue im Detail [und] eine bemerkenswerte Schauspieler- und Dialogführung“ hervor (Filmspiegel 7/1959). Dass der Film Propaganda-Ede zusagte, darf als wenig verwunderlich gelten, schließlich erzählt er die vielfach in jenen Tagen wiederholte Leier vom wirtschaftlichen Schaden durch Schmuggel, welche die übertriebenen, erniedrigenden Zollkontrollen sowie eine weitere Befestigung der deutsch-deutschen Grenze rechtfertigen sollte. Würde der Film, für den sich Richard Groschopp auf sein übliches Autorenduo Creutz und Andrießen verließ (mit ihrem Drehbuch verfilmte er auch bereits den Krimi „Sie kannten sich alle“), immerhin noch über einen Spannungsanreiz verfügen, könnte man über eine derart flache Dramaturgie womöglich hinwegsehen. Allein: Die Spannung fehlt. Obwohl „Ware für Katalonien“ auf wahren Ereignissen beruht, geht dem Endprodukt das Unerhörte und Aufsehenerregende ab, das einen Blick in die reale Welt des Verbrechens für gewöhnlich auszeichnet. Es stützt sich auf die Taten des Optikschmugglers Hasso Schützendorf, der über den Film und seinen Regisseur ein ganz anderes Urteil als Schnitzler fällte: „Traurig, dass Sie sich hergeben, solche Lügenwerke zu drehen.“

Der recht eitle Verbrecher Schützendorf monierte vor allem den Punkt, dass sein filmisches Abbild – in milder Ablenkung Hasso Teschendorf genannt – am Ende des Films vor der Kulisse des Brandenburger Tors verhaftet wird, während Schützendorf mit seinen erbeuteten Millionen nach Spanien fliehen und dort in Luxus leben konnte. Im selben Atemzug muss man aber auch die Besetzung dieser tragenden Rolle mit dem blässlichen Wilfried Ortmann kritisieren, der weder über die Selbstsicherheit noch die Weltläufigkeit seines Vorbilds verfügt. Der schmale Ortmann tritt den gesamten Film über nicht aus dem Schatten seines Mittäters, der von einem exotisch wirkenden Ivan Malré gespielt wird, heraus und lässt die Polizei gegen ein zwar namhaftes, aber letztlich sehr profanes Phantom kämpfen. Wenn Ortmann Spanisch spricht, wirkt dies hochgradig gekünstelt; die südländischen Assoziationen, die sein Spitzname „der Spanier“ mit sich bringt, hätten Malré viel besser gestanden.



„Ware für Katalonien“ krankt aber auch an anderen Problemen: etwa daran, dass auf die atmosphärische erste Szene, in der ein Hehler in seiner Gartenlaube erschlagen wird, kaum mehr vergleichbare Höhepunkte folgen, sondern triste Studiosets das Bild dominieren; des Weiteren an einer mittelmäßigen Besetzung ohne charismatische Höhepunkte. Man nimmt den beiden jungen Polizeibeamten ihr berufliches Engagement vielleicht ab, ihre amourösen Abenteuer mit einer vorlauten Fotoverkäuferin wirken hingegen ebenso aufgesetzt wie die kontrastierende Verheiratung der raffgierigen Marion Stöckel mit dem Schmuggler Bob Georgi. Eva-Maria Hagen und Ivan Malré erhalten kaum Gelegenheit, ihren Rollen die für die reine Zweckheirat nötige Dramatik zu verleihen, sodass der offensichtlich als warnender Fingerzeig gedachte Effekt dieser Nebenhandlung einigermaßen verpufft. Hartmut Reck, der die Hauptrolle übernimmt, hat man in dem DEFA-Krimi „Tatort Berlin“ bereits weniger brav und glattgebügelt erlebt; entsprechend wenig gibt sein hier zu beobachtender Part her.

Der Film verläuft sich zusehends in uninteressanten Schmuggler-Details, wobei man die Menge des bewältigten Stoffes sicher am allerwenigsten kritisieren kann. Sie genügte auch für eine Umarbeitung in einen Roman, der noch im gleichen Jahr im Henschel-Verlag erschien. Ins Wirrwarr an Bandenszenen und dröger Büro-Ermittlung bringen aber auch die französisch und spanisch anmutenden Zwischenszenen wenig Auffrischung hinein. Dreharbeiten an Original-Schauplätzen oder mit entsprechenden echten Landsmännern waren für eine eher günstige DEFA-Produktion natürlich nicht möglich, sodass der Abstecher nach Katalonien ähnlich künstlich wirkt wie europäische Abstecher in US-Filmen der 1940er Jahre. Das Set von Teschendorfs spanischer Villa (obwohl von Schützendorf als zu heruntergekommen kritisiert) verbreitet etwas anheimelndes Flair, das jedoch schnell wieder verfliegt. Immerhin: Fürs DDR-Publikum muss es gelangt haben, wurde der Film von erstaunlichen 2,7 Millionen Kinozuschauern gesehen – bei nur 17,3 Millionen Gesamtbevölkerung! Einen vergleichbaren Erfolg hätte man auch dem im gleichen Jahr gestarteten BRD-„Frosch mit der Maske“ wünschen mögen.

Was für die ohnehin seit jeher schwache DDR-Wirtschaft vielleicht tatsächlich ein Problem gewesen sein mag, erscheint als Thematik für einen Spielfilm mit Überlänge wenig tragfähig: Optikschmuggel ist trotz eingangs gezeigten Mordes kein lohnenswertes Terrain für einen Krimi. Die wenig begeisternde Besetzung und das eher künstliche Große-Welt-Flair verbessern den blutleeren Film ebensowenig, obwohl er es immerhin schaffte, die Aufmerksamkeit des zeitgenössischen Publikums sowie des Gangsters, auf dessen Taten er basierte, auf sich zu ziehen. Heute ist „Ware für Katalonien“ von wenig anhaltender Bedeutung. 2,5 von 5 Punkten.

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