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Dieses Thema hat 20 Antworten
und wurde 1.315 mal aufgerufen
 Film- und Fernsehklassiker national
Seiten 1 | 2
Markus Offline



Beiträge: 658

01.05.2020 21:01
#16 RE: Es geschah am helllichten Tag (1958) Zitat · Antworten

Zitat von greaves im Beitrag #14
Gibts schon jemand der an den Drehorten war?


Ein Fan hat sich vor ein paar Jahren auf die Suche begeben:

Teil 1 (von 4)


Gruß
Markus

Peter Offline




Beiträge: 2.860

01.05.2020 22:13
#17 RE: Es geschah am helllichten Tag (1958) Zitat · Antworten

DANKE @Markus
Großartige Reportage über diese heute noch herrlichen Locations...!

Zitat von Gubanov im Beitrag #13
...Die schöne Schweiz und die schaurige Schweiz liegen hier nah beieinander: Vor Alpenkulisse spielt sich eine alptraumhafte Mördersuche ab, deren pädagogische Wirkung in einer Abschreckung und Versöhnung des Publikums besteht. Heinz Rühmann und Gert Fröbe, aber auch alle anderen Schauspieler schufen hier unter fachkundiger Anleitung eine enorm dichte Atmosphäre, die immer weiter angeheizt wird und lange Zeit kaum Luft zum Atmen lässt. 5 von 5 Punkten sind da eine Formsache – vor allem weil der Film zwar alles andere als modern, aber vorteilhaft gealtert und noch immer aktuell ist.......

Danke @Gubanov für die angemessen schöne Besprechung, ich stimme natürlich vollständig zu. Diesen Film habe ich immer geliebt, schon seit mich Gert Fröbe als 'Schrott' in der Kindheit traumatisiert hat und dies dann erst als Räuber Hotzenplotz wiedergutmachen konnte....
Wenn also gleich theoretische Kritikpunkte zur Sprache kommen, liegt demnach eher die Frage zugrunde, warum man dem Film nicht 5,5 von 5 Punkten geben kann....

Greifen wir also den Gedanken von @Mr Keeney auf.......
Zitat von Mr Keeney im Beitrag #11
....Noch einmal kurz angemerkt sei, dass es eine "Romanvorlage" zu diesem Film gar nicht gibt. Dürrenmatt hat sein Drehbuch wie gesagt erst im Nachhinein zu dem Roman "Das Versprechen" ausgebaut. Daher ist für mich der Vergleich nicht ganz stimmig. Sicher ist, dass der Roman definitiv nicht zu knapp vom Reiz der gelungenen Filmbilder und Impressionen zehrt und lebt, ja vielleicht ohne die derart plastisch gewordene Szenerie gar etwas luftleer wirkte, andererseits bevorzuge ich definitiv das Romanende. Und gerade die Schilderung des verregneten Anfangs im Dorf löste sicher auch ohne den Film ungeheuer suggestive Vorstellungen beim Leser aus. Für mich eher eine Patt-Situation: das Resultat musste einfach gut werden....

....und kommen noch einmal auf die ungewöhnliche Drehbuch-Roman-Konstellation zu sprechen.

Dass die fertige erfolgreiche Filmstory im Anschluss zu einem Roman mit alternativer Handlung weiterentwickelt wurde, ist natürlich kein Zufall. Dürrenmatt war nach eigenen Angaben mit der filmischen Auflösung nicht glücklich und schätzte daher auch den fertigen Film trotz aller Qualitäten nicht sonderlich.
Nun kann man natürlich anmerken, dass er das Drehbuch ja selbst höchstverantwortlich verfasst hatte, klar, aber er war dabei eben auch den Konventionen der Zeit verpflichtet. Und die sorgten nicht zuletzt durch aufgezwungene Happy-Endings für Qualitätsverluste bei Filmen auf der ganzen Welt.
Vom Ende abgesehen hängt hier neben der Grundstimmung auch viel am Seelenzustand der Hauptfigur. Bei aller Wertschätzung: Dass Rühmann, der Vorzeige-Kleinemann der Adenauer-Republik, diese Geschichte löst und zu einem Happy-End bringt, war zwar bestmöglich umgesetzt - aber das entsprach nicht dem Sinn des Verfassers. Der wollte einen besessenen, deutlich zerrisseneren Charakter, der storytechnisch und charakterlich zunächst durchaus dem konventionellen filmischen Kommissar Matthäi gleicht, der aber an der Unmöglichkeit seines Vorhabens sukzessive verzweifelt und schließlich zugrunde geht. Völlig klar, dass solcher Tobak einem Kinopublikum schwer vermittelbar ist. Heutzutage schwer, früher gar nicht.

Gut. Und warum sollte man dies alles wieder aufkochen?

Ich will auf einen Tipp hinaus. Das von Dürrenmatt Gewollte gibt es auch in visualisierter Form. Ein Film, der bislang im Forum vernachlässigt wurde. Und er soll auch nicht zur Konkurrenz sondern als interessante Ergänzung empfohlen werden.
Es war im Jahr 2001, als ein außergewöhnlich interessanter, wenn auch unterschätzter und wenig populärer amerikanischer Regisseur, der aber gleichwohl ein typischer Hollywood-Erfolgs-Vertreter ist, da er eben gleichzeitig als überragender Schauspieler anerkannt ist, Dürrenmatt mit Hollywood 'versöhnte'....
....Weil er bei seiner Verfilmung von "Das Versprechen" zwar nicht gerade orts- oder handlungstreu war, aber eben den Geist der Vorlage uneingeschränkt verstanden hat.
Die Rede ist von Sean Penn, den man mit seinen wenigen ausgewählten Regiearbeiten als intelligent-feinfühligen und unabhängigen "Hollywood"-Regisseur schätzen darf. Mit einer Bildsprache, die eine wirklich eigene Handschrift verrät.
Und als Schauspieler hat er sowieso schon Klasse bewiesen, vor allem als weniger sensibler Kleinganove oder abgründiger Krimineller ("Mystic River", "U-Turn", "Carlito´s Way").
Penns Adaption ist stilistisch vollkommen anders angelegt als die Vajda-Rühmann-Fröbe-Version oder die gleichfalls nur an Dürrenmatts altem Filmskript orientierte Król-Milberg-Neuverfilmung von Nico Hofmann (1996).
Hervorzuheben ist die angenehm 'unhollywoodianische' langsame Erzählweise. Schnelle Schnitte und Brutalitäten gibt´s nur bei dramaturgischer Notwendigkeit.

Die Version von 1958 bleibt trotz altmodischen Elementen thematisch aktuell. Im Vergleich dazu ist die Version von 2001 ungewohnt, für unser ältergedientes Forums-Schema sicher nicht ganz passend, aber sie ist dafür romantechnisch kongenial und realistisch-hart und abgründig-modern und schonungslos-aktuell.... Und daher sehr beachtenswert.
Es wäre wirklich interessant zu wissen, was Dürrenmatt dazu gesagt hätte.
Jack Nicholson präsentiert sich unter Penns Regie in absoluter Hochform, ein emotional berührter und berührender Mensch, transportiert das Anliegen des Autors schlafwandlerisch sicher, in den kleineren Rollen glänzend unterstützt von einem durchaus denkwürdigen Ensemble um Vanessa Redgrave, Helen Mirren, Benicio del Toro, Patricia Clarkson und Mickey Rourke.

Und keine Sorge wegen der Spoilerei, denn darum geht es dem Film nicht, er nimmt das Ende vorweg. Der Weg ist das Ziel.....

Gubanov Offline




Beiträge: 16.314

01.05.2020 22:34
#18 RE: Es geschah am helllichten Tag (1958) Zitat · Antworten

Danke für die Anmerkungen. Ich muss zugeben, Dürrenmatts "Versprechen" nie gelesen zu haben. Aber seit ich von dem eigentlich von ihm gewollten Ende weiß, versuche ich jedes Mal, mir dieses im vorliegenden Film vorzustellen. Und ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass ich heilfroh bin, dass der Film "den Konventionen seiner Zeit verpflichtet" war. Dürrenmatts Vision erscheint mir keineswegs realistisch, sondern gewollt pessimistisch und künstlerisch überambitioniert. Schließlich liegen die polizeilichen Aufklärungsquoten bei Mord in einem Bereich von über 90 Prozent.

Zudem stimmt die oft mit latenter Geringschätzung getätigte Aussage, dass der 1958er-Film ein Happy-End besäße, bei genauer Betrachtung nicht oder zumindest nicht vollständig. Natürlich: Das Kind Annemarie wird nicht getötet und Kommissar Matthäi hält sein anfangs gegenüber den Eltern Moser gegebenes Versprechen. Aber dennoch hat Matthäi das Leben des Mädchens fahrlässig aufs Spiel gesetzt, es vielleicht nicht gewissen-, aber einigermaßen gedankenlos als Köder eingesetzt (der spanische Titel lautet übersetzt eben "Der Köder", sehr treffend!) und die Mutter des Mädchens, die offenbar Empfindungen für ihn hegte, über sein wahres Ansinnen belogen. Man merkt in Rühmanns Spiel sehr deutlich, dass seine Figur kein "Superschnüffler" ist, der das Einfangen des Mörders als sportliche Mission betrachtet, sondern dass ihm die gesamte Geschichte und auch seine eigene Rolle darin sehr an die Nieren geht.

Wir sollten auch nicht die für die Produzenten zentrale pädagogische Absicht vergessen: Eltern darauf aufmerksam zu machen, auf ihre Kinder zu achten, und diese zu belehren, keinen Fremden zu vertrauen. Die Unschädlichmachung des Verbrechers am Ende des Films ist zwar eine gewisse Genugtuung für den Zuschauer, aber absolut keine Widergutmachung seiner Taten. Das Gritli Moser wird davon nicht wieder lebendig, ebenso wenig wie die früheren Opfer. Aber die Botschaft, die hier zum Ausdruck kommt, ist wenigstens eine tröstendere als in Dürrenmatts Version: kein "Es hat sowieso alles keinen Sinn", sondern ein "Achtet aufeinander, denn selbst ein Erfolg der Polizei macht eine Unaufmerksamkeit der Eltern nicht ungeschehen".

Insofern: Klar, die anderen Versionen - sowohl die von 1996 als auch die von 2001 - wären sicher auch einmal sehenswert, aber ich kann jetzt schon erahnen, dass für mich keine an das Vajda-"Original" herankommen wird.

Peter Offline




Beiträge: 2.860

02.05.2020 09:41
#19 RE: Es geschah am helllichten Tag (1958) Zitat · Antworten

Zitat von Gubanov im Beitrag #18
....aber ich kann jetzt schon erahnen, dass für mich keine an das Vajda-"Original" herankommen wird.

Darauf würde ich in der Tat eine große Wette abschließen...
Immerhin sind die anderen Verfilmungen mehr als nur Zierde. Als Ergänzung wie gesagt höchst interessant zu sehen. Penn wegen der 'ideellen' Werktreue, Hofmann wegen der vorsichtigen Modernisierung des Stoffes und der deutschen Darsteller einer jüngeren Generation.

Es gibt ja sogar noch eine weitere mit...
Britische Filme: All-Time-Top-100 (4)
... ebenfalls von 1996, aber diese ist wirklich am ehesten verzichtbar.

Dass Dürrenmatt das Ende seiner Geschichte 'gewollt pessimistisch und künstlerisch (über)ambitioniert' gestaltet, kann man zwar nicht ganz von der Hand weisen, es ist aber auch sein gutes Recht zu überspitzen, schließlich war er ein hintersinniger, im besten Sinne ambitionierter Dramatiker und ein großer Satiriker. Gleichwohl hat er eine Reihe solider Krimis verfasst, bei denen Kommissar Bärlach für Aufklärung sorgt, daher sollte sein Ansinnen zum Scheitern Matthäis zumindest nicht in Vergessenheit geraten.
Der eigentlich triviale Hinweis auf die Aufklärungsquote ist allerdings ein interessantes Argument, das Dürrenmatt auch nicht hätte entkräften können...
Zitat von Gubanov im Beitrag #18
... Das Gritli Moser wird davon nicht wieder lebendig, ...

Den Schmerzensschrei des Vaters nach Überbringung der Nachricht werde ich nie vergessen. das vermittelt die 58er-Version am besten.
Und, ja, den Hinweis auf die Opfer und die Botschaft zur Fürsorge finden wir ja schon in Fritz Langs 'M', wo am Ende eine trauernde Mutter feststellt: "Man muss eben doch besser auf die Kinder achtgeben!"

Aber all das stellt für mich keinen Widerspruch dar, denn mit diesen Themen befasst sich der aufmerksame Zuschauer oder Leser des bewegenden Stoffes ohnehin.

greaves Offline




Beiträge: 546

02.05.2020 10:37
#20 RE: Es geschah am helllichten Tag (1958) Zitat · Antworten

@Markus
Ich dachte da mehr an Fotos für die Galerie.

Dr. Oberzohn Offline



Beiträge: 330

02.05.2020 20:09
#21 RE: Es geschah am helllichten Tag (1958) Zitat · Antworten

Schön, dass der Film hier auch mal besprochen wird. Der hat schon eine Generation vor mir kleine Kinder von der Wichtigkeit überzeugen können, nicht mit fremden Onkels mitzugehen. Das ist jetzt wirklich ernst gemeint, kannten meine Eltern schon, und als ich den das erste Mal im Kindesalter gesehen hab, gab es gerade so einen unschönen Fall in der Nachbarschaft. Da hat man uns den Film noch empfohlen zu gucken, so quasi als Lehrmaterial, obwohl er ja eigentlich im bösen Westfernsehen kam...
Für mich wirklich ein perfektes Beispiel für kontinuierlichen Spannungsaufbau, ohne dass ständig Blut spritzen muss und die Leichen durch die Gegend fallen. Die musikalische Untermalung ist genial, die ständig gesteigerte Bedrohung fühlbar. Heinz Rühmann zeigt, dass er mehr kann als immer nur der schelmisch grinsende Saubermann sein, sein Part ist zumindest in Anklängen etwas zwiespältiger als sonst. Und Gert Fröbe als Kindermörder Schrott - wirklich eine in seiner Glaubwürdigkeit gruselige Figur. Dankenswerterweise beschränkt sich der Film darauf, für den Täter und seine Handlungen eine Erklärung zu liefern, aber keine Entschuldigung. Er ist und bleibt der sprichwörtlich böse schwarze Mann aus dem Wald (geradezu ein Archetypus), ein großer und körperlich stattlicher Mann, der seine seelische Unterentwickeltheit an wehrlosen kleinen Kindern auslebt, weil er sich nicht traut, seiner tyrannischen Ehefrau entgegenzutreten. Kommissar Matthäi sieht in ihm nur den Verbrecher und nicht den Kranken. Doch auch er ist in seiner Besessenheit, den Serienmörder zu stellen, kein Beispiel für überlegene Moral, setzt er doch das Leben der kleinen Annemarie aufs Spiel. Hier ist allerdings schon ein großer Unterschied zum Buch feststellbar, Rühmanns Darstellung des passionierten Polizisten ist doch sehr menschlich, während der Roman-Kriminalist eigentlich keine sichtbaren Gefühle zeigt. Im Prinzip sollte er ja nach Jordanien weggelobt werden, weil er mit seiner humorlosen unverbindlichen Art mit seinen Kollegen nicht zurecht kam. Man kann schon davon ausgehen, dass er der Mutter des ermordeten Mädchens am Anfang sein Versprechen schon aus menschlicher Anteilnahme gab, doch Matthäi war auch ein Workoholic, der unbedingt sein Ziel erreichen wollte, um der Sache selbst willen.
Und was das Ende angeht, ja , da gibt es das Happyend im Film, das man sich so auch gar nicht anders wünscht. Ist irgendwie verdient.
Dass das Buch einen entgegengesetzten Schluss bietet, ist halt eine Variante, die durchaus auch ihren Reiz hat, obwohl sie natürlich viel tragischer ist. Dürrenmatt ging es einfach darum, den Zufall, der vielen (literarischen) Detektiven am Ende hilft, in sein Gegenteil zu verkehren. So erleidet der Täter ausgerechnet am Tag, als Matthäis sorgfältig aufgebaute Falle zuschnappen soll, einen tödlichen Unfall. Der Köder Annemarie endet irgendwann im Erziehungsheim, Matthäi als Alkoholiker. Die ganze Sache klärt sich erst viel später zufällig auf.
Die Moral von der Geschicht kann sich jeder selbst zusammenfabulieren, wenn er will.

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